Aus der Zeit der Entwürfe und Pläne tritt der Mensch mit beginnendem

Mannesalter in die Zeit der Arbeit ein, nun gilt es selbst Hand

anzulegen, nun das Vermögen in Tat umzusetzen; ein Beruf wird

ergriffen, ein eigenes Heim begründet. Das bringt dem Leben eine

gewisse Verengung und lenkt es in eine ruhige Bahn. Aber wenn der Sturm

und Drang der Jugend verfliegt, so verflicht sich dafür das Leben

enger mit seiner Umgebung und gewinnt es einen festeren Boden; klarer

stehen die Ziele vor Augen, und das Wirken gewinnt an Sicherheit.

Aus emsiger Arbeit quillt Liebe und Freude hervor, die Hingebung

und Opfer zu erzeugen vermag und zur ethischen Erhöhung wirkt. Aber

diese Wendung bringt das Leben bald an einen kritischen Punkt, den

am meisten kritischen Punkt unseres Daseins. Die Arbeit zwingt, das

Streben auf die Leistung zu richten, sie lenkt damit den Menschen vom

eigenen Innern ab, sie verlegt den Schwerpunkt des Lebens mehr und

mehr in das Verhältnis zur gesellschaftlichen Umgebung und unterwirft

den Einzelnen ihren Forderungen. Das ergibt so lange keine schwere

Verwicklung, als das Feuer der Jugend noch anhält und das Werk des

Tages erwärmt; aber allmählich erlischt jenes Feuer, es erschlafft

mehr und mehr die Jugendkraft der Natur, und es fragt sich nun,

ob, was damit verloren geht, irgendwelchen Ersatz erhalte. Damit

aber wird das Leben vor eine folgenschwere Entscheidung gestellt.

Nur geistige Kraft vermöchte die sinkende Natur zu ersetzen, sie

könnte das aber nur, wenn die geistige Anregung, die dem Individuum

zugeführt wurde, in ihm tief genug Wurzel geschlagen hätte, um eine

Selbständigkeit zu erreichen und den Hemmungen gewachsen zu werden.

