Christbäume, aber ich muß sagen, mir gefallen nur die im einheitlichen
Schmuck, entweder lauter weiße Sterne, weiße Lichter oder lauter rote
Körbchen, rote Ketten, rote Lichter, oder auch lauter Gold, lauter
Silber. Wie denken Sie darüber?« »Kann wunderschön aussehen,« will
ich antworten, da stellt sich Herr Frölich vor, der zugehört hat, und
sagt: »Mein Christbaum muß sein wie eine Volksfestwiese, bunt und
lustig, alles durcheinander: bunte Sterne, goldene Nüsse, Silberketten,
Pfefferkuchen. Zwar hier, gestatten, daß ich vorstelle: Fräulein
Fein, findet ausgerechnet die Pfefferkuchen geschmacklos, aber meine
Kinder ...« Er kann nicht ausreden, denn Fräulein Fein bestätigt
eilfertig seine Worte: »Außerdem hängen die Pfefferkuchenmänner
aller menschlichen Bestimmung zuwider meist verkehrtherum im grünen
Baum.« »Aber liebes Fräulein, der Pfefferkuchenmann hat nur die eine
Bestimmung, lustig zu sein. Das Kopfnachunten macht ihm unendlichen
Spaß und allen kleinen wie großen Kindern mit.«
Unsere Weihnachtsausstellung zeigt, daß es eine »Ästhetik des
Christbaumes« glücklicherweise nicht gibt. Das fröhliche Herz findet
den rechten Schmuck. Aber _die_ Leute hat der Hofrat öffentlich
bedauert, die sich um den Christbaum nur die eine Mühe machen, in den
Laden zu laufen und – fünfundzwanzig Marzipanschweine einzukaufen.
Es ist am Spätnachmittag. Harter Ostwind durchfegt die Straßen,
Glatteis macht das Gehen schwer. Aber das Museum steht voller Menschen.
Worauf warten sie? – Wird denn heute gesungen? – Was wäre Weihnachten
im Museum ohne Sang und Rede, ohne Feier! An jedem Tage mindestens
eine, an manchen zwei, an einigen sogar drei. So kam es, daß wir letzte
Weihnachten fünfundzwanzigmal Weihnachten gefeiert haben. Ja, hält
denn das ein Mensch aus? Glänzend. Er muß bloß eine unauslöschliche
Begeisterung und – treue Helfer haben. Die hatten wir wie beim
Schmücken der Christbäume, so auch bei unseren Feiern. Schulkinder,
Gesangvereine, höhere Schulen, Kirchenchöre, fröhliche Einzelsänger,
liebenswürdige Einzelsängerinnen, alle, alle kamen, erfreuten die
Besucher, erfreuten uns, erfreuten vor allem sich selber. Wie oft und
doch nie genug haben wir »Stille Nacht, heilige Nacht« gehört! Wenn
es so recht rein und fein durch die Bogenhallen klang, dann war’s,
als ob man das alte liebe Lied in wunderschönem Druck auf kostbarem
Papier vor sich sähe. Wir freuen uns dankbar jeder volkstümlichen
Mitwirkung, und Abwechslung muß sein. Aber kein Weihnachtssingen kommt
dem aus Kindermunde gleich. Wenn dann die Mädchen, die Knaben so mit
aller Andacht zu ihrem Führer aufschauen: Luca della Robbia, deine
Sängerbühnenkinder sind übertroffen. Geheimnisvoller Weihnachtszauber
steigt empor, wenn die Engel, Maria und Joseph, die Hirten, die
Weisen im langen Gange hergezogen kommen, Lichter in den Händen,
Weihnachtslieder singend, begleitet von den Klängen der Lauten und
Geigen. Sie kommen langsam heran zum großen Raume der Grabkreuze, sie
treten vor die herrliche Madonna. Recht wie eine liebe Mutter sieht
sie ihnen zu, wenn sie ihr Weihnachtsspiel beginnen, ohne Puder, ohne
Maskengarderobe, schlicht wie im häuslichen Kreise.
