Ursprungs. Wir wissen ja, daß unser Land größere natürliche,
stehende Gewässer nicht besitzt und daß die heute besonders in den
Flachlandschaften östlich der Elbe so zahlreichen ausgedehnten Teiche
sämtlich künstlich angelegte Stauteiche sind, deren erste Anfänge zwar
in die Zeit nach der Besiedlung des Landes und seiner Urbarmachung
durch die Deutschen fallen, die in ihrer Mehrzahl aber in noch
späteren Jahrhunderten entstanden sind. Durch ihre Anlage erst wurde
der Lachmöwe die Möglichkeit zur Ansiedlung und zur Gründung von
Brutkolonien geschaffen. Nun ist es allerdings nicht ausgeschlossen,
daß der Vogel vor dem Vorhandensein von Teichen bereits im Bereiche der
Elbe, deren Lauf ehedem ja weite Altwässer und dergleichen begleitet
haben mögen, Heimatsrechte im Lande besessen haben kann, doch sind
wir für eine derartige Annahme ausschließlich auf Vermutungen, nicht
aber auch auf gesicherte Beweise angewiesen. Das älteste sächsische
Vogelverzeichnis, das den meißnischen Arzt und Naturforscher Kentmann
(nicht aber den meißnischen Rektor Fabricius, wie Bernh. Hoffmann,
Mitt. Sächs. Heimatsch. 12, 1923, S. 41, irrtümlich angibt) zum
Verfasser hat und das die um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bei
Meißen an und auf der Elbe vorgekommenen Vögel aufzählt, nennt auch
eine Anzahl »Miben« (= Möwen). Doch lassen sie sich mit Sicherheit
auf ihre Art nicht feststellen (der Hoffmannsche Versuch einer
Namenserklärung ist in vielem zu gezwungen, wennschon die Lachmöwe
bestimmt mit unter den aufgezählten Vögeln sich befinden dürfte) und
außerdem sagt es uns leider gar nichts über die Art des Vorkommens
selbst. Es ist also, selbst wenn wir dabei außer acht lassen, daß es
bereits in eine verhältnismäßig späte Zeit fällt, für unsere Frage ohne
Wert.
[Illustration:
Aufnahme von E. Schwarze
Abb. 1. =Aus der ehemaligen Lachmöwenkolonie des Dippelsdorfer Teiches=
bei Moritzburg]
Die am frühesten im Schrifttum erwähnte sächsische Lachmöwenkolonie ist
die heute allerdings nicht mehr bestehende auf dem Dippelsdorfer Teich
bei Moritzburg gewesen; über sie berichtete 1840 der besonders um die
sächsische Säugetierforschung verdiente A. Dehne an Christian Ludwig
Brehm, daß sie fünfhundert Brutpaare umfasse. 1893 schätzte sie F.
Helm, nachdem sie, da der Dippelsdorfer Teich von 1864 bis 1876 trocken
gelegen und landwirtschaftlichen Zwecken gedient hatte, zeitweise
erloschen gewesen sein muß, wiederum auf etwa fünfhundert Paare, und
1906 noch trafen der verstorbene Mayhoff und R. Schelcher einen Bestand
an, »der der früheren Herrlichkeit nicht allzuviel nachgeben mochte.«
In den folgenden Jahren aber nahm die Zahl der Vögel rasch ab, bis in
den letzten Kriegsjahren die Kolonie gänzlich erlosch. Zeitlich mit
dem Eingehen der Dippelsdorfer Kolonie fällt wohl auch das Eingehen
einer kleineren Siedlung auf dem Moritzburger Frauenteich zusammen,
deren Stärke 1910 Mayhoff und Schelcher auf vierzig bis fünfzig Paare
bezifferten. Das Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie führte zur
Entstehung einer anderen oder, wenn diese (in dann aber kleinerem
Umfange) schon bestanden haben sollte, zu deren Aufblühen, nämlich der
auf dem Freitelsdorfer Vierteich, der heute bedeutendsten Sachsens.