Dies aber geschieht, wie der Augenschein zeigt, in den meisten Fällen

nicht, das geistige Leben wird weniger durch eigene Kraft als durch

das verwickelte Triebwerk des gesellschaftlichen Lebens aufrecht

gehalten; das aber besagt gerade nach unserer Darlegung deshalb einen

schroffen Widerspruch, weil geistiges Leben ein Selbständigwerden

der Innerlichkeit bedeutet; eine Beugung unter eine fremde Ordnung

muß es verflachen und entstellen, ja setzt es schließlich zu bloßem

Aufputz und Schein herab. Das muß auch das Individuum am eigenen Leibe

erfahren: es kann nicht vornehmlich nach draußen blicken und die

Wirkung auf die Umgebung berechnen, ohne daß die Kraft des Lebens sinkt

und seine Gefühle ermatten; ursprüngliches Schaffen weicht träger

Gewöhnung, und eine geistlose Mechanisierung gewinnt immer weiteren

Raum. Die Arbeit sinkt zur Routine, und was feurige Liebe schuf, das

muß die Gewohnheit des Alltags und kühle Erwägung der Zweckmäßigkeit

mühsam aufrecht erhalten. Zugleich weicht das stürmische Hochgefühl

der Jugend einem nüchternen Realismus, der Trägheitswiderstand der

Verhältnisse, der die Jugend so wenig bekümmerte, wird nun überschätzt

und lähmt allen kühnen Aufschwung; dasselbe gilt von der Macht des

Kleinen und Gemeinen, sowie des Zufalls, der oft mühsame Arbeit und

wohlerwogene Pläne in spielender Laune zerstört. Ist es dem Individuum

zu verdenken, wenn solche Eindrücke und Erfahrungen es auf eine

Beherrschung der Dinge verzichten und möglichst eine Anpassung an seine

Umgebung suchen lassen? Auch unterstützt das gesellschaftliche Leben

eine derartige Wendung, indem es sich eifrig bemüht, den Menschen die

drohende innere Leere nicht voll empfinden zu lassen. Die Gesellschaft

läßt es an Anerkennung der Leistung nicht fehlen, sie stachelt den

Ehrgeiz des Individuums an und schmeichelt mit mannigfachen Mitteln

seiner Eitelkeit; oft verkehrt sich das in wunderlicher Weise dahin,

daß das Nichts dem Nichts eine Bedeutung zuspricht und ihm damit

ein Selbstbewußtsein verleiht; auch ersinnt die Gesellschaft mit

großem Geschick Unterhaltungen und Zerstreuungen, Spiele, Sport

usw., Ersatzmittel echten Lebens, die durch unablässige Erregung der

einzelnen Augenblicke die Leere des Ganzen verdecken möchten. Aber das

Gefühl der Leere verscheuchen, heißt nicht die Leere vertreiben, in

aller künstlich erzeugten Erregung führen die Seelen kein wahrhaftiges

Leben, sind sie, innerlich angesehen, tote Seelen, geistig tot, bevor

der körperliche Tod sie dahinrafft. Und nun erwacht oft eine wehmütige

Sehnsucht nach der Kindheit, wo das Leben in so weitem Ausblick vor dem

Menschen lag, wo alle Möglichkeiten noch offen standen, und die Pulse

so viel kräftiger schlugen.

Schließlich versagen die Kräfte zur Arbeit, und gilt es ein Scheiden

von ihr, das Greisenalter beginnt. Dieser Abschied von der Arbeit,

die mehr und mehr zu einer lastenden Bürde wurde, mag zunächst wie

eine Erleichterung und Befreiung erscheinen, die Ruhe wird zum Genuß,

der harte Kampf erlischt, die Stimmung wird weicher, das Urteil des

unbeteiligten Zuschauers milder; zugleich wird er selbst, da er nun

ja aus der Wettbewerbung ausschied, freundlicher beurteilt oder

doch schonungsvoller behandelt. Das Greisenalter ist die Zeit der

Selbstbetrachtung, aber einer Betrachtung, die sich vom Schaffen

abgelöst hat; so hat diese Weisheit einen matten und unfruchtbaren

Charakter, sie erleichtert mehr das Scheiden vom Leben, als sie diesem

nachträglich einen Wert verleiht. Die Beleuchtung, welche sein Verlauf

beim Rückblick erhält, gibt eher dem Pessimismus als dem Optimismus

Recht. Die Natur versah jeden von uns mit einem Kapital für das

Leben, aber dieses Kapital war begrenzt, und wir haben es allmählich

aufgezehrt; was sollen wir nun noch beginnen? Wir hatten manche

Erfolge, aber sie ließen die Seele vergessen und verkümmern, und sie

selbst geraten in Unsicherheit, wenn der Sinn und Wert des gesamten

Lebens zweifelhaft wird, und wie sollte das hier nicht geschehen?

Wir strebten von Augenblick zu Augenblick und hofften stets mit dem

Erklimmen der nächsten Höhe den höchsten Gipfel gewonnen zu haben, aber

immer wieder erschienen neue Höhen und zwangen uns weiter zu wandern.

Das Leben kam nicht zu sich selbst und ging nicht in ein Ganzes

zusammen; so hatte es dem Strom der Zeit nichts entgegenzusetzen,

sondern trieb wehrlos mit ihm dahin. Im Hoffen und Harren auf ein

Glück, das irgendwoher kommen sollte, entrann uns die Gegenwart und

schließlich das ganze Leben, es war mehr ein Suchen und Haschen, ein

Verlangen nach Leben als wahres und wirkliches Leben.

Zugleich verschiebt sich durch den Verlauf des Lebens in schmerzlicher

Weise das Verhältnis des Einzelnen zur Zeit und zur menschlichen

Umgebung. Im Aufstreben fühlte er sich seiner Zeit aufs allerengste

verbunden, und ihre Förderung bildete den Hauptantrieb seines Strebens.

Am Schluß aber entweicht ihm die Zeit, die alten Probleme treten zurück

und machen neuen Platz; das macht ihn fremd in der Zeit und mit seinem

Hangen an der Vergangenheit selbst zu einer Vergangenheit. Nicht viel

anderes erfährt er mit den einzelnen Menschen. Als er aufstrebte, hatte

er viele Genossen, deren Teilnahme er sicher war, und die er zu führen

oder doch zu fördern hoffte. Diese Genossen und Freunde werden ihm

nach und nach entrissen, und Fremde besetzen ihren Platz. So findet er

sich immer weniger verstanden, und muß sich immer einsamer fühlen, ja

schließlich mag er sich wie ein bloßes Überbleibsel erscheinen, das

die Wogen des Geschickes bisher verschonten, nun aber bald dahinraffen

werden. Das alles führt zu der Stimmung, der Goethe den Ausdruck gab:

»Ein alter Mann ist stets ein König Lear.

Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,

Ist längst vorbei gegangen,

Was mit und an dir liebte, litt,

Hat sich wo anders angehangen;

Die Jugend ist um ihretwillen hier,

Es wäre thörig zu verlangen:

Komm ältele du mit mir.«

Solchen Zweifeln und Enttäuschungen gegenüber ist es ein bloßer

Scheintrost, daß unsere Arbeit der Heranbildung eines neuen

Geschlechtes diene, unsere Mühe diesem fromme. Denn was wird damit

gewonnen, wenn das neue Geschlecht auch nur wieder ein neues

heranzieht, und dieses wieder ein anderes, wenn jedes die Frage einem

anderen zuschiebt, und damit das Leben nie über das Suchen hinaus zu

einem Beisichselbstsein gelangt? Schließlich erscheint das unermüdliche

Streben von Geschlecht zu Geschlecht als ein bloßes Mittel, die

Menschheit physisch zu erhalten; es mag dann eine grobe Irrung dünken,

daß wir uns als einen Selbstzweck behandeln und vom Leben einen Inhalt

begehren. Alle solche Größen stellen sich dann als bloße Lockmittel

heraus, die uns vorgespiegelt werden, um uns aus natürlicher Trägheit

aufzurütteln. Wir alle werden damit bloße Durchgangspunkte des Lebens,

Wogen, die sich rasch zusammenballen und ebenso rasch zerrinnen, Wogen,

die einander unaufhörlich verdrängen. Dieser Stand der Dinge mag so

lange verborgen bleiben, als der Blick nur an einzelnen Geschehnissen

haftet; sobald aber ein überschauendes Denken die Erfahrungen ins Ganze

faßt, wird die Sinnlosigkeit dessen offenbar, und das letzte Wort

behält die Verneinung.

So pflegt es zu sein, so braucht es aber nicht zu sein; daß es so ist,

das liegt am Menschen selbst, der sein Leben allein auf die Umgebung

richtet und es von ihr abhängig macht, statt ihm eine Selbständigkeit

zu erringen und die Bildung des Innern voranzustellen. Wir sahen, wie

hohe Ziele das menschliche Leben enthält, auch der Einzelne kann sie

ergreifen, sein Dasein in Tat verwandeln, eine Unendlichkeit in der

eigenen Seele entdecken, den Kampf gegen alles Schicksal getrosten

Mutes unternehmen. Er kann das von der Überzeugung aus, daß überlegene

Macht in ihm ein neues Leben und eine ursprüngliche Quelle erschließt;

zu dessen Aneignung und Entfaltung aber bedarf es seiner Gesinnung und

Tat. Das Leben erhält einen völlig anderen Anblick, wenn es nicht bloß

an uns vorgeht, sondern unser eigenes Werk werden kann, wenn es nicht

eine vorgeschriebene Linie nur fortsetzt, sondern die Forderung einer

großen Wendung in sich trägt, die Forderung eines Überlegenwerdens

nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen den flachen und

widerspruchsvollen gesellschaftlichen Durchschnitt, die Forderung, das

Ganze der Lebenswelt im eigenen Wesen zu ergreifen. Es stehen dabei

nicht bloß einzelne Leistungen in Frage, sondern ein einziges aller

Mannigfaltigkeit überlegenes Ziel, die Erhebung des Menschen zu einem

selbständigen Lebenszentrum, die Bildung eines geistigen Kernes, einer

geistigen Energie, die Geburt eines Geistesmenschen statt des bloßen

Daseinsmenschen. Denn »der Mensch muß zweimal geboren werden, einmal

natürlich und sodann geistig, wie der Brahmine« (Hegel). Brahminen in

diesem Sinne sind aber wir alle, mag der Daseinskreis des Einzelnen

noch so bescheiden sein. So darf es mit Goethe heißen: »Gott begegnet

sich immer selbst; Gott im Menschen sich selbst wieder im Menschen.

