V. Brief.

Abaelard an Heloise.

(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.)

Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach

in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs

erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den

meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der

natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich

darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu

bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes

Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen

läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über

die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich

zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich

dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend,

ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.

Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich

zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich

denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je

mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die

ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du

finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so

weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert

ich dir erscheine.

Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der

Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst,

mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief --

und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt,

die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst

seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie

auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich:

meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«.

Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines

armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige

erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen

Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich

nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes

befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses

die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr

als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und

Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut

steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht

mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher,

während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.«

Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene

Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich,

ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine

Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin,

denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im

allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi

genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget,

daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen

Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen,

welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr

nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid,

die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um

ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen

am Grab und klagten und weinten um den Herrn.«

Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der

oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen.

Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist

sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre

Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten

gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist

also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn

die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren

Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch

auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen

Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet

wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im

Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an

allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist

inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach

außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des

Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem

anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem

sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm

mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich

schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe,

denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich

unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit

Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn

sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn

die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen

Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.

Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen

unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem

Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im

Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche

auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in

ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.

Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben

Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an:

»Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so

verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und

alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern

das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und

die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig

zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und

Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen

sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses

Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die

Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich

vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach

irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum

hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie

diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen

wurde.

Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König

geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle

Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern

Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele

liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im

Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als

große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden,

die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen;

sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.

Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für

das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der

geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche

Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern

lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.

Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte

vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald

hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und

setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich

schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer

geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren

Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen

Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese

körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich

hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer

Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus,

dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.

Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit

berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die

Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn

nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als

eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und

allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt

schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die

Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«.

Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns

der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn

du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete

zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie

die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm

und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten

kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher

Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle

Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und

unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's,

daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses

Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das

heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich

ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und

besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im

glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein

Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das

nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute,

die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es

besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in

jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und

haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen

nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der

heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die

Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«.

Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer

da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des

himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener

Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach

dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« --

desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und

darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr

müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns

verbindet.

Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe

und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine

eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem

ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum

im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet

hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen

Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme,

von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst

du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen

deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist

halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen,

wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in

meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu

aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und

Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht

auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen,

nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre

Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu

sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit

derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein

Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so

bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der

Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine

Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so

lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis

gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von

der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest,

dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so

lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden

sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten

Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß;

aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem

Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich

aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende

wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und

sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen,

sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam

hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das

sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres

Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern

der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch

lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in

der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern

können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß

meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb

nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben

wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du

aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner

Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln.

Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch

einmal, höre auf mit diesen Klagen.

Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch

desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: »Der Gerechte klagt

sich selber zuerst an« und: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet

werden«. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du

schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch

meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht

eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob

trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst.

Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau

Eustochium folgendes: »Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage

verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir

beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser

Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns

gespendeten Lobes«. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen

Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und

den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem

Besitz machte. »Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie

sehen.« Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die

Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich

entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir

oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch

mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben,

damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte

Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir

durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so

würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so

zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der

Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen,

Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so

auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, »Ruhm

suchen, indem du vor ihm fliehst«. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß

nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du

wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu

vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu

gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch

lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die

Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie

Verunglimpfungen der Feinde.

Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über

die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir

erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen.

Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken

an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in

welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große

Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist,

daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens

auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab

von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und

mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest

du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die

Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das

zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du

glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir

entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere

Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.

Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast,

durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener

Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr,

wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen

Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil

gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem

Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch

des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so

großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt

hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich

zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den

Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück

verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger

empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer

sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen

Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die

ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir

zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.

Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich

zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns

war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe

lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich:

als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil

lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl

noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß,

und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort

hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals

durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort

geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe

verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem

unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem

wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll

ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen

deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem

Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht

von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen

hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine

genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit

solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte

der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter

Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich

diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war,

sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.

Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du

schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu

erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch

diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt

angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja,

vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat,

welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem

Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche

Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug

verbessern.

Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht

ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was

Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur

Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen

seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja,

aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns

gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: »Der Herr hat

sich Sorge gemacht um meinetwillen«. Erinnere dich wieder und wieder daran,

in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen

entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an

uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes

Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird,

die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes

geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die

Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden

ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus

gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines

Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche

miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit

und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle

Barmherzigkeit.

Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose

Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres

Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der

Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu

lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest,

obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen

gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner

Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an

dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten

macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die

göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch,

daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus

benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen

Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in

vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt,

welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen

Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied

getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch

sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte.

So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich

versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars

wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr

störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an

dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und

zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes

mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem

ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem

schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade

von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen

nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen

genannt werden können -- wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat --

eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und

das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?

Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige

weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die

Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar

von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im

Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür

ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute,

selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu

ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur

diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des

Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur

solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der

Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen

und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des

Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die

Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: »Den

Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir

wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und

in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen

und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen

soll«. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um

der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß;

aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich

geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische

Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu

vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern

Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig

Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft

mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung

wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an

mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: »Gott hat sich Sorge gemacht um

meinetwillen«. Darum will ich hingehen und verkünden, »wie große Dinge der

Herr an mir gethan hat«.

Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein

Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast.

Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner

vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim

lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch

eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein

Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das

eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu

vernichten trachtete.

Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das

unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein

Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an

meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der

diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn

hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus

der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner

Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust

bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich

um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als

wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der

Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre

seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der

Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der

Schrift seine Anwendung finden: »Die Weiber machen auch Weise abtrünnig«,

wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.

Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem

Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich

gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des

Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn

du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen

wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine

zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben

wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du

Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen

Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen

Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit

weiblicher Sorgen!

Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen

schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener

Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist;

vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den

Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.

Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde

dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht

lästig. Denke an den Spruch: »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er;

er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt« und an den anderen:

»Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn«. Unsere Strafe ist eine

zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte

dich auf an dem Wort des Propheten: »Der Herr geht nicht zweimal ins

Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen«. Nimm zu

Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war:

»So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten«. Daher auch Salomo

spricht: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes

Herr ist, denn der Städte gewinnet«.

Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und

Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor

den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen,

verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter

Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten

Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen

Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er

hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein

Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten

und klagten, wie Lukas erzählt: »Es folget ihm aber nach ein großer Haufe

Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn«. Und er, in milder Güte

zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod

hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug

seien und seinen Worten folgen: »Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet

nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn

siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die

Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die

nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen:

Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am

grünen Holz, was will am dürren werden?'«

Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn,

der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an

seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt

es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: »Frauen saßen am Grab,

klagten und weinten um den Herrn«. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem

Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer

diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz

bis ins Innerste erschüttern.

Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia

zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: »Ihr alle, die ihr

vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein

Schmerz«; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich,

der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der

Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum

hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet

als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes

ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein

schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der

Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: »Sie werden ihn klagen,

wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man

sich betrübet um ein erstes Kind«.

Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich

erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in

welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof

versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst

du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer

und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen

Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit

seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er

dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich

hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen

Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für

den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese

hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: »Es sei aber ferne von mir,

rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen

mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt«.

Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der

Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir

gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die

Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was

sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist

dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das

ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: »Niemand hat

größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde«. Er hat

dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden

verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung

meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für

dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran;

aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe

zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu

deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles

willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein

Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir

weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine

über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld

vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und

die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die

Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist

du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes

widerstrebst.

Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht

um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den

Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist.

Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf

dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt

hat:

»Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;

Aber das Glück ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.«

Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die

begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn

geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche

Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht

das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht

der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod

herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden,

was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten

sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein

ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die

Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der

Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht

gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch

dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der

Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem

Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone

aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen

körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich

meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch

die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden

anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es

mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht

das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier

redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu

teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt

keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel

der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.

Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß

immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir

um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht

viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die

an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den

Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«.

Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden

sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus

sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein

ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist

seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein

Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in

geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich

mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und

hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht

erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr

und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch

kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen

Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze

gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten.

Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus

gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es

verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift.

Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner

gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß

er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine

treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.

Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben

hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr

für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu

übersenden:

»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes

das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu

unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch

geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du

auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach

deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd,

die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges

Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist,

vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge

unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit

offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit

du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der

Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur

Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen

erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer

Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein

barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.«

»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir

erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine

Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus

giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht

lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so

ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.«

»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir

gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so

gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen,

vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere

Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen

in Ewigkeit. Amen.«

Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe

Christo! Amen.

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 5 / 17 题