Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von

innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht,

daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -- oder wenn ich sein

Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit,

der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren.

Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als

ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische

Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn

Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und

mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den

wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte.

»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht

so grausam sein, Dich zu massakrieren.«

Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich

hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch

nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als

in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.

Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in

erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das

Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der

Professor mich auffordert:

»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas

nach Beendigung der Völkerwanderung.«

Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die

Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es

damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich

über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche

ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in

der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen

Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht

verfangen.

»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal

Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen

Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!«

Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich

auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des

Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch

verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar

kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben,

während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor

der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich

nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern

zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann

eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe

auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir

verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung

»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan.

Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich,

ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien

der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr

Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer

einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt

werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht

in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für

Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit

nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen

auf einmal, -- eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre

unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte

Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der

gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal

mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter,

die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen

unterschlagener Bußestunden.

So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung

darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles

gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der

Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen

Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl

Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der

beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem

Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.

Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck

der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der

Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder

im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die

Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte

Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin

ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm

einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst

ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu

singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren

Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums

entkleidet -- und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem

geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.

Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein

frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein

Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, -- ohne Besorgnis vor

dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die

Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe

empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im

Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause

brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und

guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern

zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete

während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das

tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre

an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft

empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre

meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche

Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines

Angesichts zu verdienen.

Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.

Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das

unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen

erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein

Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort

erstarb mir auf den Lippen.

Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am

Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren

und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort

erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt,

daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der

Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, -- und ich ließ

den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen.

Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine

ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit

dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens

schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu

sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler.

Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein

Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich

lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich

ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer

erworben hatte.

Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs

legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner

Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen

Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der

beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur

redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem

Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie

eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich

ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut

sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der

Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer

fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten.

Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler

in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: ~annum

perdidi~! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche

Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im ~Extrait

double de violette~ existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer

modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats

einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit«

ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien

zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern

sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen

Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die

süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.

Allerlei Unarten.

So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen

zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und

Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein

neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit

Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem

entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm

hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner

späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und

wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen

Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.

Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den

der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen

hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein

nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten

Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach

der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen,

so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres

Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer

hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr

treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre

die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der

Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich

länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist

ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, -- und daher in einem

gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst

eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon

außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die

Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der

Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins

erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die

Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das

sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder

neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen,

wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns

nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit

bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch

hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und

frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst

gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen

haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel

die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, -- zu einer Zeit

also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger

Zuverlässigkeit aufzuspeichern.

Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige

begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, -- daher ihr Zauber

denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise

gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere

mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und

liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche,

die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher

Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob

ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche

Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an

Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken,

daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen,

und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder.

In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten

durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem

»Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der

Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer.

Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die

eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges

oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen

Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines

öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung

von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein

eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine

graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung

des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die

Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder

doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde.

Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den

arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt,

ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört,

als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der

verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert

Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der

Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das

Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der

seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt

dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in

einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen:

ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei

hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser

humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene

Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen

Nicht-Gymnasiasten.

Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so

harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich

durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn

ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales

durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen

Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts

ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler,

die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens

unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte

von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen

bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte

Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein

Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem

Nachbar Stipelius ~sotto voce~ anfragt, wieviel Uhr es sei. ~Proh

pudor!~ Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn

Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald

Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du

die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest,

und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine

liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht,

ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen

zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die ~noms de guerre~, mit denen

Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.

Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert,

daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und

ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich

während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so

seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur

ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein

Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab,

so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße

gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht

gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen

Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im

Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme,

wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend,

irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei

Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen

philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach

dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine

Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder

»Ich glaube, es zieht da hinten«.

Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals

zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier

gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte,

von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft

seine Karten etwas tiefer zu halten.

Dieser erfahrene Stoiker -- ich meine den Professor -- war überhaupt in

vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende Vorfall erscheint in

diesem Sinne charakteristisch:

Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte

eine höchst ungenügende Leistung.

»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die

Brille schielend.

»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit

einer gewissen Frische.

»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins

Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«

Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund

Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.

»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor

wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«

»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf,

die Blicke zu Boden senkend.

»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei

Tagen Karzer bestraft.‹«

Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber

fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß

sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach.

Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers

bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil

erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen

und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein

Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist.

Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und

klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand;

und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines

Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll,

daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein

solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt

einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die

Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen

Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, -- mit derselben mathematischen

Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter

seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt,

da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen

Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken

zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von

dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.

Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden

Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand

am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in

grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten

Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose

Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich

unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah

dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.

Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener

zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte

Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen

Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen

der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.

Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit

einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also

gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen

Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in

Depositum zu geben.

Nun begann die Komödie.

»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«

»Gehen Sie!«

Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von

einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch

ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde

führend, verschwand er im Korridor.

»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«

»Gehen Sie!«

Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung des

entblößten Kernes.

Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. Zwölf

bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, »hinausgehen« zu

dürfen.

Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die Stunde.

Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm bereitet hatte,

und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten des Festgeschenkes

vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.

»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde.

»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.

»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«

Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn Stielen,

an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, um es dem

verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.

Gesammelte Schulhumoresken · 第 5 / 18 段