Die Augustusburg, 1568 bis 1572 erbaut, ist die Nachfolgerin der

mittelalterlichen Burg Schellenberg. Diese lag, ebenso wie das

heutige Schloß, auf der gewaltigen, rechts von der Zschopau, links

von der Flöha umspülten Porphyrplatte, die wie ein gewaltiger Eckturm

den Nordrand des eigentlichen Erzgebirges und zugleich den Punkt

bezeichnet, in dem sich das westliche von dem östlichen Gebirge

scheidet. Das Flöhatal gilt als die Grenze der beiden Gebiete. Diese

Porphyrplatte schiebt sich von Öderan (d. h. »Ort bei den Edern« =

Zäunen, Grenzen) südwärts in den ungeheuren Grenzwald vor, der in alter

Zeit als ein unbewohntes Puffergebiet zwischen der Mark Meißen und dem

Herzogtum Böhmen lag. Dieser Grenzwald war kaiserlich, ebenso der hier

hindurchführende Paß von Öderan über Zöblitz und Sebastiansberg nach

Komotau oder von Chemnitz über Zschopau-Wolkenstein nach Preßnitz und

ins Egertal. Der Eingang zu beiden Straßen, die zu den wichtigsten

Verbindungsgliedern zwischen Nord- und Süddeutschland gehörten, wurde

von der Burg Schellenberg beherrscht. Deshalb waren die ritterlichen

Herren von Schellenberg, denen auch die Burgen Rauenstein an der Flöha

und Lauterstein bei Zöblitz als südlich vorgeschobene Posten gehörten,

nicht Vasallen der Meißner Markgrafen, sondern standen als edelfreie

Ritter unmittelbar unter dem Kaiser. Erst als die kaiserliche Gewalt

zertrümmert und das reichsunmittelbare Geschlecht der Schellenberg

wegen eines Frevels, den es gegen das Kloster Altzella verübt hatte,

geächtet war (1323), kam der wichtige Porphyrfelsen mit seiner Burg

in den Besitz der Wettiner (5. April 1324), und nach der Leipziger

Teilung (1485) in den Besitz der Albertinischen Herzöge von Sachsen.

In der Zeit, wo sich der Schmalkaldische Krieg vorbereitete, hat

sich in der Burg Schellenberg eine denkwürdige Szene zugetragen.

Der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in Sorge um die Zukunft

seines vom Kaiser Karl V. mit Ächtung bedrohten Hauses, besuchte

dort im Jahre 1545 zur Zeit der Hirschbrunft seinen Vetter Herzog

Moritz und suchte im Vertrauen auf seine eigene Trunkfestigkeit dem

in diesem Punkte schwächeren Moritz beim nächtlichen Gelage seine

politischen Geheimnisse zu entlocken. Aber Moritz verriet sich

nicht, nur wäre er bei der Heimreise nach Dresden an den Folgen des

schweren Trunks fast gestorben. In der Tat wurde das Jahr 1547 das

Schicksalsjahr der Ernestiner: sie verloren den größten Teil ihrer

Länder an die Albertiner, aber es wurde auch das Schicksalsjahr der

Burg Schellenberg: sie brannte im Jahre 1547 durch Blitzschlag ab.

