welche die religiösen wie die philosophischen Gedankenwelten an dieser
Stelle versuchten, wir müssen uns an die beiden Hauptleistungen
halten, welche unseren westlichen Kulturkreis beherrschen. Die eine
ist philosophischer, die andere religiöser Art, jene verkörpert
sich vornehmlich im Stoizismus, der uns hier über die besondere
Schule hinaus als ein besonderer Typus der Denkweise gilt, diese
im Christentum, das wir ebenfalls nicht sowohl als ein kirchliches
Bekenntnis, sondern als eine Macht des Geisteslebens verstehen. Die
Grundlage der stoischen Gedankenwelt bildet die Überzeugung, daß, wie
immer der Mensch der Erfahrung beschaffen sein mag, das Menschenwesen
eine Vernunft in sich trägt, die allem Getriebe des Alltags sicher und
weit überlegen ist, die aller Widerspruch der Weltumgebung nicht zu
erschüttern vermag; es steht uns frei, in heroischer Erhebung uns in
diese Vernunft zu versetzen, uns fest in ihr zu verschanzen und damit
jene Überlegenheit uns zu eigenem Besitz zu machen. Hier gilt es die
Güter der höheren Welt zu reiner Gestalt herauszuarbeiten und in voller
Treue zu wahren, diese Welt gegen allen Widerstand, auch den in der
eigenen Seele, tapfer aufrechtzuhalten, durch alle Widerwärtigkeiten
des Lebens sich die Sicherheit und Freudigkeit der Gesinnung nicht im
mindesten trüben zu lassen. In diesem Zusammenhange wird zur Forderung,
das Gute lediglich aus innerer Achtung und Schätzung zu tun, allen
Lohngedanken als eine Erniedrigung abzuweisen, der Außenwelt gegenüber
volle Unabhängigkeit, ja, wenn es sein muß, trotzigen Stolz zu wahren.
Aus solchem Gedankengange entwarf Plato in leuchtenden Zügen sein Bild
vom leidenden Gerechten -- in weitem Abstand von der christlichen
Fassung dieses Begriffes --, dessen innere Hoheit alles Leid und
alle Verfolgung nur steigern, der eben dadurch das volle Bewußtsein
seiner überlegenen Größe gewinnt. In verwandter Gesinnung wollten
große Erzieher die sittliche Aufgabe ja nicht von den Erfahrungen
des Weltlaufs abhängig machen, sie etwa auf die Lehre gründen, daß
es dem Guten wohl und dem Bösen schlecht zu ergehen pflege, vielmehr
sei die Seele genügend im Guten zu stärken, um die Freude an ihm
allem Leid überlegen zu machen. »Eben die Besiegung oder vielmehr die
Durchdringung und so Vernichtung der äußeren Hemmnisse des Lebens durch
die eigene Willens-, durch die gesteigerte Tatkraft, diese ist es,
welche dem Menschen im eigenen Bewußtsein Frieden, Freude und Freiheit
gewährt« (Fröbel). Diese Denkweise hat selbstwüchsige Menschen erzeugt
und Erz in das Leben gebracht, sie hat einer Verweichlichung der
Menschheit widerstanden, sie hat auch in trüben Zeiten den Lebensmut
aufrechtgehalten; so muß diese männliche Denkweise ein Stück unseres
Lebens bleiben.
Aber sie hat gewisse Voraussetzungen und Schranken, die einen Abschluß
bei ihr verbieten. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung
seiner Unabhängigkeit im Auge, der Stand des Ganzen macht ihr weniger
Sorge, und den Aufbau eines geistigen Zusammenhanges unternimmt
sie nicht; zugleich denkt sie den Einzelnen als stark und als den
Verwicklungen nicht nur der Außenwelt, sondern auch der eigenen Seele
vollauf gewachsen; so spricht sie mehr zu den Höhen als zum Gesamtstand
der Menschheit, und bei aller Beteuerung der Würde alles Menschenwesens
befaßt sie sich wenig mit den Niederungen des Menschenlebens. Auch
wird das Leben hier mehr ein Abwehren als ein Vorwärtsschreiten.