Daher keiner Ursache hat, sich gegen die Größten gering zu achten.«

Zum Gelingen der Wendung bedarf es einmal eines unablässigen

Hochhaltens der Gesinnung, es bedarf aber auch einer emsigen

Arbeit, welche dem Menschen einen eigenen Bereich erringt, ihm eine

eigentümliche Wirklichkeit schafft und ihn sich darin befestigen

läßt. Die Bewegung bleibe nicht ein bloßes Wogen und Wallen, sie

strebe auch zu irgendwelchem geschlossenen Werke, weniger wegen

der Leistung, die stets unvollkommen bleibt, als zur notwendigen

Aufrüttelung, Zusammenfassung und Lenkung der Kräfte; ohne das kann das

Leben nicht stark in sich selbst und zur vollen Wirklichkeit werden.

Gewiß wird es so gefaßt alles eher als ein sicheres Fortschreiten

oder gar ein behagliches Genießen. Mit seiner Forderung, Unendliches

im Endlichen, Zeitüberlegenes im Zeitlichen, Freischaffendes im

Gegebenen und Gebundenen, Liebe in der Welt der Selbstsucht und

des Streites zur Macht und Wirkung zu bringen, enthält es einen

durchgängigen Widerspruch; diesen Widerspruch kann das Alltagstreiben

verdunkeln und vergessen, den Höhen menschlichen Strebens aber war

er mit voller Klarheit gegenwärtig: die edelsten Menschen machten

sich die meisten moralischen Sorgen, »die Heiligen pflegen sich für

Sünder und die Sünder für Heilige zu halten« (Pascal), die größten

Künstler fühlten besonders schmerzlich den weiten Abstand zwischen

Wollen und Vollbringen, und tiefste Denker fühlten sich namentlich

getrieben, einer Überschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens

entgegenzuwirken und scharf seine Grenzen zu ziehen. Aber das

alles kann nicht erschrecken, wenn der Mensch der lebendigen

Gegenwart erhöhender Mächte gewiß ist und sein Werk nicht als eine

Privatangelegenheit, sondern als eine ihm zugewiesene, aber zugleich

vom Gesamtleben getragene Aufgabe führt, nicht aus eigener, sondern aus

verliehener Kraft. Dabei fällt auch das ins Gewicht, daß das Leben des

Menschen verschiedene Schichten enthält, und daß selbst das Mißlingen

bei einer von ihnen für das Ganze ein Gewinn werden kann. Wir haben uns

zunächst im Bereich der Natur und des gesellschaftlichen Zusammenseins

zu erhalten, über die dort waltende Notwendigkeit und Nützlichkeit

erhebt weltbauendes geistiges Wirken und Schaffen in ein Reich der

Geisteskultur, über diesem aber wölbt sich als letzter Abschluß ein

Reich weltüberlegener Innerlichkeit und weltüberwindender Liebe. In

diesem letzten kann auch das einen Wert erlangen, was äußerlich nicht

zur vollen Wirkung kam, ja es verschwinden hier alle Unterschiede der

Leistung. Denn hier wird zum entscheidenden Hauptwerk die Gesinnung,

Gesinnung als tätige Haltung, nicht als passiver Zustand, hier gilt das

Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das auch die geringste Arbeit

nicht verwirft, wenn sie nur aus der treuen Einsetzung der ganzen Seele

hervorging.

Steht es so mit dem Menschen, so kann er den Gefahren trotzen,

welche sein Leben nach kurzem Aufschwung in ein Stocken und Sinken

zu bringen drohten. Nun kann er dem Schicksal, das ihn umfängt, ein

ursprüngliches Leben entgegensetzen und damit sein Dasein in einen

unablässigen Kampf zwischen Schicksal und Freiheit verwandeln; nun

kann er die entweichende physische Jugend durch eine geistige ersetzen

und gegenüber einem erstarrenden Mechanismus das Leben in frischem

Fluß erhalten. Auch erschöpft sich nunmehr das Leben nicht mehr in

ein Nacheinander einzelner Vorgänge, es bleibt kein bloßes Kommen und

Gehen, sondern nunmehr vermag es gegen den Wirbel und Wandel eine

Hauptrichtung festzuhalten und eine beharrende Gegenwart auszubilden,

die alles, was dem inneren Fortgang dient, verbinden und durcheinander

befestigen kann. Hat unser Leben so viel bei sich selbst zu tun und

verheißt sein Verlauf so reichen Gewinn, so kann es auch nicht mehr

echte Weisheit bedeuten, das Leid, das uns traf, einfach abzuschütteln

und möglichst alle Spur von ihm auszutilgen, sondern dann hat es einem

Ganzen des Lebens gegenwärtig zu bleiben und zu seiner Förderung zu

wirken.