Zwanzig Jahre lang lag nun die Burg in Schutt und Asche. Da faßte

Kurfürst August im April 1567 voll Siegesfreude über die Eroberung

der Feste Grimmenstein zu Gotha den Plan, »weil solches des Hauses

Sachsen ältesten Schlösser eines, aus erforderter Notdurft, auch _zur

Zierde des Landes_ alle solches Schlosses alte Gebäude abtragen zu

lassen und zu verordnen, daß an der Stelle ein neues Schloß gebaut

werde.« Er gewann dafür als Baumeister den Leipziger Bürgermeister

Hieronymus Lotter, der elf Jahre zuvor mit unerhörter Geschwindigkeit

den reizvollen Hallen- und Giebelbau des Leipziger Rathauses geschaffen

hatte, und dieser an der Schwelle der Siebzig stehende Mann brachte

wirklich in vierjährigem, heißem Bemühen den umfangreichen Schloßbau

zustande (1568 bis 1572), die letzte Vollendung aber wurde, weil Lotter

unverdientermaßen bei dem ungeduldigen Bauherrn in Ungnade gefallen

war, dem italienischen Grafen Rochus zu Lynar anvertraut. Außer der

Vorburg mit dem gewaltigen äußeren und inneren Tor und der hochgelegten

steinernen Auffahrt zeigte das Schloß vier wuchtige, breit dastehende

Ecktürme, die durch meist dreistöckige Flügel untereinander zu einem

großen Rechtecke verbunden sind. Sie enthielten in reicher Fülle die

Säle und Gemächer für einen groß zugeschnittenen fürstlichen

Hofhalt. Der Außenbau ist in schlichten, aber markigen Formen gehalten,

die Innenräume waren vom Hofmaler Heinrich Göding nach den Angaben des

Kurfürsten mit sinnvoller Malerei ausgeschmückt von teils lehrhafter,

teils humorvoll-satirischer Art. So war in der »Turteltaubenstube«,

wo sich die Hoffräuleins aufzuhalten pflegten, die Kurfürstin Anna

über der Tür gemalt, wie sie mit strengem Blick darüber wacht, daß ja

nichts Anstößiges geschieht, und neben ihr stand ein Fräulein, das den

Pferdefuß, der als Strafe für Verstöße gegen den Anstand verwendet

wurde, auf der Schulter trug. Weit berühmt waren die Bilder des

»Hasenhauses«, in denen Göding, den Schlußgedanken des »Mümmelmann«

von Hermann Löns vorwegnehmend, die Hasen als die eigentlichen

Herren der Erde in der Ausübung aller menschlichen Geschäfte, auch

als Staatsmänner und Kriegsleute dargestellt hatte, doch so, daß sie

zuletzt wieder den Menschen unterliegen und wie einst in Pfannen und an

Bratspießen ihr unrühmliches Ende finden.

[Illustration: Abb. 3. =Das innere Tor der Augustusburg=]

[Illustration: Abb. 4. =Der Kirchenflügel der Augustusburg=]

[Illustration: Abb. 5. =Schmalseite der Kirche mit der Kanzel und einem

Teil der Decke=]

Ganz eigenartig ist die von dem Niederländer Erhard van der Meer

geschaffene Schloßkirche. Sie entspricht als rechteckige Saalkirche

durchaus den Anforderungen einer Predigtkirche. Über dem Schiff erheben

sich die unten von steinernen Bögen und toskanischen Säulen, oben von

jonischen Säulen getragenen Emporen, die von einer Decke überwölbt

werden, bei der das gotische Rippenwerk durch ein der Kassettendecke

sich näherndes System aus rotem Rochlitzer Stein ersetzt ist. Das

Altarbild, ein Werk des jüngeren Cranach, zeigt unter dem Gekreuzigten

den Kurfürsten mit acht Söhnen und die Kurfürstin mit sechs Töchtern.