Die Grundüberzeugung wird tapfer gegen alle Zweifel und Widerstände
behauptet, nicht aber das Leben durch Erschütterung, Zweifel und Leid
hindurch wesentlich weitergebildet. Das Ganze ist mehr Festhaltung des
alten Standes als Anbahnung eines neuen; ein solcher ist aber nicht
zu entbehren, wenn das menschliche Leben im eigenen Innern schroffe
Widersprüche enthält. So genügt die bloße Abwehr nicht, ohne Vorhaltung
und Antrieb eines erhöhenden Ziels würde das Leben seine Spannung
verlieren und leicht in trägen Stillstand kommen. Solches Stocken gilt
es fernzuhalten, und das zu tun unternimmt die Religion.
Die Wendung zur Religion tritt in unsere Untersuchung nicht plötzlich
und unvermittelt ein, denn unsere Überzeugung von der Eröffnung einer
höheren Stufe des Lebens beim Menschen und seinem Getragenwerden
dadurch enthält von Haus aus einen, wenn auch nicht direkt religiösen,
so doch der Religion verwandten Charakter. Zu einer weiteren Ausbildung
dieses Charakters treibt aber die Erfahrung der ungeheuren Widerstände,
die das Geistesleben in der Welt des Menschen erfährt, sowie seiner
Ohnmacht gegen sie; die Hemmungen mögen so lange sich leidlich ertragen
lassen, als sie nur von außen kommen; sie werden unerträglich, wenn
sie auch den tiefsten Grund des Lebens ergreifen, und mit unheimlicher
Klarheit sich dort ein schroffer Zwiespalt auftut. Dann führt die
Sachlage unvermeidlich auf dieses Entweder -- Oder: entweder kommt das
Gesamtleben mit seiner bisherigen Eröffnung bei uns nicht weiter, und
es wird damit das menschliche Leben völlig sinn- und zwecklos, oder
es muß sich über den bisherigen Stand hinaus noch eine weitere Tiefe
und Kraft erschließen, womit die Hemmungen freilich nicht einfach
entfallen, aber eine Befreiung von ihrem Drucke möglich wird und das
Streben wieder in Fluß gerät.
Hier setzt nun die Behauptung des Christentums ein und eröffnet neue
Möglichkeiten. Freilich können wir diese als Philosophen und als
Kinder der Gegenwart nicht entwickeln, ohne uns mit der überkommenen
kirchlichen Fassung offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Nach dieser
Fassung ist der Mensch aus freier Entscheidung von Gott abgefallen
und hat dadurch die ganze Welt in Tod und Elend verstrickt. Diese
Schuld hat den Zorn Gottes erregt, Zorn natürlich nicht im Sinne
eines Affektes, sondern als Ausdruck des sittlichen Ernstes; dieser
Zorn ist zu beschwichtigen, und das kann nur durch eine Sühnung der
Schuld geschehen. Eine solche Sühne kann aber nicht der durch seinen
Fall alles sittlichen Vermögens beraubte Mensch vollbringen, sie kann
nur dadurch erfolgen, daß Gott in seiner alles überwindenden Liebe
selbst Mensch wird, die Schuld auf sich nimmt, sie durch Leiden und
schmachvollen Tod sühnt und dadurch das Liebesverhältnis in voller
Herrlichkeit wieder herstellt. -- Wir können unmöglich an dieser Stelle
eine kritische Erörterung dieses Gedankenganges unternehmen[1],
dessen gewaltigen Ernst und dessen aufrüttelnde Kraft wir aufrichtig
anerkennen, aber der Behauptung wird sich kaum widersprechen lassen,
daß er, dem Mittelalter entsprungen, heute vielen ernsten Seelen
schlechterdings unhaltbar geworden ist, daß deren religiöse Überzeugung
jener mittelalterlichen Fassung entwachsen ist. Es ist eine Torheit und
ein Unrecht, sie deswegen einer geringeren Tiefe zu bezichtigen. Damit
aber entsteht die Frage, ob sich das Christentum von jener Fassung
ablösen läßt und doch eine Weltmacht bleibt, sowie dem Leben die
gesuchte Erhöhung verspricht. Wir bejahen diese Frage zuversichtlich,
wir bejahen sie von den Grundtatsachen des Lebens aus, die allem
Wandel der Zeiten überlegen sind. Eigentümlich ist hier zunächst
die Verschärfung des Problems. Das Übel wird hier nicht so sehr im
Verhältnis zur Welt als im Innern selbst gefunden, die sittliche Schuld
wird zur Wurzel alles Übels, zu dem, was allem Leid erst seine volle
Schwere verleiht. Aber aller Erschütterung, die daraus hervorgeht,
tritt die felsenfeste Überzeugung entgegen, daß das Göttliche nicht in
jenseitiger Höhe über der niederen Sphäre verbleibt, sondern daß es
in alle ihre Abgründe eingeht, ohne sich darin zu verlieren, daß es
durch seine volle Selbstmitteilung dem Menschen ein aller bisherigen
Betätigung überlegenes Leben mit einem neuen Mittelpunkt schafft,
das aber aus einem unmittelbaren Verhältnis zum Ganzen des Lebens im
Gegensatz zu allem Wirken und Schaffen an der Welt, in Bildung eines
neuen Bereiches der Wirklichkeit auch gegenüber aller Geisteskultur.
