VI. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)

Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest,

so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er

ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten,

Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja

unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der

Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm

folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist

niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht

leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen,

welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind,

nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund

über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten,

wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein

trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!

Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn

auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern

ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in

anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres

schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt

aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt

ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser

Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in

Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern

Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste

Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und

über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine

Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des

weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung

unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns

überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden

ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme

ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel

verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe

Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen

Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so

wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer

aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden

kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen

der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften

über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung

über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche

wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was

soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst

verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den

Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was

schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich

aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an

Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer

und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so

oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die

Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief

an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die

Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und

Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen

und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:

»Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,

Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.

Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun

Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.

Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;

Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.«

Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt:

lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel,

ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch

vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum

warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben,

nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.

Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und

nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein --

durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die

Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen,

da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben,

von denen wir das meiste empfangen.

Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich,

es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung

ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem,

der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade

dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes

wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann,

wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel,

wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch

gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber,

bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies

heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere

aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer

auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die

Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den

Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern

gleichmäßig auf alle zusammen.

Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt

nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur

fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die

Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges

Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein

wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel

dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist

thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg

zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem

Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun,

das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden

ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas,

das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend

halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden,

wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges

vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne

vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die

zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit

steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten?

Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen

so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie

Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?

Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines

»Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden

Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen

kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in

harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde

gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben

nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie

haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für

Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht

Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von

Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und

gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der

Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er

dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt

beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment

führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner

Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen

setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde

Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ...

Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken,

daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den

besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob

zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden,

würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von

kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und

in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die

Schwachen nicht zurückschrecken.

Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu

halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder,

Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der

Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen

ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen

Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der

einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift

vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der

Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast

mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen

Natur sie erfordert.

Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen

Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß

seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte

der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine

Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das

weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in

Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und

Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der

Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen

für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und

kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken

widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe

Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich

glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der

Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den

Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der

Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein

Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es

nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches

nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des

Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«.

Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl

sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine

Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief

ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern

einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen,

Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das

entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit

Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß

er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern

für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll

vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau

zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für

ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die

Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den

Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was

Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie

könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für

unser Seelenheit wäre?«

Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die

Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche

Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin

bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen;

daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!

Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die

frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer,

eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch

schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an

das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz

nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist

neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge

Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an

unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So

will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem

Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus

hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium

mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar

diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen

Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die

Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein

Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe

auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu

wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der

heilige Augustin schreibt in seinem Buch Ȇber die Enthaltsamkeit der

Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines

Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl

überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei

bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein

Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere

Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr

ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis

haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert

werden kann.

In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten

Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin

bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl

sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich

erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit

erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?

Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle

Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet,

indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen

schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen

Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das

weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt.

Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende

Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die

Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen

Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer

Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch

welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein

verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich

mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese

Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt

häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und

Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch

diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer

dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit

und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«.

Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist,

uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle

Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht

leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere

Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers,

wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug

sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos

leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken

es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder

endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches

Leben zu führen behaupten.

Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein

Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie

allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der

pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht:

»Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir

haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies

heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst,

weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien

Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr

selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst

darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«.

Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die

leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar

machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die

Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger

Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber

drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme

solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen.

Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht

kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und

setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir

Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer

fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt

geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre

ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der

Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da

sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote,

die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von

seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so

ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur

eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins

Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir

verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur

Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen,

wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu

Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«.

Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat

zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das

unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den

erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den

heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet

haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die

Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze

Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben

als die Kleriker.

Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als

das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das

Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das

heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns

die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am

schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im

Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke

macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist

Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote

Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was

eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase

so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange

und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen

und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der

mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das

Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut

mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann

will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O

nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn

nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und

der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im

Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«.

Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«,

hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der

Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die

heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort

des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum

propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis

verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen

nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes

berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen

Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der

gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.

»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den

Wein.«

Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den

Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln

das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie

der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu

tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen

zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein

weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s.

w.«

Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter«

berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er

keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts

für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe

auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein.

Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi.

Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber

zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug

sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird

von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man

an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein,

ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,

wenn der Satan nicht wäre'«.

Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt

und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt

sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für

die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt

nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon

nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein,

überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben

Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen

Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben

Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte

das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in

der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das

wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung

sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen

dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige

sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für

das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch

unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an

denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise

teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in

den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des

Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des

Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter,

um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden

zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der

Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir

es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch

den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat

er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat

Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum

sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die

Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit,

nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«.

Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu

essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich

Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und

Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist

nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel

besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich

dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«.

An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten,

sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige

der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die

anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen

Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus

nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam

zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns

nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem

Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen

ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch

Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr

denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset

ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die

da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du

sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret,

und ist Menschengebot und Lehre«.

Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich

auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die

Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie

an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches

sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr,

da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach

dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in

anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche

Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum

Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift,

kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung

bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre

fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender

Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern,

als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle

Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden

Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie

leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte.

Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von

dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde.

Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den

letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den

verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei

Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die

Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen

und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und

nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird

geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches

vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in

den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar

gewesen bist«.

Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge

ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich

mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen?

Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen

Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und

den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und

deine Jünger fasten nicht?«

In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied

zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein

äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt

er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine

Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich

bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so

wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden

erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn

war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten

sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen

hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der

Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich

ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr

Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe,

daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der

Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem

Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen

Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset

und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer,

der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich

selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt

worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der

Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens

ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich

bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im

Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten,

nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich

Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres

Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an

ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand,

der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich

bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der

Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt

wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf

denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu

erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer

es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht

Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen

Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein

Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind,

und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus

gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem

inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu

reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen

wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem

Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es

aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen.

Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen,

mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem

Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber

deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte

sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt

den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß

überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne,

sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge

Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen

die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe

geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der

Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche

Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer

zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und

nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«.

Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung

noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird

niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht

und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn

kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«.

Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus

welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen,

der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus

sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«,

d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe

der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen

prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir

sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber

beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr

sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die

Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer

angenehm.

Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir

unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel

dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller

Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe

dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz,

aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung

dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält

von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.

Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche

Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater

eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in

jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des

Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir

gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das

Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«.

Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen

Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht

gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und

das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft

der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi

und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften

Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr

mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum

Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man

müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der

Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr

denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder

unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die

Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«.

Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch

seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst,

beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches

durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um

so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr

alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit

den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der

Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich

Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und

bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will

ich dich erretten, so sollst du mich preisen«.

Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher

Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was

der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes

hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische

Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch

fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene

Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger

Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret

werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten

Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben,

denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt

ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln

der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind,

unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den

Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel

haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den

gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.

Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher

einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab,

scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten

will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige

Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat.

Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm

zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen

Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des

Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals

diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie

denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste

Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den

sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie

solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch

sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte

Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen

derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt,

nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen,

von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig

ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen,

welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße

und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt

worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz

haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm

Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.

Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern

gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich

fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch

weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung

geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf

die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen,

und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer

Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter

durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der

heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen

hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen,

indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr

empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die

Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie,

anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen

Bauwerk sich erheben werde.

Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten

haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die

nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher

Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die

Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto

aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu

sein.

Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine

Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du

bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch

Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes

Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst

nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen

möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder

es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht

wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du

zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 6 / 17 题