Es ist zugleich ein Totenmal: denn nur zwei von den Söhnen sind durch

Medaillen an der Halskette und nur zwei von den Töchtern sind durch

Kränze als noch lebend bezeichnet. Im Hintergrunde des Bildes sehen

wir rechts die ehemalige Burg Schellenberg und links die Annaburg (in

der jetzigen preußischen Provinz Sachsen). Kurfürst August war bei

manchen Bedenken, die man gegen seinen Charakter erheben darf, ein

ausgezeichneter Organisator der Volkswirtschaft und vor allem ein

großer Lebenskünstler. Als Lotter wegen der starken Wirkung von Wind

und Wetter auf der ganz frei gelegenen Höhe die Maße für die Fenster

des Schlosses etwas klein genommen hatte, befahl ihm der Kurfürst in

einem Briefe, sie größer zu machen, weil »in gewelben, tie (die) nicht

genugksamb Wetter und Licht haben, ganz verdrießlich und langweilig

zu wohnen« sei. Deshalb hatte der Kurfürst auch, die Gunst der Lage

benutzend, angeordnet, daß der ganze Bau in der Höhe des dritten

Stockes von einer breiten Galerie umzogen werde, die nach allen

Himmelsgegenden hin freie Aussicht gestatte. Von dieser Galerie zeigte

er im Jahre 1575 das vollendete Werk dem ihm gesinnungsverwandten

Kaiser Maximilian II. und genoß mit ihm die herrliche Aussicht

namentlich nach Süden in die wildreichen Bach- und Flußtäler und

hinüber bis zur Kammlinie des Erzgebirges, die das entzückte Auge

hier vom Keilberg im Westen bis zum Geising im Osten beherrscht. Von

besonderen Merkwürdigkeiten erwähne ich noch die uralte sieben Meter im

Umfang haltende, aber nur zwei Meter dreißig Zentimeter hohe Linde,

die mit der Krone in die Erde gepflanzt sein soll und sich so breit

verästelt, daß sie von einem Balkengerüst gestützt wird, und den vom

Freiberger Bergmeister Martin Planer in siebenjähriger Arbeit fast

durch den ganzen Porphyrmantel des Berges einhundertundsiebzig Meter

tief gesprengten Brunnen, für dessen Betrieb ein besonderes Göpelwerk

vorhanden war.

[Illustration: Abb. 6. =Kanzel und Altar der Kirche in Schloß

Augustusburg=]

[Illustration: Abb. 7. =Ein Saal des Hasenhauses in der Augustusburg=]

Leider ist von der ursprünglichen Schönheit der Augustusburg im

Laufe der Jahrhunderte durch widrige Schicksale und Vernachlässigung

viel abgebröckelt. Die Malerei ist an den meisten Stellen verblaßt,

die aussichtsreichen Galerien und die sie überragenden Giebel und

Dachgeschosse sind 1798 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Dagegen

ist die Kirche, abgesehen von einem, die alte feine Farbenstimmung

störenden inneren Anstrich, völlig unversehrt erhalten, ebenso das

gewaltige Mauerwerk der Türme und des ersten und zweiten Stockwerkes,

auch ist das Schloß noch jetzt in allen Teilen bewohnbar. Einige Räume

sind dem Erzgebirgs-Verkehrs-Museum zugewiesen, andere sind von Beamten

und Behörden eingenommen, andere stehen leer, im Erdgeschoß herrscht

ein lebhafter Gastwirtschaftsbetrieb. Denn Schloß Augustusburg ist

schon jetzt zu allen Jahreszeiten das Ziel von Tausenden von Wanderern,

die aus der näheren und weiteren Umgebung dort zusammenströmen.

[Illustration: Abb. 8. =Blick von der Augustusburg in das Flöhatal=]

[Illustration: Abb. 9. =Blick nach Augustusburg auf dem Wege von

Öderan=]

Aber – und nun kommen wir zur Hauptfrage – ist es denn geeignet, eine

würdige Erinnerungsstätte an unsere Toten aus dem Weltkriege zu werden?