Nicht jedesmal wird gespielt. Dann erzählt der Hofrat von dem
Bergmann, der ihn gebeten hat, sich die Maria anzusehen, die er
für seine Weihnachtskrippe schnitzt, oder von dem kleinen Mädel im
Erzgebirge, das seine Puppe kranksagte, als sie noch heil und ganz
war, und gesund, obgleich sie inzwischen ein Loch in den Kopf bekommen
hatte. Kinderphantasie, deine Gedanken sind nicht unsere, du mußt den
nüchternen Erwachsenen belehren. Du hast auch dem kleinen Jungen jenen
Tag zum glücklichsten seines Lebens gemacht, an dem er Karnickel sein
und ins Erdloch kriechen durfte. Dagegen wir Großen: wie oft sind wir
Karnickel und wie selten sind wir glücklich, schließt nachdenklich die
Rede lachender Lebensweisheit. Noch vieles von Volksbrauch, von Volks-
und Kinderkunst bekommen die Leute erzählt, gern und lange hören sie
zu. Aber mit dem Zuhören ist’s nicht getan; sie müssen tätig mitfeiern.
Der Tannenbaum, der Vogelbeerbaum vereinigen alle, die da sind, zu
fröhlichem Schlußklang. Wir kommen wieder!
Ja, sie werden wiederkommen. Schon glimmen in der Ferne leise die
Weihnachtskerzen auf. Wer wird diesmal die Bäume schmücken? Wer
wird singen? Sollen wir Dresdner alles besorgen im Landesmuseum
für _Sächsische_ Volkskunst? Wer hat einen volkstümlichen
Christbaumgedanken? Das heißt, der Gedanke allein tut’s nicht, wir
warten auf die Ausführung. Oder kann jemand einen Weihnachtsberg
aufbauen? Keinen neun Meter langen, sondern einen, der auch in die enge
Stadtwohnung, der ins Museum paßt. Wir möchten wieder vielen, vielen
Menschen Freude, Weihnachtsfreude, neue Freude bringen. Und gestehen
wir’s nur: Wir selber haben dabei die größte.
Wir sind voller Zuversicht.
Allerhand Nach-, Er- und Bedenkliches
Ein Brief von _Erdmut Sammetwühler_
Sehr geehrter Herr Schriftleiter!
Ich bitte Sie, in den Spalten Ihrer Heimatschutzmitteilungen folgende
Anzeige einzurücken. Obwohl ich weiß, daß Ihr Blatt sich mit bezahlten
und unbezahlten Anzeigen dieser Art grundsätzlich nicht befaßt, hoffe
ich doch auf Erfüllung meiner Bitte.
Ein erfahrener, alter Praktikus gibt kostenlos an jedermann
Rat und Auskunft, wie Milchertrag, Kartoffelertrag usw. ohne
Kostenaufwand mühelos gesteigert werden können. Zuschriften
sind unter »Kostenlos« an den Landesverein Sächsischer
Heimatschutz oder an K. Lucas, Meißen, einzureichen.
Erdmut Sammetwühler.
Mein lieber Herr Schriftleiter!
Sie werden sich jetzt meiner Bekanntschaft aus den Jahren 1920 (Bd.
IX, Heft 1–3) und 1921 (Bd. X, Heft 7–9 der Mitteilungen) entsinnen.
Jawohl, ich lebe noch. Die böse Zeit hat mich nicht unterbekommen.
Wenn ich Ihnen so eine Anzeige bringe, dann denken Sie ja nicht, ich
hätte auf meine alten Tage den Größenwahn geschnappt oder triebe mit
Ihnen und den Heimatschutzbestrebungen Scherz. Nein, es ist mir ganz
ernsthaft zumute bei der Eingabe meines Angebotes. Ich sehe im Geiste,
wie Sie lächeln und mit dem Kopfe schütteln, ich glaube zu vernehmen
ein deutliches: Quatschkopf, man merkt es, du wirst alt.