Hoffmann schätzte 1916 ihre Stärke auf eintausendfünfhundert Paare und
mit eintausend Paaren bezifferte sie auch Mayhoff, eine Zahl, die auch
ich auf Grund meiner zahlreichen Besuche der Kolonie während der Jahre
1920 bis 1924 für die der Wirklichkeit am nächsten kommende halten
möchte. Für 1925 allerdings melden Beobachter – ich selbst konnte die
Kolonie in diesem Jahre leider nicht besuchen – einen Rückgang ihres
Bestandes. Dafür jedoch hat eine andere Kolonie, die im Schrifttum
früh schon genannt wird, aber in den Jahren nach dem Kriege sehr
zusammengeschrumpft war und nur noch höchstens fünfzig oder etwas mehr
Paare umfaßte, einen neuen Aufschwung genommen, nämlich die auf dem
Adelsdorfer Spitalteich. Ihre ersten Erwähnungen fallen in das Ende der
siebziger und in die erste Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen
Jahrhunderts. Aus dieser Zeit liegen auch Schätzungen vor, die ihre
Stärke auf eintausend Paare beziffern. Zeitweilig splitterten Teile von
ihr ab und führten zur Entstehung kleinerer Kolonien auf benachbarten
Teichen, und später erlosch sie sogar gänzlich. Um 1900 hat sie
bestimmt nicht mehr bestanden, und erst nach der Jahrhundertwende
besiedelte unser Vogel den Teich von neuem. Bei einem Besuche der
Kolonie Ende Mai dieses Jahres, wobei ich dank dem liebenswürdigen
Entgegenkommen des Bewirtschafters des Teiches die Kolonie in ihrem
gesamten Umfange mit dem Boote abfahren konnte, bot sie sich in einer
Schönheit und einer Stärke dar, die der Freitelsdorfer Kolonie nicht
oder nur um ein Geringes nachstand. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
die Entstehung der ersten Kolonie auf dem Adelsdorfer Spitalteich eine
Folge des Erlöschens der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger Jahren
des verflossenen Jahrhunderts gewesen ist; die dort zum Abwandern
gezwungenen Vögel ließen sich hier nieder.
[Illustration:
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 2. =Brütende Lachmöwe= (Vierteich bei Freitelsdorf)]
Eine ebenfalls größere Kolonie beherbergte lange Zeit auch der
Grüngräbchener Lugteich. Ihr Erlöschen fällt noch in die Zeit vor dem
Krieg, doch siedelten sich 1922 von neuem gegen fünfzig Paare auf
dem Teiche an. Im darauffolgenden Jahre allerdings kehrte nur eine
verschwindend kleine Anzahl wieder zurück, und 1924 waren es nur noch
ganze zwei Paare, die auf dem Teiche brüteten. Im nördlich angrenzenden
preußischen Gebiet bestanden eine etwas größere (einige hundert Paare
umfassende?) Kolonie bei Niemtsch und eine kleine bei Kroppen. Die
erstere erlosch 1910 infolge der Entwässerung der Teiche durch den
Bergwerksbetrieb, während ich über die zweite, anscheinend ebenfalls
nicht mehr bestehende, zuverlässige Nachrichten bisher nicht erlangen
konnte. Außer diesen beiden, im Schrifttum bereits bekannten Siedlungen
scheinen hier und da aber auch noch einzelne kleinere Kolonien
vorhanden zu sein; sie entgehen dem Beobachter meistens, weil sie einem
dauernden Wechsel unterworfen sind, hier erlöschen und dort wieder
neu aufleben. So stellte z. B. 1924 E. Dittmann, Dresden, eine kleine
Siedlung unseres Vogels auf dem Sorgeteich bei Guteborn fest.
Weiter östlich sind es besonders die Gegend von Königswartha und die
sich dieser im Norden anschließenden Landschaften der preußischen
Oberlausitz, die von jeher volkreiche Brutkolonien unseres Vogels
beherbergt haben und sie auch heute noch beherbergen. Bernhardt
Hantzsch erwähnt 1903 als noch auf sächsischem Gebiet gelegen eine
kleinere, etwa zweihundert Paare umfassende, anscheinend aber nicht
lange bestehende und heute nicht mehr vorhandene Kolonie auf dem
Commerauer Mühlteich; ich lernte weitere auf den Caßlauer Wiesenteichen
und dem Caminauer Altteich kennen, die aber beide 1924 infolge
vorgekommener Störungen aufgegeben wurden und von denen die auf den
Caßlauer Wiesenteichen in diesem Jahre von mindestens zweihundert
Paaren von neuem besiedelt, aber leider ein Opfer von Krähen wurde,
die sie fast restlos plünderten. 1924 entstand eine kleine, nur einige
wenige Paare umfassende Kolonie auf dem Holschaer Großteich (begründet
wohl von Vögeln, die von den Caßlauer Wiesenteichen abgewandert waren),
die aber in diesem Jahre meines Wissens nicht wieder besiedelt worden
ist.
