Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer zwieschlächtigen Seele und
ihren innerpolitischen Fehden ist nicht die Stätte jener Freiheit, die
Dada vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland gedichtet, das
Slowaken und ähnliche Halbslawen unter sich teilen. Er hat Glasdome für
ein Europa bauen wollen, von dessen Rumpf köstliche Glieder
abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte und giftig
wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen Glasarchitektur der Alpen
verhallt ohnmächtig vor dem Empörergeschrei der von Kriegsknechtschaft
befreiten Völker. Wo wird Dada eine Nation finden, die seine magnetische
Erleuchtung und Erwärmung der Erdrinde zur Reife bringen würde! Wo soll
er Helfer werben, um den Plan der Ausgleichung der kosmischen Klimate
und der Vermondung des Erdkörpers zu verwirklichen.
Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes mußte er zurückweichen und zu
spät einsehen, daß für die Erhabenheit eines Gebäudes seine Höhenlage
unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes hätte dasselbe Blau des
Himmels gezeigt, wenn er auf einer geringen Anhöhe am Vierwaldstättersee
oder am Rhein bei Basel gebaut worden wäre. Das Parthenon brauchte
keinen alpinen Sockel, und für Paestum genügte das Mittelmeer. Nachdem
Dada den Bernina zerstört hat mit der Gedankenlosigkeit, die kein
Bewußtsein hat von dem innigen Zusammenhange des ganzen Naturlebens,
machte er es sich von neuem bequem auf einer Geröllhalde des
Steinreichs, inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubündens. Eine
Herde von Ziegen, Hammeln und Rindern, sowie allerlei nützliches
Kleinvieh und Hunde nennt er sein eigen, er hütet selbst seine Arche und
nährt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte und ein Felsenhaus aus
Geröllsteinen, für Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht
und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere führt er täglich das genüßlich
phallische Dasein eines »Ketzers von Soana«, das ein modischer Dichter
erotisch-geistlich seiner großstädtischen Lesewelt dargestellt hat.
Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen Leibes im saftigen
Würzgras der Alm. In den Alpenkräutern blüht der tiefäugige Enzian, und
starke Felsen über ihm halten dichte Kissen von Sonnenglut um die
regungslose Halde, auf der die Hammel fressen. Der istrische Apoll im
blauen Leinenkittel liegt träg auf dem Bauche und bestaunt seine eigenen
vom Sonnenlicht goldgefärbten Beine und Arme. Die Schwingung des tiefen
Tals ründet sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten
sattgefressenen Rinder, die nach ihm brüllen, um ihm die Lasten
anzukündigen, die sie im Leibe für ihn tragen. Dada liebt dankbar und
zärtlich seine ernährenden Freunde, und stärker als je von Italias und
Derobeas Gnaden hüllt seine Glieder schwelgerisch mästende Fülle in der
Sommerfrische Graubündens.
Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt als ein endloses
Schauspiel an seinem müßigen Gaffen vorbei: Sie fressen, darum müssen
sie sich regen, spielen, sich vertragen oder sich bekämpfen. Sie lagern
sich, flüchten, begatten sich, sind grausam und leidenschaftlich,
ungestüm und feurig boshaft. Dada liebt besonders das unverschämte Glück
und die sachliche Einfachheit der Begattung seiner Tiere. Er hört das
schwere Ruhegebrüll der Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und
das klare Bächlein lieben.
Dada spricht mit den Tieren, gemäß dem verschiedenen Charakter ihrer
Laute, und folgt mit seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven
Bewegungen, um die Rätsel ihrer Sprechzeichen und vielgestaltigen
Stimmen zu entziffern. Er hat einmal jeder großen Sprache des
europäischen Menschen wahlverwandt angehört, und er meidet fortan die
Menschenworte und was ihresgleichen, um in den Tierlauten gleichen Sinn
und Trieb zu erkennen, nur mütterlich traulicher und treuer. Dada lebt
entzückt in den hymnisch-orphischen Kräften der Tiere, in der
strahlenden Energie ihres natürlich Bösen, in der furchtbaren
Schöpferkraft, die frißt, tötet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren
Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen, die er mit denen des
antiken Menschen vergleicht. An kalten oder regnerischen Tagen schließt
er sich mit den Tieren in dem gemeinsamen großen Wohnraum des
Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden familienhafter
Hausgenossenschaft erzogenen Tiere sind Tag und Nacht sein Trost,
mitleidsvoll und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden, ihrem
Kranksein und Sterben.
Über die Laute der Felsen und Bäume und Erdtiere werfen Habicht, Geier,
Adler und Falke ihre Mordschreie empor in die Lüfte bis zum Bereich, wo
die tierischen Laute verlöschen vor dem freien Genius des Schweigens,
der im stillsten Glanze der feinsten Bindung ferner Erdkräfte schwebt.
Die magnetische Rinde hält wohltätig die Sonnenstrahlung in ihrem
Bereich gesammelt, hüllt sich mit ihr, und läßt sich durchdringen und
wärmen von ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das
Traulich-Wohlbewohnte zu begründen.
Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen gewartet. Das Tier, das
zärtlich geliebt wird, hat die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um
sich in der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen träumen gern von den
guten glücklichen Tieren und beschwören Gemse und Steinbock, Albatros
und Adler zu ihren Wächtern und Spähern. Vor der Frühe bedecken sie sich
mit Tau und sie fürchten die eisige Vernichtung und den Haß der
Menschheit. Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse, die
Tiere genannt werden, weil die Menschen ihren Haß auf sie abgeladen
haben.
Die Gipfel Graubündens nehmen die Formen riesig ruhender Tierhäupter an.
Übertierische Gestalten von Kranich, Hund und Widder stehen
hochaufgerichtet in die Felsen gemeißelt. Über den Felsen erheben sich
die Göttergestalten der großen Tierrassen, sitzend über dem Erdkreis
gegründet: Löwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere, das erzene
Geschmetter der Böcke, die Urstimmen aller Geschöpfe, die von den Seen
bis zu den Schneezinnen Graubündens schweifen, dichtet Dada, und bildet
in ihren Lauten die Veden und die ägyptischen Gebete, die Stier und
Widder als Götter anriefen. In die milden Hammellaute übersetzt Dada die
Brünste, Ängste, Untergänge der Tiere in Urwut und Urklang.