Also hören Sie an. Ihr sächsischer Landtag hatte in seiner Sitzung am
4. März 1921 ein von Ihnen eingebrachtes Schutzgesetz für uns und alle,
die unter der unvernünftigen Pelzjägerei leiden mußten, mit seltener
Einmütigkeit und selten fröhlicher Stimmung abgelehnt. Ich schrieb
Ihnen noch den bekannten Brief »In eigener Sache ein letztes Wort« und
hielt es dann für ratsam, auszuwandern. Sie sagen: Das stimmt. Aber
wohin auswandern? Woher wußtest du von einem rettenden Lande?
Ja, mein Lieber, auch wir haben unsere Beziehungen, auch wir haben
unsere Vertrauensleute überall sitzen. Außerdem sind unsere Nerven
so fein, daß wir die terrestrischen Radiowellen ohne Hörer glatt
aufnehmen und uns nach den auf diese Weise erhaltenen Mitteilungen
richten können. Ich grub mich nach Schlesien durch, da ich erfahren
hatte, daß der preußische Landwirtschaftsminister durch Erlaß vom 8.
April 1920 den Regierungspräsidenten anheimgestellt hatte, zum Schutze
unserer Sippschaft Polizeiverordnungen zu erlassen. Das ist auch für
fünfzehn Regierungsbezirke und für einige Kreise geschehen. Damit
war verboten, uns außer in geschlossenen Gärten, auf Deichen usw. zu
fangen und zu töten. Nur in besonderen Fällen konnten von Ortsbehörden
Ausnahmebestimmungen erlassen werden. Die Regierungsbezirke Düsseldorf
und Trier, die Kreise Köln-Stadt und Bergheim im Bezirk Köln schränkten
das Verbot des Fangens und Tötens ein auf fremde Grundstücke. Damit
noch nicht genug. In dreizehn von den fünfzehn Regierungsbezirken
(Schneidemühl, Köslin, Breslau, Liegnitz, Oppeln, Magdeburg, Merseburg,
Minden, Hildesheim, Wiesbaden, Coblenz, Aachen, Sigmaringen) wurde
sogar die öffentliche Ankündigung zur Abnahme unserer Felle verboten.
Wenn auch nicht im Wege der Reichsverordnung, so doch im Wege der
Landesgesetzgebung wurden wir geschützt. Die Minister für Handel
und Gewerbe und für Landwirtschaft, Domänen und Forsten regten
aber von sich aus den Erlaß einer Reichsverordnung an. Hatte der
Regierungspräsident von Oppeln unter dem 22. Juli 1920 (nicht erst
am 4. März 1921 sächsischer Landtagsrechnung) eine Polizeiverordnung
zu unserem Schutze für das Abstimmungsgebiet des Regierungsbezirkes
erlassen, so dehnte er durch Bekanntmachung vom 1. Dezember 1924
(Regierungs-Amtsblatt – nicht in der Sächsischen Staatszeitung –
Stück 16 vom 18. April 1925) diese Verordnung auch auf den nicht zum
ehemaligen Abstimmungsgebiete gehörenden Teil seines Regierungsbezirkes
aus. So sind wir nunmehr in ganz Schlesien geschützt.
Sie sehen, wir sind ganz genau unterrichtet. Ich kann Ihnen sogar
noch mehr erzählen. Seit dem 31. März 1920 gibt es in Württemberg
ein Schutzgesetz für uns. Uns darf nur in geschlossenen Gärten
nachgestellt werden. In gewissen Fällen können die Gemeindebehörden
– wie in Preußen – Ausnahmebestimmungen erlassen. Die Verfügung
des Ernährungsministeriums vom 9. Dezember 1920 gibt aber klar und
eindeutig an, wer auf uneingefriedeten Grundstücken fangen darf
und unter welchen Bedingungen. Angebote zu Verkauf und Ankauf von
unseren Fellen sind dort ebenfalls verboten. Wer sich nicht daran
hält, kann mit Gefängnis bis zu einem Jahr und mit verhältnismäßig
hoher Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen belegt werden. Eine
Einschränkung hat Württemberg allerdings vorgenommen. Das für die
Angelegenheiten der Landwirtschaft zuständige Ministerium kann die
einzelnen Bestimmungen für das ganze Staatsgebiet oder Teile davon auf
bestimmte oder unbestimmte Zeit außer Kraft setzen. Ganz ähnlich lautet
das entsprechende Schutzgesetz in Holland.
