VII. Brief.

Abaelard an Heloise.

Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen

Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den

Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich

darüber Auskunft geben.

Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und

Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab

es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen

gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium:

»Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von

Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im

Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im

Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde.

Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und

alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was

noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide

Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen,

beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu

vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine

weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die

Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten.

Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den

Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung

standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen

Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr

ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche

nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt

den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten

wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger

sein.«

Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn

nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher

von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht

ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium,

wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem

getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene

Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner

Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha

allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die

Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie

vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im

Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung

getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen

Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht,

bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die

andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.

Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben.

Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten

ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen

Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es

ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder

überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die

Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen

Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der

dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha,

und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt

dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen

war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten:

sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit

äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße,

ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch

wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr

etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen

auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt

auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß

habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen

Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen

Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt

war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That

stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel

geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.

Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That

Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der,

welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte

des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß

er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt

das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn

der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem

heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte

sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum

Christus, d. h. zum Gesalbten machen.

Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in

prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern

gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder

überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den

Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum

Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein.

Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am

Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt:

»Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem

Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die

Glieder von Männern.

Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt

nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die

Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene

Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist

vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum

Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt

vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«.

Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch

Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch

Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem

Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes,

Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die

Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch

die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte

Ölung.

Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige

Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe

des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur

Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die

Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der

Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet

an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und

zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die

niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von

einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und

ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten.

Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der

selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.«

Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische

Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden

Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen,

die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid,

ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an

Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern

allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o

unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der

Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt

werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu

berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut

auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe.

Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst,

indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten

Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner

Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem

Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme

Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die

Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte

dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit

durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die

Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem

Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden

Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins

Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von

ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis

dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir

wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn

selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen

Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er

deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.

Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine

Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht

die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen

und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben.

Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel

mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst

gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das

hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.

Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten

die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken

aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der

Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen.

Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens

und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders

scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der

Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von

sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da

verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner

Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem

Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und

es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren

nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe

Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht

trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die

setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es

waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war

Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome,

die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und

viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«.

Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst,

der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem

Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel

ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu

seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria

Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u.

s. w.

Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange

vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in

prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut

hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig

geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers,

weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi

nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des

christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im

Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen

verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie

glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet

am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre

Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die

Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut

(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das

Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden

ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten,

blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll

breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der

Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von

dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich.

Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen.

Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches

dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes

dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es,

die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen

sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig

geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit

redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser

Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und

miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen

dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten

Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen

Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß

sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach

Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und

noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht

verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr

als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so

standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins

Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen

anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so

stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin

seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern

dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn,

und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen

dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder

geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht,

indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen

Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo

hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die

Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus.

Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn

sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit

ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht

unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen

zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre

Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und

von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden

sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.

Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des

Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem

Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer

zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber

die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das

Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten

Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie

wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie

stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in

aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria

Jakobi und Salome zum Grab.

Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen,

welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die

Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon

auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren.

Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste

war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der

Engelserscheinung »zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen

Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid

gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor

ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern,

daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen«. Auch Lukas

berichtet darüber in ähnlicher Weise: »Es waren aber Maria Magdalena und

Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln

sagten«. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem

Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen;

er läßt den Engel zu den Weibern sagen: »Er ist auferstanden, er ist nicht

hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor

euch hingehen wird in Galiläa«. Auch der Herr selbst, da er zuerst der

Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sag

ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.«

Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als

Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn

oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft

der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von

den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.

Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen

grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine

Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie

Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er

anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: »seid gegrüßet«

gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen

untersagt mit den Worten: »Und grüßet niemand auf dem Wege«. Es ist, als

hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und

selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der

Unsterblichkeit erlangt hatte.

Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald

nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt

seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich

schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im

Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen:

»diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt

den Weibern und Maria, der Mutter Jesu«.

Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich

im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium

verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die

ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken,

welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir

werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen

entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen

Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen

geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde.

Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: »In den Tagen aber, da der

Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die

Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen

Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und

sprachen: 'Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu

Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben

Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit

sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen

anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen

Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen

Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und

Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die

Apostel und beteten und legten die Hände auf sie«. Es spricht gar sehr für

die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für

die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die

Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den

Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem

sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie

diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und

durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.

Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines

Apostelamtes in Anspruch: »Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester

zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?« Als wollte er sagen:

Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie

auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit

sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren

Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem

Buch »Vom Werk der Mönche«: »Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die

mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen

Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht

Mangel litten«. Ferner: »Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen

Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium

verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen,

daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium

heißt es: 'Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte

und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die

Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den

bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und

Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere,

die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich

hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen

mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese

Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.«

Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen

sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche

Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die

»Kirchengeschichte« das Lob, welches der beredte Jude Philo über die

alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur

ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt

hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: »In vielen Gegenden

der Erde leben solche Menschen«. Und bald darauf: »An jedem dieser Orte

befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder

'Monasterium' genannt wird«. Ferner heißt es weiter unten: »Sie kennen

nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst

neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten

gar lieblich singen«. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit

und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt:

»Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen,

darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt

und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus

Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen,

nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig

halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene,

oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten

unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine

Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der

Vernichtung anheimfällt«. Weiter heißt es von Philo: »Er schreibt auch von

ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen

Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch

Sitte ist«.

Hierher gehört auch, was die »Dreiteilige Geschichte« zum Lobe der

christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie

Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: »Die Begründer dieser

tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und

Johannes der Täufer.« Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner

Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei

einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der

Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren

und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen

Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang

keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich

enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser.

Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie

Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.

Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches »Berühmte

Männer« zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: »Er zuerst predigte

in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre

und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein

Beispiel nehmen mußten«. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller

der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu

Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen

Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in

Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in

der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem

Gedächtnis überliefert.

Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: »Der Jude Philo, von

Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns

darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über

die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in

Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß

hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre

Wohnungen Klöster nennt«.

Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von

der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da

besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte,

wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus

mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies

Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem

berichtet.

Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß

in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen

betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die

heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre

Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste

Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit

ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch

das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also

steht geschrieben: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine

Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am

Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat

eine herrliche That gethan'«. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm

wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von

den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am

Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt

wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen,

sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner

heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die

strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach

sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre

bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch

vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen

Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: »Lobet

ihn mit Pauken und Reigen«, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches

und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: »Die Menge

der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele«.

Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben,

ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der

Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den

himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen

Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus

frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.

Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der

Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem

Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit

den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt

Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder,

Kapitel V: »Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll

wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren

Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels,

zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem

Platze, auf den man ihn gestellt hatte«. Es ist auch sicher, daß die

Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil

hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im

Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: »Alle

Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben

und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht«. Es scheint

demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied

gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den

Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja

von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden

Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen.

In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe

der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der

Herr selbst spricht zu Mose: »Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen:

Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der

soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken

Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren

gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange

solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom

Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches

seines Gelübdes währet«. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf

sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren

Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne

waschen sollten, wie geschrieben steht: »Moses stellte ein ehernes Becken

auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte

aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten«.

Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher

sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen,

sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete

verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer

schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war,

wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den

übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter

anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der

mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form

der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen

wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die

Hebräer spricht: »Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen,

die der Hütte pflegen«, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht

würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in

einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums

aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und

die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind

die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins

zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten,

daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen

Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des

Psalmisten: »Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang«. Denn unsern

Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier

ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort

einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht

sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere

oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des

sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener

Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel

der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder

Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel

die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren

Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne

waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und

die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste

die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der

Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch

welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat

gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die

Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen

Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: »Was werden die rauhen

Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen

ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe

siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der

Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?«

Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre

der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft

dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit

dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn

Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten

vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des

Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen

durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: »Und es war eine Prophetin

Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und

hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war

nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente

Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu

derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die

da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten«.

Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit

dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre

Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der

Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit

ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die

sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr

anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der

Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen

und nunmehr geborenen Heiland.

Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der

Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von

ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des

Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern

gegenüber vom Messias geredet habe.

Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über

welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: »Ehre die Witwen,

welche rechte Witwen sind.« Ferner: »Das ist aber eine rechte Witwe, die

einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und

Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.« Und

weiter: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und

lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen

sind, mögen genug haben«. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen,

welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben,

oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande

verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie

allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie

niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der

Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten

werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.

Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen

seien: »Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da

gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie

Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen

Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie

allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«.

Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also

aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein

böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt

gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch

schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an

Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel

geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen

Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so

offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und

diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat:

»Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das

Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden

sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben

ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul

und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul,

sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So

will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem

Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche

umgewandt dem Satan nach«.

Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt

der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus,

in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine

brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die

das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt

sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man

früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter.

Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem

dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie

uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht:

»Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und

wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da

dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern

Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse,

sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft

göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz

führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs:

»Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen

'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der

Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so

weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei

diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige,

welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat:

du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch

niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so

müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«.

Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der

römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute

Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am

Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie

sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft,

darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch

mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen

ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei

Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der

Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch

heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt;

auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius

sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch

Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete

in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und

warm empfiehlt«.

In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen

selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er

sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen

Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu

sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht

zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das

Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen

lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie

unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein,

nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen

jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und

ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst

eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«.

Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das

gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt:

»nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher

ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen

Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu

haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes

Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig

Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe

guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so

sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung

gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen

aber entschlage dich.«

Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der

Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die

vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von

dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den

Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie

der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so

findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts.

Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien.

Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien,

sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr

vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr

Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«;

nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an

Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr

wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter

war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt

leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber

gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige

Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns

gestellt haben.

So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,

indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit

ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde.

Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den

Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling,

der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen

werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit

benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man

seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.«

Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben

der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher

in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem

älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war

als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die

Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich,

daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig

wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine

Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden,

nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel.

Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit

der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die

ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus

dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte

Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder

Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren

und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt

es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht

versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«.

Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der

Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter

dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die

Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen

wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu

sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum

verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge.

Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit

häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich

Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren

Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die

gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren

Eltern aufgezogen worden sind.

Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie

anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um

ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der

versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß

die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen

als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie

von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit

für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht

deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu

unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung

angehalten werden sollen.

Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre

ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte

Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst

seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus

Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die

Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und

Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin

und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie

möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander

lieben«.

Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die

Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie

ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch

sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich

Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen

muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht

dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt:

»Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern

vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig

siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag

die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen

-- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut,

wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück

heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«.

Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte,

über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten

Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche

Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das

sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch

aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche

die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch

erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen

Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich

erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen

und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen

Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine

Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem

Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche

Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit

ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines

besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es

sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen

werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen

der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr

gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom

Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande

und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein

geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die

Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte,

erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten,

Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist

je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen

vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit,

sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen

führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne

und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und

Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben

oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in

seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die

Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod

gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine

Weiheformel hinterlassen.

Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen

Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her

von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je

schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto

vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den

mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er

spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den

Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in

demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d.

h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder

besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des

Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die

uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre

an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns

wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget

und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine

Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«.

Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht

irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache

Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur

sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses

Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich

erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an

den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach

dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die

ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist

die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und

Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem

weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der

Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im

Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde.

Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat

sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu

pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den

Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der,

der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der

Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im

Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der

bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die

geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller

Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde

Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch

die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der

Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer

gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den

Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den

Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben.

Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden

wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten.

Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen,

als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der

Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer

Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit

seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar

geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im

Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels

der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen

Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem

Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene

Sache gewesen war.

Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den

Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das

feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein

Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das

Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube

fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum

Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest

eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten

Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an

den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der

Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche

der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu

essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur

verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur

Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg

vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und

zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.

Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas,

das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche

Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im

Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut

und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der

Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß

wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine

Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat

nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig

drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was

war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen

oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von

ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten

war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne

Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und

gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes?

Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies

anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr

die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin

von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und

wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau

um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel

größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an

euren heiligen Beruf gebunden seid.

Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich

bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium

durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine

Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden,

welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der

Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar,

einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon

vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des

schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so

angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses

Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier

nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere

Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die

Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber

ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist,

daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen

Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung

willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen

Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«.

Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas

vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem

unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt

hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem

siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß

sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den

Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre?

Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel

gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von

ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm

ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten,

verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des

Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit.

Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst

davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den

irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die

Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses

hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die

Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis

an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr

leidvolles Schicksal Ausdruck geben.

Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für

das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns

den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes

Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen

wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm

zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen?

Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht

hat den Heiland geboren«.

Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des

Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt

hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es

ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein

er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere

Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des

weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen

die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden.

Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen,

hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere

Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.

Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in

Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich

wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große

Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für

Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem

Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge

noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und

Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie

zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete,

mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau

zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn

dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch

vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst

empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen

hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen

weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die

Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich

gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.

Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den

Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und

uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist.

Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem

Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu

nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen

weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich

auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die

Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den

gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst,

daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn

Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist:

Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines

Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach

verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch,

es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr

siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie

folgt:

»Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters

Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,

In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.«

Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so

kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«.

Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er

wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren

sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden

sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen

Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen,

damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage,

woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für

den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn

bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist

preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt,

Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am

Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage

wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans

Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«.

Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte

unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner

vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers

Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines

Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt

Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen

werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes,

d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser

Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen

auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von

der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich

mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:

»Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;

Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. --

Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,

Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.

Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen,

Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.«

Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie

deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine

Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das

zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das

erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion,

und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner

Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die

Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die

Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi

Höllenfahrt nichts berichtet haben.

Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche,

lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel

Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die

Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen

Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht

bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel

kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi,

iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner

Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht

von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich

dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu

trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden

haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch

nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also

von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen,

welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige

Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben

gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies,

wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der

Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur

sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je

bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken

verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich

durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank

nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da

wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im

folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines

Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit

da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.

Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der

Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch

diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele

belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso

guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von

prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den

Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so

sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn

derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute

aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus

hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich

behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt:

»Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter

Städte«.

Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem

gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas

dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts

davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum

baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der

Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine

Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie

allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere

gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt,

haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu

ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht

hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das

nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt

hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn

gewonnen hat.

Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien

nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat

der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß

nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So

lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre

Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt

die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen,

wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den

Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel

in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der

Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten

Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die

Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden.

Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem

er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung

erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz

besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst

erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das

natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines

feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die

Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und

weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für

ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus

Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang:

»Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich,

sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird

die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren

und die Leiber, die nicht geboren haben.«

Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an

der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf

dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du

nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im

Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der

Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob,

daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die

dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so

richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre

Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und

bewahren«!

Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe

des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von

Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha

lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge

besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des

Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch

keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben

an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm,

als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.

Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche

bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur

Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie

verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca,

die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden,

ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon

erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird

berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf

durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle

gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß

das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden

eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf

gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und

ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die

letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen

die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben,

so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod

Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem

Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging.

Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei

Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem

Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht

zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die

sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem

jungfräulichen Bräutigam zu kommen.

Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit

heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des

heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch

den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt,

vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon,

daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden

wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so

daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den

Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes

an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel

eröffnet.

Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei

ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben,

seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche

die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.

Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche

Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer

Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die

Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab,

die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube

noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche

von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist

allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen

Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich

die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen

Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche

heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der

Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser

Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der

Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische

Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen

ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der

Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche

Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und

Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren,

und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn

geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.

Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes

Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten

wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit

so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich

aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im

dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu

thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre

Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?«

Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren

solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben,

unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt

hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten

abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben

Sinn.

Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift »gegen

Jovinianus«, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und

Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: »Ich bin bei der

Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit

diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten,

wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen«. Weiter oben in derselben

Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen

könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein

ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere

Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen

Wert anerkannt. »Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und

Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien

zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit

und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.« Weiter heißt es

da: »Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde,

soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von

Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können«. Und Sidonius, Bischof

von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:

»So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,

Deren Vater du warst, o Tricipitinus;

So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,

Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten

Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.«

Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift »vom Gottesstaat«: »Kommen wir

nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet

unsern Märtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, daß auch

sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den

großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche

Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise

der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber

angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren

gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen

Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der

allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und

dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen

der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?«

Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter

den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr

sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist

geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie

sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten

wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um

seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß

selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies

wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie

führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares

Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen,

sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu

retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen?

Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes

Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des

ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk

verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine

eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens,

durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den

Gläubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld

gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn

durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer

Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger

Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des

Fleisches meidet.

So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern

die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend

bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen

mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte.

Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst

wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie,

dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den

Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches

verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie

der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt,

Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte

des Dichters bei: »Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?« Wer

wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder,

welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner

Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder

für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll

-- die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden

bewegen lassen!

Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner

aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem

Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht

hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er

sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der

Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran

erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich

erweist.

Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn

geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf

die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt

Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit

folgenden Worten: »Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die

Priesterin nun lebendigen Leibes begraben«. So auch Augustin im dritten

Buche des »Gottesstaates«: »Die alten Römer begruben lebendig die über dem

Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen

dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode«. So sühnten sie

strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung

dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit

war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit

angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde

beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen:

»Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht

bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit

dem Leben büßen«. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur

Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen

Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die

Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen,

Kapitel XIII: »Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den

Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich

verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht

zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen

hatten, nicht mehr am Leben ist«. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht

eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen

Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht

genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr

Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen

abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger

kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn

der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt,

sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie

viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort

brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des

Mauritius: »Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als

die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst

vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren

gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig

zu achten seien«.

Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die

heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der

Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß

sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt

und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe

unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich

nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und

Hieronymus.

Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit

solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich

nach dem Bericht der »Kirchengeschichte« selbst entmannte, um nicht durch

irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden.

Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen

Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium

der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung

über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der

Frauen schrieb, zu in den Worten: »Weil ich aber, durch meine große Liebe

zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich

den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen«. Dagegen wissen wir, daß

manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung

ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine

kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene

Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: »Ich habe

an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei

Schriften geschickt: eine 'über den Ursprung der Seele' und eine zweite

über den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hält und sündiget

an Einem, der ist's ganz schuldig.' Über beide Schriften bat ich ihn um

sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst

ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht

verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er

antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine

Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben

so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten

würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte.

Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht«. Man

sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch

nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß

derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß

seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere

Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum

so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er

die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner

Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen

Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als

sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; »Die Liebe kennt keine

Grenze«. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die

Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: »Wenn alle meine Glieder sich in

Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch

keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula

würdig zu preisen«.

Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben -- der

höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und

was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel

ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese

Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit

einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene

Schmeichelei erscheinen muß. »Von allen Gegenständen, sagt er, über welche

ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben

habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das

gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die

Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn

ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich

sei ein Schmeichler«. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die

Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend

anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er

sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß

sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu

leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von

falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: »Mögen sie mich, heißt es

da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du

aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten

für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu

richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie

haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet.

Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst

sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen

sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein

Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht

nach Jerusalem gekommen wäre.« Weiter heißt es: »Ehe ich in das Haus der

frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen

Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten

Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem

Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal

aller Tugenden bar.« Und etwas weiter unten sagt er: »Grüße Paula und

Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle«.

Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch

vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen

hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: »Wenn dieser ein Prophet

wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret«. Was

Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi,

durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens

nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht

davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.

Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen

Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu

trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen,

daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid,

nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten

lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist

der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers

Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte,

daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit

teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen

Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie

wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren

Geschlechtes gewesen sei.

So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel

der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen

sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser

Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen

konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich

selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott

gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht

getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu

ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn

sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl

des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben

wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen

Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.

Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie

nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für

Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch

ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden

wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja,

auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm

getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.

Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures

Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich

hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures

Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen.

Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes

Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl!

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 7 / 17 题