mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable
Kleemüller gewese!«
Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.
»Ich bin's nicht gewesen!«
»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«
»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.
»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«
»Weshalb?«
»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die
Tawel nun fest? ~Allez! vite! vite! vite!~«
Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.
»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich
abkürze. Wisse Sie davon nix?«
»Nein.«
»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se,
was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf
Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«
Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe
der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er:
Gewitter.
Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den
alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld
unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er
fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in
freudigster Klangfarbe:
»Aufgepaßt!«
Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine
wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend
erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen
Ausrufen:
»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr'
ich hinein!«
Oder:
»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit
offene Auge!«
Oder:
»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer
riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«
Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser.
Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war
jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste Mensch unter der Sonne.
Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte
die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann
murmelte er halblaut:
»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«
Oder:
»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die
Quetsche gegesse.«
Endlich erscholl die Pedellglocke.
War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse
ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen
Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das
schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den
zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus.
»Da, Knebel, lese Sie's vor! ~Allez! vite! vite!~«
Und Knebel begann zu lesen:
»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden
helfen! ...«
Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und
auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens
achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen
flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu.
»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. »~Festina
lente~, sagt der Lateiner!«
Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.
Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.
»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie
wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht
hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«
»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der
Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es
übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«
»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich
gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke
wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß
die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«
»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen
lassen?«
»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«
Er räusperte sich.
»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein
gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.«
»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«
Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur
Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit
seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen,
wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe
auf der Welt. -- Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!«
Erinnerungsbilder.
Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern gießt, wird
mir durch eine unauslöschliche Erinnerung zu einem wahren Rausch der
Wonne gesteigert. Ich denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich
neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende Schauspiel
durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen Schulfensters
beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten Stunden
des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger und höchst gelehrter
Männer zu verbringen. Aus den benachbarten Gärten klang das Konzert
der Vögel herüber in die dumpfigen Schulräume, aber die ernsten Männer
mit den großen Rundbrillen hatten kein Ohr für diesen melodischen
Zauber: sie redeten von Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen,
Schreibfehlern und Anachronismen, -- ebenso wirr und zusammenhanglos,
wie ich diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen
Tätigkeit hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von
den grünen Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem
herumschlagen, was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein
Chorgesang des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei es,
daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß eine Frage
aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen
Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte hinaus
sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die so
wonniglich im linden Westwinde rauschten.
Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe Stunde vom
Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt nach dem großen
Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein beredteres Denkmal ihrer
Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie einen Bierkeller -- das
Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft besitzt -- nach seinem
Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen Primaner mehr als
einmal »eine Orgie gefeiert«, -- wie der Direktor sich ausdrückte, wenn
er unsere Zechgelage entdeckte und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe
belegte. Auch war die Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche
Insassen der Stadt, die sich einer zahlreichen Familie erfreuten;
denn es war nirgends so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz
abgesehen davon, daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht
wurde. Zu den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde,
schlanke, blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe
hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima
zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor ...
Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit dem
braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen Ferne
herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, beglückender
Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer lauter zu seufzen und
immer schwerer den Zwang zu empfinden, der mich an diese harten
Subsellien fesselte ...
Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des Direktors oder
eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, daß ich noch
Sklave war und nicht das Recht hatte, meine Phantasien während der
hochwichtigen Erklärung eines griechischen Tragikers über Berg und Tal
wandern zu lassen.
»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von den Lippen
des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, der
später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf das denkwürdige
Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die Worte trafen mich
stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich war in der Tat
durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend über mich
ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den Wink des Autokraten als
»onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.
Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die Hand
genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch geführt über
jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz glaubte durch diese
Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu beflügeln; aber es war
unglaublich, wie bleischwer trotz aller Machinationen die Augenblicke
dahinzogen. Ein Triumphgeschrei klang durch die Seele, wenn man mit
großen lateinischen Lettern »drei Viertel« notieren durfte. War man
von dem Aufzeichnen dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging
man sich wohl auch in Epigrammen, deren schweres, molossisches
Versmaß die Stimmung des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der
Kern ihrer Wehklagen ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's
denn heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war das
erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier Buchstaben,
zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, also auf vier
Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar Quaddler, unser ehrlicher
Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet hatte und zu früh
klingelte, -- wie jauchzten wir da empor beim Gedröhne seines heiseren
Metalls! War es doch das Signal der Freiheit, das er uns gab, und »die
Freiheit schmeckt süß«, selbst in Prima.
Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem Gymnasium
und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin unsittlicher
Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn er sich selber
des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde von dem Schluß
der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, so ist dies ein
individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild jener Zeit mit
unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich ein gewisses
Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags um zwei meine
Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke zu traben, die
mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.
Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten anders, als
in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann des Gymnasiallebens
anzugehören?
Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen Novellisten, eine
sehr bezeichnende Stelle.
