eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe versah. Er ist indes
schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium in bester Form angestellt
und gibt in allen Klassen Glaubenslehre und Kirchengeschichte. Ich
unterlasse es, hier auf seine persönliche Beschreibung einzugehen, da
es mir doch nicht möglich wäre, seinen wohlwollenden Gesichtszügen und
dem sanften Behagen, das um seine schmalen, blutlosen Lippen spielt,
stilistisch gerecht zu werden.
Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich ihm durchaus
nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht es sich von
selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl aber verüble ich dem
Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner Frömmigkeit seit so und
so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets denselben Ausdruck verleiht
und so zum Beispiel an jedem Morgen, den Gott werden läßt, aus dem
Klassengebetbuch dasselbe Gebet abliest. Wir alle kennen es längst
auswendig: aber der Herr Pastor scheint nun einmal die Überzeugung zu
hegen, dieses Gebet sei besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es
beginnt mit den Worten:
»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
Deines Beistandes ...«
Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm die sehr
richtige Bemerkung:
»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm jeden Morgen
näher gebracht.«
Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor geglaubt
habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren Tatsache das
immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu können. Denn nur so
vermag ich mir zu erklären, wie er immer und immer wieder dieselben
Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, daß jedes unverkünstelte
Menschengehirn bei solchem Geklapper aus dem Leim gehen muß. Er scheint
eine ganz eigen organisierte Natur zu besitzen. Wir bekamen das
trostlose Gebet doch nur jeden Dienstag und Freitag zu hören: er aber
trug es seit Menschengedenken auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und
Sonnabends vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt
irgend geschadet hätte.
Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen guten
Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre und mich
überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung prinzipiell fern
halte -- mein Vater ist Freimaurer --, so erscheint es begreiflich,
daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität nahezu krank
wurde und eine wahre Wut gegen den wiederkäuenden Lehrer faßte.
Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger
durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde, ganz abgesehen
von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch einen reizvollen
Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast ihn stets
brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und »vollendete
das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist dem Schlußgebet
entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf mit anhören müssen.)
Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder, damit es dem
Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis fühlt, sich mit
Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen Ballade, schlich
ich mich eines Morgens in aller Frühe -- ich war eigens eine halbe
Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um der erste zu sein --
zum Katheder, öffnete das Buch mit dem schwarzen, unheimlichen Einband,
der so oft in den Händen meines Peinigers geruht hatte, und suchte mit
fiebernder Hast nach dem verhängnisvollen Kapitel.
»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand
meines Hasses entdeckt hatte, -- »da steht es:
›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
Deines Beistandes ...‹
Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß ich die
beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet
stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische
Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach
dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete.
In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu haben, setzte
ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte wuchtigen
Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er setzte sich auf
den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte dann sein Gesicht
in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit Schrecken an ihm
bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion; eine halbe Minute später
ging's los: »So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines
Thrones, o Allmächtiger ...«
Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten Blick
gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig von ihren
Plätzen auf und falteten schweigend die Hände.
Lautlose Stille.
Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die Lippen.
Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet heute nicht auf den
ersten Griff zu finden.
Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und blätterte
abermals.
Es war ganz unbegreiflich!
Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen, ob es
noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit dessen
Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones getreten war.
In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert.
Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend, im
Register.
Richtig, da stand es, Seite 50!
Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da! der schöne
Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal zuschanden! ...
Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein Licht auf. Er stieß einen
unartikulierten Ton der Entrüstung aus und sagte dann mit einer Stimme,
die an die Posaune des Jüngsten Gerichts gemahnte:
»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen, auf denen
unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen, wer sich diesen
sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den Betreffenden dem
Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist es doch, daß so etwas
in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten vorkommen kann! Pfui!«
Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter
auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es.
»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick auf mein
unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in dieser Stimmung
nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.«
»Aber Herr Pastor« ... sagte ich demütig.
»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn Sie bei
einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das tief blicken.«
Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der Tür, um
zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede hielt. Hierauf
öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes Kapitel vor, das
halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«, und schon um seiner
Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand.
»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und gleich
darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt wieder
hereinholen.«
War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das Gerücht von
dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch
alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute, waren die »Stufen des
Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern entfernt! So ging dem Herrn Pastor
denn ein für allemal die Möglichkeit verloren, seiner langjährigen
Leidenschaft fürder zu frönen!
Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch ohne
Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe so
gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide einen
unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn Pastor
ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester, ~c'est
moi qui l'ai fait~! Und wissen Sie, warum ich's getan habe? Weil es ein
Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern
wie die Heiden, die da meinen, sie würden erhöret, wenn sie viele
Worte machen! Weil ferner sich der Betende in sein stilles Kämmerlein
einschließen soll! Und weil schließlich geschrieben steht, daß der
Buchstabe tot macht, um wieviel mehr ein ellenlanges Geleier, das aus
mehreren tausend Buchstaben besteht!«
Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors bin, so
will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines Freundes
Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie hat mich
königlich amüsiert.
Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder zehn
Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor jedesmal
morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung auf den
Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser Beziehung der
Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch als humoristisch
zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt in das Lehrzimmer
folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung auf der Platte seines
Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb zerbrochene Blumenscherbe,
mit zwei alten Schreibärmeln behangen, wie eine Totenurne; oben
darauf eine Schneelawine (es war damals noch Winter und hatte tüchtig
geschneit), recht fest geknetet und von der Form eines menschlichen
Kopfes. Die Augen hatten wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt;
desgleichen die Nase; den Mund stellte ein hereingedrücktes
Bleistiftchen dar. Unser Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze
hergeben müssen, auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene.
Rechts und links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener
Chausseesteine und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem
Hausknecht im »Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken
unseres künstlichen Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen
Kartoffeln, Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt
ausgefüllt, daß man eine Barrikade ~en miniature~ vor sich zu sehen
glaubte, wie denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät.
Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem
Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und legte
dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem einzigen,
gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir jedesmal Angst
hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht, möge durch den
Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden.
Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und die
Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus dem
Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in Sicherheit zu
bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet wurden.
Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das Prinzip des
unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine Lippen: er strafte
uns mit stiller Verachtung.
Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir ihm einen
alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt, dessen
Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten,
daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes möglich war,
ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese Tortur mit einer
bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten hindurch; dann sagte er
dem Katheder Valet und tat, als ob er nur zur Abwechslung einmal
einen anderen Standpunkt einnehme, während er bisher niemals seinen
gewöhnlichen Platz hinter dem Pult verlassen hatte.
Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld. Boxer
hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde, einen großen Eimer
voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall eine wahre Sündflut
herbeigeführt haben würde.
Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden Blicken,
blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter, schritt zornig
im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von neuem und sagte endlich
mit Donnerstimme:
»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!«
Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen Mannes, der
sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu suchen hatte.
Boxer erhob sich.
»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?«
»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir das Ding
da fort!«
»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer, »mit
Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein ...«
»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm
ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete.
»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen. Aber ich will
mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen, ob ich Ihnen die
Eimer ausleeren muß.«
Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt langsam
und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff er das in diesen
Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte es so einzurichten, daß er
beim Herabtreten vom Katheder stolperte und langwegs ins Zimmer fiel.
Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas. Ich
versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen schön
geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel des Saales.
Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß einige von uns
riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer nicht aushalten,
sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell so unsinnig
aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier oder fünf wurden
in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der Herr Pastor zu Boxer
und sagte:
»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich, was in
diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf die Kathederplatte
gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!«
Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte in
vorwurfsvollem Tone:
»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder legt,
dann bin ich dafür verantwortlich?«
»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den Katheder
gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem Boxer verbitten.«
»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer.
»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe, dabei bleibt es!
Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier aufwischt!«
Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade für den
folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht! Wir wollten
dem Herrn Pastor nämlich +zwei+ Eimer auf den Katheder stellen, und
Schwarz hatte zu diesem Behufe bereits seiner Tante, bei der er zur
Miete wohnte, einen gestohlen. Und nun sollte unser guter Freund Boxer
für alle diese Streiche verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer
mehrtägigen Karzerstrafe belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß
wir unser reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir
Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des Karzers zu
beziehen.
Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!«
Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet.
Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine kleine Arbeit,
denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil der Pedell sonst Lunte
gemerkt hätte. Einer von uns stand Wache, um das Herannahen des Herrn
Pastors rechtzeitig anzukündigen.
»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners.
Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken Stoß
Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich auf dem
Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen.
Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar hinter ihm
her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund Boxer, die
Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft anstarrend, wie der
Herr Pastor.
-- »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann.
»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich heute
verspätet habe.«
Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache
gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer getreten war,
konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen.
»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte Boxer
triumphierend.
»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.«
Der Pedell erschien.
»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen Sie
einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab dafür
verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen.
Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser geschöpft
werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten. Wozu sind Sie
verheiratet?«
»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster Verwirrung,
»aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich anzukleiden, und da
mußte ich Kaffee brennen.«
»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen Sie vorher Ihren
Pedellpflichten nach! Was ist das für eine Art! Die Eimer da können
doch nur von Ihnen herrühren! Warum geben Sie nicht besser auf Ihre
Küchengerätschaften acht?«
Quaddler näherte sich dem Katheder.
»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings sozusagen
zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst ein
Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und wenn die Herren
Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen da mitbringen ...«
»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich
hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben auch
nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch, daß die wahren
Besitzer sich melden werden.«
Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen des
Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er glaubte, über
fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu dürfen. Die Tante meines
Freundes Schwarz machte bei der Polizei die Anzeige, es sei ihr am
Nachmittage des Dreizehnten ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden
stellten umfassende Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen
auf das Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen.
Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn Jahre
alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. ~Fortes fortuna juvat.~
Doktor Veit.
Eine Porträt-Skizze.
Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den Unterricht
des originellen Mathematiklehrers Doktor Veit, der uns von Quarta bis
Obersekunda den Pfad zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich
mit dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht
konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten Winkel
dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich fühlenden
Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte Widerlegung
dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen Erscheinung
erinnerte an die Schablone. Seine innere und äußere Physiognomie
entfernte sich himmelweit von jenen typischen Schreckbildern, die alles
auf Gleichungen zurückführen, die selbst in der Liebe von positiven und
negativen Größen phantasieren und die Erkorene mit dem Parallelogramm
der Kräfte an die hochklopfende Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr
ein erquickliches Original, in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet,
aber nirgends geometrisch korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte
durchaus nicht der Ton der reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an
subjektiven Streiflichtern, an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen
Zwischenfällen ...
Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen Umfange seiner
Vorzüge schätzen.
Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der bestandenen
Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der Tür eine
mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den Hut ein
wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln. Rasch warf er
die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang und schritt beweglich
nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer Würde zu haschen, ohne in
professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, ohne an der Brille
zu rücken. Mit prüfendem Blick musterte er die lebhaft plaudernde
Versammlung und nahm dann halb wie im Traum den Schwamm, der neben der
Kreide lag, um ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren
beschreibend, wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein
freundliches Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte
mit den Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor
sich hin ...
Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu besinnen,
weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die Fläche des
Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne zum Sturme führt,
rief er mit Donnerstimme:
»~Allez! vite! vite! vite!~ wacker! wacker! wacker! Boxer, komme Se mal
raus an die Tawel!«
Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu jeder
Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser
dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in
erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn der
Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der Mundart,
und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In grammatikalischer wie
in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem Volke. So ergoß sich
ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, gediegenen Menschentums über
die exklusive Klassizität unseres Gymnasialkatheders.
Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom Katheder auf
den Holzzapfen der Staffelei ruhte ...
»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor Veit
kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! ~Allez! vite! vite!~
Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«
Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der Klasse die
Auflösung.
»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit mit der
naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das verstande?«
»Jawohl, Herr Professor.«
»So rekapituliere Sie's!«
Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes Boxer
nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.
»Ui! ui, ui! ...« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne auch Ihr
Lebdag nix, Möricke! -- Boxer, erkläre Sie's noch emal!«
Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich zum Schlusse.
»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler halb so viel
wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel wie der Möricke.«
»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die Tafel
blinkt so, und da hatte ich das ~x~ für ein ~a~ gehalten!«
»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«
»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«
»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und der Möricke was
sieht!«
Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler sprangen auf,
um die Tafel zurecht zu rücken.
»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.
Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu
schieben.
»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.
»~Allez! vite! vite!~« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld,
sagt der Engländer!«
Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins
Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die
Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen.
Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein
violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt,
rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.
»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm
zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch
habt!«
»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.
»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre
Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und
das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die
Köpp'!«
Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren
Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.
Doktor Veit verließ den Katheder.