Unsere Untersuchung hat wiederholt den Zweifel gestreift, der ihrem

Hauptzuge widerspricht, aber es fehlt bisher noch eine gründliche

Auseinandersetzung mit ihm; eine solche aber ist nicht zu entbehren,

wenn unsere Überzeugung die notwendige Sicherheit erreichen und sich

auch nach verschiedenen Seiten hin noch deutlicher ausprägen soll.

Jenes können wir aber nicht tun, ohne dem Zweifel selbst das Wort zu

geben.

Der Zweifel: »Du hast eine Reihe von Gründen vorgebracht und dabei den

Eindruck zu erwecken gesucht, als entsprängen sie einer unbefangenen

Würdigung der Sache. In Wahrheit ist das ein bloßer Schein. Denn du

hast eine bestimmte Tendenz an die Sache herangebracht und sie in ihrer

Beleuchtung gesehen. Du suchtest mit aller Kraft eine Bejahung des

Lebens durchzusetzen, du hobst hervor, was ihr günstig ist, und schobst

zurück, was ihr widerspricht. Wohl anerkanntest du die Übermacht der

Natur, das Schwanken im Geistesleben, selbst die moralische Verwicklung

der Menschheit, aber du strebtest durchgängig möglichst rasch über

das Hemmnis hinaus, und wenn du es überwunden zu haben glaubtest, so

ließest du es hinter dir liegen und behandeltest es als ein Nebending.

So erhielt deine Untersuchung einen optimistischen Einschlag, und es

ergab sich ein viel zu beruhigtes, ein schöngefärbtes Bild unseres

Lebens.«

Ich: Ich bestreite entschieden, die Untersuchung im Dienst einer

bloßen Tendenz zu führen. Aber ich behaupte, daß jede Arbeit, die

nicht fruchtlos auslaufen soll, eine bestimmte Richtung haben muß,

nicht ziellos hin und her schwanken darf. Zu verlangen ist nur,

daß sie diese Richtung aus der Sache und nicht aus bloßer Neigung

des Menschen erhalte. Nun aber suchte ich durchgängig zu zeigen,

daß die Wendung des Lebens zur Selbständigkeit, dieser Leitgedanke

unserer ganzen Untersuchung, nicht dem Vermögen des bloßen Menschen

entspringt, und daß sie seinen Neigungen eher widerspricht, daß sie

vielmehr eine Bewegung aus dem Weltall bedeutet, die in sich selbst

eine Richtung trägt und mit überlegener Kraft das Streben des Menschen

in diese zwingt. Daß diese Bewegung in unserem Bereich härtesten

Widerständen begegnet, das weiß ich wohl und habe es auch möglichst

zum Ausdruck gebracht, aber ich finde, daß sie diesem Widerstande

keineswegs erliegt, sondern sich gegen ihn behauptet und ihn an

Hauptstellen siegreich überwindet. Daß vieles nicht in die Überwindung

eingeht, das habe ich nicht verschwiegen und auch nicht zu verkleinern

gesucht. Mir tritt damit das ganze Leben unter den Anblick eines

Kampfes, und ich meine, daß dieser Kampf nicht gelingen kann, wenn

der Gegner unterschätzt wird. Aber ein anderes ist es, den Gegner

nicht zu unterschätzen, ein anderes, keinen Kampf gegen ihn zu wagen;

letzteres scheint mir schon deshalb verkehrt, weil mir geistiges Leben

kraft seiner Begründung in Weltzusammenhängen keine starre Größe

bedeutet, sondern einer unermeßlichen Steigerung fähig dünkt. Diese

Steigerungsfähigkeit auch mitten im harten Kampfe anzuerkennen, ist

noch keineswegs Optimismus; will jemand das aber so nennen, so bekenne

ich mich gern zu einem derartigen Optimismus, zum Glauben an die

unbegrenzte Macht des Lebens.

