So das Chaos des ersten Eindrucks. Aber der Zusammenhang unserer

Betrachtung gestattet diesem Eindruck zu widerstehen. Das Leben

entbehrt keineswegs alles festen Tatbestandes, weil die Menschen

sich über seine Fassung streiten, es gilt nur die Tatsächlichkeit an

der rechten Stelle zu suchen, sie nicht gegenüber dem Leben, sondern

innerhalb seiner zu suchen. Denn auch Bewegung und Streben enthüllen

einen eigentümlichen Tatbestand, eröffnen bestimmte Züge, zeigen

eine Richtung des Weges, lassen ein Vermögen des Geistes ersehen. Es

erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben

nach einer neuen Art der Geschichte, nach einer Erhebung über das

bloße Vorüberziehen der Zeiten, nach einer inneren Festhaltung

dessen, was äußerlich versank; erweist das darin bekundete Vermögen,

die Zeiten zu überschauen und in ein Gesamtbild zu fassen, ihrem

Wandel Bleibendes abzuringen und in Aneignung dieses Bleibenden eine

zeitüberlegene Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermögen

nicht eine eigentümliche Beschaffenheit des Lebens, und zugleich eine

Tatsächlichkeit, die kein bloßes Deuten hervorbringen könnte? Gegenüber

solcher Zurückverlegung der Tatsächlichkeit in das Grundgewebe des

Lebens erscheint die übliche Behandlung der Sache als viel zu flach

und summarisch. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Händler

nach der fertigen Ware, die Arbeit ist ihr gleichgültig; so gewahrt

sie nicht, daß auch diese im Entfalten der Kräfte einen eigentümlichen

Tatbestand enthält. Ja, es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der

Arbeit wichtiger sein als ihr Erzeugnis, da jenes neue Fragen stellen,

neue Möglichkeiten eröffnen, den Lebensprozeß vertiefen kann.

Auch sind es nicht bloß einzelne Bewegungen, die einen Tatbestand in

sich tragen, sondern es entstehen auch innerhalb des Lebens größere

Zusammenhänge, geschlossene Gebiete mit eigentümlichen Gesetzen

und Forderungen, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion.

Auch bei diesen Lebensgebieten, die im Lauf der Geschichte immer

selbständiger geworden sind und namentlich in der Neuzeit ihre

eigentümliche Art deutlich hervorgekehrt haben, verdeckt leicht der

Streit um die nähere Fassung die Grundtatsache, welche schon ihr

Entstehen und Bestehen enthält; man sieht den Wald nicht vor lauter

Bäumen. Weil zum Beispiel bei der Moral und der Religion die näheren

Fassungen weit auseinandergehen, erscheinen jene leicht als ein

bloßes Machwerk menschlicher Meinung; sie können das nicht mehr,

wenn gegenüber allen besonderen Arten von Moral und Religion eine

überlegene Tatsache darin erkannt und anerkannt wird, daß überhaupt

Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht bloß

die Einzelnen beschäftigen, sondern das Ganze des Lebens eigentümlich

gestalten. Denn durch alles, was die einzelnen Religionen voneinander

trennt, geht ein gemeinsamer Zug des Lebens, geht die Abhebung einer

höheren Art von seinem sonstigen Stande, geht die Forderung, alles

menschliche Wohlsein gegenüber jener zurückzustellen; das ergibt

eine eigentümliche Welt der Gedanken nicht bloß, sondern auch der

Gefühle, eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits,

von Ehrfurcht und Glaube andererseits; auch läßt sich das nicht

in seine Geschichte verfolgen, ohne in dieser einen Aufstieg vom

Sinnlichen ins Unsinnliche, vom Einzelnen ins Ganze, von äußerem Werk

zur Gesinnung des Herzens zu erkennen, allen Zweifeln und Irrungen

gegenüber erscheint darin eine eigentümliche Entfaltung des Lebens.