Und was haben Sie in Sachsen gefordert? War es nicht dasselbe?
Ich grub mich also nach Schlesien hinaus und hatte Ruhe.
1921 schrieb ich Ihnen: »Es ist uns unbeabsichtigt Hilfe von anderer
Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns ihre Gunst
wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch Menschen alle
am Bändel. (Heute würde ich vielleicht schreiben »am Narrenseil«.)
Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit ihrer Geringschätzung.
Dann werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter uns freien Geschöpfen
mit ihrer Gunst beglückte, dem brachte sie den Untergang.« Im neuen
Brehm, der vielleicht bei gewissen Leuten mehr zieht als der alte,
steht es Schwarz auf Weiß im 10. Bande Seite 320: Nach einer Auskunft,
die von einer hervorragenden, an den Zentralen des Pelzhandels in
Leipzig und London domizilierenden Rauchwarenfirma herrührt, ist die
Mode des Maulwurfpelztragens im entschiedenen Rückgange begriffen und
dürfte in absehbarer Zeit ganz verschwinden. Zur Zeit (Juni 1904)
ist das Angebot auf dem Weltmarkt in London zirka eine Million Felle
jährlich, wovon der deutsche Anteil etwa zwanzig Prozent betragen mag.
Die Verfasser vom neuen Brehm schreiben hinzu: »Heute sind die kleinen
Samtfellchen des Maulwurfes aus der Pelzkonfektion längst wieder
verschwunden«. Leider haben sich diese große Pelzfirma und die Herren
Verfasser vom Brehm gründlich getäuscht. Oder sollte ihnen 1920 nicht
bekannt geworden sein, daß zum Beispiel zu einem Umhang für eine eitle,
gedankenlose Frau, nein (das wäre Verletzung der Frau und Mutter),
für ein eitles, gedankenloses menschliches Wesen etwa dreihundert
Maulwurfsfelle und vierundsechzig Felle des grauen sibirischen
Eichhörnchens verwendet und sechshundertfünfundsiebzig Dollar (1920)
dafür verlangt und auch gezahlt worden sind? An dieses eine Beispiel
ließen sich leicht weitere, ganz ähnliche anfügen. Schon 1904 hatte
der Verband fortschrittlicher Frauenvereine beim Reichskanzler eine
Eingabe abgegeben, in der gefordert wurde, einen vermehrten Schutz
unserer Sippe herbeizuführen (wir waren schon um 1890 einmal in Mode
gekommen), den Maulwurffang und sogar das Tragen von Maulwurfspelzen
unter Strafe zu stellen. Das war 1904. Und 1920, 1921!!! Wo bleibt Euer
vielgerühmter Fortschritt, der innere Fortschritt?
Ich weiß auch, daß jemand von Euch gesagt hat: Diejenigen, die
in unserem Klima wirklich einen Pelz brauchen, sind die, die als
Fahrzeugführer zu tun haben. Alle anderen – fast ohne Ausnahme – tragen
ihn als Modestück. Aber eins haben uns unsere Vertrauensleute doch noch
nicht gemeldet, daß ein angestellter Fahrzeugführer einen Pelz aus
unseren Fellen getragen hätte.
Doch zurück zu meiner Anzeige. Was bringt mich darauf? Ich
habe von verschiedenen Seiten vernommen, daß Euch die Maikäfer
Sorgen bereiten. Die Biologische Reichsanstalt versendet seit
einigen Jahren Maikäfermerkblätter. Nach der ganzen Arbeitsweise
dieser Anstalt kann ich nicht annehmen, daß sie das nur tut, um
etwa die Verbreitungsbezirke vom gewöhnlichen Maikäfer und vom
Roßkastanien-Maikäfer klarzulegen. Das Wort Maikäferjahre wird oft
genannt.