Ich kann diese Frage nur bejahen. Denn hier vereinigen sich alle

Erfordernisse der Natur und Lage, der Geschichte und Kunst zu einer

nur an wenigen Punkten in gleichem Maße wiederkehrenden Harmonie. Die

riesige Porphyrplatte (zweihundertundzwanzig Meter über die Umgebung

emporragend) ist auch ohne das darauf ruhende Schloß ein bedeutendes

Denkmal der Natur, eine Art von natürlichen Aussichtssöller für das

Mittelstück des deutschen Mittelgebirges, und die darauf errichtete

Burg war gleich von Anfang an ein Stück steingewordener Fürsorge

der lebendigen Reichsgewalt, eine Warte des nord- und süddeutschen

Verkehrs in der großen Zeit der Kreuz- und Römerzüge und dann eine

weithinleuchtende Stätte landesfürstlicher Wirtschaftlichkeit. Aber

auch ohne alle diese geschichtlichen Erinnerungen eignet sich Schloß

Augustusburg zum Reichsdenkmal der Gefallenen durch die ganze würdige

und großzügige Art des Bauwerks, durch seine schöne Lage und leichte

Erreichbarkeit. Hier brauchen nicht ungezählte Millionen in einen

ungewissen Baugrund versenkt zu werden: das Schloß thront auf seinem

Porphyrfelsen wie ein Bau für die Ewigkeit, das vorhandene Mauerwerk

ist stark und tragfähig. Es kommt nur darauf an, das Schloß in seiner

ursprünglichen Höhe wieder herzustellen, d. h. das abgebrochene dritte

Stockwerk, von dem es gut beglaubigte Abbildungen gibt, in seiner

alten Höhe und Schönheit wieder aufzubauen und mit der nach allen

Himmelsrichtungen ausschauenden Galerie zu umziehen. Diese bietet dann

Raum, daß an Sonn- und Festtagen Hunderte von Menschen gleichzeitig

den entzückenden Ausblick in die nahen Wald- und Flußtäler, über

die reich angebaute Landschaft, die deutschen Ackerbau und deutsche

Industrie vermählt, und hinüber auf die stille Kammlinie des Gebirges

genießen und dabei an ihre gefallenen Lieben und an die Zukunft

des deutschen Volkes denken können. Alle Wohnungen, Amtszimmer

und der Gastwirtschaftsbetrieb müßten natürlich aus dem Schlosse

verschwinden; dann würden seine Säle und Zimmer dazu ausreichen,

für die Toten jeden Armeekorps und jedes Geschwaders unserer Marine

einen besonderen Erinnerungsraum zu schaffen! Die Kirche wird der

natürliche Ort werden für Gedenkfeiern der Vereinigungen ehemaliger

Frontkämpfer; ein gewaltiger Felsblock im Hofe oder im Schloßgarten

würde die lapidare Weiheinschrift für das Ganze enthalten. Die ganze

Umgebung des Schlosses müßte durch Haine mit deutschen Laub- und

Nadelbäumen und Zypressen auf die im Schlosse herrschende Stimmung

vorbereiten, ebenso die aus der Ebene und aus den Waldtälern zum

Schlosse führenden Wege und Straßen. Und wie leicht ist dieses in

der Mitte Sachsens, im innersten Herzen des Reiches gelegene Denkmal

auch von den Rändern der deutschen Erde zu erreichen! Es ist schon

jetzt mit der großen Verkehrslinie München–Hof–Dresden–Breslau von der

Station Flöha aus durch die Zschopautalbahn und eine Drahtseilbahn

verbunden. So führt also die Linie Hof–Chemnitz den süddeutschen, die

Linie Leipzig–Chemnitz den westdeutschen, die Linie Berlin–Chemnitz den

nord- und nordostdeutschen, die Linie Breslau–Dresden den ostdeutschen

Verkehr heran, und bei ganz großen nationalen Feiern gestattet die

Nähe der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, auch sehr große

Volksmassen unterzubringen. Schon jetzt sieht jeder, der von Hof oder

Zwickau nach Dresden und Breslau fährt, die eigenartige Umrißlinie des

Schlosses Augustusburg am Horizont auftauchen und wieder verschwinden

und wieder auftauchen. Um wieviel mehr wird das der Fall sein, wenn der

Bau in seiner alten Höhe wieder hergestellt ist und wenn seine ganz

besondere Bestimmung und Weihe die Blicke aller Mitreisenden in ganz

anderem Maße und mit viel tieferer innerer Teilnahme darauf hinlenken.

[Illustration: Abb. 10. =Blick auf Erdmannsdorf und die darüberliegende

Augustusburg=]

Großsedlitz einst und jetzt

Von Dr.-Ing. _Hugo Koch_, Nerchau-Leipzig

Aufnahmen von Walther Möbius, Dresden

Großsedlitz, einst das schönste und charaktervollste Gartenkunstwerk

der Zeit Augusts des Starken, ist heute ein vergessenes Paradies,

der Gefahr des Verfalles preisgegeben. Nur schneller Eingriff und

gründliche Arbeit vermag das Gartenkunstwerk lebendig zu erhalten,

das zu den schönsten Werken der Barockzeit zählt und zweifellos in

der Kunstgeschichte des Gartens eine bedeutende Stellung einnimmt.