Damit wird die Grundtatsache der Setzung göttlichen Lebens im
Menschen, diese Voraussetzung aller Geistigkeit, ein gutes Stück
weitergeführt: was vorher sich über das ganze Leben ausbreiten sollte,
das wird nun in sich selbst konzentriert und eröffnet damit noch mehr
ursprüngliche Tiefe. Alle Größen und alle Begriffe müssen sich damit
steigern. Die Innerlichkeit prägt nun noch stärker ihre Überlegenheit
aus, indem sie sich in vollem Kontrast zur Welt entwickelt, die
Gesinnung wird hier bei sich selbst zur Tat, die Idee des Geisteslebens
wächst zur Gottesidee und das Reich des Geistes zum Gottesreich. Die
Eröffnung des neuen Lebens an den Menschen wird damit weit mehr zur
freien Tat, zur rettenden und erhöhenden Tat, zu einer Bekundung der
Liebe, die nichts verloren gehen läßt und sich mit ihrer ganzen Fülle
gibt. So durchgängig eine seelische Erwärmung und zugleich eine festere
Einwurzelung des erhöhenden Lebens.
Der eigentümliche Charakter dieses neuen Lebens erscheint besonders
deutlich in seinem Verhalten zum Leid. Jenes flieht nicht das Leid
und sucht es nicht irgendwie abzuschwächen, sondern es würdigt es
vollauf und geht in seine ganze Ausdehnung ein, nicht um es stehen zu
lassen, wie es steht, sondern um es in einen Gewinn zu verwandeln.
Solche Verwandlung ist keineswegs so leicht und einfach, wie oft
behauptet wird. Denn der oft gehörten Meinung, daß das Leid die Seele
veredle und vertiefe, widerspricht schnurstracks die Erfahrung. Im
gewöhnlichen Lauf der Dinge macht das Leid den Menschen eher eng,
klein, scheelsüchtig, es bringt viel Jämmerlichkeit zutage, während
die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit
macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn der Erschütterung
des Menschen eine höhere Macht entgegenkommt und ihm durch die
Erschütterung hindurch sich selbst erschließt. Dann läßt sich auch im
Menschen etwas wecken, das ihm bis dahin unzugänglich blieb, dann läßt
sich auch ein Glaube an den Menschen wiedergewinnen, an den Einzelnen
wie an die Völker und an das Ganze der Menschheit. Dieser Glaube geht
dann aber nicht auf den natürlichen Stand und die Naturbegabung des
Menschen, sondern auf das in ihm eröffnete und ihm als eigenes Selbst
verliehene göttliche Leben. Von hier aus erhält erst die Tatsache
volles Licht und einen festen Zusammenhang, daß in schwerem Leid oft
Edles unerwartet im Menschen hervorbricht, und daß damit dasjenige, was
bisher unser ganzes Wesen dünkte und uns starr zu binden schien, sich
als eine besondere Stufe erweist, über die es zwingend hinaustreibt.