Solche innere Bildung vermag durch den ganzen Verlauf des Lebens im

Aufstieg zu bleiben und an geistiger Frische zu wachsen; es wird von

hier aus die Forderung der Mystik verständlich, der Mensch solle jeden

Tag jünger werden, jeden Tag mehr aus der Zeit in die Ewigkeit treten;

nur werden wir dabei weniger mit der Mystik an bloße Kontemplation als

an schaffende Tätigkeit denken. Wie in diesem Zusammenhange das Leben

sich nicht als ein Aufzehren eines gegebenen und begrenzten Kapitals

darstellt, sondern als das Schaffen eines neuen, das ins Grenzenlose

zunehmen kann, so wird nun das sentimentale Zurückblicken auf die

Jugendzeit und das Klagen über den Verlust ihrer Frische und Spannkraft

zu einem Ausdruck matter und flacher Denkart, ja zu einem Zeugnis

dessen, daß das Leben sein Ziel verfehlte.

Nicht minder als dem Sinken der Jugendkraft läßt sich auch der

Mechanisierung der Arbeit und dem Unterliegen unter starre Routine

erfolgreich Widerstand leisten. Uns bezwingen nicht sowohl die

Außendinge als unsere innere Schwäche, unser Unvermögen, inmitten der

Arbeit ein Werk des ganzen Menschen zu wahren und von ihm aus die

Arbeit zu beseelen. Werfen wir nicht auf das Schicksal, was in Wahrheit

wir selbst verschulden!

Wenn die Festhaltung einer durchgehenden inneren Aufgabe das Leben in

ein fortlaufendes Werk verwandelt und der Verlust nach außen hin sich

durch einen inneren Gewinn ersetzen läßt, so behalten auch die späteren

Lebensstufen ein eigentümliches Recht und einen eigentümlichen Wert.

Auch Güter wie Kraft und Schönheit beschränken sich nicht auf die

Jugendzeit, auch die späteren Alter können sie besitzen, nur werden

diese sie anders gestalten und mehr ins Seelische wenden müssen. Wir

ergeben uns gewöhnlich viel zu früh und machen weit weniger aus uns,

als wir könnten, unser schlimmster Feind ist die eigene Verzagtheit,

ist der Mangel an rechtem Glauben. Richtig verstanden hat auch das

Greisenalter seinen besonderen Wert, es braucht kein mattes Verklingen

zu sein, es kann ein inneres Zusammenfassen des Lebens werden und eine

Emporhebung über alle äußeren Maße vollziehen. Wohl lockert sich das

Verhältnis zur Zeit, jedoch nur das zu ihrer Oberfläche, nicht zu dem

Ewigkeitsgehalt, der allein den Zeiten eine Tiefe gibt und sie zu einem

gemeinsamen Werke verbindet. Auch das Einsamerwerden gegen die Menschen

braucht keine Vereinsamung zu bedeuten, wenn Liebe zum Menschenwesen

bleibt und immer neue Tätigkeit wachruft, wenn vor allem der Mensch

in den Zusammenhängen des geistigen und göttlichen Lebens sich sicher

geborgen fühlt und als Glied einer ewigen Ordnung weiß. Dann mag das

Leben nach dem Ausdrucke Leibnizens gegenüber der früheren Evolution

eine Art von Involution vollziehen, eine Einkehr in sich selbst, aber

es fällt damit nicht ins Leere, wenn es von innen her eine Welt zu

eigen gewann, die den Grundbestand aller Wirklichkeit bildet, der

gegenüber alles Dasein zu einer niederen Stufe herabsinkt. So erscheint

das Greisenalter als ein Prüfstein für den Ertrag des Lebens, für sein

Gelingen oder Mißlingen. Wir erwähnten vorhin ein trübe gestimmtes

Goethewort; wie der große Lebensweise sich selbst über solche Stimmung

hinaushob, das zeigt ein anderer Ausspruch, der seine individuelle Art

in unnachahmlicher Sprache verkörpert:

»Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles:

Die eigentliche Lust des Sinnenspieles,

Erinnerung des allerliebsten Tandes

Von gestern; weit und breiten Landes

Durchschweifen frommt nicht mehr; selbst nicht von oben

Der Ehren anerkannte Zier, das Loben,

Erfreulich sonst. Aus eignem Tun Behagen

Quillt nicht mehr auf, dir fehlt ein dreistes Wagen!