Möchte die kurze Besprechung dieses seltenen Gartenbauwerkes die

verantwortlichen Stellen auf seine Bedeutung aufmerksam machen und die

daraus sich ergebende Verpflichtung zur Erhaltung dieses Kunstbesitzes

wecken.

[Illustration: Abb. 1. =Großsedlitz. Erster Entwurf für den Garten=

Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]

Mit August dem Starken war für Sachsen eine Zeit größter fürstlicher

Prachtentfaltung gekommen. Sie blieb nicht stecken in vergänglichen

Hoffesten und Prunkschaustellungen, sondern zeitigte durch prächtige

Schöpfungen der Architektur und Gartenkunst dauernde Kunstwerte,

denen heute noch Dresden, die fürstliche Residenz, ihre Bedeutung

verdankt. Der König ging als erster Bauherr voran, ihm folgten im

Wettstreit seine Getreuen, als einer der bedeutendsten unter ihnen Graf

Wackerbarth, – der Begründer von Großsedlitz.

[Illustration: Abb. 2. =Großsedlitz. Zweiter Entwurf für den Garten=

Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]

In der Geschichte des sächsischen Gartens hat sein Name einen

guten Klang, gehen doch neben Großsedlitz noch andere beachtliche

Gartenkunstwerke – Wackerbarths Ruhe in der Lößnitz und die großzügige

Gartenplanung am Schlosse zu Zabeltitz – auf seine Initiative zurück.

Sein bevorzugter Architekt war Knöfel. Johann Christoph Knöfel, oder

Knöffel, wurde 1686 zu Dresden geboren – 1722 wurde er Landbaumeister

– 1728 Oberlandbaumeister. Im Schaffen Augusts des Starken tritt

er noch wenig hervor. Unter August II. arbeitete er viel für den

allmächtigen Minister des Königs, Brühl. Der Brühlsche Garten zu

Dresden, die große Gartenanlage zu Pforthen gehen auf ihn zurück. Er

war noch verhältnismäßig jung an Jahren, als ihn Wackerbarth mit der

Großsedlitzer Planung betraute. Wenn wir dies nur vermuten und über

die Künstler, die in Großsedlitz tätig waren, nur wenig Bestimmtes

wissen, so liegt es daran, daß die einzigen Zeugen, die Entwürfe,

Zeichnungen und Rechnungen bei dem Brand seines Wohnhauses, des

Gouvernementsgebäudes zu Dresden am 19. Januar 1728 verloren gingen.

[Illustration: Abb. 3. =Großsedlitz. Dritter Entwurf für den Garten,

der etwa der ausgeführten Anlage entspricht=

Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]

Großsedlitz, in Verbindung mit dem kaum eine Viertelstunde nordwestlich

gelegenen Dorfe Kleinsedlitz, war ehedem ein schriftsässiges Rittergut.

Eine große Feuersbrunst am 23. August 1715 (vgl. »Geschichte des

Königlichen Schlosses und Gartens und Erklärung der Statuen des

Parkes« von G. A. Abendroth. Zweite Auflage 1881) mag die Veranlassung

gegeben haben, daß Heinrich Gottlob von Wolffersdorff am 21. Juli

1719 das Rittergut Groß- und Kleinsedlitz für zwanzigtausend Gulden

an den Grafen von Wackerbarth verkaufte. Nun begann ein umfassendes

Planen und eine rege Bautätigkeit. Bereits am 29. September 1719 wurde

vier Einwohnern zu Kleinsedlitz durch den Beauftragten des Grafen,

den Oberkommissarius Hofrat Matthäus Gärtner, eröffnet, »daß Se.