Ähnlich steht es mit der Moral. Allem Unterschied ihrer Gestaltungen

und allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache überlegen, daß

die Menschheit sich überhaupt der Herrschaft des bloßen Naturtriebs

entwand und die Wendung zu einer Ordnung vollzog, welche ihr schwere

Gebote auferlegt und doch als ihr zugehörig anerkannt wird. Es lag

darin ein Aufruf zur Befreiung von allen selbstischen Zwecken, auch die

Forderung einer freien Entscheidung und Zuwendung, dabei der Anspruch,

allen anderen Zwecken überlegen zu sein und unbedingten Gehorsam

verlangen zu dürfen. Mag eine solche Bewegung langsam vordringen und

immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen und hat sich

gegenüber allem Widerstande behauptet. Ist nicht auch das eine aller

Willkür überlegene Tatsächlichkeit? Welche Macht solche Lebenskomplexe

ausüben können, das zeigt besonders deutlich die Wissenschaft mit

ihrer Erhebung des Denkens zu voller Selbständigkeit. Sie fordert eine

sachliche Verkettung, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines

Systems verbindet, jeden Satz streng in seine Konsequenzen entwickelt,

keinerlei Widerspruch der einzelnen Behauptungen duldet; es kann

das seinem Inhalt nach den Interessen des bloßen Menschen geradezu

widersprechen, und doch zwingt es ihn mit unwiderstehlicher Macht zum

Gehorsam, den Einzelnen sowohl als das Ganze des Völkerlebens.

Solche Zurückverlegung der Tatsächlichkeit stellt auch die

Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf einen festeren

und breiteren Grund, als die übliche Art es tut, die alle Wahrheit

von bloßem Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine

Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck

bringen, so vertritt jedes in der Durchführung seines Unternehmens eine

Überzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete wird keine

Leistung wahrhaft groß, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält.

Dabei erschließt aber die Arbeit der verschiedenen Gebiete verschiedene

Seiten des Ganzen, wie schon vorher beim Gegensatz des Überweltlichen

und Innerweltlichen ersichtlich wurde. Hier sei nur noch hinzugefügt,

daß das Erziehungswerk eine Vermittlung beider Richtungen und ihrer

Bekenntnisse fordert und auf seiner Höhe vollzieht. Denn wenn es

einerseits die Schärfe der Gegensätze voll anerkennen muß, um genügende

Tiefe und Kraft zu erreichen, so könnte es keinen Mut zu seiner Aufgabe

finden, schlummerte nicht in jeder Menschenseele ein geistiger Keim

und bestünde nicht die Möglichkeit, ihn durch treue Arbeit zu wecken.

Solches den Lebensgebieten innewohnende Bekenntnis erklärt es auch, daß

die Überzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten sich nach den

Lebensgebieten zu richten pflegen, denen ihre Arbeit dient, daß zum

Beispiel die Wege der Naturforscher und die der Geistesforscher meist

auseinandergehen.

Aber eben dies Auseinandergehen zeigt, daß die von den einzelnen

Gebieten gebotene Tatsächlichkeit nicht auslangt, daß wir, um völlig

sicher zu werden, auch eine Gesamtleistung suchen und fordern müssen,

die den Gesamtumfang des Lebens eigentümlich gestalte und aller

Tätigkeit eine deutliche Richtung weise. Nun kommt uns freilich eine

solche Gesamtleistung nicht als eine fertige Tatsache entgegen, wohl

aber zeigt die weltgeschichtliche Arbeit eine unablässige Bewegung nach

diesem Ziele, ja diese Bewegung bildet den Kern und die Hauptspannung

der Weltgeschichte. Das nämlich bezeichnet die Höhepunkte menschlichen

Strebens, daß dort eine aller Mannigfaltigkeit überlegene und sie

durchdringende Art des Schaffens gewonnen wurde, alle Verzweigung der

Lebensarbeit zusammenhielt und dem Gesamtbereich einen ausgeprägten

Charakter verlieh. So schuf die Höhe des Griechentums eine

Lebenseinheit künstlerischer, namentlich plastischer Art, und suchte

ihren Zielen und Forderungen gemäß alle Lebensgebiete zu gestalten.

Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks ließ nicht

nur das Weltall eigentümlich als einen herrlichen Kosmos sehen, sie

gab auch der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein

festes Gefüge und hielt ihnen ein Gesetz der Anordnung und Abstufung

vor. Was aus solchen Bewegungen hervorging, das hat neue Seiten des

Lebens erschlossen und viel Schlummerndes geweckt; auf seiner Höhe

konnte dieses Schaffen sich als den letzten Abschluß betrachten. Es hat

dann freilich die Erfahrung gezeigt, daß jenes künstlerische Gestalten

den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschöpft, aber es wird

dadurch keineswegs zu einer Erscheinung vorübergehender Art, sondern

was es an bildendem und veredelndem Vermögen eröffnet hat, das bleibt

als eine Quelle des Lebens allen folgenden Zeiten gegenwärtig und

widersteht mit mächtiger Kraft einer sonst drohenden Barbarei. Jener

künstlerischen Behandlung des Lebensproblems ist die ethisch-religiöse

des Christentums gefolgt und hat die Herrschaft über weite Kreise der

Menschheit gewonnen. Auch sie hat später Widerspruch erfahren, aber

ihre Umwandlung des Lebensbestandes, die von ihr bewirkte Vertiefung,

ihre Aufdeckung schroffer Gegensätze im Menschenwesen, aber auch

einer Erhebung darüber durch göttliche Liebe und Gnade, ist ein

unverlierbarer Besitz der Menschheit; wo das aufgegeben oder auch nur

verdunkelt wurde, da geriet das Leben rasch in ein jähes Sinken. Dem

Christentum widersprach dann eine moderne Lebensordnung, welche das

Wachstum der Macht sowohl nach außen als auch nach innen zum Ziel der

Ziele machte, dabei der intellektuellen Arbeit eine hervorragende

Stellung zuwies und im Fortschreiten um des Fortschreitens willen

das höchste Glück zu finden hoffte; der Lebensbestand geriet dadurch

in einen rascheren Fluß, neue Ziele wurden erreichbar, das Handeln

gewann unermeßlich an bewegender Kraft. Das erhält sich auch in die

Gegenwart hinein und wird aus dem Lebensbestande nicht wieder zu

streichen sein. Aber auch ihm gegenüber steigt unverkennbar wieder eine

neue Woge des Lebens auf, welche mehr Beisichselbstsein und zugleich

mehr Gehalt des Lebens verlangt, die inneren Probleme mit ihren

Verwicklungen stärker hervorkehrt, weitere Tiefen und Zusammenhänge

fordert und in Durchbildung solches Strebens alle Gebiete umwandeln

muß. Demnach überliefert die Geschichte dem Menschen freilich keinen

fertigen Besitz, wohl aber gewährt sie mit ihren Eröffnungen dem

Streben bestimmte Anhaltspunkte und Ziele, sie stellt es damit auf eine

eigentümliche Höhe und entzieht es zugleich der Willkür des Menschen.

Den Forderungen dieser Höhe muß alles entsprechen, was über bloße

Tagesmeinung hinaus in den Lebensbestand eingreifen und dauernd fördern

möchte. Jene Folge der Lebensordnungen bildet demnach kein bloßes Auf-

und Abwogen, es stecken darin Erfahrungen bleibender Art, die freilich

anzueignen und miteinander auszugleichen sind, um voll zum Besitz zu

werden. Denn die Macht, mit der das Ganze zu uns wirkt, ist nicht

mechanischer Art, die vom Leben gebotene Tatsächlichkeit ist nicht

für den vorhanden, der sich von der Bewegung fernhält und das Ergehen

der Menschheit mit stumpfer Gleichgültigkeit betrachtet. Die Schuld

des unsicheren Hin- und Herschwankens liegt dann aber nicht am Leben,

sondern an dem Menschen, der Früchte genießen will, ohne sich mühen

zu wollen. Möge ein solcher des indischen Wortes gedenken: »Wenn die

Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.«

Immerhin seien die Verwicklungen gewürdigt, welche das Problem gerade

der Gegenwart bereitet. Zwischen den schöpferischen Höhepunkten liegen

Zeiten, wo das Alte verblaßt und das Neue noch unfertig ist, wo daher

Kritik und Verneinung eine Hauptrolle spielen; eine derartige Zeit

der Ebbe ist bei allen glänzenden Leistungen an der Außenseite des

Lebens unverkennbar die Gegenwart. Die Lage verschärft sich bei diesen

höchsten Lebensfragen weiter dadurch, daß wir mehr als alle früheren

Zeiten ein historisches Bewußtsein ausgebildet haben, das heißt, daß

uns die Unterschiede der Zeiten und der Abstand früherer Gestaltungen

von der Gegenwart völlig deutlich vor Augen stehen; so können die

einzelnen Zeiten eher als Gegner denn als Freunde erscheinen und

sich keineswegs mühelos zu einem Ganzen verbinden. Aber wenn solches

Auseinandertreten der Zeiten allen festen Besitz zu gefährden scheint

und uns damit unruhig macht, so liegt der letzte Grund wiederum nicht

in den Dingen, sondern in uns, die wir nicht stark genug sind, die

verschiedenen Leistungen zu umspannen und miteinander auszugleichen.