Die größten Kolonien der Gegend liegen jedoch dicht jenseits der
Landesgrenze auf preußischem Gebiet. Es sind die von Koblenz und
Klösterlich-Neudorf (bei Wittichenau). Stolz nennt 1911 die bereits
1903 Bernhardt Hantzsch bekannt gewesene Koblenzer Kolonie eine
»kleine Siedlung«. Sie muß aber dann sehr schnell volkreicher geworden
sein, ging um das Kriegsende aber wieder zurück und stieg danach von
neuem langsam an; 1924 konnte ich auf Grund wiederholter Besuche
ihren Bestand auf mindestens sechshundert Paare einschätzen. 1925
bot sie sich bei meinem ersten Besuch am 20. Mai viel vogelärmer als
im vorhergegangenen Jahre dar, und bei einem weiteren am 30. Mai
stellte sie sich als fast restlos vernichtet dar: sie war ein Opfer
rücksichtslosester Eierräubereien durch Unbefugte (wohl durch die
Belegschaft der nahen Kohlengrube Werminghoff) geworden. Die Neudorfer
Kolonie war und ist auch heute noch eine der größeren; ihr Bestand
dürfte zeitweilig an tausend (und vielleicht noch mehr) Brutpaare
herangekommen sein. Auch sie ging in den letzten Jahren zurück (in dem
Maße, wie die Koblenzer Kolonie volkreicher wurde?), nahm aber dann in
diesem Jahre wieder (zum Teil wohl durch Zuzug der von den Koblenzer
Teichen abgewanderten Vögel) einen neuen Aufschwung und dürfte zuletzt
gegen fünfhundert (oder auch etwas mehr) Paare umfaßt haben. Neben
diesen größeren Kolonien werden im Schrifttum auch noch einzelne, meist
nur wenige Paare umfassende kleinere Kolonien erwähnt, die aber, wie
wir dies ja auch schon in anderen Fällen sahen, nie von langem Bestand
und einem dauernden Wechsel unterworfen gewesen sind; sie immer mit
Sicherheit zu erfassen und zu verzeichnen, ist in dem ausgedehnten,
ja so teichreichen Gebiete für den einzelnen Beobachter jedoch nicht
leicht.
Im äußersten Osten Sachsens bestanden schließlich früher noch zwei
Kolonien bei Großhennersdorf und Burkersdorf, die um 1860 sehr
volkreich gewesen sein sollen, später aber abnahmen, und – nachdem 1887
die Nester durch ein Hochwasser zerstört worden waren – 1890 gänzlich
erloschen. Auf angrenzendem schlesischem Gebiet endlich begegnen wir im
Kreise Görlitz noch drei weiteren Kolonien, nämlich auf dem Sohrteich
bei Görlitz, bei Ullersdorf und bei den Spreer Heidehäusern. Die
erstere ist seit mehr als hundert Jahren bekannt gewesen, sie soll um
1820 »Hunderte von Paaren« umfaßt haben, ging aber dann in den Jahren
von 1910 bis 1913 ein. Die zu Ullersdorf bezeichnete William Baer
1898 als »womöglich noch stärker« als die auf dem Sohrteiche, doch
traf auch sie das Schicksal der letzteren, sie erlosch 1920. Dagegen
hat aber die, von mir 1923 besuchte, der Spreer Heidehäuser in den
letzten Jahren stark gewonnen, Pax bezifferte 1924 ihren Bestand mit
sechshundert Paaren eher zu niedrig, als zu hoch.
