III. Brief.

Abaelard an Heloise.

(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im

Herrn.)

Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des

Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner

Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf

welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es

nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut,

überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch

Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen

aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit

gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer

Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter

besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen

Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es

dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer

Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung

nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du

belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die

Kraft dazu schenkt.

Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und

beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu

Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit

mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße

treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so

dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und

noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner

vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen,

dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.

Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag,

insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und

dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und

Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne

Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß

mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst

für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten

gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten

seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in

seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich

verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die

Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen

Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt:

»Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für

den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen

Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch

des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der

Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.«

An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er

spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt,

daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes

umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.

Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie

wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm

eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn

dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.

Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke

deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen

und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit

mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein

wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für

wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine

unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre

Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie

Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es

erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein

will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein

Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in

der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die

heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges

Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.«

So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin

Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte,

ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er

hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann

verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.

Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft

sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel

vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich

bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine

Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm

und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene

Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem

Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und

sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar

der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein

Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder

drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und

weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie

bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist

hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer

frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des

Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann

erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?

Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie

einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig

geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie

der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der

Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die

Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent

der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch

am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben

selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.«

Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden,

daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen

zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte

Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias

und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber

erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen

hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält

dadurch seine Bestätigung: »Die Weiber haben ihre Toten von der

Auferstehung wiedergenommen.« Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem

Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter

wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner

Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem

Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters

erwiesen hat, so haben doch auch hier »die Weiber ihre Toten von der

Auferstehung wiedergenommen«; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so

erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese

Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten.

Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung

meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr

das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm

vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren

die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal

Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn

erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns

aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten

Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.

Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in

welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich

will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag,

und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so

viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit

dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem

Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was

du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist

um deines Gebetes willen.

Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr

gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: »Ein fleißiges Weib ist

eine Krone ihres Mannes« und »Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes

und bekommt Wohlgefallen vom Herrn«. Weiter heißt es; »Haus und Güter

vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn«. Der

»Prediger« aber sagt: »Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist«,

und bald darauf: »Ein gutes Weib, ein gutes Teil.« Und die Meinung des

Apostels ist: »Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib«.

Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im

Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der

König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das

Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich

wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das

Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet

veranlaßt.

Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in

welchem er sagt: »Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er

sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen

aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.« Mit dieser -- wenn man so

sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt,

die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch

aufgehoben.

Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den

Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag

pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu

verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war,

Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:

_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.«

_Versus_: »Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.«

_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.

Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.«

_Kollekte_: »O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht

in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in

deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.«

Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so

nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist.

Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der

Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem

Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:

_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens,

auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein

Widersacher nicht freue.«

_Versus_: »Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß

mein Feind sich nicht freue.«

_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.

Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von

Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes.

Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.«

_Kollekte_: »Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht

in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem

Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum

unsern Herrn.«

Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen -- sei's

daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch

den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwöre ich euch: lasset meinen

Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen.

Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab

besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich

wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele

keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist

dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein

Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten

Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und

salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten

an seinem Grab, wie geschrieben steht: »Frauen saßen am Grab und weinten

und klagten um den Herrn«. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von

der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel,

und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber

sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.

Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der

gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast

allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem

Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures

Gebets beistehet.

Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 3 / 17 题