»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter
menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das ist
ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage aus
einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit Titel, Rang
und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat Geld zu seiner
Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, und darf den Genuß
des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die Früchte am lockendsten aus
dem Laube leuchten. So griff ich das Leben an: ohne kopfhängerische,
einsiedlerhafte Neigung war ich ein vergnügter Student und wußte nur
vom Hörensagen, daß es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir
ein unbekanntes Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals
zurückkehrte. Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin
zu studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, die
mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns voraussetzten,
eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt lebte, freie
Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater -- für einen Studenten gibt
es keinen unerfüllten Wunsch.«
Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in den oben
stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter läßt man sich
die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert sich für Antigone,
obgleich der Umstand, daß man die Tragödie des unsterblichen Meisters
in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, sehr geeignet ist, dieser
Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt sich im lateinischen Stil, denn
man kann einmal Reichstagsabgeordneter werden und in die Lage kommen,
das »~timeo Danaos~« oder das »~nil humanibus arduum est~« zitieren zu
wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, denn
eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es nun,
daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den Gymnasiasten
von heutzutage die Regel ist, oder daß man als Hotelbesitzer lange
Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr einbringen als die
Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht im Winter, denn Schnee
und Regen sind keines Menschen Freund, und im Feld und auf der Heide
ist wenig zu suchen, wenn der Nord durch die kahlen Zweige der Buchen
fegt. Aber im Frühling, sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen,
ändert sich diese Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines
Doktor Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei,
und die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden
wissenschaftlichen Ernst zuschanden.
Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet habe und
jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße Gefühl des
Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten Würzen meines
Frühlingsgenusses.
Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten +rächt+ sich die
Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem ich
ihrer gedenke, -- und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern
kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der Gegenwart.
Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits vor acht Jahren
lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein ~vir perdoctus~, und trotz
des würdevollen Bartwuchses, den ich mir im Laufe der letzten zwei
Lustra anzueignen wußte, von meinen ehemaligen Schulkameraden umringt
in dem Saale der Prima, und vor mir steht die fragwürdige Gestalt des
Doktor Samuel Heinzerling oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das
Verhängnis drückt mir einen lateinischen Klassiker in die Hand und
verlangt von mir, ich solle ~exempli gratia~ das erste Kapitel der Rede
Ciceros ~pro Roscio Amerino~ ins Griechische übersetzen. Ich überfliege
den lateinischen Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß
mir für einige der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln
fehlen. Mein Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der
in den Tagen meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste
präpariert war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie
ich. Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den
Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des Todes,
wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber er rührt sich
nicht.
»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non bald
anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg vorbereitet.«
Ich lege die Hand aufs Herz.
»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie aufs
bestimmteste versichern ...«
Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, aber
Samuel Heinzerling unterbricht mich.
»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch weiß zor
Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen zo halten habe.
Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, oder gäben Sä zo, daß
Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«
Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:
»~Credo ego vos judices mirari~ ... Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες δικασταὶ,
θαυμάζειν ἐγῷμαι ...«
»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«
Da haben wir's! Das nächste Wort, ~summi~, ist zwar ein ganz
gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende
griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt
aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor Samuel
Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die fluchwürdigen
paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.
»~Summi~ ...,« sage ich, »ja, ~summi~, das heißt ... es kommt darauf
an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern ... ~summus~ kann
verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, ~summus mons~, so ist
das etwas anderes, als wenn wir sagen, ~summa cum laude~ ...«
»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä ~sommä~ mit dem änzägen
bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«
»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf die Stirne
tritt, »~summi~ ... ~Credo ego vos judices mirari, quid sit, quod cum
tot summi~ ...«
»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen mer nächt
recht zo wässen, was ~sommä~ auf Grächäsch heißt.«
»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort hier
figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung ...« (mit
gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, ~summi~, Himmelkreuzdonnerwetter,
lege mir doch Dein Heft hin!«
Mein Nachbar rührt sich nicht.
»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's Ähnen wohl
einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä ~sommä~ zu öbersätzen
haben oder nächt?«
»~Summi~ ... natürlich ... ich nehme das hier bildlich von den
geistigen Eigenschaften.«
Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der
rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note
»ongenögend« anzumalen.
Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn.
Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß
griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft
bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses ~summi~ auf die
angedeutete Weise zu übertragen.
»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in
schnarrendem Tone.
»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes,
»κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung
erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel
war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen
Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht
dringend genug empfehlen kann.«
»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie ~sommä~
auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch
ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch
daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo
wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das
ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got,
Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein,
Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong
ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer
bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«
Jetzt wird mir die Sache zu bunt.
»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen
schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir
Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht
das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis
jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie
das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer
Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.«
»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins
Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens ...‹«
Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und
schreite auf den Direktor los.
»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst
mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die
mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie
sich Ihren Cicero ~pro Roscio Amerino~ einpökeln und das ~summi~ und
alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust
haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau
Gemahlin!«
Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen
meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher
unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu.
»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den
Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er
hänaufgeföhrt.«
Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell,
der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im
Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die
Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir
derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim,
die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum
fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.
Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der
Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer
noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache
Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde,
eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir
der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken
sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie;
aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von
Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter
ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay«
zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich
meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten
Studentenliedes:
»Die Hussiten zogen vor Naumburg,
Über Jena und Camburg ...«
Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen
Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer
glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte
Aufgabe zu lösen.
Ich begann.
»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich
damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen
und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten,
demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte
der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch
des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen
Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen
und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser
Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt
wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die
Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu
dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst
die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher
in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen
Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten
eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst
nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig
stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist
noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei.
Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen
Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte
Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will
ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind,
die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man
nichts als Schwerter und Lanzen.«