Wenden wir uns nun kurz noch dem Vorkommen des Vogels auch in
Westsachsen zu, so müssen wir feststellen, daß dieser Teil des
Landes augenblicklich keine einzige Kolonie mehr aufweist und daß
die früher hier vorhanden gewesenen sich niemals auch nur annähernd
mit den ostelbischen messen konnten. Eine kleine, nur dreißig bis
vierzig Paare umfassende Siedlung bestand 1873 (und nur in diesem
Jahre?) auf dem Burkartshainer Teich bei Wurzen, eine andere wird
für die achtziger Jahre vom Müncherteiche bei Grimma genannt. Eine
ebenfalls nur vorübergehende kleinere, vielleicht bis oder etwas
über hundert Paare umfassende Kolonie verzeichnet weiter Hennicke
für den Anfang der neunziger Jahre für die Rohrbacher Teiche. Seit
Mitte der achtziger Jahre wird ferner das Brüten unseres Vogels von
den Frohburg-Eschefelder Teichen erwähnt; die ebenfalls niemals groß
gewesene Kolonie erlosch um 1913, obgleich auch in späteren Jahren
ab und zu hier nochmals einige Paare gebrütet haben mögen. Die Vögel
scheinen sich nach den nahen, auf altenburgischem Gebiete gelegenen
Haselbacher Teichen gewendet zu haben, die als Niststätte von
Lachmöwen 1889 erstmals erwähnt werden und, mit dazwischen gelegenen
Pausen, noch bis in die letzten Jahre einzelnen Paaren des Vogels
Nistgelegenheit geboten haben. Schließlich gedenkt auch Richard Heyder
des Brutvorkommens weniger Paare während der Jahre 1912 bis 1914 auf
dem Großhartmannsdorfer Teich. –
[Illustration:
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 3. =Lachmöwe auf das Nest gehend= (Klösterlich-Neudorf O./L.)]
Unsere vorstehenden, kurzen Untersuchungen über die Lachmöwensiedlungen
unserer Heimat lassen dabei ganz von selbst die Frage entstehen: »Wie
verhält es sich mit dem zahlenmäßigen Bestand unseres Vogels, ist er
sich gleich geblieben oder hat er, wie dies so oft behauptet worden
ist, und wie ich dies auch selbst – ich betone dies ganz besonders –
bisher angenommen habe, eine wesentliche Abnahme erfahren?« Eine alle
Zweifel ausschließende Beantwortung derselben ist allerdings nicht ganz
leicht, ja, vielleicht überhaupt nicht möglich. Denn uns fehlen dazu
aus der Vergangenheit die notwendigen Unterlagen, Untersuchungen und
Aufzeichnungen sowohl über die Zahl der ehemals vorhandenen Kolonien –
die Zahl der aus dem ostelbischen Gebiet aus der Gegenwart bekannten z.
B. ist größer als diejenige der in gewissen Zeiten im Schrifttum der
Vergangenheit erwähnten – ebenso wie auch sorgfältige Schätzungen ihres
Vogelbestandes. Die letzteren sind fast immer ganz allgemein in den
meistens auch heute noch gebrauchten, nichts oder nur wenig sagenden
Ausdrücken »einige hundert Paare« oder bei stärkeren Kolonien »tausend
Paare,« »über tausend Paare« usw. gehalten. Wenn man nun aber die auf
uns überkommenen wenig exakten Angaben etwas kritisch einzuwerten
vermag und nie die einzelne Kolonie an sich betrachtet, sondern dabei
das Gesamtvorkommen des Vogels in dem unseren Untersuchungen zugrunde
liegenden Gebiete im Auge behält, wenn man ferner aus den Verhältnissen
der Gegenwart unvoreingenommene Schlüsse zu ziehen imstande ist, und
schließlich die Kolonien selbst auch kennt und den unseren Vögeln im
Gebiete zur Verfügung stehenden Lebensraum berücksichtigt, so kommt
man zu dem Schluß, daß eine wirklich erhebliche Abnahme im Bestand
der Lachmöwe in unserem Gebiete sich nicht nachweisen läßt und daß
eine solche Abnahme auch gar nicht wahrscheinlich ist. Wir sehen zwar
Kolonien verschwinden, an ihrer Stelle aber auch immer wieder neue
entstehen oder bereits vorhandene volkreicher werden. Erinnert sei hier
nur an das erste Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger
Jahren, an das sich, wenn meine Nachforschungen an Ort und Stelle nicht
trügen, höchst wahrscheinlich die Entstehung der Adelsdorfer Kolonie
knüpft, erinnert an das Eingehen auch der späteren Dippelsdorfer
Kolonie, das die Entstehung oder zum mindesten ein gewaltiges Aufblühen
der heute so großen und wirklich prächtigen Freitelsdorfer Kolonie
zur Folge hatte und deren wahrscheinliche (immerhin dann aber nur
geringere) Abnahme in diesem Jahre mit einem kaum geahnten Anwachsen
der fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken gewesenen Adelsdorfer
Kolonie verknüpft ist. Die oben erwähnte Abnahme auch der Neudorfer
Kolonie in den letzten Jahren spiegelt sich wahrscheinlich in der
gleichzeitigen Zunahme der Koblenzer Kolonie wieder, das Eingehen der
Kolonien auf den Caßlauer Wiesen- und dem Caminauer Altteich 1924
drückt sich wiederum in der Stärke der Koblenzer Kolonie im gleichen
Jahre aus, die die des vorhergegangenen um ein ganz erhebliches
übertraf, und die Vernichtung der Koblenzer Kolonie in diesem Jahre
hatte, wie sich von den im Gebiete regelmäßig anwesenden Beobachter
leicht verfolgen ließ, die Wiederbesiedlung der Caßlauer Wiesenteiche
und eine deutlich zum Ausdruck kommende Bestandszunahme der Neudorfer
Kolonie zur Folge. – Man hat bisher nur immer das Verschwinden einer
Kolonie als Verlust gebucht, aber selten auch die Entstehung neuer oder
das Aufblühen bereits bestehender auf der Gewinnseite eingetragen.
[Illustration:
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 4. =Brütende Lachmöwe= (Klösterlich-Neudorf O./L.)]
Die Lachmöwe hat oft etwas zigeunerhaftes an sich; sie liebt den
Wechsel, der sich besonders im Entstehen und Wiederverschwinden
der kleineren Kolonien ausdrückt. Aber auch die Art der
Teichbewirtschaftung ist von großem Einfluß auf die einzelnen
Kolonien, ihren zeitlichen Bestand und ihre Stärke; das Eingehen der
Dippelsdorfer Kolonie gegen Kriegsende z. B. scheint mit der durch den
Krieg bedingten größeren Rohrnutzung in unmittelbarem Zusammenhang
zu stehen. Daß schließlich auch wilde Eierräubereien, wie wir sie in
dem Koblenzer Beispiel kennen lernten, Kolonien gefährden können und
gefährden müssen, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises, dies
zeigt uns deutlich ja das eben erwähnte Beispiel. In diesem Falle haben
sich die Schädigungen lediglich örtlich ausgewirkt: sie veranlaßten
die von den Plünderungen betroffenen Vögel lediglich zur Abwanderung
nach Teichgebieten in der unmittelbaren Nachbarschaft, würden
aber wohl bestimmt das Verschwinden der Vögel im Gebiet überhaupt
zur Folge gehabt haben, wenn dieses infolge seines Teichreichtums
ihnen eben nicht die Möglichkeit der Ansiedlung an anderen, weniger
gefährdeten Stellen geboten hätte. Die Vögel würden und müßten gänzlich
verschwinden, wenn ähnliche rücksichtslose Nestplünderungen wie sie
1925 in fast ohne weiteres Beispiel dastehender Weise die Koblenzer
Kolonie betroffen haben, auch die übrigen treffen würde. Hoffen wir
daher, daß dieser Fall trotz vieler Ansätze dazu (die Freitelsdorfer
Kolonie z. B. leidet ebenfalls stark unter Eierräubereien durch
Unbefugte) niemals eintreten und daß es uns allmählich gelingen möchte,
die heute eingerissene, aus einem falschen Freiheitsbegriff entstandene
Zügellosigkeit einzudämmen und die Massen wieder zur Achtung der
heimatlichen Landschaft und ihrer hohen Werte zu erziehen!
Aus den Tagen der Kurfürstlichen und Königlich Sächsischen Post, 1770
bis 1865
Unter diesem Titel sind zwölf überaus reizvolle farbige Bilder von dem
im Jahre 1917 verstorbenen Herrn Geh. Postrat Karl Thieme in Dresden
aus Anlaß des Sachsentages im Juli 1914 erstmalig herausgegeben worden.
