Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der
Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: »Und
saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern
werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen
und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen«. Und
weiter an die Colosser schreibt er: »Lasset das Wort Christi unter euch
reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit
Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem
Herrn in eurem Herzen«. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus
den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe,
sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften
kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung
»Hymne« oder »heiliges Lied« als Aufschrift tragen -- und so ist über sie
von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben
worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste
besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt »Hymnen« im eigentlichen
Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem
bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl
Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19.
Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der
beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus
spendet, unter anderem folgendes: »Dann kommt er darauf zu sprechen, daß
sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die
Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis
Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit
guter und lieblicher Harmonie.'«
Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem
Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen
sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklärung im ersten
Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt
werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat
der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit
Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden.
So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit
Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da
ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch
noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste
Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet
erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß
jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch
den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht
vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: »Und da sie den Lobgesang
gesprochen hatten, gingen sie hinaus«.
Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der
nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die
Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes
darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten
wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir
nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die
gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann.