ENGADIN.

In der Fabrik erhält der Arbeiter Dada den Befehl, sich zum

italienischen Heere zu stellen. Der unglücklich die Freiheit Istriens

liebende Glaspionier wird unter Emanueles Fahnen gerufen. Er meldet sich

zum Flugdienst und wird in der Führung eines Äroplanes ausgebildet.

Eines Tages darf er emporsteigen und in den Wolken gen Triest fahren. Er

jubelt Miramar zu und der ganzen Küste und wirft tausende Drucke seiner

Hymnen über die Städte bis Abbazia. In einer späteren Nacht wagt er den

ersten Flug mit Bombenabwurf auf die Arsenale von Pola. Aus

Todesschauern der schütteren Erde und Feuerwirbeln, die das Festeste

zerstören, nimmt Dada das Steuer zum Mittelmeer, und Italia fliegt

brausend neben ihm als sein göttlicher Albatros.

Dada unternimmt einen Bergflug vom Gardasee über die Tiroler Alpen bis

ins Herz Bayerns. Er wandert ganz einsam in die blaue Luft gehängt, mit

unbeflecktem Fuß über Schründe, Spalten, Grate, Zinnen, Firne, Gletscher

auf der Sonnenbahn nach Norden. Die Firne glänzen: blau, grün,

scharlach, ocker. Bergtäler öffnen sich zu ungeheuren Blüten des Enzian.

Klüfte, Spalten, Schründe mit Gletscherstürzen entfalten schmale, nie

gelesene Buchrollen der Tiefe aus ewigem Kristall. Berggrate sind

überwölkt von Silberrosen, Edelweiß auf Mammuthrücken.

Heftige Windströme saugen um die Klippen, und der Flieger wehrt sich um

sein Leben. Schüsse prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi.

Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler Feuerringe gefaßt zu

werden. An der Schweizer Grenze wird er durch erdstürzenden Windstrom

herabgezwungen. Er landet auf einer Halde über dem Tale von Pontresina,

sprengt das Flugzeug und flüchtet in die Klüfte des Corwatsch, denn die

Täler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er Nahrung und

Bauernkleider und endlich wagt er sich als deutscher Flüchtling aus

Zürich in das Engadin.

* * * * *

Das obere Engadin mit breiten tiefgrünen Bergseen zu Füßen wohlgeformter

Schneegebirge ist eine ungeheure Enzianblüte. Im Anblick der himmlischen

Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit, ewige Frische und Reinheit der

Luft von Chasté auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lärchen, Bergfichten,

Eichen steigen bis zur Geröllzone in mächtigen Waldungen auf. So war

einst Attika von den Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben

mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich um die Bergzinnen, und

diese tauchen schneeblitzender in der tiefsten Bläue auf.

Dada mietet ein Gehöft am Ufer des grünen Bergsees. »Einsame

Zärtlichkeit« schreibt er über die Tür seines Hauses. Kein Zaun

umschränkt es, kein Hofhund stört, und das Gezwitscher der roten

Schweizer Wäschermädels tief am grünen See erquickt sein Geborgensein.

Der hölzerne Oberbau mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf

den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flächig polygonaler Glasbau

gesetzt worden. Das ist der Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und

drüber die gläserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.

Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven wendet sich der Dichter

dem terrestrischen Magnetismus zu. Er arbeitet an der Herstellung eines

absoluten Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser widersteht. Er

schmilzt ein Glas von äußerster Empfindlichkeit für Farben und Schatten

der Luft. An heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am stählernen Gelenk

der große Luftspiegel in die Höhe, mit dem Dada bildtelegraphisch Himmel

und Firn beobachtet in ihren unerhörten Wandlungen.

Glücklich das kleine Stück Felsland, das vor der unreinen Überschwemmung

des europäischen Reisepublikums durch die schützende Lohe des Weltkriegs

noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn und Massenwanderungen zum

Gletscher verfinstern nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die

herbe Glut der Felsen. Der mächtige Sturzklang der Quellbäche am Granit

der Hochwände wird nicht von den Brüllaffen der Mode, des Sports und

Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch zitternder

Nachtglanz des Alls, Belauschung des stillen Streits kosmischer

Todeskräfte, werden nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die

leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.

Dadas Zärtlichkeit: Das Sausen des Windes, des mitternachtgeborenen, in

den Seewellen am Hain von Chasté, die heißen Felswände in wechselnden

Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel hat Dada über den

kaiserlichen Firn gehängt, um das hohl geschwollene, weggreifende Ich

fortzuätzen und die Erde von unreiner tierischer Kruste der fäulenden

Ichs zu befreien.

Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit Herz und Hirn, Beobachtung,

freie göttliche Bewegung der schaffenden, messenden, wägenden Hand.

Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.

Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das Engadin der Alliebe, die

Bergheimat zärtlicher Innquellen, bereit zum Schmuck der Erdrinde mit

geschliffenem Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht mehr Europas

Kriege führen, sondern Europas Berge meißeln und die rauhsten Werke mit

Juwelen gottbeseelter Erdheimat schmücken.

In den Gerölleinöden des roten Corvatsch läßt Dada durch Arbeiter einen

Stuhl in die Felsen meißeln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem

Zinnenriff läßt er in mächtigen kubischen Flächen arbeiten zu einem

unregelmäßig polygonalen Riesenblock. Und seine Flächen läßt er mit

Platten geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft, wie die

Schweizer Glasfabrik sie nach seiner Vorschrift hat machen können.

Den Sitz seines Felsenstuhles läßt Dada aus Glas in der Form einer

gewölbten Schildkrötenschale befestigen, und die hohe Lehne ist ein

Mantel starr gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. Über dem Mantel

steht der mondrunde Spiegel. Habicht, Falke, Steinadler umkreisen das

hohe Auge, und vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbürgerlicher

Argwohn und tödlicher Haß gegen den Eindringling auf uralten Heimatfels.

Reiner, tiefer, prächtiger sind die Farben der Erdtiefe. Das mächtige

Weltherz pulst in den Bildern des Spiegels. Massensterben in Gräben,

qualenbedecktes Getrümmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener

Millionengesichter, Todesfratzen mit schrecklichem Wundtod. Die

Katharsis nimmt den bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.

Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur _ein_ menschliches Herz bricht

-- und muß ohnmächtig daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel über den

Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlächterei anzuhalten, und

diejenigen zur Freiheit zu lenken, die noch immer nur das Opfer vor den

Göttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge lenken, Bomben

werfen und Menschen töten.

Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger · 第 19 / 25 题