DER FIRNDOM.

Dada hat kein Vaterland.

Er meidet und fürchtet, das trunken und satt vom Blut ist: Patriotismus,

Nationalniedertracht, Irredenta, Pöbelwahn, Heroismus des stumpfen,

irrsinnigen Maschinentodes. Schutz und Höhe der Felsen, leichte stille

Lüfte und reines Blau der Idee Europa -- in ihrer Hut bildet sich das

Wunder der Freiheit.

Die Eisbärenflanken des Berninafirns erglühen im zartesten Gold- und

Weinrot, und zu seinen Füßen ruhen die Felsen in scharlachner Tiefe:

eisig rot, lila, blau. Auf diesen Alpenbergen will Dada die erste

Schöpfung eines erneuerten Europa der Arbeit und wiedergeborener Künste

errichten. Noch ruhen die Gletscher und Firne in mondlicher Sanftheit

der Hänge, in Stille von dünnster Klarheit, in der das Herz scharf

dröhnt, als höbe es sich selbst aus der Brust, um in ungeheurer Höhe zu

kreisen und sein Blut zu vergießen. Die Erdrinde erhebt die rauhste und

erhabenste Sprache zur Feier und zum Triumph der Menschheit. Dada sieht

beglückt seinen höchsten Traum.

Er erhält das Recht, auf dem Bernina einen Dom der Schönheit aus Glas zu

errichten zu Ehren der freien Demokratien Europas. Er wirbt eine

Arbeiterarmee an. Glasschmelzen und Schleifereien werden gegründet,

elektrische Motore arbeiten und treiben Bohrmaschinen, um die Fundamente

des Glasdoms in den Felsgrund zu senken. Gewaltige Stahlhämmer klopfen

und plätten die Felswände zu geschrägten kubischen oder dreieckigen

Flächen, die in kühnen Falzen und Winkeln aneinanderstoßen. Das ganze

Massiv bis zur Schneegrenze wird von Geröll gesäubert, und in einen

kolossalen, vielflächigen Kunstblock verwandelt, von dem jede Vegetation

entfernt bleibt. Unwegsame Schluchten werden flächig ausgemeißelt und

als Hohlwege bis zur Firngrenze ausgebaut. Drahtseilbahnen senden ihre

Förderwagen zum Firn hinauf. Das Gebirge dröhnt vom Lärm der

elektrischen Schleifarbeit, dem Hämmern der Arbeitermassen und den

Sprengungen mit Dynamit.

Noch ruhen die sanft gewölbten Hügel des ewigen Firns im makellosen

Urlicht und im nächtlichen Schmuck der schimmernden, augengroßen

Sterngehänge. Aber Dadas Heer dringt rastlos aufwärts, baut den

Firnschnee mit Hilfe der Förderwagen ab, überbrückt die schneetiefen

Klüfte mit Glasgewölben, bis der Gipfel in eisiger Herrlichkeit erreicht

ist. Das grüne Firneis wird in riesigen Blöcken abgelöst und talab

geseilt, und mit ihm werden unten die Dampfkessel gespeist. Die

Abplattung des gesamten Gipfels ist rasch im Gange und die Zerstörung

des alpinen Urriesen ist in wenigen Monaten geschehen. Eine ungeheure,

nackte Hochfläche bleibt als Grundlagerung des vormaligen Firns.

Nichts an dem nackten Riesenkegel soll unbewußt bleiben, das Ganze soll

in Form, Fläche und Farbe gegliedert werden. Dada klettert in jede

Felsritze, in die engen Betten schäumender Gebirgsbäche, die bald

versiegen müssen, da ihnen das mütterliche Firn fehlt. Er läßt all diese

kleinen Schönheitsfehler der Natur mit Glas überwölben und in den

Klüften sanft ansteigende, überwölbte Treppen anlegen, die wie Tunnels

elektrisch erleuchtet werden. Dada kämpft unter unerhörten

Schwierigkeiten vorwärts. Seine Leute stürzen in Abgründe oder gehen an

raschen Krankheiten zugrunde. Die Bergnebel verdunkeln tagelang jeden

Schritt seiner Maultiere und Arbeiter. Der Föhn, furchtbare Unwetter,

gegen die es auf den geplätteten Felswänden keinen Schutz gibt,

vernichten die Arbeiterhütten, Menschen und Werkzeuge. Der ganze Bernina

gleicht nur noch einer unermeßlichen Baustelle von Kriegsgewinnlern, ein

Kegel armseligen Graus inmitten der Eiswildnis.

Die erste farbige Platte von dauerhaftem, sturmhartem Glas wird

feierlich unter Dadas Händen an den Fels genietet. Überall wird der Berg

geplättet, poliert, gekantet, heroisiert, um schließlich ganz bekleidet

zu werden mit grünen, schwefelgelben, scharlachnen, azurnen und

irisierenden Glasplatten. Die Kunstnatur in Email geistert wunderlich

ins Gebirge.