Den Druck dieser schönen Bilder, deren Originale zum größten Teil von
dem im Jahre 1922 im hochbetagten Alter verstorbenen Hofrat und Kustos
der Gemäldegalerie Gustav Otto Müller stammen, hat die Lehmannsche
Buchdruckerei in Dresden in vorzüglicher Weise ausgeführt[2].
Die jeder Serie beigelegten Erläuterungen machen diese Bilder jedem
Heimatfreund besonders wertvoll.
[Illustration]
Wir bringen hier eine Wiedergabe des zwölften Bildes, das vom genannten
Herausgeber in sinniger Weise mit den Worten »Das Lied ist aus«
bezeichnet ist.
Der weltbekannte, im Jahre 1793 eingerichtete und nach dem Kaiser Franz
I. benannte Kurort Franzensbad, von dessen »Sauerbrunnen bei Eger« wir
seit 1542 einen gedruckten Nachweis besitzen, dessen Bäder aber erst im
17. Jahrhundert benutzt wurden, hatte bis 1865 noch keine Eisenbahn.
Alljährlich strömten viele Hunderte von Patienten den kräftigen Quellen
von Franzensbad zu. Nachdem die letzten Stationen der Sächsischen
und Bayrischen Bahnlinien von den Reisenden verlassen worden waren,
benutzten sie den schnellen Eilpostwagen oder die teure Extrapost,
um ihr Ziel zu erreichen. Die meisten Kurgäste konnten sich diese
Mehrausgabe schon leisten und erfreuten oft genug den schmucken
Postillion, der unterwegs seine besten Stücke blies, mit einem
Extratrinkgeld.
Da gab es bei dem Kaiserlich-Königlichen Postamt zu Franzensbad ein
buntes Gedränge von Österreichischen, Bayrischen und Sächsischen
Postillionen, die in guter Kameradschaft miteinander lebten und sich
gern ein gutes Schöppchen gönnten. Auf unserem Bilde erblicken wir
drei solche brave Ritter vom steifen Stiefel. Ach, in den Becher
ihrer Daseinsfreude fällt ein bitterer Tropfen banger Beklemmung, als
sie den ersten Wagenzug auf der neuen Eisenbahn heranbrausen sehen.
So viele Passagiere schleppt das eiserne Ungetüm heran, so viel
»honorige« Passagiere, die kaum in zwanzig Extrapostkutschen Platz
hätten. Wo bleiben wir armen Postillione? ist wohl ihre sorgenvolle
Frage. Der lebhafte Österreicher fuchtelt grimmig mit den Händen, als
möchte er am liebsten die heimtückische, fauchende Lokomotive von den
Schienen herunterstoßen, der betrübte Sachse vergißt ganz und gar
den tröstlichen Schoppen, den er in der Linken hält. Das treffliche
österreichische Bier kommt ihm heute gallenbitter vor. Am meisten
erregt unsere Teilnahme der brave alte Bayer, der in seinem einfachen
blauen Stallkamisol auf dem Bänkchen vor dem Posthause sitzt. Hätte
er, wie die beiden anderen Kameraden, auch seine Galauniform an, so
könnten wir seine schmucke Erscheinung bewundern, denn die bayrische
Postverwaltung hat in der geschmackvollen Ausstaffierung ihrer
Postillione immer etwas los gehabt.
Unser ergrauter bayrischer »Schwager« schaut auf die gewaltige
Rauchsäule der Lokomotive, indes seiner Pfeife kein Wölkchen mehr
entsteigt. Vielleicht denkt er:
Rauch ist alles ird’sche Wesen!
Wie des Dampfes Säule weht
Schwinden alle Erdengrößen,
– Auch der Postillion vergeht.
Und inzwischen ist der Postillion vergangen.
Wenn auch der Name »Postillion« geblieben, es steckt in diesem
Wortgehäuse doch weiter nichts mehr, als ein uniformierter Rollkutscher
oder ein Kraftwagenführer, der bloß noch Briefe und Pakete zu karren
hat. Mit dem alten Postillionsgeschlecht ist auch das Posthorn
vergangen. Wer weiß denn noch etwas von dem poesievollen Klang des
Posthorns, wenn es von der stillen Landstraße her seine Zaubertöne
über schlafende Dörfer und Städtlein ergoß? Aber in ungezählten
Widmungen ist von Poeten und Musikern den Tagen der Romantik des
Postillions und seines Zauberhörnleins doch ein dauerndes Denkmal
gesetzt worden, und wie das vorstehende Bild, so bleiben auch die
übrigen der zwölf farbigen Bilder ein freundliches Andenken an die Tage
unserer Groß- und Urgroßväter.