Exzellenz auf’m Erlichtberge sich ein Gebäude aufzuführen Willens sei,

wozu er ihre daselbst gelegenen dreieinviertel Acker zweiundzwanzig

Ruthen nötig habe«. Gleichzeitig wurde die Planung von Großsedlitz in

Angriff genommen, denn am 6. Oktober 1719 meldete der Hofrat Gärtner

dem Gerichtsverwalter Barth, »daß er Dienstag, den 11. Oktober, früh

in Großsedlitz eintreffen werde, um denen, so zu dem zu erbauenden

Palais Land abgetreten, dafür Felder auf dem Kleinsedlitzer Berge

abzustecken und mit Pflöcken zu berammen«. Beide Planungen für Klein-

und Großsedlitz standen miteinander in Beziehung. Wie immer das

Bestreben jener Tage dahin ging, die ganze Umgebung in die Komposition

einzubeziehen, war das auf dem Erlichtberge in Kleinsedlitz geplante

Schloß mit Garten, Terrassen und reichen Kaskadenanlagen, für welche

das abschüssige Gelände nach dem Elbtale zu sehr glücklich benutzt

werden sollte, ausersehen, mit der Planung für Großsedlitz auch den

Blick auf Dresden und das westliche Elbtal zu erschließen. Die beiden

großen Anlagen sollten durch zwei Lindenalleen verbunden werden. Durch

Aufgabe des Projektes auf dem Erlichtberge kam hiervon nur ein Teil zur

Ausführung. Alle Mittel wurden auf die Großsedlitzer Anlage verwandt.

[Illustration: Abb. 4. =Großsedlitz. Blick vom Eingang auf das alte

Orangeriegebäude=]

Wir sind von der Planung unterrichtet durch den Entwurf, der sich in

der Kartensammlung der Staatsbibliothek in Dresden erhalten hat mit

der Bezeichnung: »~Projet du Château et Jardin de Sedlitz près de la

ville de Dresde au Comte de Wackerbarth~,« ohne Namen des Verfertigers

(Abbildung 1). Er dürfte auf Knöfel zurückzuführen sein.

[Illustration: Abb. 5. =Großsedlitz. Rückfront des alten

Orangeriegebäudes=]

Der Schöpfer der Planung machte sich eine Taleinsenkung des Geländes

in geistreicher Weise zunutze. Das Schloß mit zwei weit vorspringenden

Flügelbauten und die zu beiden Seiten im stumpfen Winkel symmetrisch

sich anfügenden Orangeriegebäude bilden als beherrschende Baugruppe

den Zielpunkt der Anlage. In den Achsen der drei Gebäude führen

Terrassen und reiche Wasseranlagen zur Taleinsenkung hinab, während

das ansteigende Gelände gegenüber als Waldstatt, durchschnitten

von Schneisen, ausgebildet ist. An diesen beherrschenden

Mitteltrakt schließt rechts und links je eine weitere Anlage an.

Wirtschaftsgebäude, Orangerie und Pavillonbauten dienen als Dominanten

der dem Gelände wiederum gut angepaßten Gartenanlagen. Auch hier setzen

weit in die Landschaft fortgeführte Alleen das Schloß mit der weiteren

Umgebung in Beziehung.

[Illustration: Abb. 6. =Großsedlitz. Aufgang zur Eingangsterrasse=]

Schloß und Orangeriegebäude kamen zuerst zur Ausführung. Doch

schon im Januar 1723 ging das Besitztum an den König über mit der

Bestimmung, daß Graf Wackerbarth über den eingetretenen Besitzwechsel

Stillschweigen zu beobachten und die Vollendung der gesamten Anlage

in seinem eigenen Namen, aber nach Angaben und auf Kosten des Königs,

auszuführen hatte. Die Geheimhaltung des Kaufes dauerte bis 1726, in

welchem Jahre die öffentliche Übergabe an den König erfolgte. In jene

vier Jahre fällt die Herstellung der Gartenanlagen, wie diese in ihrer

Grundform noch heute erhalten sind.

