DER SPIEGEL EUROPAS.

Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen, deren Strahlung die Meere

der Erde folgen. Ein Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und

überrollt den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewölbten Rücken.

Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint über dem Meer der

Völker: die Idee für die Omnes ruft die Seelen zur unlöslichen

Verschmelzung. Der verbindende sanfte Mond der Völker erscheint und

wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen. Mit seinem

allgegenwärtigen Licht umfaßt er die Landschaft der Kräfte und

Bezauberungen. Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die Idee nur

wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt diese Idee: der zornige rote

Christus betritt die Wolken zum Gerichte und stürzt die Gäste der Welt

in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht drückt sie ihre

leuchtende Spur in die Millionen Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich

die Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert und die

Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwört.

Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen Fronten empor, aus

Krampf und Leid von Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt von

Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel auf Deutschland und

Frankreich, und bedeckt die Götzenbilder der zerbrochenen Völker mit

seiner stillen, mächtigen Woge: den russischen Pantokrator, die

Kriegsgötter Germaniens und den Gladiatorenhelm Frankreichs. Vergeblich

haben die Götter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in die Finsternis

eingebaut: Die Idee des einen Hauptes, die Idee im mächtigen Schweigen,

in dem unauflöslichen Licht von Millionen Geistigen lebt fruchtbar und

wirkt.

Ewige Blutnacht Bartholomäi über Europa! Die Idee steht reinster Sonne

in dem einen Herzen auf, im gemeinsamen Herzen der tödlich Gelockerten

und Opfergekrümmten. Weihnacht des künftigen Europa, du beschwörst die

Schande der Völker, du wehklagst und tötest.

Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken bewältigen die

Mächtigen. Sie wechseln die nächtliche Schlafstätte, sie verlieren den

ursprünglichen Stolz der Überzeugung, sie fürchten gewaltsamen Tod, sie

haben die persönliche Ehre verloren, sie gleichen dem gehetzten

Napoleon, der den Giftbecher nimmt, ihn aber fortstößt und sich ergibt,

um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht haben, ergeben sich den

Giftmischern, um Kirchhofsruhe zu haben, um den Qualen zu entrinnen. Der

Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones, der sich selbst als

Friedensfürst bezeichnete, samt seinen Teutonen, Emanuele, der König der

heiligen National-Selbstsucht -- vor ihnen erscheint der makellose

Spiegel Dadas und zeigt ihnen im weißen Rund das Bild des armen Zaren,

der unter einer Salve von Narren »glücklich« verscheidet.

Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung in die Nächte der

Machthaber und Ehrsüchtigen. Auf Tribünen, im Auto, inmitten

öffentlicher Ansprachen, bei der Fahrt durch die Städte, bei

militärischen Schaustellungen, bei städtischen Prunkaufzügen, inmitten

von Banketten, Militärs und Deputierten: erscheint die Grimasse des

glücklich Verschiedenen. Das Scharren eines Stuhles im Saale, das

Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides, ein elektrischer Schlag,

schauernd vom Ganglion des Großhirns bis in die Eingeweide -- das

Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber des Tigers wird weiß und

kalt. Die Teutonen tauschen im starren Krampf Puppenbewegung der steifen

quadratischen Häupter. Allen, die Feinde sind, Feinde sich, dem All,

allen, allen Soldaten, die dem Schlamm des Krieges entronnen sind,

selbst den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint die

schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung der Selbstzerstörung.

Der Flutberg naht. Er überrollt den Ozean, er hat seine Breite, niemand

ist ausgenommen, wo ist Gang und Richtung zu erkennen! Vor dem Kristall

am Corvatsch steht der Beschwörer und betrachtet den Gang eines Käfers

auf seiner Hand. Und der die Tiere in Menschen sieht und die Götter in

den Tieren, sinkt in die Kniee und betet.

Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger · 第 20 / 25 题