Wir betreten heute den berühmten alten Garten durch die Gärtnerwohnung

hinter dem Knöfelschen Orangeriebau und befinden uns hier auf der

oberen Terrasse, auf welcher in der Planung Augusts des Starken

(Abbildung 2) die Schloßbauten entstehen sollten. Hier erschließt

sich ein reizvoller Blick auf die Rückseite des Knöfelschen

Orangeriebaues. (Abbildung 4 und 5.) Beschnittene Hecken säumen die

Wege und umschlossen einst ein großes Wasserbecken (Abbildung 3) von

dem die Speisung einiger Wasserkünste erfolgte. Heute ist die Fläche

zu Frühbeetanlagen ausgenutzt. In der Mittelachse führt eine breite,

im Schnitt gehaltene Allee (i i auf Abb. 3) auf der oberen Terrasse

entlang, mit steinernen Ruhebänken zu beiden Seiten. In der Mitte

öffnet sich eine freie Aussicht auf den tiefer liegenden Garten. Wir

stehen oberhalb eines runden Wasserbeckens, aus welchem ehemals drei

glitzernde Wasserstrahlen emporstiegen. Feingeschwungene Freitreppen

vermitteln den Höhenunterschied von etwa vier Meter. Die Balustraden

zieren große Vasen mit Reliefporträts in feiner Sandsteinarbeit. (Abb.

6.) Wir gelangen hinab in ein großes Parterre, einem ebenen Wiesenplan,

der ehemals durch eine reich verzierte Borde eingefaßt war. Nach einem

Plane in der Sammlung für Baukunst sollten an den Längswänden, die

durch Heckenwände oder Gitterwerk gebildet waren, zwischen Ruheplätzen

in halbkreisförmigen Nischen je fünf Wasserkünste, insgesamt zwanzig,

das Bild beleben. Heute sind nur noch die begrenzenden Heckenwände

vorhanden und trotz aller Einfachheit ergibt sich auch heute noch durch

die fein abgewogenen Raumverhältnisse ein starker Eindruck. Rechts,

nach dem Schlosse zu, ist das Parterre durch eine Steinbalustrade

abgeschlossen. Zwei steinerne Sphinxe bewachen den Eingang, während

nach links Waldstätten anschließen. Wir gelangen hier zunächst in ein

großes Rundteil von etwa achtundzwanzig Meter im Durchmesser, wo vier

Statuen, die Allegorie des Ackerbaues, der Fischerei, die Siegesgöttin

Viktoria und die Hygiea wirkungsvolle Aufstellung gefunden haben. In

den anschließenden Waldstätten war eine Kegelbahn untergebracht und

ein Naturtheater geplant, was jedoch heute nicht mehr vorhanden ist

und wohl überhaupt nicht zur Ausführung kam. Die Längsachse des großen

Wiesenparterres findet nach links ihren Abschluß durch ein sogenanntes

»Aha«. Die Einfriedigungsmauer ist hier unterbrochen und der Abschluß

durch einen gemauerten Graben ersetzt, damit der Blick ins Weite

geführt wird. Im Vordergrund auf Abbildung 7 ist das Aha zu erkennen

und zeigt das Bild den Blick von hier nach dem Schlosse zu.

Wir kehren nach dem Wiesenparterre zurück und treten auf einen

der drei bastionartigen Austritte oberhalb des durch Longuelune

geschaffenen Orangeriegebäudes. Hier bietet sich ein köstliches Bild.

