reineren Luft bessere Gedanken um dich. – Stelle dich auf einen nahen
Berg, sieh, wie der Sonne versinkender Ball seine letzte Glut das
Heimattal entlangwirft. Und du fühlst auf einmal deinen Heimatfluß als
lebendes Wesen, das wie ein müder Wanderer sich der Sonne nachschleppt.
– Abend, Feierabend. Fern ist ein Kirchlein vom letzten Strahl
beleuchtet, es scheint aus einem Bilderbogen herausgeschnitten. Vor dir
thront ein zerrissener Fels, stolz und breit, wie eine sagenhafte Burg.
Aus einer Buche Geäst weint die Drossel ein Lied. Die Sonne sehnt sich
zurück. Hab’ du auch Sehnsucht zur Sonne!«
»Suche dir, schaffe dir in deiner Heimat einen Lieblingsort. Dort
bettest du dich mit deinen Gedanken vor dem Lärm des Tages und der
Welt. Dort bist du eine stille Weile lang mit dem Geistesleben, das
durch die Natur rauscht, verwachsen. – Lerne auch hier! Das Blühen und
Werden der Natur ist Äußerung der Kraft. Nur wer Kraft entwickelt,
lebt! Nur wer Kraft entwickelt, hat Anspruch an das Leben! Nur wer
Kraft entwickelt, hinterläßt Spuren seiner Persönlichkeit und hat
darum nicht umsonst gerungen! Alle anderen sind Schwächlinge. – Doch
sieh noch einmal das liebe Tal! Drüben die weiten Fichtenwälder.
Ein Streifen dunkler Kiefern läuft zum Tal herunter, so daß es dem
Rückgrat eines ungeheuren Urwelttieres gleicht. Sieh noch einmal um
dich! Ach, vielleicht vergraben sich deine heißen Hände in die frisch
aufgeworfene Erde, du drückst eine feuchte Scholle, die Frische der
Erde durchrieselt deinen Körper, Kraft der Erde durchflutet dich, du
fühlst und erkennst es: Heimat!«
»Wenn du aus der Heimat auch gehst, nimm sie im Herzen mit! Auch die
Heimat ist deine Mutter. Und wer wollte seine Mutter vergessen?«
Emil Vogel.
Gefäßfunde in Ölsnitz i. E.
_J. Hottenroth_, Gersdorf, Bez. Chemnitz
Ende Juni 1925 stieß man im oberen Teile der Stadt Ölsnitz i. E.
beim Abtreiben einer Böschung auf ein sehr umfangreiches Lager
von altertümlichen Tongefäßen und kleinen Glasflaschen. Trotz der
erstaunlich großen Menge der Gefäße kamen eigentlich nur zwei Typen
zum Vorschein, und zwar dickbäuchige Tonflaschen mit dünnem, oben weit
ausladendem Halse und kleiner Standfläche und dann kleine Näpfchen von
eineinhalb bis vier Zentimeter Höhe. Alle Tonwaren waren glasiert und
auf der Drehscheibe hergestellt. Die kleinen Glasfläschchen bestanden
aus einem dünnwandigen, in allen Regenbogenfarben schillernden Glase.
Der Boden war kegelförmig weit nach innen gestülpt.
Der Fund erregte das größte Aufsehen, und an ihn knüpften sich bald
die gewagtesten Vermutungen. Die einen sahen in ihm vorgeschichtliche
Töpferei, die anderen Arzneiflaschen aus irgendeiner Pestzeit. Diese
seien, um die fürchterliche Seuche zu bannen, an der Fundstelle
vergraben worden. Ein besonders phantasiebegabter Erforscher heimischer
Geschichte schrieb allen Ernstes im Heimatblatte, daß die beiliegenden
kleinen Näpfchen slawische Tränenkrüglein seien. Die Wenden hätten noch
keine Taschentücher besessen und hätten infolgedessen bei Trauerfällen
die Näpfchen an die Augen gehalten, um die Tränen aufzusammeln.
[Illustration]
Mir war der Fund zu wichtig, um ihn auf solch kindliche Weise erklären
zu lassen. Er ist doch vor allem dazu angetan, das Dunkel, das noch
über der Keramik verschiedener geschichtlicher Zeiten schwebt, etwas
aufzuhellen.