Nun wüßt ich nicht, was dir besondres bliebe.«

»Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe.«

Folgerungen für die Aufgaben der Gegenwart.

So gewiß in den Bewegungen der Weltgeschichte die philosophische Arbeit

nur einen bescheidenen Platz einnimmt, so ist sie doch unentbehrlich

bei den Fragen, die den ganzen Menschen und die Gesamtrichtung des

Lebens betreffen. Daß aber die von uns vertretene Gedankenwelt nach

dieser Richtung hin wohl einiges nützen kann, das sei an einigen

Hauptpunkten kurz gezeigt.

1. Wir gehen vom Begriff des Lebens aus und stellen uns damit in

einen zwiefachen Gegensatz, in einen Gegensatz zu allem Beginnen vom

Sein und in den einer Voranstellung besonderer Tätigkeiten. Was jenen

betrifft, so geht er freilich mehr die eigentliche Philosophie als das

Leben an, so sei hier nur das bemerkt, daß beim Ausgehen vom Leben

das Erkennen nicht auf eine gegebene Welt, nicht auf ein starres Ding

an sich gewiesen wird, und daß überhaupt ein Leben sich weit leichter

und weit reicher eröffnen kann als ein Sein. Auch die Religion stellt

sich anders dar, wenn ihr höchstes Ziel nicht ein absolutes Sein,

sondern das absolute Leben bildet. Hier aber liegt uns vor allem an

dem Gegensatz des Lebens als eines Ganzen zu seinem Auseinandergehen

in die Besonderheit der Verzweigung. Es ist ein Hauptzug des modernen

Lebens, die Eigentümlichkeit der Einzelgebiete mehr zu entwickeln und

stärker hervorzukehren als frühere Zeiten es taten. Diese Verstärkung

aber hat bei allen Erfolgen mangels eines Gegengewichts immer mehr

dazu geführt, daß die Gebiete auseinandergingen und wohl gar in einen

schroffen Gegensatz zueinander gerieten. Da ihrer Arbeit naturgemäß

die Menschen folgten, so entstand eine ungeheure Zerklüftung und

Zersplitterung, wie wir heute schmerzlich empfinden. Mit diesem

überwiegenden Eingehen in die Verzweigung hängt auch zusammen, daß das

Leben sich mehr ins Technische wendet und immer komplizierter geworden

ist, daß einfache Grundgedanken den Spezialproblemen immer mehr weichen

mußten. Dem muß begegnet werden, dem läßt sich aber nur begegnen durch

ein Zurückgehen auf ein überlegenes Ganzes des Lebens. Es steht zu

hoffen, daß, wenn die großen Lebenswahrheiten und Lebensnotwendigkeiten

kräftiger herausgearbeitet und bewußter angeeignet werden, unser

Lebensstand eine Verjüngung und Vereinfachung erfährt, daß die Menschen

gemeinsame Aufgaben erkennen und sich bei ihnen zusammenfinden. Alle

schönen Worte von Menschenwürde und Humanität überwinden nicht die

Kluft, das kann nur durch eine Verstärkung der gemeinsamen Aufgaben

erfolgen, an deren Lösung das Gelingen und der Sinn alles Lebens hängt,

bei denen wir aber zugleich uns aufeinander angewiesen und innerlich

verbunden fühlen. Hier gilt es ein Bauen von innen heraus.

2. Das Leben als Grundlage dessen nehmen konnten wir nicht,

ohne anzuerkennen, daß ein derartiges Leben nicht ein Erzeugnis

bloßmenschlichen Vermögens ist, daß es vielmehr aus größeren

Zusammenhängen stammt, und daß damit innerhalb des Menschen etwas

Übermenschliches ersichtlich wird. Aus solcher Überzeugung läßt sich

der heutigen Unsicherheit in der Schätzung des Menschen entgegenwirken.

Es war der Neuzeit eigentümlich, beim Bilde der Welt wie bei der

Gestaltung des Lebens vom Menschen auszugehen und ihn damit sehr zu

steigern. Es hat das aber neben großem Gewinn auch manche Verwicklung

gebracht, im besonderen die Gefahr, daß der bloße Mensch die Rechte

und Ansprüche an sich riß, die nur dem schaffenden Leben gebühren.

