mit halblauter Stimme:
»O lieber Gott, in jedem Jahr
Ein frisch besohltes Zwillingspaar ...«
»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie auf Ihren Platz
zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.
Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen und
steckte sie in die Brusttasche.
»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so wird es
mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich gehe einfach
bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige mich, in welcher
Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist das einfachste und
sicherste Mittel.«
»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. »Wollen
Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese Sudeleien
womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«
Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem berühmten
Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.
»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit!
Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls ich Ihnen
den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen Sie mir die Mittel
zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die gewünschte Entdeckung
zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden entschuldigen, wenn ich mich
damit nicht beruhigen kann. Ganz ergebenst bitte ich um die Erlaubnis,
sofort zum Herrn Direktor gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze
Angelegenheit vortragen und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der
Herr Direktor mag dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich
bin, wenn andere etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich
niemals gehört, daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«
Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse verrannt
hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte, daß der
Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner zu Gesicht
bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle Folge einer solchen
Wendung der Dinge wirklich für Boxer und Genossen verhängnisvoll
ward? Privatim hätte der Direktor sich doch köstlich amüsiert und
nicht verfehlt, im Klub und auf den öffentlichen Bierkellern, die
er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis zum besten zu geben,
ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem Direktor gegenüber selbst
unter vier Augen nicht kompromittieren wollte. Der Zwist wurde also
beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem vollen Umfange anerkannt und von
einer weiteren Untersuchung Abstand genommen, weil, wie Doktor Brömmel
sich ausdrückte, die ganze Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein
Wort darüber zu verlieren.
»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder auf dem
Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich vernichten.
Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein ~testimonium
paupertatis~ aus, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Haben
Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen unlauteren
Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre Seelen hinein! Wenn
Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang moralisch zugrunde
gehen, -- denken Sie an mich! Ohne echten sittlichen Ernst ist eine
gedeihliche Entwickelung des Menschen nicht denkbar, und wenn Sie
noch so glänzende Fortschritte in den Wissenschaften machen, was ich
nicht gerade behaupten kann, so würden Sie doch niemals zu wahrhaften
Männern heranreifen, falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit
in dieser Klasse herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte.
Wahrlich, es ist weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben
des Lehrers vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend
sicher ist. Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen
Lebenswandel, dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider
schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil,
wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen haben,
gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf,
ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder,
daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich
keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation
an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich
und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen
Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer, an
Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige
bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das große
Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern Sie sich,
sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich, Ihr vortrefflicher
Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß Sie in dieser Weise seinem
Namen Unehre machen.«
Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten.
»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung, »das hat
mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft, so hat er erst
gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der Stolz der Familie.
Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in der Tat wüßte ich auch
nicht, inwiefern ich ihm die mindeste Unehre machte. Ich habe bis jetzt
noch immer die besten Aufsätze geschrieben, und meine Zensuren lauten,
bis aufs Betragen, stets günstig.«
»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über Sie denkt,
und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen Sohn bestellt
ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal gründlich die
Augen öffnen.«
Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang.
Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken sich
die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor Wonne und
Seligkeit.
»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß die Brömmelina
bald wieder Zwillinge bekommt!«
~Knebelii discipuli Threnodia.~
~Si omnes mundi homines,
Quae amant, iis non carerent,
Praeclara vitae esset spes,
Nam qui timores nos terrerent?~
~Perpetuo vellem bibere,
Sed saccus mi repletus raro!
O Deus, pater optume,
Quor fato utor tam amaro?~
~Quor gulam mi tam aridam,
Tam vini cupidam dedisti,
Si, quibus flammas opprimam,
Pecunias dare omisisti?~
~Ad ultimum me rediges:
Haud justum mi parasti sortem!
Mehercle! Quae mi cunque des, --
Aut dabis aes, aut dabis mortem!~
Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
Erstes Bruchstück.
... Am 24. Februar 18**
Womit soll ich zunächst anfangen? -- Es klingt eigentümlich, aber
es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat für mich etwas
Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen hocke ich oft stundenlang
und kaue an der Feder, ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen
soll. Gewöhnlich helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem
geeigneten Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke
schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise
anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend:
»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne Zweifel
dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung mir heute
von Amts wegen obliegt.«
Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen Nachweis
zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen Aussprüche
das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse des Lebens gleich
brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten Gewohnheit
auch heute nicht untreu werden und mein Tagebuch mit den herrlichen
Worten aus Schillers Glocke einleiten:
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß.
Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler,
der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann,
wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft
hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und die
Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun einen
Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast umkommt,
wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer, so ruft er mit
seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen Sie mal 's Fenster auf!«,
und Schwarz tut, wie geheißen. Bis zum 20. Februar ging die Sache auch
ihren stillen, friedlichen Gang. An diesem Tage aber gelangten die
~exercitia pro loco~ zur Verteilung, und Hutzler, der ein Feind aller
Zugluft ist, kam in die Nähe des Fensters zu sitzen ...
Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen und wollte
eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler sich von seinem
Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und frostschauernder
Stimme in die geflügelten Worte ausbrach:
»Herr Doktor, es zieht so!«
Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet,
es ziehe. Er sagt, das sei Einbildung, und wenn die Bewegung der
atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne kein Mensch
mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung oder die
Diphtheritis zu bekommen.
»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone. »Wie alt sind
Sie eigentlich?«
»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler mit Würde.
»Und demungeachtet zieht es Ihnen? -- Nun, dann ist es die höchste
Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen Sie sich,
das Fenster bleibt auf!«
Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und sagte mit
männlicher Festigkeit:
»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich der Zugluft
auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte um die Erlaubnis,
meinen Platz wechseln zu dürfen!«
»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen
Achselzucken. -- »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem Hutzler den
Platz!«
»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen und
neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch besser, wenn wir das
Fenster zumachten.«
»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!«
Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß.
»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte auch ich
hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht Senfpflaster
verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden, und bin immer
noch nicht damit zustande gekommen.«
»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben Sie, wo Sie
sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen Paletot umhängen.«
»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm, und dann
erkälte ich mich erst recht.«
»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.«
»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«, sagte
Hutzler gekränkt. -- »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen Kitzel
im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.«
Mit diesen Worten begann er zu hüsteln.
Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer unserer
gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel Heinzerling
ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch! Sä, schwächläch?
Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch onter der Sonne
wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch!« Es
handelt sich bei der ganzen Opposition Hutzlers lediglich um das, was
man eine parlamentarische Unterbrechung nennt. Er will in die Monotonie
der Lehrstunden eine gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus
diesem Gesichtspunkte wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten
Mitschüler begreiflich.
Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt trotzig
in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner planvoll
erwogenen Störung vor.
Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte
dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre. Fünf
Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter
angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den Unterricht
fortzusetzen.
Er hielt einen Augenblick inne.
»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend, während er das
Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß.
Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute nicht
begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes
zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen.
»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich.
Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein.
Hutzler erhob sich.
»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?«
»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so pöbelhafte
Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich verweigern
muß.«
Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er sofort
wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend, daß ich
jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen.
»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor Perner,
außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen jede
erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich meinesteils
dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche Komödien aufführt.«
»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde ich
doch wohl noch husten dürfen? ... Hätten Sie beizeiten das Fenster
geschlossen ...«
»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals
vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer an! Ich
bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!«
»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier so ziehen
würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren Kostüm erschienen.«
Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er ging, und
Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte ungefähr zehn
Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder in der Tür, und
mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben, dessen reizende,
überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte kleiden läßt.
Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein dumpfes Geheul,
wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die Weißen auszustoßen
pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren, Trappeln und Rütteln,
daß mir selbst, der ich doch an das Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören
und Sehen verging. Hanau und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung
unseren Tisch ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn
dann mit aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach
der Decke stieg.
Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse unseres
liebenswürdigen Kameraden Hutzler.
Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, +wie+ Hutzler im Schulzimmer
erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch hatte er sich
vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden. An den Füßen trug
er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters; zwei Müffe, die seinen
beiden Schwestern angehörten, dienten ihm als Pulswärmer, und um den
Hals trug er in unzähligen Windungen einen halbzölligen Hanfstrick, wie
ihn die Packer beim Aufwinden der Warenballen benutzen.
Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz gelassen
anschickte, seinen Platz einzunehmen.
»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken Sie etwa,
Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?«
»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig. »So viel
ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.«
»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort
entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem Karzer!«
»Welchen Unrates, Herr Professor?«
Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu und faßte ihn
an dem Strick, der um seinen Hals lag.
»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns allen die
Ohren gellten.
»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie noch ganz
ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden wollenen Halstücher
sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir das ihrige nicht hergeben.
Da meinte der Vater, so ein Strick sei auch nicht zu verachten, und es
käme ja nicht darauf an, wie es aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber
wenn Sie meinen, es wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder
abzulegen.«
Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem Halse
loszuwickeln.
In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius um Hutzlers
Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte den Professor
ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche hier Integrität
als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht, diejenigen Teile des
Doktor Perner namhaft zu machen, die von dem wuchtigen Strick Hutzlers
zunächst bedroht wurden.
»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das Ende des
Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie mir büßen!«
Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den Lippen
die Zunge sichtbar werden zu lassen.
»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach rechts und
links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke! Ich ersticke!«
Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann, ihn
vollends auszuwickeln.
»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit der rechten
Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich, und dann hinauf!
Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht wieder herunter!«
»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend etwas
wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?« sagte
Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall ausbrechend.
»Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer geheizt?«
»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor Perner.
»Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt wird. Und jetzt
bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige Verfassung. Diese
schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!«
»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine Mutter hält
so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern, wenn sie
erführe ...«
»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!«
Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit einemmal
stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht war geplatzt, und
eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer.
Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen, und
bald wirbelte es rings wie Schneeflocken.
Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung
wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult
umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte sich unter
die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte in elegischen
Ausrufen und Seufzern.
»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß ich das so
aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten, dann wären
sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es wieder, und die
Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor, erlauben Sie mir, nach
Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr unwohl!«
»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn.
Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte er
seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und schritt
majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch wie eine
Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten uns den Rest
der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern, die rings durch
das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen, wodurch ein
ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel Spaß machte.
Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben, es habe dem Hutzler
in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe mit einem Strick
um den Hals im Lehrzimmer erschienen und habe sich die frechsten
Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß mit dem Vermerk einer zweitägigen
Karzerstrafe. Hutzler war indes klug genug, die nächsten acht Tage
wegen Unwohlseins zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder,
und am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe
abgesessen habe.
»Ich?« sagte Hutzler erstaunt.
»Ja, Sie! Antworten Sie mir!«
»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!«
entgegnete Hutzler, tief beleidigt.
»So? Davon weiß ich kein Wort!«
»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken.
»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem Hintergrunde. »Am
vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun, für diesmal will ich es Ihnen
noch erlassen, aber in Zukunft geht es Ihnen schlecht, das gebe ich
Ihnen schriftlich!«
Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung unserer Lüge
stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das geratenste, mit
Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er geringschätzig:
»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt habe, so will
ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich Ihnen: kommt mir
wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es alle mit uns. Überhaupt
konstatiere ich seit einiger Zeit das Überhandnehmen eines Geistes,
der den Zwecken dieser Anstalt schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht
hier statt des wissenschaftlichen Ernstes eine läppische Puerilität,
die mich anwidert. Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich
meines Lebens gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn
ich mir jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie
sie Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate
es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen
sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren, daß
er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere Klasse ist
nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich, sondern vor
allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner werden sich bedanken,
ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen teilen zu sollen,
wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda sitzen. Was lachen Sie,
Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich gehen, ehe die verderblichen
Wege, auf denen Sie sich befinden, vollends zum Abgrund geführt haben.
Ein Mensch von Ihren Gaben! Es ist himmelschreiend!«
Hutzler erhob sich.
»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«, versetzte
er mit unerschütterlicher Ruhe.
»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause sind! Hier
ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am allerwenigsten
Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.«
Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo.
Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
Zweites Bruchstück.
Am 5. Mai 18**
... Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die mir
innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem
Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht
umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. Und eine
»Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, insofern sie
nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des Lektionsplanes,
sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht unseres
trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Einmal
hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich den Regungen des
Mitleids Audienz gebe, da er mir in der Religionsstunde schon dreimal
»wegen hartnäckigen Widersprechens« Ordnungsstrafen erteilte. Und dann
hätte ich Nerven besitzen müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit
jenes Strickes, den Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals
wickelte, wenn ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen
Gesinnung des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen
sollen.