Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der Sekunda,

das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer das Wehgebrüll

des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor Hähnle aber wies

die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit Verachtung zurück und

eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle verfolgt, ins Freie.

Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente mit,

etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel.

An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda eine ungewohnte

Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, und Doktor Hähnle

konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, daß er fünf

Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren konnte. Da mit einemmal erhob

sich in den fernsten Winkeln des Saales ein sanft anschwellender

Triller, der unter der atemlosen Stille der Versammlung in ein Motiv

aus Flotows Martha überging und plötzlich mit einem grellen Mißton

abbrach.

Donnernder, rasender Applaus.

Doktor Hähnle stand wie versteinert.

Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte in

melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel,

die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas neckischer

nuanciert, wiederholte.

Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im Gesicht. Mit der

geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.

»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable Mensch, der

das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich will ihm dann

zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«

Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie +ein+ Mann.

Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo auf sich warten;

dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit dem verführerisch

lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha folgte in tadelloser

Reinheit.

»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen Jauchzen der

Schülerschaft. -- »Jetzt soll der miserable Mensch seine Frechheit

+noch einmal+ wagen!«

Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen Zornes

mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom Katheder herab,

um von der Seite her in die Reihen der Schüler zu blicken. Indes schon

Uhland singt:

Nicht an wen'ge stolze Namen

Ist die Liederkunst gebannt.

Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als zunächst

verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach vorn wandern,

und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...

aus der entgegengesetzten Richtung.

Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.

»Wo haben Sie's gehört?«

»Da hinten am Ofen.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Da vorn am Fenster.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Mir kam's vor, als sei's draußen.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Dort am Katheder.«

Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken belohnt.

Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt und die

widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging er ans Werk, die

einzelnen Schüler zu visitieren.

»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.

Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, wobei

dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare Töne

auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, Herr Doktor,

ich bin so kitzlich!

Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel war

längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam

gebracht.

So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, fünften

und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das mindeste zu

entdecken.

Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff sich

plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und befahl ihm,

schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt des gequälten

Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half ihm nur wenig. Der

Schüler, weit entfernt, der Aufforderung Hähnles so ohne weiteres Folge

zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, gab die musikalischen

Instrumente mit aller Vorsicht an den Vordermann ab und fragte dann mit

rührender Naivität:

»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«

»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine Umstände!

Kommen Sie augenblicklich heraus!«

»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann.

Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte mir

diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen bereit,

herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte Seite kommen,

Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«

Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, wie der

geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits entnommen haben

dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen Anstoß, bei denen dies

keiner vermutet hätte.

So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in der

rechten Seite geschröpft sei.

»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« rief er

mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«

»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.

»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!«

Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.

»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, »wenn ich

sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich geschröpft,

und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen haben.«

»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem werde

ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen.«

»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht einmal in

der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch neugierig, ob

der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«

»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen mir ein

ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder Sie gehen

auf den Karzer!«

»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches Zeugnis

bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«

»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«

»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite geschröpft ist,

vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte mal sehen, wenn Sie in

der rechten Seite geschröpft wären ...«

Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei Kleemüller die

Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle vorher bei den Schülern

der ersten Bank angewandt hatte, und mit demselben Erfolg. Da mit

einemmal erscholl die Klingel des Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut

und war froh, die Untersuchung und die Lehrstunde hinter sich zu haben.

Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, und so war

auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile erledigt.

Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit Doktor Hähnle

spielten die Unglücksfälle.

Ich erkläre mich deutlicher.

Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, hatte

sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, der

während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben würde,

eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in das Zimmer

gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, fiel er langwegs

zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher Auswahl mitgebrachten

Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend und mit dem Knüppel so auf

die Dielen donnernd, daß der Staub in gigantischen Wolken aufwirbelte.

Gleichzeitig mit diesen Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum

Himmel. Der leidende Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher

geheult und gewinselt haben wie der gefallene Kleemüller. Die

Töne aller Urwaldsbestien vermischten sich in dieser phonetischen

Kraftleistung, und die entzückte Sekunda brüllte den Chor.

Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder

erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in

wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete

die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit

der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die

vernichtenden Worte:

»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller erschien

mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben mit aller

Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie sich nun selbst

zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir Ihre fortgesetzten

Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? Nun machen Sie, daß

Sie auf Ihren Platz kommen!«

»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch noch per Zufall

einmal hinfallen können!«

»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und Kleemüller

setzte sich langsam auf seinen Platz.

Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an wochenlang mit

dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.

Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war das

unerwartete Erscheinen einer Wespe.

Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte Kollegen

gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim Anblick

einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl übermannt,

improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man warf Rosts

deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, ohne sich

darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in der Nähe des

Katheders niederfiel ... Man operierte mit Kappen und Taschentüchern

und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach dem Hut des Lehrers,

ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers zu beachten. Solche

Jagden nahmen in der Regel eine volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn

sie zu Ende waren, machte Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß

er sich, wie bei dem »Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer

wandte und im Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe

sei während der Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von

verschiedenen Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen

verfolgt worden.

Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung

Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem Leben Doktor

Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine Wege und was sein

Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses Institutes, ohne daß es uns

jemals klar geworden wäre, was seine Eintragungen füglich bezweckten.

Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, da Doktor

Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine kritische Note

einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse in die

Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den unglücklichen

Schulmann nicht wenig erschreckte.

Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.

»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung,

»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in der Nähe des

Katheders nieder und zerplatzte.‹«

In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende Explosion

aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung seines

Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu verleihen:

»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders nieder und

zerplatzte.«

Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die ein

sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein wieherndes

Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit des Urteils

hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen seiner

eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen Respekt im Busen der

Schuljugend neu zu beleben.

Was war die Folge dieses »Abermals«?

Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch

gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim

gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl,

daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu

beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle

seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal ...«, -- hatte

sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten

Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte

Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer

zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen

Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen

krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ,

als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott

helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt,

wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten

Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid.

Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale

Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte

nach Sexta.

Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser

Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn

mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob

die Faust und schrie mit geller Stimme:

»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint

Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«

Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte Apostrophe.

Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und

seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes

nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer

energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor

der Brust.

»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt

zum Herrn Direktor.«

Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber

warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte

dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.

Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe.

Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach.

Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat

verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die

Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer

exemplarischen Ahndung erhalten.

Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten

acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung

gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang

blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die

Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur

Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius

gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das

Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln.

Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden

mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen:

aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den

Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler

wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt --

ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue

Richtung gab.

Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir

zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert

habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist

ein »reumütiges« Geständnis ab.

Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll.

Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu

Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine

anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben,

daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern

zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln

jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage

nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor

durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei,

durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche

Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der

Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden.

Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche

Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden

relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und

Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen«

entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen

Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner

langjährigen Dienste pensioniert worden sei.

Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften

Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger

Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler

~a priori~ ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in

einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein

Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie

gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er

sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward

gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede Regierung, der die

Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt.

In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz

abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle

befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor

Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht

unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute.

Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen

Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der »~rector gymnasii

illustrissimus, justissimus, dilectissimus~«, wie er in solchen Hymnen

gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem

»~Valde placet~« am Rande der Arbeit belohnte.

Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt

nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner

müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze

sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des

Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der

Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war

bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen

Wahlspruches: ~Aurora musis amica~.

Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner

Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben

den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die

Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem

Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen,

das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber

klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir

diese Gefühle im Busen zeitigt.

Es war doch eine peinliche Situation ...! Man lag, von den köstlichen

Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf

der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin,

die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die

Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter

des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde

Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen

Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte

der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man

sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang

des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte

uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich

zusammenschauerte.

Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der

Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man

die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen

noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen.

Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um

schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der

Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war

und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der

irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen

Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit

hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter

sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen.

Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der

entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt

sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer

Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach

Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie

ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte

man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden

aufzusparen.

So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene

Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man

denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät.

Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem

immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern,

die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung

den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen«

notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert

worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten

des Primaners nachzudenken habe.

Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt

wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität

einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte

ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen

ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.

Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst

das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit

vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe

der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet,

daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein

»Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und

Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares

als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle

einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um

so dem ~dulce~ doch wenigstens einen Gran von ~utile~ beizumischen.

Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser

Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes

nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter

meiner Adresse.

Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen

ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten.

Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das

Zuspätkommen:

»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«

»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«

»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«

»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«

~NB.~ Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem

Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:

»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu

kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«

Gesammelte Schulhumoresken · 第 6 / 18 段