Der Zweifel: »Du übersiehst, daß du bei allem dem bloße Möglichkeiten

für Wirklichkeiten gibst. Weil der Mensch nach deiner Behauptung sich

über die Natur erheben kann, nimmst du an, er tue das in Wirklichkeit;

weil der Gewinn eines festen Bestandes im Leben nicht unbedingt

ausgeschlossen ist, behandelst du ihn als schon gewonnen; weil Sehnen

und Hoffen des Menschen den elenden moralischen Durchschnittsstand

überschreitet, dünkt dir ein Mehr schon vorhanden. Du übersiehst, daß

der Durchschnittsstand der Menschheit unter eben den Hemmungen bleibt,

die deine Betrachtung übersprang: die Natur bleibt übermächtig auch

beim Menschen, den höchst unsicheren Stand des menschlichen Strebens

läßt eben die Gegenwart deutlich empfinden, und wie wenig die Moral

die tiefste Gesinnung der Menschheit beherrscht, das haben gerade die

führenden Geister der Religion aufs schmerzlichste empfunden.«

Ich: Den weiten Abstand des tatsächlichen Verhaltens der Menschen von

den ihnen gesteckten Zielen anerkenne ich vollauf, aber dieser Abstand

setzt die Ziele noch nicht zu bloßen Möglichkeiten herab und damit,

wie du zu meinen scheinst, zu bloßen Gebilden menschlicher Meinung.

Mögen die Individuen noch so wenig die geistige Bewegung teilen, mag

der Durchschnittsstand ihre Forderungen noch so wenig erfüllen, die

Bewegung selbst bleibt eine Tatsächlichkeit, die der bloße Mensch nun

und nimmer ersinnen könnte, die als überlegen und von ihm unabhängig

an ihn kommt, ihn mit erhöhendem Wirken umfängt, ihm starke Antriebe

zuführt. Aber als Quell eines Reiches der Freiheit läßt sie sich nicht

mechanisch übertragen, verlangt sie eine Anerkennung und Aneignung

seitens des Menschen, mag sie insofern für den Einzelnen eine bloße

Möglichkeit heißen. Nicht aber ist sie dieses an sich selbst, nicht

auch ist sie es für das Ganze der Menschheit. Dieses hat mit der

Ausbildung einer Geisteskultur eine Überwindung der Natur vollzogen,

es hat der weltgeschichtlichen Arbeit bestimmte Richtungen und

Forderungen eingeprägt, es hat mit der Bewegung zur Religion eine

durchgreifende Vertiefung des Lebens vollzogen; das alles bildet eine

Tatsächlichkeit, ohne welche der Einzelne überhaupt nicht aufstreben

könnte. Nur darf man die Tatsachen nicht neben und außer dem Leben,

man muß sie innerhalb seiner suchen; solche Lebenstatsachen, die

sich deutlich genug von allen sogenannten inneren Erfahrungen,

subjektiv-seelischen Zuständen unterscheiden, ergeben überhaupt

erst Festigkeit, und können auch dem, was von außen kommt, erst den

Charakter der Tatsächlichkeit verleihen; es ist daher eine Verkehrung

der Sache, wenn diese grundlegenden Tatsachen als bloße Einbildungen

hingestellt werden. In der Entfaltung des Geisteslebens nur Wechsel und

Wandel, nur Widerspruch und Streit gewahren kann nur, wer sie lediglich

von außen betrachtet und mit Händen greifen will, was ihm als wirklich

gelten soll. Wer aber in die Bewegung eintritt und sie als eine eigene

miterlebt, der wird alsbald die Tatsächlichkeit erfahren, welche ihr

innewohnt, und die Kraft, die von ihr ausgeht, der wird erkennen, daß

auch im Streben und Suchen sich ein wirklichkeitbildendes Schaffen

erweist; ihm wird gewiß sein, daß geistige Festigkeit sich nicht von

außen her übermitteln, sondern nur aus eigener Bewegung erringen läßt,

so daß letzthin alle und jede Gewißheit auf einer Selbstbefestigung

ruht.

Der Zweifel: »Du magst sagen, was du willst; deine Beweisführung

ist zu künstlich, zu verwickelt; sie wird nie den Menschen als

Menschen gewinnen, er muß seine Überzeugung auf einen festeren Grund

bauen können als auf weitausgesponnene philosophische Erörterungen.