Es galt deshalb zunächst genau die Zeit festzustellen, in der
die Flaschen und Töpfchen entstanden sein könnten. Daß sie nicht
prähistorisch sind, war ohne weiteres klar. Mir war, als Laien auf
diesem Gebiete, eine unbedingt sichere Datierung nicht möglich, meiner
Schätzung nach mochten die Fundstücke ungefähr dem sechzehnten oder
siebzehnten Jahrhundert angehören. Mit einer unsicheren Schätzung war
mir aber nicht gedient. Ich suchte deshalb zunächst Hilfe im Museum
für Volkskunde in Dresden, dessen keramische Schätze ich eingehend
studierte. Es fanden sich aber keine analogen Stücke darunter, was ja
auch nicht zu verwundern ist, da die volkskundlichen Gegenstände meist
nicht über hundert Jahre alt sind.
Nun sandte ich Belegstücke an Dr. Bierbaum, dem Kustos des
vorgeschichtlichen Museums in Dresden. Dieser schrieb mir: »Die von
Ihnen vorgenommene zeitliche Bestimmung (sechzehntes bez. siebzehntes
Jahrhundert), halte auch ich für richtig. Freilich könnten die Scherben
und Gläser auch noch jünger sein. Für eine genaue Datierung fehlen
leider alle Vergleichsfunde.« Ganz ähnlich äußert sich Dr. Zimmermann,
der erste Direktor des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg: »Die
uns zugesandten Muster möchten wir nicht vor das siebzehnte Jahrhundert
zurückdatieren.«
Wie sich später herausstellte, haben beide Herren vollständig recht.
Es fragt sich nun, welche Bewandtnis es eigentlich mit den Funden
hat. Zunächst ist doch die Annahme sehr naheliegend, daß am Fundorte
vor Zeiten eine Töpferei gestanden haben könnte. Daß hier nur
zwei bestimmte Gefäßformen vorkommen, steht dieser Ansicht nicht
entgegen. Es gibt ja heute noch Töpfereien, die sich auf ganz
bestimmte Erzeugnisse (Blumentöpfe usw.) einstellen. Im Germanischen
Museum war man der Meinung, es handle sich hier möglicherweise um
das Brüchlingslager einer Krugbäckerei. Wenn das so wäre, so fehlt
immer noch eine Erklärung für das Vorkommen der Tausende von kleinen
Glasflaschen am Fundorte. Es ist doch nicht anzunehmen, daß eine
Töpferei zugleich Glashütte war. Zudem hat sich aus den Ölsnitzer
Kaufbüchern und Akten ergeben, daß dort nie eine Töpferei vorhanden war.
[Illustration]
Die kleinen Näpfchen, die ungemein zahlreich neben den Ton- und
Glasflaschen lagen, brachten mich auf eine andere Lösung des Rätsels.
Diese Näpfe gleichen nämlich vollständig den Töpfen, die Ende
des vorigen Jahrhunderts von den »Königseern« mit Salben gefüllt
feilgeboten wurden. Ich sprach deshalb im »Ölsnitzer Volksboten« die
Vermutung aus, daß an der Fundstelle in früheren Zeiten vielleicht
eine Art Laboratorium für Arzneimittel gestanden haben könnte. Die
hier hergestellten Tinkturen und Essenzen kamen in die Ton- bzw.
Glasflaschen, die Salben in die Näpfe. Mit dieser Annahme wäre ja
auch zwangslos eine Erklärung für die auffälligen Größenunterschiede
der Tonflaschen gegeben. (Vier bis vierundzwanzig Zentimeter Höhe.)