(Abb. 8 und 9.) In der Tiefe breitet sich das Orangerieparterre aus,

dessen ursprüngliche Gestalt in einem Originalplan in der Sammlung

für Baukunst ersichtlich und in meiner »Sächsischen Gartenkunst«

wiedergegeben ist. Den Mittelweg flankieren zu beiden Seiten lange

schmale Wasserbecken, in denen einst je neun kleine Fontainen

sprangen. Auf den Wegen, die den vertieften Rasenplatz umgeben,

stehen noch heute eine große Anzahl Orangeriebäume. Ehemals war die

Orangerie dieses Gartens sehr berühmt. Iccander berichtet »von dem

Hoch-Reichs-Gräflichen Wackerbarthischen Garten zu Sedlitz, der

seinesgleichen weit und breit in Deutschland nicht haben wird, daß

der fleißige orientalische Kunst- und Lustgärtner Herr Meyer mehr

als zwanzigtausend rare Indianische und andere ausländische Gewächse

konservieret und man zwei amerikanische Aloen siehet, die wohl in

kurzer Zeit zur Blüte getrieben werden dürften«. Am etwas erhöhten

äußeren Rand des Parterres stehen stumpfe, kegelförmig verschnittene

Buchen, so weit gesetzt, daß der Durchblick noch frei, aber in der

Perspektive das Bild geschlossen erscheint, und der Blick auf die

Mittelgruppe, die sogenannte »stille Musik«, gelenkt wird (Abb. 10),

ein Meisterwerk Pöppelmannscher Gestaltungskraft. Zu beiden Seiten

eines Wasserbeckens führen geschwungene Treppen hinauf zum oberen

Parterrerundgang. Zwölf kleinere Figuren von ungemein reizvoller

Wirkung zieren die Treppenbalustraden. Darstellungen musizierender

Tritonen haben ihr den Namen »stille Musik« gegeben – mit vollem

Recht. In der Mitte des Wasserbeckens sprang einst eine Fontäne,

die den Blick weiter hinaufführte in die freie Landschaft, denn

eine Allee durchschneidet die hohe noch unter Schnitt gehaltene

Waldstatt, die das Parterre bogenförmig abschließt. Zu den hohen

dunklen Heckenwänden stehen die weißen Statuen in ihrer bewegten

Haltung in wirkungsvollem Gegensatz. Wenn Großsedlitz weiter nichts

böte, als dieses in Abmessungen und räumlicher Gestaltung wundervoll

gelungene Orangerieparterre, so genügte es allein schon, um diese

Gartenschöpfung als eine der bedeutendsten aller Zeiten zu bezeichnen.

Daraus ist zu ermessen, daß diese Anlage unbedingt vor weiterem Verfall

geschützt werden muß. Vor allem bedürfen die in ihren Abmessungen so

trefflich gelungenen Treppenanlagen zu beiden Seiten des Parterres

wie auch die »stille Musik« dringend einer gründlichen Ausbesserung.

Die vor dem Orangeriehaus heute aufgeschlagene Freilichtbühne stört

durch ihre Stuhlreihen den großen Eindruck und würde besser in einem

abgeschiedeneren Teil des Parkes untergebracht werden.

Wir benutzen nun die großen Freitreppen, um vom oberen Wiesenparterre

nach der »stillen Musik« zu gelangen und von hier aus das

gegenüberliegende Parkbild zu genießen. (Abb. 11 bis 13.) Mit großem

Geschick ist der Höhenunterschied zwischen dem oberen Wiesenparterre

und dem tieferen Orangerieparterre zur Anlage des Orangeriehauses

benutzt. Es wurde im Jahre 1862 neu aufgeführt, auch mit Wasserleitung

versehen und öffnet sich in weiten Bogen nach dem Garten zu, so recht

geeignet, in heißer Sommerszeit schattigen Wandelgang zu bieten. Der

Entwurf Longuelunes hierfür ist noch erhalten, aus dem ersichtlich

ist, daß statt der Rundbogenfenster früher Flachbogenfenster gewählt

waren. Die große Horizontale des Baues wird unterstrichen durch hohe

beschnittene Heckenwände, hinter denen die kubisch beschnittenen Alleen

der höher liegenden Gartenteile sichtbar werden.