So geschieht es wohl auch den Kulturen: was besonderen Zeiten die
endgültige Lösung scheint, das erweist sich in großen Prüfungen,
wie wir eine solche auch heute erleben, als unzulänglich und schal;
auch im Gelingen leben die Kulturen sich aus und werden greisenhaft;
ein Verzagen und Verzichten wäre kaum zu vermeiden, bestünde nicht
eine Möglichkeit des Hervorbrechens neuer und reiner Anfänge, die
Möglichkeit eines Jugendlichwerdens der Menschheit. Aber woher soll
diese neue Jugend kommen, wenn sich nicht der Menschheit ursprüngliche,
von der Verwicklung unberührte Lebensquellen erschließen? So macht
diese Lebensoffenbarung, und wohl nur diese, es möglich, das Leid in
seiner vollen Herbheit anzuerkennen und darüber den Mut des Lebens
nicht zu verlieren, ihn vielmehr weiter zu steigern. Da aber auch
beim Siege das Leid nicht völlig verschwindet, sondern sein Wirken
fortsetzt, so kann dieses Leben beide Pole gegenwärtig halten:
Schmerz und Freude, Hemmung und Überwindung, und die Seele dadurch
in unablässige Bewegung versetzen. Jener Aufstieg zum Ja durch das
Nein macht mit seiner Forderung einer durchgreifenden Wandlung erst
eine Geschichte der Seele möglich, erhebt auch die Weltgeschichte
erst zu einer wahrhaftigen Geschichte, während sie sonst eine bloße
Evolution, ein bloßer Naturprozeß bleibt. Es hängt damit zusammen, daß,
wie William James bemerkt, sich gehaltvolle Selbstbiographien in der
Weltliteratur fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Was hätte
man auch zu berichten, wenn die Seele als Ganzes keine Aufgabe in sich
trägt?
Bei der näheren Entwicklung dessen sei aber mit voller Kraft und
Klarheit der Gedanke gegenwärtig gehalten, der unsere Erörterung
leitet, der Gedanke, daß das Ganze selbständigen Lebens, das nunmehr
als ein göttliches anerkannt wird, den Menschen nicht nur mit
einzelnen Wirkungen berührt, sondern mit seiner ganzen Fülle als
eine selbständige Lebensquelle unmittelbar in ihn gesetzt wird. Das
entspricht dem Grundgedanken des Christentums von dem vollen Eingehen
Gottes in die Welt und dem Göttlichwerden des Menschen. Es ergeben sich
daraus notwendig zwei Forderungen, die einander leicht widersprechen
können: das neue Leben muß in jeder Seele schlechterdings ursprünglich
sein und zum Kern ihres eigenen Wesens werden, zugleich aber muß es das
Ganze einer Welt in sich tragen, es muß daher, um sich zu entfalten,
auch im menschlichen Bereich ein großes Lebensreich bilden, es darf
nicht eine Sache des bloßen Individuums bleiben. Wir dürfen nicht
alles nur auf uns beziehen und meinen, wovor Eckhart warnt, Gott habe
»die ganze Welt vergessen bis auf mich allein«. Wir wissen, wie diese
Zweiheit sich geschichtlich im Gegensatz von Kirche und Persönlichkeit
ausdrückt, dort die Gefahr einer Bindung des Einzelnen und eines
Zurücktretens der Gesinnung vor den Leistungen, den »religiösen
Pflichten« -- ein höchst unsympathisches Wort --, hier die einer
Zersplitterung in lauter individuelle Kreise, zugleich die Gefahr eines
Überwucherns subjektiver Zuständlichkeit, eines Mangels an geistiger
Substanz. Jener Gedanke der Untrennbarkeit beider Seiten gestattet
ein Streben nach einer Überwindung des Gegensatzes, er verhindert,
die Spaltung in Katholizismus und Protestantismus als endgültig
hinzunehmen, da jede Seite eine unentbehrliche Wahrheit vertritt, die
sich ohne schweren Schaden nicht verdunkeln läßt.
Zu solcher Verwicklung der Gestaltung gesellt sich die Schwierigkeit
einer Umsetzung der Grundtatsachen in eine Gedankenwelt. Da
jene Tatsachen über dem Bereiche der Arbeit liegen, der unsere
Begriffsbildung beherrscht, so können sie in Begriffen nur annähernd
dargestellt werden, so müssen oft Bilder genügen, um das Erlebnis
faßbar zu machen. So namentlich beim Gottesbegriffe selbst. Es
erscheint hier viel Schwanken zwischen verschiedenen Fassungen,
zwischen ontologischen Größen, wie absolute Einheit, absolutes Sein,
die mehr eine philosophische als eine religiöse Bedeutung haben, und
Größen, welche den Begriff dem menschlichen Empfinden näherrücken,
wie namentlich dem der Persönlichkeit, die damit mehr Wärme gewinnen
lassen, aber zugleich der Gefahr eines Verfallens ins Bloßmenschliche
ausgesetzt sind. Tatsächlich pflegen zwei verschiedene Gottesbegriffe
ohne eine genügende Auseinandersetzung ineinander zu verfließen.