Man versucht die Zusammenhänge aufzudecken, die jedes Lebewesen als
Glied einer geschlossenen Kette erkennen lassen. Man zeigt, wie eine
Veränderung an irgendeiner Stelle der Kette zwingend auf alle anderen
Glieder einwirken muß. Da taucht auch die Rede auf von den Maikäfern,
die Euch Menschen die Milch wegtrinken. Das ist närrisch, aber leider
wahr. Überlegt es Euch einmal. Wenn jemand sagte: Maikäfer, die Euch
die Kartoffeln wegfressen, so hätte der auch recht.
Im schweizerischen Rhonetale soll eine Gemeinde einmal versucht haben
festzustellen, ob es wirklich an dem sei, daß Engerlinge den Grasnutzen
merklich schmälern und dadurch die Futtermenge, die Milchviehhaltung
und den Milchertrag merklich mindern könnten. Das Ergebnis ist
wohl so gewesen, daß auf einen Hektar engerlingsfreier Wiese etwa
zwanzig Zentner Heu mehr geerntet worden sind als auf den Wiesen,
die engerlingsreich waren. Verbürgen kann ich mich für diese Angaben
nicht, aber ein gut Teil Wahrheit steckt dahinter. Hätte man statt
des Wiesenlandes Kartoffelland zu diesen Untersuchungen benutzt, so
wären sicher ähnliche Ergebnisse zutage getreten. Jetzt werden Mittel
gesucht, die den Engerlingsschaden mindern und damit die Erträgnisse
der Ländereien unter sonst gleichen Bedingungen heben sollen. Aber
keins wird darunter sein, das ohne Opfer an Zeit und Geld anzuwenden
wäre.
Was haben aber wir Mulle damit zu tun? Daß wir Engerlinge fressen, das
ist wohl bekannt. Herr Wiesenbaumeister Bernatz hat ja nun gefunden,
daß wir nur zweimal im Jahre Engerlinge fräßen, hat das auch mit
seinen Erfahrungen belegt. Das eine Mal wäre es im Frühjahre, wenn die
Engerlinge aus den frostfreien Schichten zu den Graswurzeln, Kartoffeln
usw. emporstiegen. Das andere Mal wäre dann, wenn sie im Herbste
wieder zur Tiefe gingen. Dabei müßten sie unser Röhrennetz schneiden
und fielen uns zur Beute. Zu anderen Zeiten erwischten wir keine.
Unsere Gänge seien im Sommer unter den Engerlingen, im Winter über
ihnen. Ich halte dem entgegen: Es haben etliche von Euch Versuche mit
gefangenen Brüdern von mir angestellt, ob wir unsere Beute auf gewisse
Entfernungen hin, durch Erdschichten hindurch usw. auch zu wittern
vermöchten. Die Versuche haben Euch gezeigt, daß wir das können. Und
unser Jungvolk fährt zumeist dicht unter der Erdoberfläche dahin. Da
muß mancher Engerling gewahr werden, daß er nicht bloß im Frühjahr und
im Herbste sich vor uns sichern möchte.
Aber mag daran sein, was will. Jeder Engerling, der von uns gefressen
wird, bedeutet für Euch Gewinn an Graswuchs, an Kartoffelwuchs, an
Futter, an Kartoffeln, an Milch, an Fleisch. Aus den Engerlingen
werden Käfer. Auch diese fressen. Jeder Fraß am Baume mindert in
entsprechendem Maße den Ertrag an allem, was der Baum bietet. Schwingt
Euch einmal zu den Gedankengängen eines Leberecht Hühnchen auf, der
sich ausmalt, was er alles verzehrt, wenn er ein einziges Hühnerei
genießt: einen ganzen Hühnerpark. Wendet das auf uns an. Was verzehren
wir alles, wenn wir einen einzigen Engerling auffressen! Liegt auch
eine starke Übertreibung darin, so ist eine solche Betrachtung doch
sehr lehrreich und bedeutsam. Was ich hier auf den Engerling bezogen
habe, das könnt Ihr auch auf jeden anderen tierischen, innerirdischen
Bewohner Eurer Grundstücke anwenden, den wir zu überwinden vermögen.