Wie schwer muß es einem schlichten Manne sein, den Begriff eines

selbständigen Lebens auch nur zu fassen und ihn gar zu einer Macht

für sein Handeln zu erheben! Durch zu viel Gestrüpp ist hier der Weg

zu bahnen und zu viel davon ist zu beseitigen, damit nur ein Ausblick

möglich werde; ehe man dazu gelangt, wird man ermüdet sein. Was zu den

Menschen wirken will, muß einfacher Art sein und unmittelbar zum Herzen

sprechen; alles andere bleibt Sache der bloßen Schule.«

Ich: Du verkennst die Eigentümlichkeit philosophischer Behandlung,

würdigst nicht die besondere Art unserer Zeit und gibst auch

unserer Arbeit nicht ihr volles Recht, wenn du bei ihr lediglich

Verwicklung siehst. Um dieses vorauszuschicken, so meine ich, daß

alle Mannigfaltigkeit unserer Erörterung einen einzigen Grundgedanken

bekennt, und daß sich von ihm aus ein Entweder -- Oder ergibt, welches

das ganze Leben durchdringt und auf entgegengesetzte Bahnen treibt.

Das ist aber die Behauptung, daß im Menschen aus überlegener Macht

ein neues Leben gesetzt wird, das ihn in eine Weltbewegung aufnimmt

und zugleich zur selbständigen Mitarbeit an dieser Bewegung aufruft.

Nur kraft eines solchen Lebens kann er es unternehmen, der Natur ein

Reich der Geisteskultur gegenüberzusetzen; nur ein solches Leben vermag

durch seinen Gehalt ihn der schwankenden und tastenden Reflexion zu

entwinden und ihm inmitten aller Unfertigkeit eine volle Sicherheit zu

geben; nur die Selbstvertiefung dieses Lebens macht ihm gewiß, daß jene

überlegene Macht nicht in jenseitiger Hoheit beharrt, sondern ihn in

die Verwicklungen des Daseins begleitet und ihn über sie hinaus einer

höheren Stufe zuführt. In Wahrheit entwickelt das alles nur jenen einen

Grundgedanken, die Grundtatsache eines dem Menschen nicht aus eigener

Kraft geschöpften, sondern ihm verliehenen neuen Lebens; sicherlich

kann nur eine solche einfache Grundwahrheit unserem Streben einen

festen Halt und einen inneren Zusammenhang geben. Diese Grundwahrheit,

die alle Geistesgeschichte der Menschheit durchdringt, wurde früheren

Zeiten mehr aus gemeinsamer Überzeugung, im besonderen durch die

Religion zugeführt; wir wissen, wie die Wandlungen der Neuzeit sie für

viele weit zurückgedrängt und arg verdunkelt haben, so daß dadurch für

die ewige Wahrheit eine neue Form notwendig wird. Für solche Aufgabe

ist die Arbeit der Philosophie nicht zu entbehren, diese Arbeit kann

aber nicht so unmittelbar wie die Religion zur Seele jedes Einzelnen

sprechen, ihr Weg führt durch begriffliche Erörterung hindurch; so

mag die Sache von außen betrachtet als künstlich und verwickelt

erscheinen, obwohl sie im Grundgehalt einfach ist. Wer besitzt, kann

auch in der Form einfacher sein als wer erst sucht; daß wir aber suchen

müssen, das liegt an der ganzen Zeit, dafür trifft den Einzelnen keine

Verantwortung und keine Schuld.