Diese Spaltung von Weite und Ferne einerseits, von Nähe und Enge
andererseits, die das religiöse Leben nach entgegengesetzter Richtung
treibt, ist nur zu überwinden, wenn als Grundbegriff nicht das absolute
Sein, sondern das absolute Leben gilt, zugleich aber die Gegenwart
dieses Lebens beim Menschen anerkannt und er damit über die bloße
Besonderheit hinausgehoben wird. Auch so verbleibt es freilich bei
bloßen Annäherungen, aber das macht uns den Grundgehalt mit seiner
Erhöhung des Lebens keineswegs unsicher oder machtlos. Die Sache sinkt
dadurch nicht zu einem bloßen Spiel der Phantasie, daß der Mensch zu
ihrer Darstellung der Bilder nicht entraten kann.
Daß jene Schranke dem Leben der Religion nicht allzu gefährlich
wurde, das bewirkt vornehmlich die tatsächliche Gestaltung des
Christentums auf dem Boden der Geschichte. Wir denken dabei namentlich
einerseits an den Aufbau einer religiösen Gemeinschaft als einer
lebensvollen Gegenwärtighaltung einer höheren Ordnung, eines Reiches
Gottes auf Erden, wie die Kirche sie bildet oder doch zu bilden
strebt, andererseits an die starken Persönlichkeiten, welche das
Christentum aufweist, und deren vollste Kraft es gewann, vor allem
an die begründende Persönlichkeit Jesu. Die Eigenschaften, die sich
uns zur Entfaltung alles höheren Lebens in der Menschheit vornehmlich
notwendig zeigten, erscheinen hier in einer das sonstige Maß weit
überschreitenden Verkörperung. Wir forderten Liebe, damit die
Bewegung zur Höhe alle Hemmungen des niederen Standes überwinde, hier
finden wir eine Liebe, welche die von Plato und Goethe gepriesene
Liebe mit ihrer Innigkeit und Opferwilligkeit weit übertrifft; wir
forderten volle Selbständigkeit und Ursprünglichkeit; wie könnte
sie größer sein als hier, wo ein von Grund aus neues Leben entsteht
und ganz und gar aus sich selber schöpft; wir forderten Tapferkeit
und Unerschrockenheit; wo könnte sie größer sein als hier, wo nicht
dieses oder jenes in der vorgefundenen Welt, sondern diese ganze Welt
angegriffen und entwertet wird? So ging von hier ein Lebensstrom aus,
der den Jahrtausenden ursprüngliches Leben zuführt und die Menschheit
immer wieder zu sich zurückruft, damit sie an ihm sich läutere und
aus ihm ein neues Leben schöpfe. Die verschiedenen Zeiten sahen und
fanden bei ihm verschiedenes, aber wer immer in nähere Berührung mit
ihm trat, der fühlte sich zur Ehrfurcht vor der schlichten Hoheit des
Zimmermannssohnes gezwungen und fand sein Leben durch ihn gehoben,
ja in neue Bahnen getrieben. Nur führe alle Verehrung nicht zu einem
Jesuskult und zu einer Anbetung, die dem göttlichen Wesen selbst allein
vorbehalten sei; sie darf das auch deshalb nicht, weil damit leicht
der Zusammenhang mit dem gemeinsamen Menschheitsleben gelockert und
das Christentum zu sehr als eine einmalige Tat, zu wenig als ein die
ganze Geschichte durchdringendes, jeden Einzelnen zur Mitarbeit und
zur Fortführung aufrufendes Werk verstanden wird. Die alte Kirche,
zum Beispiel der größte Kirchenlehrer des Morgenlandes, Origenes,
fand die Forderung nicht zu kühn, jeder solle nicht bloß ein Anhänger
Christi sein, sondern selbst ein Christus werden; wir Neueren werden
den Gedanken wohl anders fassen, aber darauf müssen auch wir bestehen,
daß das Christentum einen fortlaufenden Lebensstrom, ein gemeinsames
Werk bilden muß, wenn es die Menschheit geistig führen und in jedem
Einzelnen sichere Wurzel schlagen soll. Wir sehen, an Verwicklungen
fehlt es nicht, aber es sind Verwicklungen nicht der Kleinheit,
sondern der Größe, und allen Verwicklungen gegenüber erhält sich die
eindringliche Wahrheit und die schlichte Einfalt des Grundbestandes.