Solche Mißstände wurden so lange minder bemerklich, als von früheren

Lebensordnungen her noch ein Glanz auf der Menschheit lag und sie als

ein Glied größerer Zusammenhänge sehen ließ. Aber diese Verklärung ist

mehr und mehr gewichen, und der Mensch hat sich immer ausschließlicher

auf sein natürliches und gesellschaftliches Dasein gestellt. Wenn

dabei manche Grenze und Schwäche sich nicht verkennen ließ, so suchte

man das wohl durch eine Summierung der Kräfte zu überwinden, sei

es in dem Nacheinander der Geschichte, sei es in dem Nebeneinander

der Gesellschaft. Wie wenig das aber auslangt, das hat sich unserer

Erörterung oft erwiesen; die Eindrücke des Krieges bekräftigen das,

indem sie den Menschen mit sehr widersprechenden Zügen zeigen, im

Verhältnis der Nationen unermeßlich viel Haß und Neid, Unwahrheit

und Ungerechtigkeit, innerhalb der Nationen aber viel Kraft und

Aufopferungsfähigkeit, wie wir das auch unseren Gegnern zuerkennen

müssen; so ein höchst verworrenes Bild des Menschen. Die Unsicherheit,

ja Hilflosigkeit wird dadurch verstärkt, daß die moderne Wissenschaft

die Bedeutung des Menschen im Weltall immer geringer anschlägt; wir

auf unserem kleinen Planeten und mit unserer zeitlich begrenzten

Dauer scheinen völlig nebensächlich und gleichgültig im Ganzen der

Wirklichkeit. Und doch können wir unmöglich auf eine Schätzung der

Menschheit verzichten, wenn unser Handeln hohe Ziele entwerfen und

unserem Vermögen sie zu erreichen vertrauen soll. So geht ein Sehnen

durch die Menschheit der Gegenwart, den Menschen von innen heraus zu

erhöhen. Das aber kann unmöglich vom bloßen Dasein aus geschehen,

es verlangt die Eröffnung einer neuen Welt, einer Tatwelt, in der

menschlichen Seele, und die Schöpfung eines selbständigen Lebens im

Menschen; unsererseits bedarf es dabei einer kräftigen Herausarbeitung

jenes Übermenschlichen im Menschen und zugleich eines Zusammenschlusses

der Streiter für eine echte Geisteskultur zu einer festen Gemeinschaft;

früher haben die Kirchen sich dieser Aufgabe angenommen, vieles

in ihnen ist sicherlich heute veraltet, aber der sie beseelende

Grundgedanke bleibt schlechterdings unentbehrlich und wird sich

durch alle Verneinung und Bekämpfung hindurch immer wieder Geltung

verschaffen.

3. Wir verlangten für das Leben die Bildung eines festen Kerns im

Menschen, eines Selbst, das alle Mannigfaltigkeit trägt, sich erhöhend

in sie hineinlegt, damit aber das Leben zu einem Beisichselbstsein

erhöht. Wir verlangen zugleich einen Lebensinhalt und eine

Wesenskultur. Damit widersprechen wir einer bloßen Kraftkultur, wie

sie in der Neuzeit die Herrschaft an sich gerissen hat. Auch hier lag

zugrunde eine unverwerfliche Forderung. Die früheren Lebensordnungen

nahmen den Menschen zu sehr als eine fertige Größe und setzten daher

nicht genügend den ganzen Umfang seiner Kraft in Bewegung. Nun zeigte

die Neuzeit, wieviel sich im Menschen steigern und in den Verhältnissen

bessern läßt; darüber ist aber die Steigerung zum Selbstzweck

geworden, und es entsteht die Gefahr, das Beisichselbstsein des

Lebens und alle Inhaltsbildung als nebensächlich, ja gleichgültig

zu behandeln. Denn mag die Kraft in der einen Richtung als Wachstum

materiellen Vermögens, in der anderen als eine Steigerung des

seelischen Standes mittels eines durchleuchtenden Denkens verstanden

werden, weder hier noch da kommt es zu einem wahrhaftigen Leben, wird

das Leben mehr als ein bloßes Lebenwollen, als ein ruheloses Hasten

und Jagen. Wollen wir aber dem mit Aussicht auf Erfolg widerstehen,

so gilt es gegenüber dem Kraftideal ein neues Ideal zu gewinnen und

durchzusetzen; das aber kann nur durch eine Wesensbildung mit ihrer

Vertiefung des Lebens geschehen.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 11 / 12 段