[Illustration: Abb. 14. =Großsedlitz. Blick nach dem alten

Orangeriegebäude und dem Schloß=]

Wenden wir den Blick weiter westlich, so erscheint ein noch

malerischeres Bild. Den oberen Abschluß, auf schmaler Terrasse, bildet

das alte Gewächshaus, von Knöfel erbaut, einfach in den Formen,

doch im Umriß fein abgestimmt. (Abb. 14.) An dieser Stelle war in

der erweiterten Planung von August dem Starken der große Schloßbau

geplant und daher diese Achse als Hauptperspektive besonders reich

ausgebildet worden. Wenige Stufen führen vom Orangeriebau Knöfels zu

dem vorliegenden großen Hauptparterre hinab, in vier Felder gegliedert,

von denen die hinteren zwei nach Art der Teppichbeete ehemals reich

geziert waren. Heute haben hier die Arzneipflanzen-Siedlungen der

Hofapotheke ihren Platz gefunden. Störend wirken die vielen großen

Namentafeln, die etwas kleiner auch ihren Zweck erreichen und nicht

so unangenehm auffallen würden, wie überhaupt hier in der Kriegszeit

angepflanzte Nutzsträucher und dergleichen endlich beseitigt und

gepflegte Anlagen geschaffen werden sollten. Vor den ehemaligen zwei

großen Teppichbeeten liegen zwei große Wasserbecken, deren Brunnen

heute nicht mehr springen. (Abb. 15.) Eine Steinbalustrade als

Bekrönung der hohen Futtermauer schließt dies Parterre gegen den tiefer

liegenden Garten ab, zu welchem reich gegliederte Kaskadenbecken

hinabführten, heute noch erkenntlich an den großen Vasen, die als

Wasserbecken gedacht waren. (Abb. 16.) Aus vorhandenen Plänen

geht hervor, daß auf der ersten Kaskadenmauer beiderseits je vier

Springbrunnen angeordnet waren, während die Mitte eine größere Fontäne

beherrscht. Auf dem nächst niederen Absatz werden die Wasserkünste

kleiner, je zwei bescheidenere Strahlen treten an Stelle des großen,

und plätschernd sollte sich wohl das flüssige Element in das große

unterste Becken ergießen. Gegenüber aber rauschte von der waldigen Höhe

aus einem engen, von Statuen umgebenen Becken das Wasser in zahlreichen

schmäleren Fällen in Form einer Kaskade herab. Es sammelte sich im

untersten großen Becken, welches zwei treffliche Statuen schmücken.

Mit feinem künstlerischen Gefühl wußte der entwerfende Künstler die

Wirkung durch die seitlich im Waldesdunkel liegenden Fontänenbecken zu

heben, deren ehemals springende Wasser im stimmungsvollen Akkord zur

Wassertreppe traten. (Abb. 17.) Durch diesen pyramidenförmigen Aufbau,

diese allmähliche Steigerung ist ein Gesamtbild geschaffen worden, wie

es reizender kaum gedacht werden kann. Nicht wenig tragen die acht

trefflichen Doppelstatuen in ihrer fein bewegten Umrißlinie zur Wirkung

des Gesamteindruckes bei. Weiter müssen wir uns zur Vollständigkeit

des Bildes die seitlichen Treppen der Kaskade von einer lustwandelnden

Hofgesellschaft belebt denken. Sie steigen die Stufen gemessenen

graziösen Schrittes empor, um am Ende der Allee im gegenseitigen

Austausch die herrliche Aussicht auf die von ferne winkenden Zinnen

von Pirna und die malerisch im Nebel verhüllten Berge der Sächsischen

Schweiz genießen zu können. In trautem Zwiegespräch kehren sie zurück

und verlieren sich in den weiten Räumen des Gartens.

[Illustration: Abb. 15. =Großsedlitz. Das alte Orangeriegebäude mit

vorliegendem Wasserbecken=]

Wir wenden uns mit ihnen zu den schattigen Ruheplätzen, welche zu

beiden Seiten der Kaskade in einer Geraden angelegt sind. Ganz links

erfreut unser Auge die kräftige Gestalt des farnesischen Herkules (Abb.

18), während bei der Kaskade Cybele, die Göttin der Erde, und Juno,

die Himmelskönigin, wohl die beste Statue des Gartens, unseren Blick

fesseln. Steinerne Ruhebänke laden ein zu näherer Betrachtung.

