Betrachtung gestattet diesem Eindruck zu widerstehen. Das Leben
entbehrt keineswegs alles festen Tatbestandes, weil die Menschen
sich über seine Fassung streiten, es gilt nur die Tatsächlichkeit an
der rechten Stelle zu suchen, sie nicht gegenüber dem Leben, sondern
innerhalb seiner zu suchen. Denn auch Bewegung und Streben enthüllen
einen eigentümlichen Tatbestand, eröffnen bestimmte Züge, zeigen
eine Richtung des Weges, lassen ein Vermögen des Geistes ersehen. Es
erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben
nach einer neuen Art der Geschichte, nach einer Erhebung über das
bloße Vorüberziehen der Zeiten, nach einer inneren Festhaltung
dessen, was äußerlich versank; erweist das darin bekundete Vermögen,
die Zeiten zu überschauen und in ein Gesamtbild zu fassen, ihrem
Wandel Bleibendes abzuringen und in Aneignung dieses Bleibenden eine
zeitüberlegene Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermögen
nicht eine eigentümliche Beschaffenheit des Lebens, und zugleich eine
Tatsächlichkeit, die kein bloßes Deuten hervorbringen könnte? Gegenüber
solcher Zurückverlegung der Tatsächlichkeit in das Grundgewebe des
Lebens erscheint die übliche Behandlung der Sache als viel zu flach
und summarisch. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Händler
nach der fertigen Ware, die Arbeit ist ihr gleichgültig; so gewahrt
sie nicht, daß auch diese im Entfalten der Kräfte einen eigentümlichen
Tatbestand enthält. Ja, es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der
Arbeit wichtiger sein als ihr Erzeugnis, da jenes neue Fragen stellen,
neue Möglichkeiten eröffnen, den Lebensprozeß vertiefen kann.
Auch sind es nicht bloß einzelne Bewegungen, die einen Tatbestand in
sich tragen, sondern es entstehen auch innerhalb des Lebens größere
Zusammenhänge, geschlossene Gebiete mit eigentümlichen Gesetzen
und Forderungen, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion.
Auch bei diesen Lebensgebieten, die im Lauf der Geschichte immer
selbständiger geworden sind und namentlich in der Neuzeit ihre
eigentümliche Art deutlich hervorgekehrt haben, verdeckt leicht der
Streit um die nähere Fassung die Grundtatsache, welche schon ihr
Entstehen und Bestehen enthält; man sieht den Wald nicht vor lauter
Bäumen. Weil zum Beispiel bei der Moral und der Religion die näheren
Fassungen weit auseinandergehen, erscheinen jene leicht als ein
bloßes Machwerk menschlicher Meinung; sie können das nicht mehr,
wenn gegenüber allen besonderen Arten von Moral und Religion eine
überlegene Tatsache darin erkannt und anerkannt wird, daß überhaupt
Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht bloß
die Einzelnen beschäftigen, sondern das Ganze des Lebens eigentümlich
gestalten. Denn durch alles, was die einzelnen Religionen voneinander
trennt, geht ein gemeinsamer Zug des Lebens, geht die Abhebung einer
höheren Art von seinem sonstigen Stande, geht die Forderung, alles
menschliche Wohlsein gegenüber jener zurückzustellen; das ergibt
eine eigentümliche Welt der Gedanken nicht bloß, sondern auch der
Gefühle, eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits,
von Ehrfurcht und Glaube andererseits; auch läßt sich das nicht
in seine Geschichte verfolgen, ohne in dieser einen Aufstieg vom
Sinnlichen ins Unsinnliche, vom Einzelnen ins Ganze, von äußerem Werk
zur Gesinnung des Herzens zu erkennen, allen Zweifeln und Irrungen
gegenüber erscheint darin eine eigentümliche Entfaltung des Lebens.