Man sorgte eben für Groß- und Kleinabnehmer. Die Fundstelle wäre dann
ein trefflicher Beleg für die Verse, die Hartmann Schopper 1568 den
Apothekern als Charakteristikum beigegeben hat:
»~Mille tot unguentis, rebusque potentibus auctus,
Pyxides innumeras Pharmacopola gero.~«
Meine Ansicht ist aber mit spöttischem Lächeln aufgenommen und als
ganz unmöglich hingestellt worden. Und doch hat sie sich voll und ganz
bewahrheitet. Kantor Junghannß, der verdienstvolle Erforscher der
Ölsnitzer Geschichte hat aus seiner Chronik von Ölsnitz i. E. folgendes
festgestellt: An der Fundstelle stand früher ein Grünhainisches Gut,
dessen ältester nachweisbarer Besitzer Andreas Preßler hieß. 1696 besaß
es Georg Görner, der es 1723 seinem Sohne Augustin Görner überließ.
Augustin Görner war ein berühmter Kräuterarzt. Er hat in Ölsnitz von
1723 bis 1743 seine Praxis ausgeübt. Zur Verabreichung seiner Tinkturen
und Salben benutzte er Flaschen und Näpfchen, die er vielleicht in
einem besonderen Raume seines Gehöftes aufbewahrte. Die aufgefundenen
Gefäße müssen in den Jahren 1723 bis 1743 entstanden sein. 1854 wurde
das Bauerngut vom Fürst von Waldenburg angekauft und die Gebäude
abgebrochen. Dabei ist wahrscheinlich der Vorratsraum für die Gefäße
verschüttet worden.
[Illustration]
Bestätigt wird diese Feststellung noch durch einen alten Ölsnitzer, der
in seinem Heimatblatte Erinnerungen an das Görnersche, später Junghannß
Gut, veröffentlichte. Seine Großmutter habe ihm erzählt, daß hier vor
alten Zeiten eine Spezerei betrieben worden wäre, in der gute Salben,
Arzneien und Tinkturen für Menschen und Tiere hergestellt und in das
Gebirge überallhin verkauft wurden.
Die Ölsnitzer Gefäßfunde wären hiermit vollständig geklärt. Ihre
Bedeutung geht weit über das örtliche Interesse hinaus. So hat man
z. B. 1910 beim Straßenbau nach der Pappfabrik Steinbach (Blatt 139,
Annaberg) in Abteilung 45 ein den Ölsnitzer Tonflaschen völlig
gleiches Gefäß von zehn Zentimeter Höhe, vierzig Zentimeter tief
unter einem Granitblock aufgefunden. Die Deutung dieses Fundes, die
bisher nicht möglich war, macht nun keine Schwierigkeiten mehr. Es
handelt sich eben um eine Ölsnitzer Arzneiflasche, die aus irgendeinem
Grunde im Walde verborgen und nicht wieder abgeholt worden ist. Es
ist möglich, daß auch schon anderswo solche Funde gemacht wurden oder
noch gemacht werden. Die Ölsnitzer Fundstücke werden auch dann klärend
wirken können.
Wald und Wild
Gewidmet seinem lieben Freunde,
dem guten Jäger Forstmeister i. R. Paul Schneider
von _Bernhard_, Tharandt
Wald und Wild. Schon dem ähnlichen Klange beider Worte nach möchte
man annehmen, daß Wald und Wild zusammengehören. Das Wild ist an den
Wald nicht unbedingt gebunden. Wild ist in den Eiswüsten des hohen
Nordens, in den Steppen von Asien, Afrika und Amerika vorhanden, ist in
den Feldern und im Wasser heimisch. Dagegen ist der Ur- und Naturwald
wohl nicht ohne Wild denkbar. In ihm hält das Raubwild das Wild, das
sich von Pflanzenstoffen nährt, und dadurch bei Überhandnahme dem
Walde schaden könnte, kurz. Es hält aber auch gleichzeitig den Stand
dieses vom menschlichen Gesichtspunkt aus als Nutzwild zu bezeichnenden
Wildes hoch, weil es Auslese trifft, alle schwachen und kranken
Stücke des Nutzwildes vernichtet und nur die besten und schönsten
Stücke zurückläßt, die dank ihrer hervorragenden Eigenschaften in
der Lage sind, sich den Fängen des Raubwildes dauernd zu entziehen.