[Illustration: Abb. 16. =Blick auf das große Kaskadenbecken, dahinter

das Orangerieparterre=]

Nicht alle Statuen des Gartens besitzen höheren Kunstwert, aber durch

ihre meisterhafte Aufstellung geben sie dem Garten reiches Leben. (Abb.

19 und 20.) In der Aufstellung der Plastiken hatte man von Frankreich

gelernt. Überall setzt der Künstler seine Statuen gegen den dunklen

Hintergrund der Hecken, überall sieht man sich in Gesellschaft der

alten Götter, nur sind diese aus den hellen reinen Höhen des Olymps

herabgestiegen in die Sphäre der Kulissen und haben vielfach Gestalt

und Ausdruck bekannter Mitglieder des Hofes angenommen. Sie gaben so

reichen Stoff zur Belehrung und Belustigung. Die später angebrachten

Namentafeln aus Blech sollte man bei einer Instandsetzung, die in

vielen Fällen dringend nötig ist, beseitigen.

[Illustration: Abb. 17. =Großsedlitz. Blick auf die »Wassertreppe«=

(Aufnahme des Verfassers)]

Wir aber lenken nun unsere Schritte weiter westlich nach der großen

Allee, welche die Achse des ehemaligen Schlosses aufnimmt und in die

Weite führt. Dieser Teil der Planung ist in den Anfängen stecken

geblieben. Nach der unter August dem Starken vorgenommenen Umplanung

sollte hier ein zweites Orangerieparterre entstehen, was aber aus

Mangel an Mitteln nicht zur Ausführung kam.

[Illustration: Abb. 18. =Großsedlitz. »Herkules«=]

So ist Großsedlitz ein Torso geblieben. Ihm fehlt der bestimmende

Schloßbau, der die reiche malerische Gartenanlage zur Einheit

zusammenschließt. Was aber in seinen Einzelteilen geschaffen worden

ist, gehört zu dem Schönsten und Reifsten, was die Gartenkunst je

hervorgebracht hat. Hier ist die Verfolgung des Zieles gelungen, das

der bekannte Gartentheoretiker Daviler dahin bezeichnet, daß die

größte Kunst bei der Anlage von Gärten in der Benutzung der Vorteile

und Fehler des Grundstücks bestehe bei geringster Veränderung der

Bodenlage. Die auf jene verwendeten Kosten seien doppelt mißliche,

weil man den Erfolg nach Vollendung der Arbeit nicht sehe. So ist es in

Großsedlitz gelungen, durch Benutzung vorhandener Bodengestaltung ein

Gartenkunstwerk zu schaffen, dessen höchste Werte in den wundervollen

Raumgestaltungen seiner Einzelteile liegen. Es ist auf dem Gebiete

der Gartenkunst – etwa wie der Zwinger als Architekturschöpfung – ein

einzigartiges Werk.

[Illustration: Abb. 19. =Großsedlitz. »Afrika«=]

Ich sah Großsedlitz nach Jahren wieder, an einem sonnigen Herbsttage

in einer wunderbaren Herbststimmung. Der Eindruck war stärker

denn je. Etwas ging wohl auf Kosten der prächtigen Herbstfärbung,

andererseits fehlte jedweder blühende Blumenflor und auch der Schmuck

der bereits eingewinterten Orangenbäume. Ganz klar und einfach trat

darum die Struktur dieses einzigartigen Gartens zu Tage, allein das

Raumkunstwerk von Großsedlitz sprach und wirkte – wirkte tiefer noch

als je.

[Illustration: Abb. 20. =Großsedlitz. »Adonis«=]

Das ist wirklich Großes, was sich so behaupten kann, ohne jedwede

schmückende Zutat, was noch eine unvergängliche Wirkung ausübt – im

Sterben –. Ja, vom Sterben dieser einzigartigen Schöpfung raunte es in

den Wipfeln und in den Hecken und auf dem Rasen und in dem Gestein.