Ähnlich steht es mit der Moral. Allem Unterschied ihrer Gestaltungen
und allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache überlegen, daß
die Menschheit sich überhaupt der Herrschaft des bloßen Naturtriebs
entwand und die Wendung zu einer Ordnung vollzog, welche ihr schwere
Gebote auferlegt und doch als ihr zugehörig anerkannt wird. Es lag
darin ein Aufruf zur Befreiung von allen selbstischen Zwecken, auch die
Forderung einer freien Entscheidung und Zuwendung, dabei der Anspruch,
allen anderen Zwecken überlegen zu sein und unbedingten Gehorsam
verlangen zu dürfen. Mag eine solche Bewegung langsam vordringen und
immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen und hat sich
gegenüber allem Widerstande behauptet. Ist nicht auch das eine aller
Willkür überlegene Tatsächlichkeit? Welche Macht solche Lebenskomplexe
ausüben können, das zeigt besonders deutlich die Wissenschaft mit
ihrer Erhebung des Denkens zu voller Selbständigkeit. Sie fordert eine
sachliche Verkettung, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines
Systems verbindet, jeden Satz streng in seine Konsequenzen entwickelt,
keinerlei Widerspruch der einzelnen Behauptungen duldet; es kann
das seinem Inhalt nach den Interessen des bloßen Menschen geradezu
widersprechen, und doch zwingt es ihn mit unwiderstehlicher Macht zum
Gehorsam, den Einzelnen sowohl als das Ganze des Völkerlebens.
Solche Zurückverlegung der Tatsächlichkeit stellt auch die
Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf einen festeren
und breiteren Grund, als die übliche Art es tut, die alle Wahrheit
von bloßem Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine
Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck
bringen, so vertritt jedes in der Durchführung seines Unternehmens eine
Überzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete wird keine
Leistung wahrhaft groß, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält.
Dabei erschließt aber die Arbeit der verschiedenen Gebiete verschiedene
Seiten des Ganzen, wie schon vorher beim Gegensatz des Überweltlichen
und Innerweltlichen ersichtlich wurde. Hier sei nur noch hinzugefügt,
daß das Erziehungswerk eine Vermittlung beider Richtungen und ihrer
Bekenntnisse fordert und auf seiner Höhe vollzieht. Denn wenn es
einerseits die Schärfe der Gegensätze voll anerkennen muß, um genügende
Tiefe und Kraft zu erreichen, so könnte es keinen Mut zu seiner Aufgabe
finden, schlummerte nicht in jeder Menschenseele ein geistiger Keim
und bestünde nicht die Möglichkeit, ihn durch treue Arbeit zu wecken.
Solches den Lebensgebieten innewohnende Bekenntnis erklärt es auch, daß
die Überzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten sich nach den
Lebensgebieten zu richten pflegen, denen ihre Arbeit dient, daß zum
Beispiel die Wege der Naturforscher und die der Geistesforscher meist
auseinandergehen.
Aber eben dies Auseinandergehen zeigt, daß die von den einzelnen
Gebieten gebotene Tatsächlichkeit nicht auslangt, daß wir, um völlig
sicher zu werden, auch eine Gesamtleistung suchen und fordern müssen,
die den Gesamtumfang des Lebens eigentümlich gestalte und aller
Tätigkeit eine deutliche Richtung weise. Nun kommt uns freilich eine
solche Gesamtleistung nicht als eine fertige Tatsache entgegen, wohl
aber zeigt die weltgeschichtliche Arbeit eine unablässige Bewegung nach
diesem Ziele, ja diese Bewegung bildet den Kern und die Hauptspannung
der Weltgeschichte. Das nämlich bezeichnet die Höhepunkte menschlichen
Strebens, daß dort eine aller Mannigfaltigkeit überlegene und sie
durchdringende Art des Schaffens gewonnen wurde, alle Verzweigung der
Lebensarbeit zusammenhielt und dem Gesamtbereich einen ausgeprägten
Charakter verlieh. So schuf die Höhe des Griechentums eine
Lebenseinheit künstlerischer, namentlich plastischer Art, und suchte
ihren Zielen und Forderungen gemäß alle Lebensgebiete zu gestalten.
Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks ließ nicht
nur das Weltall eigentümlich als einen herrlichen Kosmos sehen, sie
gab auch der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein
festes Gefüge und hielt ihnen ein Gesetz der Anordnung und Abstufung
vor. Was aus solchen Bewegungen hervorging, das hat neue Seiten des
Lebens erschlossen und viel Schlummerndes geweckt; auf seiner Höhe
konnte dieses Schaffen sich als den letzten Abschluß betrachten. Es hat
dann freilich die Erfahrung gezeigt, daß jenes künstlerische Gestalten
den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschöpft, aber es wird
dadurch keineswegs zu einer Erscheinung vorübergehender Art, sondern
was es an bildendem und veredelndem Vermögen eröffnet hat, das bleibt
als eine Quelle des Lebens allen folgenden Zeiten gegenwärtig und
widersteht mit mächtiger Kraft einer sonst drohenden Barbarei. Jener
künstlerischen Behandlung des Lebensproblems ist die ethisch-religiöse
des Christentums gefolgt und hat die Herrschaft über weite Kreise der
Menschheit gewonnen. Auch sie hat später Widerspruch erfahren, aber
ihre Umwandlung des Lebensbestandes, die von ihr bewirkte Vertiefung,
ihre Aufdeckung schroffer Gegensätze im Menschenwesen, aber auch
einer Erhebung darüber durch göttliche Liebe und Gnade, ist ein
unverlierbarer Besitz der Menschheit; wo das aufgegeben oder auch nur
verdunkelt wurde, da geriet das Leben rasch in ein jähes Sinken. Dem
Christentum widersprach dann eine moderne Lebensordnung, welche das
Wachstum der Macht sowohl nach außen als auch nach innen zum Ziel der
Ziele machte, dabei der intellektuellen Arbeit eine hervorragende
Stellung zuwies und im Fortschreiten um des Fortschreitens willen
das höchste Glück zu finden hoffte; der Lebensbestand geriet dadurch
in einen rascheren Fluß, neue Ziele wurden erreichbar, das Handeln
gewann unermeßlich an bewegender Kraft. Das erhält sich auch in die
Gegenwart hinein und wird aus dem Lebensbestande nicht wieder zu
streichen sein. Aber auch ihm gegenüber steigt unverkennbar wieder eine
neue Woge des Lebens auf, welche mehr Beisichselbstsein und zugleich
mehr Gehalt des Lebens verlangt, die inneren Probleme mit ihren
Verwicklungen stärker hervorkehrt, weitere Tiefen und Zusammenhänge
fordert und in Durchbildung solches Strebens alle Gebiete umwandeln
muß. Demnach überliefert die Geschichte dem Menschen freilich keinen
fertigen Besitz, wohl aber gewährt sie mit ihren Eröffnungen dem
Streben bestimmte Anhaltspunkte und Ziele, sie stellt es damit auf eine
eigentümliche Höhe und entzieht es zugleich der Willkür des Menschen.
Den Forderungen dieser Höhe muß alles entsprechen, was über bloße
Tagesmeinung hinaus in den Lebensbestand eingreifen und dauernd fördern
möchte. Jene Folge der Lebensordnungen bildet demnach kein bloßes Auf-
und Abwogen, es stecken darin Erfahrungen bleibender Art, die freilich
anzueignen und miteinander auszugleichen sind, um voll zum Besitz zu
werden. Denn die Macht, mit der das Ganze zu uns wirkt, ist nicht
mechanischer Art, die vom Leben gebotene Tatsächlichkeit ist nicht
für den vorhanden, der sich von der Bewegung fernhält und das Ergehen
der Menschheit mit stumpfer Gleichgültigkeit betrachtet. Die Schuld
des unsicheren Hin- und Herschwankens liegt dann aber nicht am Leben,
sondern an dem Menschen, der Früchte genießen will, ohne sich mühen
zu wollen. Möge ein solcher des indischen Wortes gedenken: »Wenn die
Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.«
Immerhin seien die Verwicklungen gewürdigt, welche das Problem gerade
der Gegenwart bereitet. Zwischen den schöpferischen Höhepunkten liegen
Zeiten, wo das Alte verblaßt und das Neue noch unfertig ist, wo daher
Kritik und Verneinung eine Hauptrolle spielen; eine derartige Zeit
der Ebbe ist bei allen glänzenden Leistungen an der Außenseite des
Lebens unverkennbar die Gegenwart. Die Lage verschärft sich bei diesen
höchsten Lebensfragen weiter dadurch, daß wir mehr als alle früheren
Zeiten ein historisches Bewußtsein ausgebildet haben, das heißt, daß
uns die Unterschiede der Zeiten und der Abstand früherer Gestaltungen
von der Gegenwart völlig deutlich vor Augen stehen; so können die
einzelnen Zeiten eher als Gegner denn als Freunde erscheinen und
sich keineswegs mühelos zu einem Ganzen verbinden. Aber wenn solches
Auseinandertreten der Zeiten allen festen Besitz zu gefährden scheint
und uns damit unruhig macht, so liegt der letzte Grund wiederum nicht
in den Dingen, sondern in uns, die wir nicht stark genug sind, die
verschiedenen Leistungen zu umspannen und miteinander auszugleichen.
