I.

Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst

recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder

gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebräisch Tehillim geheißen. Da du

und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder

drängtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich

sagte mir, es sei unnötig, neue Lieder zu dichten, während ihr alte in

reicher Fülle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den

alten Gesängen heiliger Dichter neue von sündigen Menschen vorzuziehen oder

an die Seite zu stellen.

Während ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hören

bekam, führtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund

an. »Wir wissen,« sagtest du, »daß die römische und besonders die

gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer

Gewohnheit richten als nach einer Autorität. Wir wissen ja heute noch

nicht, von wem die Übersetzung des Psalters herrührt, welche in unserer, d.

h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den Äußerungen

derjenigen zu urteilen, die uns über die Verschiedenheit der Übersetzungen

belehrt haben, weicht die unsrige von allen übrigen weit ab und kann, wie

ich glaube, auf ein höheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr

Gebrauch hat sich durch langjährige Gewohnheit so sehr eingebürgert, daß

wir gerade beim Psalter, den wir doch am häufigsten brauchen, einer

apokryphen Übersetzung folgen, während wir die andern biblischen Bücher in

der korrekten Übersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen

betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche

Unordnung, daß fast nie eine Überschrift ihre Art oder ihre Verfasser

bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf

bestimmte Verfasser schließen kann, als deren älteste man Hilarius und

Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist häufig das

Silbenmaß so wenig entsprechend, daß man den Liedern kaum eine Melodie

unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein

wohltönendes Lob Gottes sein soll.«

Auch fügtest du noch bei, daß es für die meisten Feste an eigentümlichen

Liedern fehle, so auch für die Feier der unschuldigen Kindlein, der

Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch

Märtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei

denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen müssen, sei's wegen der

Zeitumstände, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes.

Manche der Gläubigen halten aus irgend einem zufälligen Grund oder infolge

besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und

kommen nun entweder zu früh oder zu spät, so daß sie genötigt sind,

wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lügen, wenn sie die für die Nacht

bestimmten Lieder bei Tag, die für den Tag bestimmten bei Nacht singen.

Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch

während der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht:

»Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr« und: »Mitten in der Nacht

erhebe ich mich, mit dir zu reden«, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf

der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwähnung thut mit den

Worten: »Siebenmal des Tages lobe ich dich« -- nur bei Tage dargebracht

werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben

Propheten bezeichnet mit den Worten: »Des Morgens gedenke ich dein, o Herr«

-- soll angestimmt werden in der ersten Frühe des Tages, wenn die

Morgenröte oder der Morgenstern erscheint.

Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So

kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht

zu singen sind, wenn es z. B. heißt: »Wohl auf zur Nacht und laßt uns alle

wachen« -- oder: »Gesang durchtönt die stille Nacht«; ferner: »Die lange

Nachtzeit kürzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir«. Oder ein andermal: »Die

schwarze Nacht hält nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt« --

oder: »Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht«,

und ferner: »Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang«

u. s. w.

So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind,

selber an. Zum Beispiel, wenn es heißt: »Der nächt'ge Schatten weichet

schon« -- oder: »Golden erstrahlt des Tages Licht«; ferner: »Am Himmel

steht das Morgenrot« -- »Das Morgenrot im Rosenlicht« oder »Der Vogel ist

des Tags Herold; er kündet uns des Lichtes Nahn« -- und: »Wie schön

leuchtet der Morgenstern«. Solche Lieder belehren uns selbst darüber, zu

welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten

nicht einhalten, so würden wir bei ihrem Vortrag als Lügner erfunden.

Allein in den meisten Fällen ist es weniger die Nachlässigkeit, die solche

Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhältnisse oder die förmliche

Befreiung davon; dazu nötigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen

schon die Beschäftigung der Bevölkerung fast jeden Tag, so daß hier aller

Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden muß.

Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen

zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die

uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen

Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre

Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal

so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere

eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es

der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der

heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in

Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: »Wir

nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden«, oder: »Hör unsere

Seufzer, unsern Sang in Gnaden an«. So giebt es noch manches, was nur für

Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht

entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen

sollten, wenn wir alljährlich singen: »Martinus, den Aposteln gleich«, oder

wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener

Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: »An dessen heil'gem Grab so mancher

Heilung fand«.

Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus

Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des

Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde

Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine

Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern

möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und

zusammen sich freue.

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 12 / 17 题