Der Zweifel: »Alle deine Reden und Gründe lösen nicht das Problem,

das von altersher mit schwerer Wucht auf der menschlichen Seele

lastet, sie lösen nicht die Frage, warum denn die höhere Macht, als

deren Offenbarung du das in der Menschheit neu aufquellende Leben

betrachtest, sich nicht in unseren Geschicken mit deutlichen Zügen

erweist, warum nach unbefangenem Eindruck der Weltlauf das Wohl und

Wehe des Menschen mit voller Gleichgültigkeit behandelt, weshalb Gut

und Böse bei ihm nicht in die Wage fallen, weshalb so viele zerstörende

Kräfte in unserem Dasein walten. Der gegenwärtige Krieg mit seinem

unbarmherzigen Vernichten so vieles blühenden Lebens und seiner Wendung

so vieler Geschicke aus hellem Licht in trübes Dunkel muß solche Frage

noch weit eindringlicher und peinlicher machen als der gewöhnliche

Lauf der Dinge. Wie kann eine Macht der Liebe, und sei es auch nur der

Gerechtigkeit, eine derartige Auslieferung der Menschheit an sinnlose

Mächte dulden? Erschüttern solche Eindrücke nicht allen Glauben an

jene höhere Macht, ja lassen sie diesen Glauben nicht als ein bloßes

Wahnbild des Menschen erscheinen?«

Ich: Das ist fürwahr ein gewichtiger Einwand, den nur die Flachheit

leicht nehmen kann. Jeder Einblick in die innere Geschichte der

Menschheit zeigt aber, daß er keineswegs neu aufgetaucht ist,

sondern von altersher ernste Seelen beschäftigt und aufgeregt hat,

ohne daß sie darüber ihren Glauben verloren haben. Da sie wahrlich

die Sache nicht leicht nahmen, so müssen sie Gründe gehabt haben,

die ihnen freilich nicht die Verwicklung glatt lösten, wohl aber

sie ihrem niederdrückenden Einfluß entwanden. Diese Gründe kommen

aber schließlich auf das Eine hinaus, daß ihnen trotz jenes Mangels

greifbarer Bekundung jene höhere Macht kein bloßer Hintergrund des

Weltgeschehens blieb, sondern daß sie ein unmittelbares Wirken von

ihr auch innerhalb jenes fanden und anerkannten, das aber in der

Erschließung eines höheren, wesenhafteren Lebens sowohl in der

Menschheit als in der Seele jedes Einzelnen. Es war das Wunder

des Geistes, das ihnen eine äußere Durchbrechung des Weltlaufs,

das ihnen sinnliche Wunder entbehrlich machte. Ein echtes Wunder

erkannte der Einzelne vornehmlich darin, daß ihm das Leben inmitten

des Kampfes gegen eine gleichgültige, ja feindliche Welt nicht nur

aufrecht gehalten wurde, sondern eine innere Erhöhung erfuhr; eine

weiterblickende Betrachtung mußte aber die ganze Menschheit umfassen

und dabei voll zur Geltung bringen, daß in ihr weit über ihr eigenes

Vermögen hinaus, ja ihrem eigenen natürlichen Streben zuwider ein

Reich des Geistes, ja der Liebe begründet und gegen alle Widerstände

nicht nur behauptet, sondern weiter und weiter verstärkt ward. Eben

dies, daß das nicht aus dem Menschen, sondern eher trotz seiner

geschah, und daß, was dabei bei ihm selbst zur Wirkung gelangte, nicht

aus eigener, sondern aus verliehener Kraft gewirkt ward, gab ihm die

felsenfeste Überzeugung, daß er nicht bloß seine eigene Sache führt,

sondern in inneren Zusammenhängen steht und durch die Kraft des Ganzen

getragen wird. So befestigt aber fühlte er sich stark genug, den

Widerspruch der Außenwelt zu ertragen, so wenig er ihn leicht nehmen

konnte. Aber nunmehr gewann die Sache den Anblick, daß wir Menschen

auf die innere Welt gestellt sind und ihr treu bleiben sollen, auch

gegenüber der Undurchsichtigkeit der äußeren Geschicke und all ihrer

Hemmungen. Diese Undurchsichtigkeit selbst nimmt sich dabei anders aus,

wenn sich nunmehr das Gesamtbild des Lebens verändert. Müßten wir unser

höchstes Ziel darin finden, daß es uns wohl ergehe und wir lange leben

auf Erden, so wäre allerdings gegen jenen lähmenden Eindruck nicht

aufzukommen und der Unvernunft bliebe das letzte Wort. Nun aber haben

sich uns höhere Ziele aufgetan: es gilt einen inneren Aufstieg des