Vieles Grübeln führt dabei nicht weiter, geben wir uns vielmehr
rückhaltslos der Größe dieser Welttatsache hin, gedenken wir der Worte
Pestalozzis: »Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schöpfung und
sein Forschen in den Abgründen des Schöpfers ist nicht Bildung der
Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgründen der Schöpfung kann sich
der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben,
fern von der Quelle der unergründlichen Meere. -- Einfalt und Unschuld,
reines menschliches Gefühl für Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens.
Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen
Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner
Kraft ohne diese Hoffnung.«
So vollzieht die Religion eine Erhebung über das Gebiet der Hemmung,
indem sie dem Menschen ein in Gott gegründetes und von göttlicher Liebe
getragenes Leben eröffnet; es tritt damit zur kämpfenden Geistigkeit
eine überwindende, und was der zunächst vorhandene Lebensstand an Gutem
getrübt und gebunden aufwies, das erlangt nunmehr eine Selbständigkeit,
es vermag sich zusammenzuschließen und eine reine Gestalt zu erstreben.
Aber so gewiß solche Wendung zeigt, daß der Lebenskampf nicht
vergeblich ist, sie besagt keinen reinen Sieg, sie löst nicht glatt
das Problem. Dazu läßt die Bewegung viel zu viel unergriffen, dazu
behält das Feindliche viel zu viel Wirklichkeit, die Welt des Menschen
wird damit keineswegs ein Reich der Vernunft. Das kann freilich nicht
dem Zweifel die Oberhand geben, denn die Tatsache des Erscheinens
eines neuen Lebens wird durch allen Widerstand keineswegs aufgehoben;
ja wenn sie außer allem Zweifel steht, so muß der Widerstand selbst
ihre Selbständigkeit und Überlegenheit bestärken, denn eben die
Verworrenheit und die Unlauterkeit des Weltgetriebes, sowie das
moralische Unvermögen des Menschen macht klar, daß nicht von da aus
jene Erhöhung des Lebens stammen kann, daß sie nicht ein Erzeugnis des
bloßen Weltlaufs ist, daß sie aus göttlicher Macht stammen muß. So die
eigentümliche Denkweise der Religion, die nicht mit dem »weil«, sondern
mit dem »obgleich« schließt, die nicht aus der Vernunft, sondern aus
der Unvernunft der Welt und den ihr innewohnenden Widersprüchen die
Gewißheit des Bestehens einer höheren Ordnung schöpft, eine Denkweise,
die freilich nicht ohne Gefahr ist und leicht überspannt werden kann.
So viel aber ist gewiß: das Beharren des Widerstandes zwingt zu einem
eigentümlichen Urteil über die Gesamtlage der Menschheit. Das Ganze der
Welt, das sie umfängt, mit seiner Unfertigkeit und seinen Gegensätzen,
mit seinem Angewiesensein auf eine der Verwicklung überlegene Ordnung,
kann nicht das Ganze der Wirklichkeit bilden und nicht in sich einen
Abschluß tragen, es ist ein Stück einer weiteren Wirklichkeit, eine
besondere Art des Seins, die tieferer Gründe und weiterer Zusammenhänge
bedarf, um überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu erlangen. So suche
auch unser Handeln nicht in dieser widerspruchsvollen Welt seine
letzten Ziele, es bleibe vielmehr inmitten alles Kampfes unbeirrt auf
eine Welt überlegener, selbständiger Geistigkeit gerichtet, um sie bei
uns aufrechtzuhalten und möglichst zur Wirkung zu bringen, in festem
Vertrauen darauf, daß letzthin nichts von dem verloren sein kann,
was dem Aufbau wahrhaftigen Lebens dient. Unser Leben behält auch
dann einen Sinn und Wert, wenn es mehr ein inneres Vordringen als ein
äußeres Überwinden, mehr ein Wecken und Sammeln der Kräfte als ein
volles Erreichen der Ziele ist, wenn es in Zusammenhängen steht, die
wir nicht klar durchschauen. So dachte auch Luther, wenn er sprach: »Es
ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange,
es ist nicht das Ende, aber der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles,
es feget sich aber alles.«
Solcher Stand der Dinge führt notwendig auf die Unsterblichkeitsfrage
und zugleich unter all die Verwicklung, welche dieser Frage
innewohnt. Wie viele Gründe den Menschen der Gegenwart an einer
glatten Bejahung hindern, das bedarf keiner näheren Darlegung, nur
das eine sei angeführt, daß ein unbegrenztes Fortbestehen in dieser
zeiträumlichen Existenz, ein Fortbestehen der besonderen Individualität
mit all ihrer Enge und Zufälligkeit, manchem von uns weniger ein
Glück als ein schweres Unglück dünken möchte; wir brauchen das nur
durchzudenken, um es geradezu unerträglich zu finden. Aber trotzdem
macht es sich auch nicht so leicht mit einer völligen Verneinung.