Ich gehe noch weiter und schlage vor: Nehmt zwei Stück gleichwertiges
Land, zwei Wiesen oder zwei Stück Kartoffelland. Das eine säubert von
uns; auf dem andern laßt uns in Ruhe. Prüft von beiden die Erträge.
Setzt bei der Wiese ruhig in Rechnung, daß Ihr wegen unserer Hügel
die Sense vielleicht etwas höher einsetzen müßt, daß daher höhere
Grasstoppeln stehen bleiben, als unbedingt nötig wäre. Ich habe die
Zuversicht, daß wir uns trotz allem nicht als so schlimme Gäste
erweisen werden, als die wir von verschiedenen Seiten her immer
hingestellt werden. Daß wir ihrer auf einem Stück nicht zuviel werden,
dafür sorgen wir schon selbst. Wir haben eine große Freßlust. Auf einem
Stück, auf dem einer von uns gerade satt wird, da duldet er keine
weiteren Mitfresser. Einer muß weichen; da gibt es kein Erbarmen.
Ich glaube, meine Anzeige wird jetzt deutlich. Für uns Mulle allein
will ich auch nicht sprechen. Ich will nur immer und immer betonen:
_Ihr Menschen, stört nicht ohne dringende Not das Gleichgewicht in
der Natur!_ Habt Ihr Eingriffe in den Gleichgewichtszustand vor,
dann fragt Euch ernstlich: Was für _unmittelbare Folgen_ wird unser
Eingriff haben? Aber seid damit noch nicht zufrieden, sondern stellt
Euch die viel schwerere Frage: Was für _mittelbare_, _weitgehende_
Folgen können aus diesem Eingriff erwachsen? Bedenkt dabei, daß diese
mittelbaren Folgen Nachteile zu bringen vermögen, die den unmittelbaren
Nutzen zunichte machen können. Ein augenblicklicher, vielleicht nur
persönlicher Gewinn kann ausschlagen zum dauernden Schaden, den meist
die Allgemeinheit zu tragen hat.
Darum will ich zum Schlusse Ihnen noch ein weiteres Bedenken, das
mich beunruhigt, vorbringen: Die Kiefernwaldungen werden in gewissen
Gegenden von einem Nachtschmetterling, einer sogenannten Eule, schwer
heimgesucht. Die ausgedehnten Bestände sind dem Untergange nahe.
Einmal die Nonne, dann diese Eule! Ist diese Massenhaftigkeit des
Auftretens dieser zwei Waldverderber nicht vielleicht auch eine
mittelbare, weittragende Folge einer Gleichgewichtsstörung im Walde?
Es wird doch jetzt so viel geredet und geschrieben vom Mischwald, vom
Dauerwald. Nun sucht Ihr nach Abwehrmitteln und wollt es jetzt mit
einem starken Gift versuchen, das Flieger über den befallenen Waldungen
von ihren Flugzeugen aus abblasen sollen. Ich weiß nicht, von mir aus
gesehen – ich betrachte die Dinge nur aus der Maulwurfperspektive,
nicht von Eurer erhabenen Warte aus – scheint das wieder eine
Gleichgewichtsstörung zu werden. Dieser Eule gegenüber wird dieses
Mittel wahrscheinlich einen augenblicklichen, vielleicht auch einen
auf gewisse Zeit anhaltenden Erfolg bringen. Ich denke aber an die
mittelbaren Wirkungen, die nicht heute, nicht morgen in die Erscheinung
zu treten brauchen, aber sicher einmal zu spüren sein werden. Wird nur
der Schmetterling vernichtet werden? Wird der Gifttod nicht auch andere
Lebewesen raffen, auch solche, die er nicht treffen sollte?