[Illustration: Abb. 7. =Großsedlitz. Blick vom »Aha« nach dem Schloß=]

Was tat nun der König? Ihm konnte bei seinen königlichen Bedürfnissen

das von Wackerbarth erbaute bescheidene Schlößchen nicht genügen. Er

erkannte wohl auch mit seinem sicheren, künstlerischen Blick, daß das

Schloß in seiner Anlage wenig glücklich in den Raum komponiert war, daß

es bei seinen bescheidenen Abmessungen, es bestand nur aus Erdgeschoß

und einem Stockwerk, nicht vermochte, der weitausgedehnten Anlage den

beherrschenden Mittelpunkt zu geben. So ging er ans Um- und Neuplanen,

und es ist naheliegend, daß er dazu die Künstler heranzog, mit denen

er seine sonstigen Baupläne durchführte. – Pöppelmann, den bewährten

Zwingerbaumeister und Zacharias Longuelune. Letzterer war 1664 in Paris

geboren und herangebildet, gehörte zu dem Kreis von Künstlern, welcher

sich am Hofe König Friedrichs I. von Preußen versammelt hatte und trat

nach des Königs Tod 1703 in sächsische Dienste. Mit Longuelune fand

in Sachsens Gartenkunst der großzügige Stil Lenôtres, des berühmten

Schöpfers der Versailler Gartenanlagen, Eingang, und man darf wohl mit

Sicherheit annehmen, daß ihm der Hauptanteil an der nunmehr vom König

zur Durchführung gebrachten Großsedlitzer Gartenschöpfung gebührt,

während Einzelteile der architektonisch-plastischen Arbeiten auf die

Meisterhand Pöppelmanns zurückzuführen sind. Auch urkundlich ist

bestätigt, daß Pöppelmann bei der Sedlitzer Planung tätig gewesen ist.

[Illustration: Abb. 8. =Großsedlitz. Das neue Orangeriegebäude mit

anschließendem Orangerieparterre=]

Nachdem der König es aufgegeben hatte, die Zwingeranlagen zu vollenden,

wendete er sich mit großem Eifer der Sedlitzer Anlage zu. In der

Sammlung für Baukunst an der Technischen Hochschule in Dresden und

anderen Sammelstätten finden sich noch heute eine Reihe von Plänen,

die des Königs korrigierenden Stift zeigen. Was letzten Endes das Ziel

seiner Pläne war, zeigt ein Originalplan im ehemaligen Königlichen

Oberhofmarschallamt in Dresden. (Abbildung 2.)

[Illustration: Abb. 9. =Großsedlitz. Seitlicher Blick auf das

Orangerieparterre=]

Das Schloß wird ganz ausgeschieden aus der Planung, die Hauptachse der

Gartenanlage auf das von Knöfel erbaute Orangeriehaus verlegt und an

dessen Stelle ein großer Schloßbau geplant. Diese Achse wird im Garten

zur beherrschenden erhoben durch reiche Kaskadenanlagen, die sich die

Taleinsenkung des Geländes zunutze machen. Zu beiden Seiten sollte in

der Tiefe, symmetrisch zur Hauptachse, je ein Orangerieparterre mit

Orangeriehaus liegen, von denen nur das linke zur Ausführung kam. In

ihrer Mittelachse führen aufsteigende heckenbegrenzte Wege zu einem

quadratischen Platze, der, dem Schloß gegenüberliegend, als Abschluß

der den Wald durchschneidenden Kaskade geplant war. In seiner Mitte

liegt ein großes Wasserbecken. Ein Parterre von achteckiger Form, mit

Pavillonbauten an den Eckpunkten, umschließt es. Eine lange Allee

in der Achse des Schlosses führt den Blick in die weite Landschaft,

und weitere zwei- und vierreihige Alleen stellen die Verbindung mit

der übrigen Gartenplanung her; denn seitlich der Orangerieparterre

schließen weitere Anlagen an, die als Waldstätten durchgebildet sind

und im Geiste der Zeit Stätten gesellschaftlichen Lebens, Stätten des

Spiels, lauschige Plätze und ruhige Wasserbecken bergen.

[Illustration: Abb. 10. =Großsedlitz. Aufgang am Orangerieparterre,

genannt »Die stille Musik«=]

Damit war eine Planung geschaffen, die durchaus den Anforderungen eines

glänzenden Hofes in einer prachtliebenden Zeit entsprach. In ihrem

architektonischen Aufbau wie in der Einzeldurchbildung stellt sie ein

Meisterwerk dar, dessen einzigartige Wirkung wir uns wohl vorzustellen

vermögen, wenn wir die auf uns überkommene Anlage im Geiste

entsprechend ergänzen. Denn leider reichten die Mittel des Königs nicht

zur völligen Durchführung des Planes. Von dem gesamten Entwurf kam nur

der östliche Teil, und auch dieser nur teilweise zur Ausführung.