Auch hier gilt es das Problem mutig anzugreifen und durch eine
Zurückverlegung seiner Behandlung dem Reichtum der weltgeschichtlichen
Arbeit gerecht zu werden und ihn dem eigenen Leben zur Förderung zu
wenden. Gefahren sind sicherlich da, aber unterliegen kann ihnen nur
eigene Lauheit und Schwäche.
Die moralische Verwicklung des Menschenlebens.
Was bisher an Widerstand und Hemmung erschien, sei es vom
überwältigenden Eindruck der Außenwelt her, sei es von der Unsicherheit
des Lebens bei sich selbst, das schien ganz wohl überwindlich, wenn nur
die ganze Seele des Menschen die Aufgabe auf sich nahm und ihre volle
Kraft an sie setzte; es bildet insofern die moralische Gesinnung in
weitester Bedeutung verstanden die Grundbedingung alles Gelingens. Aber
gerade bei ihr erscheinen Verwicklungen schwerster Art, Verwicklungen,
welche allem, was sonst das Leben an Gefahren und Mißständen bietet,
erst ihre volle Schärfe geben. Wie steht es mit dem moralischen
Verhalten des Menschen? Ein sicheres Urteil darüber zu bilden ist schon
deshalb schwer, weil die einzelnen Menschen hier sehr verschieden
sind, und neben höchsten Höhen sich tiefste Niederungen finden. Dazu
hängt das Urteil wesentlich an dem Maß, das an die Sache gelegt wird.
So kann sein weites Auseinandergehen keineswegs wundernehmen; je
nachdem es dem Optimismus oder dem Pessimismus folgt, entsteht ein
grundverschiedenes Bild der menschlichen Lage. Der Optimismus erachtet
den Kern des Menschen als gut, das Böse nur als etwas Anhangendes, als
eine Ausnahme und eine verzeihliche Schwäche, er kann das aber nicht,
ohne das Maß sehr niedrig zu nehmen und sich schon mit der bloßen
Vermeidung grober Vergehen zu begnügen. Damit aber setzt er sich in
Widerspruch mit allen großen Denkern nicht nur, sondern auch mit der
durchgehenden Schätzung im gemeinsamen Leben. Denn mochten die Denker
in ihrem Weltbilde noch so weit auseinandergehen und die einen beim All
mehr Vernunft, die anderen mehr Unvernunft sehen, darin gingen sie alle
zusammen, den moralischen Stand der Menschheit höchst ungenügend zu
finden. Und zwar beschränkten sie sich dabei nicht auf ein summarisches
Urteil, sie pflegten auch mit näherem Eingehen den weiten Abstand,
ja den Widerspruch des Durchschnittsstandes gegen das zu zeigen,
was ihnen als unerläßlich galt. Die antiken Denker verlangten für
ein Leben gemäß der Vernunft ein sicheres Maß und eine harmonische
Ausgleichung, auch ein festes Beharren inmitten der Tätigkeit, zugleich
aber fanden sie die große Menge von unersättlicher Gier erfüllt und
in unablässiger Veränderung begriffen; das Christentum berief die
Liebe, seine beherrschende Weltmacht, auch zur Leitung des menschlichen
Lebens, aber alle seine führenden Geister stimmen überein in der Klage
über den Mangel an Liebe und über die Gleichgültigkeit der Menschen
gegeneinander, über die zerstörende Macht der Selbstsucht; die Neuzeit
forderte eine Entfaltung aller Kräfte und ein volles Teilnehmen des
Menschen am aufsteigenden Zuge des Lebens, aber sie mußte zugleich
anerkennen, daß der Durchschnitt dumpf und träge die Aufgabe von sich
weist und nur durch künstliche Mittel leidlich in Bewegung zu bringen
ist. Das läßt sich näher auch zu den einzelnen Hauptdenkern verfolgen
und dabei zeigen, daß je höher einer von der moralischen Aufgabe
dachte, er um so schmerzlicher den weiten Abstand des Durchschnitts
von der Forderung empfand; so zum Beispiel Kant mit seinem Bestehen
auf lauterer Wahrhaftigkeit und strenger Gerechtigkeit. Solche
Stellung der Denker entspricht aber der durchgehenden Überzeugung der
Menschheit. Denn nicht nur galten überall nicht die Optimisten, sondern
die Pessimisten für die besseren Menschenkenner, auch die gemeinsamen
Einrichtungen pflegen vorauszusetzen, daß der Mensch das rechtlich und
sittlich Notwendige nicht aus Liebe zur Sache tut, sondern durch Lohn
oder Strafe dazu angehalten werden muß.