Anders im Kunstwald, im Forste, im Walde der Gegenwart, im Walde
unserer Gegenden. Seine Gaben muß der Mensch versuchen, sich nutz-
und dienstbar zu machen, das Holz zu gewerblichen Zwecken, das Wild
zur Volksernährung und nicht zuletzt zum menschlichen Vergnügen, zur
Ausübung der Jagd. Das Raubwild im Nutzwalde hält der Mensch kurz,
damit das Nutzwild sich ungehindert vermehren kann, so kurz, daß z. B.
der Heimatschutz in Sachsen zugunsten verschiedener Raubwildarten hat
eingreifen müssen, um sie aus unseren sächsischen Wäldern nicht ganz
verschwinden zu lassen. Ich erinnere nur an den Baummarder, an den
Uhu, an den Hühnerhabicht u. a. Dieser Schutz bekommt dem Nutzwilde
aber nur dann gut, es entartet nur dann nicht, wenn der Jäger, der
das Jagdrevier bejagt, wirklich Weidmann ist, nicht nur Schießer,
sondern auch Heger. Wenn er beim Abschuß Zuchtwahl übt, alle edlen der
Fortpflanzung würdigen Tiere erhält, alle der Fortpflanzung unwürdigen,
schwächlichen und kranken Stücken aber der Kugel verfallen läßt, und
wenn er dafür sorgt, daß dem Wilde auch jederzeit die zur vollkommenen
Entwicklung nötige Äsung geboten wird. Diese Äsung aber immer
rechtzeitig und vollwertig in unserem jetzigen Nutzwald zur Verfügung
zu stellen, ist schwierig. Sehen wir uns unseren Wald in Sachsen an,
meist besteht er aus dicht geschlossenen reinen Nadelholzbeständen.
Der Boden ist bedeckt mit reiner Nadelstreu, kein Sonnenstrahl dringt
zu Boden, kein Gräschen kann fern von der Sonne im dicken Nadelpolster
gedeihen. Aus den Jungbeständen aber, die sich noch nicht geschlossen
haben, in denen Sonne und Regen noch zum Boden können und wo noch
Gras und saftige Kräuter sprießen, wird das Gras als Futter für das
Vieh oder als Einstreu in die Ställe oder der Verdämmung der jungen
Holzpflanzen wegen ausgeschnitten und verkauft, vielfach ohne Rücksicht
darauf, daß mit der dauernden oder wenigstens häufigen Entnahme des
Grases dem Boden Kraft entzogen wird. Auch die Laubhölzer, deren
Blätter, namentlich im jugendlichen Zustande, unser Wild so gern äst,
sind durch unsere Wirtschaft aus unserem Walde verdrängt worden. Ebenso
ist die Mast von Eicheln und Buchen im dichten Stande des Kunstwaldes
geringer, als beim raumen Stande des Naturwaldes. Wo soll da das Wild
in unserem Walde die nötige Äsung hernehmen? Vernichtung des Raubwilds,
Veränderung des natürlichen Zustandes des Waldes fordern, wenn das
Nutzwild erhalten bleiben, gehegt werden soll, unbedingt sachgemäße
Fütterung – neben weidgerechtem Abschuß –, vor allem aber dann, wenn
das Wild, womöglich noch durch ein Gatter um den Wald am Austritt auf
die Felder verhindert wird, sei es zum Schutze für die Felder, sei es
zum Schutze seiner selbst vor den benachbarten Jagdeigentümern. Solche
Fütterung aber kostet Geld, das uns mangelt, und entzieht unserem Volke
außerdem mittelbar oder unmittelbar noch Nahrungsmittel, die wir so
wie so schon zur Befriedigung des Bedarfs teilweise aus dem Auslande
einführen müssen. Mit dem Mangel an Äsung, vor allem mit dem Mangel
an Lieblingsäsung und an Abwechslung bei der Äsung gewöhnt sich das
Wild aber auch Untugenden an, mit denen es dem Walde stark schadet.
Im Kampfe gegen diesen Schaden kommt der Forstmann in Widerstreit
mit dem Jäger. Der Forstmann sucht seinen Wald, der Jäger sein Wild
zu schützen. Der Forstmann ist verpflichtet, aus seinem Walde bei
möglichst sparsamen Aufwand an Kapital und Arbeit in möglichst kurzer
Zeit dauernd möglichst hohe Werte herauszuwirtschaften. Dies Ziel
zu erreichen, hindern ihn die Untugenden des Wildes im Walde, die
sich besonders durch Schälen und Verbeißen der Holzpflanzen äußern.