Dies wäre von Ihnen und denen, die dem Heimatschutz und damit dem
Naturschutz nahestehen und ein Wort dazu zu sagen vermögen, wohl zu
bedenken. »Zu spät« ist ein furchtbares Wort. Sorgen Sie mit dafür,
daß dieses Wort verschwinden, daß die Tragödienreihe aus Tier-
und Pflanzenreich nicht immer neue Fortsetzungen finden möge, die
Reihe, die unter der Überschrift steht: »Zu spät« durch menschliche
Verblendung!
Damit will ich schließen. Ich sinniere jetzt über Dinge, die mich
eigentlich gar nichts angehen. Früher lebte ich, wie mir schien, mein
Leben leichter. Da dachte ich mehr an mich und weniger an die anderen.
Jetzt muß ich immer mehr an die anderen denken und weniger an mich.
Wenn solche Gedankengänge _ein Maulwurfshirn_ erobern können, sollte
nicht auch _jedes Menschenhirn_ davon erfüllt sein müssen! Niemand ist
für sich da. Jedes ist für alle und alle sind für jedes da. Dieses
Umdenken in meinem Maulwurfshirn kann nur meine Bekanntschaft mit Ihren
Bestrebungen bewirkt haben. Möchte es jedem so gehen!
Glück ab! für mich.
Glück auf! für Sie.
Erdmut Sammetwühler,
Ehrenobermullrich ~s. c.~ (= ~senectutis causa~).
Postskriptum: Ich glaube, es gehört sich für einen richtigen
Briefschreiber, daß er ein Postskriptum fertig bringt. Darum
füge ich auch eins an. Am 22. August 1925 hat in der Meißner
Landwirtschaftlichen Zeitung gestanden: Auf dem Acker beginnt jetzt
der Kampf gegen die Getreideschädiger. Die schlimmsten unter ihnen,
die _Erdraupen_, _Drahtwürmer_ und _Engerlinge_, kann man überhaupt
nur fassen, wenn man ihnen _einzeln_ ans Leben geht ... _Es gibt
keinen größeren Vertilger dieser »Würmer« als den Maulwurf. Ihn sollte
man durchaus schonen. Schon heute gibt es eine Anzahl Praktiker,
welche die Zunahme der Drahtwurmplage in Zusammenhang bringen mit der
schonungslosen Jagd, die man während und nach dem Kriege gegen den
Maulwurf geführt hat._ (Karl Schöpke, Jessen, Bez. Halle.) So ein
Bericht tut wohl. Sollte unsere Maulwurfsdämmerung in graue Fernen
rücken, sollte es vielleicht anderswo in anderer Art anfangen zu
dämmern?! Hoffentlich! Glück zu!
D. O.
[Illustration]
Die Lachmöwe in Sachsen und in den angrenzenden Landschaften der
preußischen Oberlausitz
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen von E. Schwarze und dem Verfasser
Von den Vogelarten unserer Heimat, die mich in den letzten Jahren
besonders gefesselt haben, steht die Lachmöwe mit an erster Stelle.
Häufige Besuche der volkreichen, zu den prächtigsten Naturdenkmälern
Sachsens zählenden Kolonie auf dem Freitelsdorfer Vierteich (nördlich
Radeburg) in den Jahren nach dem Kriege, denen sich dann kaum
weniger zahlreich solche auch anderer Siedlungen unseres Vogels
vorwiegend in den Grenzgebieten der sächsisch-preußischen Oberlausitz
anschlossen, führten ganz zwangsläufig zu einer Beschäftigung auch
mit der Geschichte dieser Kolonien und zu Untersuchungen über den
Bestand unseres Vogels einst und jetzt. Obwohl die Ergebnisse dieser
Untersuchungen noch ihrer endgültigen Auswertung harren, sei es mir
doch bereits heute hier gestattet, ihnen einiges vorwegzunehmen und den
Lesern der Heimatschutzmitteilungen einiges über unseren Vogel und sein
Vorkommen in unserem Vaterlande zu berichten.