Lassen alle solche Erfahrungen den moralischen Optimismus als eine
flache Denkart erscheinen, so ist es begreiflich, daß der Rückschlag
dagegen seine Stärke in möglichster Hervorkehrung der menschlichen
Schlechtigkeit suchte. So vornehmlich in den Religionen und hier wieder
vor allem im Christentum. Wir wissen, wie das zu der Lehre von der
Erbsünde und von der völligen moralischen Verderbtheit des Menschen
geführt hat, ja wie hier alle Schuld des Übels im All auf den Menschen
geworfen und auf seinen Abfall von Gott zurückgeführt wurde. Der tiefe
Ernst dieser Denkweise ist sicherlich anzuerkennen, und auch darin
vertritt sie eine unbestreitbare Wahrheit, daß das Böse kein bloßes
Nebeneinander einzelner Vorgänge ist, sondern einen Gesamtstand bildet,
der den Einzelnen mit überlegener Gewalt umfängt. Aber das schwere
Problem wird hier wie ein Knoten zerhauen, und sowohl das Woher wie
das Wohin bereitet dabei größte Verwicklung. Wie kommt der Mensch zu
solcher Schuld, und wie kann sie solche Folgen haben, da in Wahrheit
der Kampf der Wesen mit seiner Wildheit und seiner Zerstörung, da der
Schmerz und der Tod weit über die menschliche Sphäre hinausreicht, auch
die Natur mit ihren Notwendigkeiten und ihren Trieben den Menschen
fest umklammert? Und wie soll bei einem Stande völliger Verderbtheit
und Stumpfheit an dieser Stelle ein neues Leben erwachen? Wird dieses
ganz und gar, ohne alles Zutun des Menschen, durch eine höhere Macht
ihm eingeflößt, so sieht man nicht, wie das zu eigenem Leben werden,
und wie eine moralische Identität zwischen früherem und späterem
Stande bleiben könnte. So haben denn auch die Gedankenwelten, welche
im Prinzip den Menschen ganz und gar verwarfen und ihn zu völliger
Passivität verdammten, in der Ausführung doch auch seinem Handeln
irgendwelches Pförtchen geöffnet. Dazu entspricht jene völlige
moralische Preisgebung des Menschen nicht dem Tatbestande des Lebens.
Denn zunächst erweist schon dieses, daß der Mensch sein moralisches
Ungenügen so schmerzlich empfindet und sich so viel damit zu schaffen
macht, daß er nicht gänzlich in jenen Stand aufgeht; es fehlen aber
auch in der Wirklichkeit des Lebens edlere Züge nicht, es fehlt nicht
an Liebe zum Menschen und an Hingebung an die Sache, ja nicht an edler
und aufopferungsvoller Gesinnung; was dem Ganzen daran mangelt, das
erscheint oft in begrenzten Kreisen, und namentlich lassen Gefahr und
Leid oft eine moralische Größe ersehen, die vom Alltagsleben aus wie
ein Wunder erscheinen mag. Immerhin bleibt die Verwicklung und das
Rätsel, daß das Höhere nicht den Gesamtstand beherrscht, sondern mehr
als eine Ausnahme und als eine Sache besonderer Fälle erscheint, daß
also eben das, was die Größe des Menschen ausmacht, von ihm selbst als
eine Nebensache behandelt wird.