Lebens im Bereich der Menschheit, und dies kann bei der tatsächlichen

Schroffheit der Gegensätze nicht in ruhiger Entwicklung, sondern

nur durch Kampf und Schmerz, durch Wandlung und Entsagung hindurch

geschehen. Für solches inneres Aufklimmen, für dies »Stirb und Werde«

kann aber manches dienlich sein, was sich, äußerlich angesehen, wie ein

bloßer Verlust ausnimmt. Bringt das zunächst bloße Möglichkeiten, und

bleibt es uns in tiefes Dunkel gehüllt, woher so schroffe Gegensätze im

Weltbestande und so harte Widersprüche im menschlichen Wesen stammen:

alles Dunkel verkümmert uns nicht im mindesten den Aufstieg eines neuen

Lebens und die Verwandlung unseres Wesens dadurch. Stellen wir uns auf

diese eine Grundtatsache und halten uns fest an sie, so können alle

Rätsel der Weltlage uns nicht dem Zweifel zur Beute geben, so kann der

Widerstand selbst uns nur in der Überzeugung von der Ursprünglichkeit

und der Überlegenheit jener Grundwahrheit bestärken.

So vermögen wir uns mit dem Zweifel nicht zu verständigen, verstehen

aber können wir ihn sehr wohl. Es liegen schwere Verwicklungen und

ungeheure Widersprüche im Weltstande und im Menschenleben, die sich

aller Aufklärung durch menschliche Einsicht entziehen, die wir einfach

als Tatsachen hinnehmen müssen. Diesen Widerständen gewachsen und

überlegen werden können wir nur dadurch, daß wir uns selbst in die

Bewegung versetzen und sie als die unsrige führen, damit ihre Kraft

erfahren, damit in ihr eine unerschöpfliche Welt entdecken. Freilich

muß, wer die Bewegung teilt, auch ihre Mühen und Kämpfe teilen, auch

Zweifel werden ihn nicht verschonen. Aber die Zweifel liegen dann

innerhalb der Bewegung, ja sie entspringen erst aus ihr; so können sie

nun und nimmer ihre Tatsächlichkeit erschüttern, ja es kann der Zweifel

selbst zur Überwindung des Zweifels wirken. Denn vom Zweifel gilt

dasselbe, was von der moralischen Verwicklung: nichts hat die Menschen

mehr eines naturüberlegenen Lebens gewiß gemacht als das Gewahren

und Durchleben schwerer Probleme in der eigenen Seele; die völlige

Unmöglichkeit, diese Probleme liegen zu lassen, ward das sicherste

Zeugnis dafür, daß das Ganze keine bloße Einbildung ist; die Befassung

mit diesen Problemen ließ das Leben auf sich selber stehen und

unabhängig von seiner Umgebung werden, es gewann eben dadurch echte

Freiheit, daß es eine innere Notwendigkeit in sich aufnahm. Zugleich

erzeugte die Stärke des Schmerzes über den Nichtbesitz unentbehrlicher

Güter die Hoffnung, den Glauben, die felsenfeste Gewißheit, daß jenes,

was wir schmerzlich entbehren, irgendwie besteht und schließlich

auch uns zugehen wird. Wo hingegen der Zwang innerer Probleme fehlt,

der Mensch die Bewegung von außen her betrachtet und sie wie etwas

Fremdes von sich schiebt, da überwältigen ihn leicht die Eindrücke der

gleichgültigen oder feindseligen Welt, da verliert der Zweifel seine

aufrüttelnde und vorwärtstreibende Macht, da wird er matt und schlaff,

da weicht die Welt vor dem Menschen zurück, und alles kluge Räsonnement

vergrößert nur die damit entstehende Kluft. Mit Recht hatte Goethe

besondere Freude an der Erzählung von dem Wandeln Jesu auf dem Wasser,

alles Große verlangt einen festen Glauben, ja einen Trotz gegen die

Maße der Welt, während der Kleingläubige versinkt. Größe aber verlangt

das Leben durchgängig von dem zwischen zwei Lebensstufen befindlichen

Menschen, eine Größe, vor der alle Unterschiede gesellschaftlicher

Stellung verschwinden; so hatte Luther Recht, wenn er meint, niemand

dürfe den Glauben fahren lassen, daß Gott mit ihm große Dinge tun

wolle. Auch zusammenfassend dürfen wir mit Luther sagen. »Darum nur

getrost und frisch dahin gesetzt, was auch die Welt nehmen kann. Die

Wohnungen des Lebens sind viel weiter denn die Wohnungen des Todes.«

Die Folgerungen aus dem Gesamtbilde des Lebens.

