Heloise an Abaelard.
(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch,
ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines
Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den
Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den
Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch
setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an
Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an
Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des
Ranges der einzelnen.
Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch
vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und
daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns
kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht:
»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich
überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas
denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit
vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein
Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt
es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und
diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes
vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt
werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über
unser Seelenheil geworden bist.
Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die
unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was
uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine
eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem,
dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca,
»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?«
Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls
du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer
Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir
deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen.
Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm
Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn
die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit
zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird?
Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem
Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir
Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir
werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten,
und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben.
Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben,
wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu
leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge
Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht
zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von
dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!
Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die
nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen
Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht,
schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe
und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen.
Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein
anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht,
die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit
nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch
durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er
Gott bittet:
»Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft
Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.«
Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was
könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen,
in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir
ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst
bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt,
in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden
könnte.
Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du
grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O
unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich
verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu
wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand
mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß
übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden
könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod
diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern,
so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell
herbeikommen möchte!
O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand
ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest?
Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich
erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der
Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren
Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre?
Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und
so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich
gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten,
nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert.
Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so
glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter
klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte
mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das
Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.
Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns
in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der
Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu
gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge
nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die
erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein
ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem
Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine
Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.
Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug
gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs
verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch
welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren
Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht.
Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten
Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher
Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf
deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere
Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen
könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich
widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst,
hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam
begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der
weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller
Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich
aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest
du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer
gefallen bist.
Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen
Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das
tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor
den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes:
laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf
ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei
Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man
hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe
alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib,
welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei,
denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder
wird durch sie gefangen.«
Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm
von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch
geworden.
Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und
dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila
allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände
lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in
wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels
begraben hat.
Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er
sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen
Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen
hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden
war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von
dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.
Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu
bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue
Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am
leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.
So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich
durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht
verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen
dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.
Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die
genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn
schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch,
wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine
Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden
begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen
freizusprechen wage.
Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste
nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das
Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine
früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen
schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht
ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und
Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur
einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an
deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja
nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen
tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.
Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen:
ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott
versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung
der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn
durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige
Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien:
kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde
noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es
ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder
dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich
schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten
Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir
gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen
meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will
reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese
Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen;
aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher
Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn
nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern
man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß
eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete
Zunge bekennt.
Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht
der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt,
die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«.
Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel
Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke
daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen
und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich
die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet
reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz
von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre
Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine
Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.
Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch
die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem
Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe
und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine
unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort,
das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist
groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich
unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O
könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen:
»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.«
Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich
auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche
Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir
zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach
Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei
mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß
noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die
Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je
schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich
dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß,
daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als
Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist
Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft
und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu
einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei
ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für
eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes
Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich
davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde
unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen
heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein
Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute
zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu
thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben:
»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum
vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich
zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein
Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein
Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was
ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du
hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast
meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so
dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich
beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht
aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit
du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich
brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht,
ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest.
Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze
genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr:
»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du
gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet
den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und
Alten, die Seele zu fahen«.
Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße
und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe
Wunden reißen.«
Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf
niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich
schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir
sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen
Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine
innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines
Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie
Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die
äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf
bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes
Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl;
aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig
über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum
steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«.
Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du
ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es
mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins
Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit
deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich
setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt
hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches
Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die
Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe
denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der
Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den
Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will --
ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird
mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht
einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus
anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der
Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir
sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?