Zunächst ist es nicht bloß niedrige Lebensgier, welche eine Fortdauer
suchen heißt, und es handelt sich dabei nicht bloß um eine Rettung
unserer natürlichen Besonderheit, sondern um das selbständige Leben,
das bei uns durchbricht, uns zu selbsttätigen Lebensträgern macht
und uns an Unendlichkeit und Ewigkeit teilnehmen läßt. Erlösche
alles, was an Geistigem im Menschenwesen belebt wird, mit dem
körperlichen Untergange, so würde ja auch das ganze Menschengeschlecht
dahinschwinden, wie die welken Blätter vom Baume fallen, und all sein
Mühen und Wirken, das ja, wie wir sahen, kein Reich der Vernunft
ergibt, sondern in den Gegensätzen stecken bleibt, mitten im Streben
abbrechen und damit völlig sinnlos werden. Das müßten wir uns so lange
gefallen lassen, als wir die Sache vom bloßen Menschen aus betrachten;
steht sie aber so, daß darin das absolute Leben sich dem Menschen
eröffnet und ihn zu selbständiger Mitwirkung aufruft, so würde der
Zweifel und die Verneinung jenes Leben selber treffen; ist der Aufbau
des Geisteslebens in der Menschheit ein göttliches Werk, so kann sie
nicht schlechthin vergehen. Daher verficht die religiöse Überzeugung
die Unsterblichkeit nicht vom bloßen Menschen, sondern von Gott her,
nach den Worten Augustins: »Für sich selbst kann nicht untergehen, was
für Gott nicht untergeht.« Wird aber dieser Gedankengang eingeschlagen,
so ist er auch zu Ende zu führen; Unsterblichkeit kann dann nicht eine
unbegrenzte Fortdauer in Zeit und Raum, sie muß eine Erhaltung im
göttlichen Leben mit seiner ewigen Ordnung bedeuten. Worauf es ankommt,
ist die Überzeugung, daß des Menschen Leben und Streben sich nicht in
die bloße Zeit erschöpft, sondern auf Ewiges geht, und daß dies Ewige
nicht auf einzelne Leistungen beschränkt bleibt, sondern den Kern des
Wesens betrifft. Eine derartige Ewigkeit dürfen wir um so getroster
verfechten, als wir sie nicht erst von der Zukunft erwarten, nicht
bloß auf sie hoffen und harren, sondern sie schon besitzen, mitten
in ihr stehen, in ihr den Standort unseres geistigen Lebens haben.
Insofern können wir mit Goethe zusammengehen, wenn er meint, daß »das
Beständige der ird'schen Tage uns ewigen Bestand verbürge«, wir können
sogar mit Kant einen Vorteil darin finden, daß uns bei dieser Frage
alle nähere Vorstellung versagt ist, da eine solche uns leicht an der
vollen Hingebung an das gegenwärtige Leben hindern würde, das uns
wahrlich genug zu tun gibt. Ein Glaube an eine ewige Ordnung und unsere
Zugehörigkeit zu ihr sei unbedingt festgehalten; ohne eine Begründung
in solcher Ordnung wird alles Leben und Streben in der Zeit zu bloßem
Schatten und Schein, und verfällt unser Leben unrettbar einer völligen
Sinnlosigkeit. Dafür aber steckt doch zu viel in ihm.
Auseinandersetzung mit dem Zweifel.