Fußnote:
[2] _Anmerkung_: Diese zwölf farbigen Bilder sind soeben in
zweiter Auflage erschienen und in allen Papierläden und
durch Georg Rennert in Dresden-A. 26, Postfach zu haben.
Auch als Geschenk sehr geeignet kostet die Reihe mit zwölf
Bildern nur Mark 1.20 und die Prachtausgabe 3.— Mark.
Die Heimat spricht:
»Der braucht die weite Welt nicht, der in einem bescheidenen Tale
glücklich zu sein versteht. Merke das, Kind!«
»Betrachte denkend und fühlend deine Heimatstadt! Von den niedrigen
Häusern in unebenen Gassen weht der Hauch langer Jahrhunderte. Der
Schauer des Vergänglichen faßt dich an, aber ebenso hörst du wohl die
fröhliche Melodie gewesener Zeiten. Manche Pforte, manch verwittertes
Gemäuer ist ein Erinnerungsmal, das ohne Schrift viel Wundersames
erzählt. Die Geschichte setzt so selbst ihre Grabsteine. – Der
Rathausturm ist ein Wächter, der mit seinem Zyklopenauge groß über die
Stadt schaut. Unbeirrbar und ewig wie die Zeit. Die Blumen aber, die
jetzt die Fenster des Rathauses bunt bekränzen, die werden dir, wenn du
einst in der Ferne weilst, kaum aus dem Sinn kommen.«
»Und was deine Vorfahren vor dir gedacht und geehrt, schmähe es nicht!
Alles Vergangene ist heilig. Worüber du heute achtlos hinweggehst, das
wird dir einst als ein Stück Heimat mahnend heraufsteigen. Unser Geist
führt vorwärts. Aber alles, was da war, gleicht einem alten vergilbten
Blatte, worauf die Träne einer vereinsamten Mutter fiel.«
»Schau dir die Brücke an, die deinen Heimatfluß überwölbt! Was wandert
nicht alles darüber! Der Schritt der Menschen ist bald hart und zornig,
bald fröhlich-beeilt, bald auch grausam-beschwert von einem heimlichen
Leide. – Wer weiß, wie du einmal hinauswandern wirst – über die alte
Brücke deiner Heimat?«
»Draußen, als einen stillen, erhebenden Platz, findest du den
Garten der Kreuze. Kaum ein Friedhof liegt so schön, wie der deiner
Heimatstadt. Wenn du den breiten Weg aufwärts gehst, durch viele
Blumen, die den Gedanken an das Leben wachzuhalten suchen, dann ruht
ein vergessener Hügel vor dir: ein Muttergrab, ein heilig Grab! So
sprach ein Dichter. Ich sehe, wie du dir nach dem Herzen greifst, ich
weiß, welch ernster Schwur sich in deiner Brust losringt, und ich weiß
auch, _wem_ der gilt.«
»Wenn der Mai uns seine ersten Morgen schenkt, und du willst seinen
zarten Duft erhaschen, gehe in den Wald deiner Heimat. Über dir
rauschen die Fichten, weiße Birken stehen verschämt dazwischen, und
die tiefe Feier ringsum! Du empfindest den Rhythmus aller Wesen um
dich, der Pflanzen und der Tiere, du atmest ihn mit, fühlst dich in den
großen Kreis der Schöpfung eingeschlossen als ein bedeutungsvolles,
lebensfrohes Glied. Ist’s nicht, als seien die Bäume deine Brüder und
die lieben Blumen deine Schwestern?«
»Im Frühling klingt’s aus den Bäumen. Es sind der Stimmen unzählige,
die lobsingen. Dir gelingt es vielleicht, an ein Rotkehlchen
heranzukommen, wenn es auf einem knospenden Strauchwerke sitzt. Zwei
Schritte von ihm. Und es singt und jubelt immerfort. Tiefdunkel glänzen
die kleinen Augen, klug und rein, die rote Brust hebt sich hastig
ungezählte Male. Fühlst du, wie froh alle Schöpfung ist? Lerne froh
sein von ihm!«