Wie lange noch werd’ ich dem Schicksal trotzen, das mich verstoßen,

vergessen –, vergessen im Weichbild einer Großstadt, in einer Zeit, wo

man den Wert von Grünflächen für die Volksgesundheit erkannt hat, von

einer Stadt, die noch heute vom Ruhm der Werke zehrt, deren Meister

auch mich erschufen – mich als ein einzigartiges Werk in der ganzen

Geschichte der Gartenkunst, unberührt vom Geist der Sentimentalität

und Romantik, dem so manche Anlage der Barockzeit zum Opfer fiel, der

auch mich wohl erfaßt hätte, wenn ich nicht von jeher als Stiefkind

behandelt worden wäre, das weit draußen vor den Toren von Dresden der

Vergessenheit anheim fiel. Aber noch sträube ich mich mit aller Kraft

gegen das Sterben. Unsere Wurzeln sind gesund, versicherten die Hecken

und die Waldstätten. Etwas mehr Pflege, und wir werden es euch danken

durch frischeres Grünen und Blühen. – Verschließt meine Risse und

Wunden, die mir das Alter schlug, und ich bleibe fest gefügt, flehte

das Gestein, die Balustraden, die Mauern. – Die Götter des Olymp aber

baten um ihr Leben, sie würden dann auch Jahrzehnte und Jahrhunderte

weiter unermüdlich erzählen von dem Einst, dem Geist ihrer Schöpfer und

dem lebensprühenden gesellschaftlichen Bild, das sich in diesem Garten

entfaltete.

Selbst die Sphinxe auf der oberen Terrasse, die scheinbar teilnahmlos

mit undurchdringlichem Ausdruck zugehört hatten, ließen sich nun

anklagend vernehmen. Stolz sei das heutige Geschlecht auf seine Kultur.

Stolz der Staat auf seinen Kunstbesitz, den er im wesentlichen dem

abgedankten Königshaus verdanke. Nun habe er auch von Großsedlitz

Besitz ergriffen für die Volksgemeinschaft, ohne aber das Mahnwort:

»Besitz verpflichtet« zu beherzigen. Und wo gelte das mehr als beim

Staate, der der Volksgemeinschaft verantwortlich sei für die ihm

anvertrauten kulturellen Güter.

So und ähnlich klang’s und rauschte es in diesem wundervollen

Gartenbauwerk an jenem sonnigen Herbsttag. Möchte das Klagen, Flehen

und Mahnen auch an die Stellen dringen, denen die Verantwortung und

Pflege für diesen einzigartigen Kunstbesitz obliegt. Denn selbst bei

ganz nüchterner Betrachtung und Erwägung wird man dann erkennen,

daß sofortige Hilfe not tut. Wohl wird in heutiger Zeit auch der

begeisterte Kunstfreund nicht fordern, daß große Summen bewilligt

werden, um Großsedlitz im einstigen Glanze erstrahlen zu lassen.

Das mag einer besseren Zeit vorbehalten bleiben. Zum anderen wird

es aber auch niemand verantworten können, hier ein Werk sterben zu

lassen, das einzig in seiner Art und mit verhältnismäßig bescheidenen

Mitteln zu pflegen und damit noch Jahrhunderte hindurch zu erhalten

ist. Wo ein Wille, da ein Weg. Wenn es wirklich nicht durchführbar

sein sollte, aus laufenden Etatmitteln Beträge von der Regierung bzw.

dem Landtag zu erhalten, so müßte doch zum mindesten der Staat als

großindustrieller Unternehmer die moralische Pflicht in sich fühlen,

hier helfend einzuspringen. Den sächsischen Werken, die zur Förderung

ihrer wirtschaftlichen Betriebe geradezu vernichtend in das Bild der

Heimat eingreifen, müßte es eine Ehrensache sein, auf der anderen

Seite etwas für die Erhaltung wertvoller Denkmäler der Heimat zu tun.

