IV. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)

Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch,

ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines

Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den

Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den

Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch

setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an

Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an

Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des

Ranges der einzelnen.

Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch

vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und

daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns

kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht:

»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich

überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas

denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit

vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein

Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt

es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und

diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes

vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt

werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über

unser Seelenheil geworden bist.

Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die

unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was

uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine

eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem,

dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca,

»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?«

Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls

du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer

Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir

deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen.

Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm

Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn

die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit

zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird?

Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem

Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir

Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir

werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten,

und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben.

Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben,

wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu

leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge

Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht

zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von

dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!

Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die

nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen

Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht,

schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe

und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen.

Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein

anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht,

die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit

nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch

durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er

Gott bittet:

»Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft

Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.«

Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was

könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen,

in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir

ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst

bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt,

in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden

könnte.

Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du

grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O

unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich

verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu

wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand

mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß

übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden

könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod

diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern,

so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell

herbeikommen möchte!

O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand

ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest?

Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich

erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der

Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren

Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre?

Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und

so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich

gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten,

nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert.

Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so

glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter

klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte

mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das

Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.

Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns

in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der

Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu

gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge

nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die

erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein

ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem

Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine

Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.

Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug

gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs

verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch

welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren

Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht.

Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten

Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher

Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf

deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere

Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen

könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich

widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst,

hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam

begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der

weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller

Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich

aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest

du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer

gefallen bist.

Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen

Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das

tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor

den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes:

laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf

ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei

Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man

hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe

alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib,

welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei,

denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder

wird durch sie gefangen.«

Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm

von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch

geworden.

Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und

dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila

allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände

lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in

wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels

begraben hat.

Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er

sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen

Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen

hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden

war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von

dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.

Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu

bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue

Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am

leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.

So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich

durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht

verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen

dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.

Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die

genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn

schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch,

wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine

Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden

begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen

freizusprechen wage.

Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste

nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das

Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine

früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen

schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht

ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und

Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur

einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an

deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja

nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen

tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.

Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen:

ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott

versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung

der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn

durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige

Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien:

kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde

noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es

ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder

dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich

schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten

Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir

gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen

meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will

reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese

Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen;

aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher

Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn

nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern

man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß

eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete

Zunge bekennt.

Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht

der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt,

die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«.

Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel

Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke

daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen

und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich

die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet

reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz

von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre

Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine

Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.

Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch

die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem

Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe

und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine

unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort,

das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist

groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich

unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O

könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen:

»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.«

Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich

auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche

Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir

zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach

Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei

mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß

noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die

Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je

schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich

dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß,

daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als

Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist

Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft

und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu

einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei

ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.

Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für

eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes

Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich

davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde

unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen

heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein

Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute

zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu

thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben:

»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum

vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.

Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich

zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein

Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein

Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was

ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du

hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast

meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so

dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich

beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht

aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit

du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich

brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht,

ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest.

Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze

genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr:

»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du

gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet

den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und

Alten, die Seele zu fahen«.

Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße

und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe

Wunden reißen.«

Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf

niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich

schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir

sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen

Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine

innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines

Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie

Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die

äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf

bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes

Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl;

aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig

über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum

steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«.

Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du

ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.

Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es

mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins

Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit

deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich

setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt

hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches

Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die

Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe

denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der

Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den

Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will --

ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird

mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht

einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus

anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der

Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir

sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 4 / 17 题