Auf der platten Hochfläche läßt Dada einen Wald von riesigen, goldroten

Säulen errichten und ihre Spitzen durch Glasbögen zur Gestalt einer

kristallenen Rose verbinden. Das ist der Rosendom, von dem Dada geträumt

hat. Das ist die Krönung des ungeheuren Werkes, des unerbittlichen

Glasfirnes, der den Schweiß von Arbeiterheeren und das Vermögen Dadas

gekostet hat. Als der Dom in kindlichem Geglitzer und in der

Konfektarchitektur eines Ausstellungspalastes förmlich strahlt, ist Dada

ärmer als der bronzene Hammelhirt am Roseggletscher.

Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbögen des Rosendomes die große

weiße Glastafel aufgehängt zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die

künftige Brüderschaft freier Architekten Europas geprägt ist. Kein Gerät

befindet sich in der weiten Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht

dämmert sanft durch die Wände, und das Blau des Himmels dringt allein

durch die klaren Glasflächen im Zenith des Domes. In den Wänden sind die

Glaszeichnungen Dadas eingelassen, er, der sich selbst in diesem Dome

als Präsidenten der Menschheit bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen

kaukasischen Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum von Pyramiden,

Domen, Olympias und hängenden Gärten aus Glas, vom Schliff des

Matterhornes, des Monte Cristallo. Alle Bergwände sind geplättet, jede

Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur Terrasse ausgespreizt,

Klüfte, Schründe, Höhlen, Abgründe werden von Glasbögen mit Windharfen

überspannt, darauf der Föhn Urlaute spielt. Die Täler werden zu

geöffneten Enzian- oder Oleanderblüten oder gespaltenen Granatäpfeln aus

Glas. Die heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben mit

Rokokogärten aus Glas, die nachts von elektrischem Innenlicht zu

feenhaften Girlanden aufstrahlen.

Auf die Blöcke und Zacken uralter Wildgletscher sind Glasfelsendome

gebaut. Über die Seen des Engadins und des Kantons Luzern sind

Feststädte und Tempel auf Glassäulen bis zu den Berggipfeln erhöht, über

den Bodensee bis zum Säntis hängende Gärten und Festterrassen mit

türmenden Söllern und Sälen für Zusammenkünfte ganzer Städte und

Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalästen wird die Musik Mozarts von

verborgenen mechanischen Instrumenten jederzeit tönen: alles ist leicht,

spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu schweigen und das

Glas zu verehren.

Dada ruft die Architekten zu den Entzückungen des Glases und Europas

Arbeiterheere zu dem männlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung.

Gemeinsame Opfer, Qualen, Kämpfe, Arbeiten, gemeinsame Werke, Frucht,

Belohnung, Genuß in den Glasdomen der Alpen.

Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die Erdrinde erscheint, die

Südsee, das farbige aber dunkle Asien. Die Nächte dieser kosmischen

Meere sind durchglüht von riesigen Lingams oder Hörnern. Otaheiti,

Neuseeland, Guinea sind durch Glasbögen auf Feuertürmen im Meere

verbunden. Im Meere schweben Glastürme, denen Äroplane sich nähern.

Über den Erdball von Nord nach Süd sind gestaltete, farbige Weltnebel

gewölkt, um nächtlich diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von

Liebigs Fleischextrakt und Zuntz' Kaffee müde geworden sind.

Aufschießende Sternkristalle, rote Diskusse, grüne Saturne, gelbe

Oktoëder aus sphärischem Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und

dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem Fluge kubischer

Projektile, anderer, als die der Zerstörung! Sie streuen aus den Lüften

farbige Flugblätter zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen

Genusses im Park Europa.

Dada verheißt Wunder dem armen Menschenwurm des Erdsternes, ihm, der von

härtester Fabrikfron erschöpft ist und sich in Kriegen zerfleischt, die

seinen Fabriken entspringen. Der Präsident der Menschheit ist an den

Rand des schäumenden Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas zu erlösen.

Verarmt, unfähig, das Glaswerk fortzusetzen, ohnmächtig vor der

gepanzerten Gleichgültigkeit demokratischer Regierungen, die schließlich

nur der abgesonderten vaterländischen Selbstsucht zu leben verstehen.

Dada muß den Firndom dem Verfall überlassen. Langsam, aber unbezwinglich

ist die Rache des kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe

erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbäche sprengen die

Glastunnels, der Sturm bricht die Glasbögen, und die Glasplatten werden

vom Eis bedeckt und stürzen in die Tiefe ab.

Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und starren auf die unermeßliche

Narrheit aus finstrer Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen

Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen Dada mit Steinwürfen

von seinem Felsensitz wie einen räudigen Hund und zertrümmern seinen

Spiegel.

Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger · 第 21 / 25 题