Das Wild schält dreißig bis vierzig Jahre alte glatte Fichtenstangen
in Reichhöhe seines Geäses und den dritten Trieb von der Spitze
her etwa zehn Jahre alter Kiefernjungwüchse. Die Schälstellen der
Fichten verharzen und überwallen zwar wieder und der Baum selbst
bleibt erhalten, aber er wird im Innern faul und im Ganzen wertlos,
mindestens wird sein Wert stark vermindert. Bei den Kiefern stirbt der
Baumteil oberhalb des geschälten Triebes meist ab und die Kiefer muß
durch Aufrichten eines Seitentriebes einen neuen Schaft bilden, der
natürlich nie so grade wie der ursprüngliche Schaft wird, sondern an
der Abzweigung vom ursprünglichen Stamme stets eine Krümmung aufweist.
Durch diese Krümmung wird der Stamm entwertet. Durch Verbeißen werden
die jungen Pflanzen zum Teil ganz vernichtet, zum Teil so stark an
der Bildung eines guten Schaftes behindert, daß ihre Entwicklung
erheblich verzögert und ihre Erzeugung von Nutzholz wesentlich
beeinträchtigt werden. Als Mittel zur Bekämpfung dieser Schäden am
Walde durch das Wild stehen dem Forstmann zur Verfügung: Schutz der
einzelnen Pflanzen durch Verwittern mit übelriechenden Klebmitteln
und Umstecken mit Reisig oder Einzäunen der jungen Bestände, um das
Wild am Zutritt zu den zu schützenden Waldteilen überhaupt zu hindern.
Letztere Maßnahme beschränkt die Äsungsmöglichkeit des Wildes stark.
All diese Maßnahmen kosten auch viel Geld. An Geld aber mangelt es uns
jetzt in Deutschland. Wenn der Forstmann kein Geld aufwenden darf,
für Mittel zum Schutze seines Waldes vor Schäden durch das Wild, wenn
er keine Mittel bewilligt erhält, sein Wild im Kunstwalde reichlich
und gut zu füttern, so bleibt ihm nichts anderes zu tun übrig, als
die Zahl des Wildes in seinem Walde so weit zu _beschränken_, daß
die in seinem Walde vorhandene spärliche Äsung zur Ernährung seines
Wildstandes völlig ausreicht und der Schaden, den das Wild dem Walde
zufügt, nicht mehr so stark wie bisher in die Augen fällt. Diese
Maßnahmen sind um so nötiger zu einer Zeit, in der die Forstleute, wie
gegenwärtig in Sachsen, bestrebt sind, dem reinen Nadelwalde wieder
Laubholz einzufügen und in der jede junge Laubholzpflanze aber vom
Wilde – vom Hasen bis zum Hirsch – als willkommene Abwechslung in der
einförmigen Äsung des eintönigen Kulturwaldes betrachtet und vernichtet
wird. So entsteht in unserer armen und dadurch nüchternen Zeit die
Frage, wird der Schaden, den das Wild dem Kulturwald zufügt und der
in Sachsen sich nach Millionen beziffert, aufgewogen durch die Rente,
die die Jagd abwirft. Und hier setzt der Heimatschutz ein, mit der
Antwort, bei der Verdrängung des Wildes aus dem Walde handelt es sich
nicht nur um materielle, sondern auch um ideelle Güter; denn das Wild
belebt den Wald, sein Anblick im Walde fördert das Waldbild und jede
Verschönerung des Waldbildes wirkt erhebend auf das menschliche Gemüt.
Die Hebung des Waldbildes durch Wild ist nur möglich, wenn es sich
wirklich um »Wild«, um freies, edles, in Form und Bewegung schönes Wild
handelt. Wild im Gatter, im Tierpark, überhegtes Wild, das auf Äsung
aus Menschenhand wartet, ist kein Wild mehr, dessen Schutz sich der
Landesverein Sächsischer Heimatschutz zum Ziel setzen darf und kann.