Wenn wir schätzen, daß schon ein Betrag von etwa fünf- bis zehntausend

Mark auf einige Jahre ausreichen würde, um die Großsedlitzer Anlage

wieder lebensfähig herzustellen, dann sollte man doch wirklich nicht

zögern, das Opfer zu bringen, und aus den wirtschaftlichen Betrieben

des Staates die Mittel zur Verfügung stellen. Ein einzigartiges

Gartenbauwerk, das zweifellos zu den reifsten Schöpfungen der

Gartenkunst aller Zeiten gehört, gilt es vor dem Verfall zu retten!

Weihnachten im »Heimatschutz«

Von _Gertraud Enderlein_

Man denkt zunächst – weil das jetzt so in der Luft liegt – die Krippe

sei die Hauptsache. Die Weihnachtskrippe, wie sie sich in einer

kernhaft volkstümlichen Schnitzerei, aus alten Holzschnittvorbildern

hervorgewachsen, mit einer nonnenhaften Maria, anbetenden Rittern,

Mönchen und Bauern im Schaufenster der Gemeinnützigen Verkaufsstelle

auf der Schießgasse aufbaut. Tritt man aber ein – und es ist ohne

Kaufzwang erlaubt und erwünscht, alle diese lieblichen Erzeugnisse

sächsischer Volks- und Kleinkunst zu beschauen – so erkennt man: hier

leuchtet in Regalen und Glasvitrinen, auf der Ladentafel und den

Verkaufstischen solch eine Fülle des Köstlichen, daß man das »Spieglein

an der Wand« um das Schönste befragen möchte, weil man sich selber

keinen Rat weiß. Man hatte nämlich im stillen gemeint, einmal müsse der

ständig Neues spendende Born versiegen. Aber nun sieht man staunend:

unerschöpflich sind die Quellen der Heimatkunst ...

[Illustration: =Krippe.= 23teilig. M. 25.—

Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24]

Natürlich bleibt man zunächst am Weihnachtlichen hängen. Die

erzgebirgischen Lichterkränze! Aus der Deckenwölbung schweben sie

herab, und auf dem weißen Rund des Holzrings ziehen schwarzröckige,

silhouettenfeine Bergleute in ernster Reihe auf, oder das

Heimatschutzengelchen, das mit seinem steif stehenden weißen Kleidlein

und den runden Apfelbäckchen schon unsere Feldgrauen einst glücklich

gemacht, müht sich im Kreis seiner Schwestern, die Lichtertüllen

festzuhalten. Aber da ist ein ergreifendes, Neues und doch Urältestes

hinzugekommen. Die »Bergspinnen«, die wundervollen, volksliedinnigen

Weihnachtshängeleuchter, wie sie in unserem Volkskunstmuseum soviel

Weihe und Heimeligkeit verstreuen, regen nun auch hier, vom Luftzug

der etwa zufallenden Tür berührt, ihre vergoldeten hölzernen

Glöckchenbehänge. Und nun kann man schon gar nicht anders, man muß

erst einmal die erzgebirgische Spielzeugecke aufsuchen, weil das ja

auch so etwas Ur-Weihnachtliches ist. Wie zu einer Bescherung reiht

sich’s auf, farbkräftig und bodenständig, jeglicher schematischen

Gleichförmigkeit entkleidet, persönlich durchfühlt bis ins kleinste.

Hier hat Direktor Seifert in Seiffen seines Amtes gewaltet, naives

Bauernkönnen künstlerisch beeinflussend, hat die Gänseliesel und die

Schweinefamilie so lebenstrotzend und formenschlicht dabei gestalten

helfen, daß auch die Großen sich am liebsten solch eine erheiternde

Spielschachtel für die dunklen Winterwochen mit heimnehmen möchten.