Die Zusammenhänge unserer Betrachtung geben der Sache ein
eigentümliches Licht. Die Aufgabe geht dahin, das Leben von der Bindung
an die Natur abzulösen, ihm ein Beisichselbstsein zu erringen und
es aus solchem eine Welt der Gehalte und Güter erzeugen zu lassen;
das bedarf der vollen Hingebung der Gesinnung und der Richtung aller
Kräfte auf dieses Ziel. In Wahrheit pflegt jene Hingebung zu fehlen,
die Kräfte lehnen alle Bindung ab, gehen ihren eigenen Weg und geraten
dabei leicht unter die Macht eben dessen, das überwunden werden sollte;
der Vorteil des Individuums bleibt dem Handeln das höchste Ziel und
zieht alles Streben zu sich zurück. Ein derartiger Stand läßt das
Leben bei allem äußeren Aufputz innerlich leer, ein Wirken für höhere
Ziele entspringt hier weniger aus der Notwendigkeit einer geistigen
Selbsterhaltung als es zur Aufrechterhaltung des Scheines nach außen
hin und zur Verbesserung der eigenen Stellung erfolgt. So zeigt das
Leben durchgängig ein großes Manko, ja einen schroffen Widerspruch. Da
den Menschen zunächst die niedere Stufe einnimmt, so bedarf die Wendung
zur höheren einer inneren Umwälzung, und diese ist nicht möglich ohne
ein starkes Verlangen, ohne das, was Männer wie Plato und Goethe Liebe
nennen, wer aber möchte behaupten, daß eine solche Liebe überwiegend
vorhanden ist, wer kann leugnen, daß Kälte und Gleichgültigkeit die
vorherrschenden Züge bilden? Die Entfaltung des Höheren verlangt ein
inneres Selbständigwerden des Lebens, nur kraft eines solchen kann
es eine Ursprünglichkeit erreichen und aus sich selber schaffen;
wer aber kann leugnen, daß ein solches Insichselberwurzeln, eine
Selbstwüchsigkeit eine seltene Ausnahme ist? Das neue Leben hat sich
gegenüber einer feindlichen oder doch gleichgültigen Welt zu behaupten,
die äußerlich weit überwiegt; dazu bedarf es heroischen Mutes und
völliger Unerschrockenheit; läßt sich bestreiten, daß eine derartige
tapfere Gesinnung dem Durchschnitt des Lebens fehlt, daß bei diesen
Fragen Ängstlichkeit, ja Feigheit weit überwiegen, die das Spiel von
vornherein verloren geben? Alles miteinander erweist freilich nicht
eine völlige Verderbtheit des Menschen, wie die altprotestantische
Dogmatik sie lehrte, wohl aber einen Stand der Vermengung und der
Unlauterkeit, in dem das Niedere das Höhere weit zurückdrängt und es
nicht voll aufkommen läßt.
Das Übel wurzelt viel zu tief, als daß sich eine allmähliche
Überwindung durch eine geschichtlichgesellschaftliche Kultur hoffen
ließe. Wohl fühlt das gesellschaftliche Zusammensein sich als einen
Vertreter und Vorkämpfer des Guten, es vermag in der Tat gewisse
Erscheinungen des Bösen erfolgreich zu bekämpfen, ja unter besonderen
Umständen Begeisterung und Aufopferung für die gemeinsamen Zwecke zu
erzeugen, wie der gegenwärtige Krieg das deutlich zeigt, und zwar
keineswegs bloß in Deutschland. Aber solche großen Augenblicke sind
Ausnahmszeiten, die wieder vorübergehen, im allgemeinen wirkt das
gesellschaftliche Leben mehr zur Oberfläche als zur Tiefe des Menschen,
es unterdrückt mehr als es bessert, seinerseits aber erzeugt es mit
Weckung des Macht- und Herrschaftsverlangens und seiner Spaltung der
Menschen in Parteien neue moralische Gefahren und Schäden. Nun bleibt
noch die Hoffnung eines moralischen Fortschritts in der Geschichte,
aber so gewiß ihr Verlauf in anderen Stücken uns weiterbringt: ob
das auch in moralischer Hinsicht der Fall ist, steht in völliger
Unsicherheit. Nach mancher Richtung ein Fortschritt, nach anderer eher
ein Rückschritt, ein Wachstum raffinierten Genusses, ein Wachstum auch
selbstischer Machtgier, ein Abschütteln von Bindungen ohne dafür einen
Ersatz zu schaffen. Im großen und ganzen verbleibt die Verwicklung, und
zugleich verbleibt es dabei, daß die Menschheit einer Aufgabe, an der
alle innere Größe und Würde ihres Lebens hängt, sich nicht gewachsen
zeigt, daß sie damit sich selbst widerspricht, ja vielfach an ihrer
eigenen Zerstörung arbeitet. Wie kommen wir über diesen Widerspruch
hinaus, welche Wege bieten sich zur Befreiung von ihm?