Nicht jedem laut daherpolternden, singenden Wandervogel muß es vergönnt
sein, draußen im Walde »viel Wild« zu sehen und womöglich gar ein
Rehkitz in der Wiese zu finden, und anstatt es ruhig an seinem Platze
zu belassen, es zum nächsten Forsthause zu tragen. Nein, nur der echte
und wahre Naturfreund, der mit heiligem Schauer das Leben der Natur
betrachtet, soll auf seinen stillen Morgen- und Abendgängen hier und
da ein stolzes Stück Wild in freier Wildbahn über den Weg ziehen oder
auf der Waldwiese am Bestandsrande äsen und den Kopf zur Sicherung
aufwerfen sehen. Und so deckt sich auch meiner Ansicht nach das Ziel
des Heimatschutzes gegenwärtig mit dem Ziel des Forstmanns und Jägers
in unserem Kunstwalde: kräftiges, gesundes und edles Wild in _der_
Zahl bis zu besseren Zeiten durchzuhalten, in der es unser Wald auch
wirklich ernähren kann. Nur der wirkliche Naturfreund, nur der echte
Heimatschutzmann werden von diesem Wild aber hier und da noch ein
Stück zu Gesicht bekommen und sich an seiner Schönheit erfreuen, ebenso
wie es der Weidmann tut, dem es darauf ankommt, nicht zu schießen,
sondern sich mit den Gewohnheiten seines Wildes so vertraut zu machen
und sich selbst so zu beherrschen, daß er trotz Unterlegenheit an
Sehkraft und Gehör und trotz des Mangels des beim Wilde so stark
ausgeprägten Geruchsinns stets der Überlegene bleibt. Die Freude am
jagdlichen Erfolge steigt beim Jäger mit der Schwierigkeit, den Erfolg
zu erringen. Auch beim Naturfreund wird sich die Freude, »Wild« zu
Gesicht zu bekommen, mit der Seltenheit und Schönheit des Anblickes nur
erhöhen.
Schloß Augustusburg als Reichsdenkmal für unsere im Weltkrieg Gefallenen
Von _Otto Eduard Schmidt_
Aufnahmen des Heimatschutzes
Der Gedanke, der Gesamtheit unserer im Weltkrieg Gefallenen unter
Beteiligung des ganzen Volkes von Reichs wegen ein würdiges Denkmal
zu weihen, lebt immer von neuem auf und ist trotz des für uns
ungünstigen Ausganges des Krieges unabweisbar. Denn in welcher anderen
Zeit hätte wohl das deutsche Volk, in Sonderheit seine Frontkämpfer,
ein größeres, ergreifenderes und wirkungsvolleres Heldentum an den
Tag gelegt? Aber unser Schicksal und unsere Lage ist derart, daß
sie uns nicht zu einem stolzen und prunkvollen Neubau hindrängt.
Aus dieser Empfindung heraus ist der Plan entstanden, eine unserer
altberühmten Burgen zum Reichsdenkmal der Gefallenen zu weihen. Zu
den Burgen und Schlössern, die dafür in Betracht kommen, ja sogar zu
einer schon getroffenen engeren Auswahl unter denselben gehört auch
unsere sächsische Augustusburg, und ein durch seine Vaterlands- und
Heimatsliebe wohlbekannter Mann, Geheimrat Meinel auf Tannenbergstal
in Sachsen, hat soeben in einer an den Reichsminister des Innern
gerichteten Eingabe diesen Plan mit warmen Worten empfohlen. So wird
er binnen kurzem die Öffentlichkeit beschäftigen. Deshalb hat mich
der Vorstand des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz ersucht, in
den »Mitteilungen« von den mir naheliegenden landeskundlichen und
geschichtlichen Gesichtspunkten aus über das genannte Schloß und die
darauf sich erstreckenden Pläne zu berichten.
[Illustration: Abb. 1. =Vorhof der Augustusburg mit der Auffahrt=]
[Illustration: Abb. 2. =Die Augustusburg mit dem inneren Tor=]