Folgerungen für das Leben des Einzelnen.

Wie jede Lebensordnung sich am Dasein des Einzelnen zu bewähren hat, so

muß es auch die unsrige tun; sie tut das, indem sie auch im Einzelleben

eine hohe Aufgabe findet, ihm einen inneren Zusammenhang gibt, es den

Widersprüchen entwindet, die es zu zerstören drohen. Diese Widersprüche

stammen vornehmlich daher, daß der Mensch kraft seiner geistigen Anlage

der bloßen Natur entwächst und bei ihr kein Genüge mehr findet, daß

der Durchschnitt seines Daseins aber geistiges Leben nicht genügend

entfaltet, um ihm Selbständigkeit zu erringen; so schwebt der Mensch

in unsicherer Mitte, und da die Versuche einer Hilfe sich bald als

unzulänglich erweisen, so läuft das Ganze schließlich in trübe

Entsagung aus; das Leben erscheint nach dem Ausdruck Schopenhauers als

ein Geschäft, das seine Kosten nicht deckt.

Der Verlauf des Lebens durch die verschiedenen Alter hindurch stellt

sich zunächst als ein Aufstieg, bald jedoch als ein Abstieg dar, damit

aber als ein überwiegender Verlust, als eine herbe Enttäuschung.

Beim Eintritt in das Leben wird das Individuum vom engen Kreise der

Seinigen freudig begrüßt und zärtlich gepflegt, auch den Weg des

Heranwachsenden behüten Liebe und Güte, und was an kleinen Sorgen

und Schmerzen erscheint, das stört nicht die Lebensfrische und

Lebenslust. Da die Abhängigkeit noch nicht drückend wirkt, so hat

das Kindesalter einen Stand harmlosen Glückes, nach dem das spätere

Leben oft wie nach einem verlorenen Paradiese zurückschaut. Dann aber

erwacht ein Verlangen nach voller Selbständigkeit, das Leben drängt

ins Freie und Weite, der Mensch sucht eigene Wege und schließt in

Freundschaft und Liebe selbstgewählte Bünde; neue Triebe erwachen und

neue Wünsche steigen auf, schwellende sinnliche Kraft führt auch dem

geistigen Leben fruchtbare Antriebe zu. Ins Endlose geht hier das

Sehnen und Hoffen, unbegrenzte Möglichkeiten stellen sich zur Wahl

vor den strebenden Geist, das ursprüngliche Aufquellen frischer Kraft

erzeugt das Gefühl, daß jetzt erst die Welt ihren Lauf beginne, jetzt

erst die Sonne voll leuchte, jetzt erst Lust und Liebe ihren Zauber

entfalten. Die Vergangenheit dünkt dabei leicht eine bloße Vorstufe

dessen, was jetzt an den Punkt der Entscheidung gelangt, eben jetzt

wird die Zukunft geschmiedet, eben jetzt aller Folgezeit der Weg

gewiesen. So groß kann die Jugend nicht von sich denken, ohne auch

manche Sorgen und Schmerzen auf sich zu nehmen, die hochfliegenden

Pläne selbst lassen den Widerstand der Erfahrung mit besonderer Stärke

empfinden. Aber ein freudiges Kraftgefühl schöpft daraus mehr Antrieb

als Hemmung; auch waltet ein fester Glaube an die Macht der Einsicht

und der Gerechtigkeit in menschlichen Dingen, ein Glaube auch an eine

Überlegenheit freier Entscheidung über alle starre Gewöhnung.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 10 / 12 段