Es ist auch eine Puppenstube vorhanden; die hält sich aber ein wenig

abseits, weil sie in aller kleinbürgerlichen Einfachheit zu kostbar ist

mit ihren bemalten Möbelchen, ihren festen Stuhl- und Sofabezügen, den

handgedrehten Schüsselchen in der angrenzenden Küche, – dieses winzige

Abbild biedermeierlichen Behagens. Und es gibt fröhliche Hampelmänner

und eine ganz urwüchsige Art Menschlein aus Stoff und Holz, die der

Dresdner Kunstgewerbler W. Seifert geschaffen und die höchst putzig,

eine drollige Charakterpuppensippschaft, auf festen Holzschuhen durchs

Leben steigen. Ein Motiv, das die Leipzigerin Mußmann noch mehr ins

Karikistische hineingesteigert hat. Und seltsame hölzerne Märchenvögel,

von allerkleinsten Händchen leicht durchs Zimmer zu führen, auch

von Seiferts Gnaden, heben den Kopf mit den listigen Augen und dem

mächtigen Schnabel aus dem gedrungenen Leib; man würde sich keinen

Augenblick verwundern, wenn die derbe Hülle sänke und ein schöner

Königssohn den Flügeln dieses Fabelwesens entstiege.

[Illustration:

M. 4.— 2.80 4.50 2.— 1.70 1.40

=Weihnachtsmänner=

Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24]

[Illustration: =Engel-Musikanten.= Stück M. 1.40

Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24]

Nein, die großen Leute brauchen sich durchaus keinen Hühnerhof, keins

dieser dauerhaften Eisenbahnzüglein mit Personenwagen und Kipploris

mit heimzunehmen. Der gute Geist des Heimatschutzes bedenkt auch sie

mit allerlei Nützlichem und Freundlichem aus den Handwerksstuben

des Sachsenlandes. Da sind die Grünhainichener Spankörbe, mit gut

verteilter Blumenornamentik bemalt, die Spanschachteln, auf denen

wie auf den stämmigen Holztruhen ganze phantastische und doch mit

allen Wurzelfasern im Heimatlichen wurzelnde Blumenwiesen erblühen.

Gedrechselte Schalen und Dosen – wie hier die Wirkung des erlesenen

Materials durch sorgfältigste Behandlung gesteigert ist! – bieten sich

für Schreib- und Nähtisch als schmückende, zweckvolle Vervollständigung

an, und die »Blaubeerenkinder«, die eigentlich ins Lager der

Reiseandenken gehören und als solche jetzt ausgeführt werden dürfen,

betteln geradezu um ein Plätzchen im Glasschrank daheim. Zum Holz

aber gesellt sich der andere Stoff, darauf fast alles Kunstschaffen

im Heimatschutz gegründet ist: die gebrannte Erde, der Ton. Die junge

Hausfrau streichelt mit den Augen all die festen farbenmunteren

Tassen und Kannen, die liebevoll entworfenen Lausitzer und Frohburger

Ziergefäße mit den flammenden Herzen und den holden Röslein unter

der blanken Glasur, schmückt schon in Gedanken den Tannenbaum mit

dem zierlichen tönernen Behang, darin die Zeichen des Tierkreises so

kindlich-einprägsam festgehalten sind, und stellt wohl auch schon solch

einen vergnüglichen Kohrener Tonvogel, den der Künstler in irgendeiner

charakteristischen Bewegung in die Form gebannt, für das Allerkleinste

darunter.

[Illustration:

M. 1.80 1.— 1.60 —.80 1.40 —.85 1.20 1.40

=Weihnachtsengel=

Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24]

Es ist eine unendliche Weihnachtsfreude, zwischen den Schätzen der

Gemeinnützigen Verkaufsstelle einherzustreifen und sich dies und jenes

als eine liebe Gabe oder einen ehrlichen treuen Hauskameraden für

durchaus nicht überhohen Preis mitzunehmen. Man wandelt wie auf einem

schönen Stern und steht doch mitten im Irdischen. Und aus allen Ecken

hört man Weihnachtslieder.

[Illustration: =Schaukelpferd.= M. 24.—

Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24]

Bücherbesprechungen

=Cornelius Gurlitt, August der Starke.= Zwei Bände. Im Sibyllen-Verlag,

Dresden 1924.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 9-12 · 第 6 / 7 段