[Illustration: Abb. 11. =Großsedlitz aus der Vogelschau=

(Nach einer Zeichnung des Verfassers)]

Ein Originalplan der Staatsbibliothek in Dresden, bezeichnet: »Plan

de Sedlitz 29. Januar 1732«, gibt den Zustand der Schöpfung wieder,

wie sie gegen Ende der Regierungszeit Augusts des Starken geplant

war und wie sie nahezu auf uns überkommen ist. (Abbildung 3.) Denn

nach dem Tode des kunstsinnigen Königs (1733) erlosch das Interesse

für Großsedlitz. Sein Sohn und Nachfolger August II. führte den

großzügigen Plan seines Vaters nicht weiter, wenn er auch hier oft

sein Hoflager aufschlug und die Ordensfeste in alter Pracht mit

wenigen Unterbrechungen jährlich am 3. August hier feierte. Noch 1756,

während Friedrich der Große schon seine Zurüstungen zum Einmarsch in

Sachsen vorbereitete, hielt er unter Lust und Jubel ein Ordensschießen

ab. Niemand ahnte wohl damals, daß anstatt der lustigen Fanfaren

beim Ordensfest schon wenige Wochen danach die Kriegstrompete hier

erschallen würde, daß die friedlichen Räume und die Wasserkünste

zerstört, die kupferne Bedachung des großen Orangeriehauses

herabgerissen und in die feindlichen Arsenale gesendet, die Statuen

aber fast ohne Ausnahme verstümmelt sein würden, wie uns Abendroth

berichtet. Neue Kriegsstürme um 1813, in welchen der Garten selbst zum

Schauplatze von Kämpfen wurde, schlugen weitere Wunden.

[Illustration: Abb. 12. =Großsedlitz. Blick auf das Orangerieparterre=

von der Terrasse oberhalb der stillen Musik]

Erst unter König Friedrich August II. (1836 bis 1854) und seinem

Nachfolger ging man an den Wiederaufbau. Zunächst wurde ein Teil

der Statuen, die neunzig Jahre verstümmelt und grau mit Moos und

Flechten überwachsen auf ihren Postamenten gestanden, in alter Weise

hergestellt, ein Umbau der großen Freitreppen am Orangerieparterre

vorgenommen und die Orangeriehäuser erneuert. Das 1813 zerstörte

Schloß wurde in den Jahren 1872 bis 1874 nur etwa in ein Drittel

der alten Größe wieder aufgebaut. War es schon vorher zu bescheiden

in seinen Abmessungen, um der großzügigen Gartenplanung einen

wirkungsvollen Abschluß zu geben, so steht es nunmehr als ein

bescheidener Bau ohne rechte Beziehung ziemlich verloren in der

Gesamtanlage. Und endlich wurde aus mangelnden Mitteln auf die

Wiederherstellung der Wasserkünste verzichtet und damit der Anlage ein

Hauptreiz genommen. Wenn wir auch annehmen müssen, daß die früheren

Wassermengen nicht eben bedeutende waren, so dürften sie doch genügt

haben, um die gewollte Wirkung einigermaßen zu erreichen. Die wenigen

durch eine neue Leitung heute mit Wasser gespeisten Becken können

nicht als Ersatz gelten. Wenn trotzdem der Garten von Großsedlitz auch

heute noch eine tiefe Wirkung ausübt, so vermag man zu erkennen, welch

bedeutsames Kunstwerk hier entstehen sollte, dessen heutige Gestalt wir

nunmehr durch einen Rundgang kennenlernen wollen.

[Illustration: Abb. 13. =Großsedlitz. Die große Freitreppe zwischen

Orangerieparterre und Kaskadenanlage=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 9-12 · 第 5 / 7 段