Auch hier gilt es das Problem mutig anzugreifen und durch eine

Zurückverlegung seiner Behandlung dem Reichtum der weltgeschichtlichen

Arbeit gerecht zu werden und ihn dem eigenen Leben zur Förderung zu

wenden. Gefahren sind sicherlich da, aber unterliegen kann ihnen nur

eigene Lauheit und Schwäche.

Die moralische Verwicklung des Menschenlebens.

Was bisher an Widerstand und Hemmung erschien, sei es vom

überwältigenden Eindruck der Außenwelt her, sei es von der Unsicherheit

des Lebens bei sich selbst, das schien ganz wohl überwindlich, wenn nur

die ganze Seele des Menschen die Aufgabe auf sich nahm und ihre volle

Kraft an sie setzte; es bildet insofern die moralische Gesinnung in

weitester Bedeutung verstanden die Grundbedingung alles Gelingens. Aber

gerade bei ihr erscheinen Verwicklungen schwerster Art, Verwicklungen,

welche allem, was sonst das Leben an Gefahren und Mißständen bietet,

erst ihre volle Schärfe geben. Wie steht es mit dem moralischen

Verhalten des Menschen? Ein sicheres Urteil darüber zu bilden ist schon

deshalb schwer, weil die einzelnen Menschen hier sehr verschieden

sind, und neben höchsten Höhen sich tiefste Niederungen finden. Dazu

hängt das Urteil wesentlich an dem Maß, das an die Sache gelegt wird.

So kann sein weites Auseinandergehen keineswegs wundernehmen; je

nachdem es dem Optimismus oder dem Pessimismus folgt, entsteht ein

grundverschiedenes Bild der menschlichen Lage. Der Optimismus erachtet

den Kern des Menschen als gut, das Böse nur als etwas Anhangendes, als

eine Ausnahme und eine verzeihliche Schwäche, er kann das aber nicht,

ohne das Maß sehr niedrig zu nehmen und sich schon mit der bloßen

Vermeidung grober Vergehen zu begnügen. Damit aber setzt er sich in

Widerspruch mit allen großen Denkern nicht nur, sondern auch mit der

durchgehenden Schätzung im gemeinsamen Leben. Denn mochten die Denker

in ihrem Weltbilde noch so weit auseinandergehen und die einen beim All

mehr Vernunft, die anderen mehr Unvernunft sehen, darin gingen sie alle

zusammen, den moralischen Stand der Menschheit höchst ungenügend zu

finden. Und zwar beschränkten sie sich dabei nicht auf ein summarisches

Urteil, sie pflegten auch mit näherem Eingehen den weiten Abstand,

ja den Widerspruch des Durchschnittsstandes gegen das zu zeigen,

was ihnen als unerläßlich galt. Die antiken Denker verlangten für

ein Leben gemäß der Vernunft ein sicheres Maß und eine harmonische

Ausgleichung, auch ein festes Beharren inmitten der Tätigkeit, zugleich

aber fanden sie die große Menge von unersättlicher Gier erfüllt und

in unablässiger Veränderung begriffen; das Christentum berief die

Liebe, seine beherrschende Weltmacht, auch zur Leitung des menschlichen

Lebens, aber alle seine führenden Geister stimmen überein in der Klage

über den Mangel an Liebe und über die Gleichgültigkeit der Menschen

gegeneinander, über die zerstörende Macht der Selbstsucht; die Neuzeit

forderte eine Entfaltung aller Kräfte und ein volles Teilnehmen des

Menschen am aufsteigenden Zuge des Lebens, aber sie mußte zugleich

anerkennen, daß der Durchschnitt dumpf und träge die Aufgabe von sich

weist und nur durch künstliche Mittel leidlich in Bewegung zu bringen

ist. Das läßt sich näher auch zu den einzelnen Hauptdenkern verfolgen

und dabei zeigen, daß je höher einer von der moralischen Aufgabe

dachte, er um so schmerzlicher den weiten Abstand des Durchschnitts

von der Forderung empfand; so zum Beispiel Kant mit seinem Bestehen

auf lauterer Wahrhaftigkeit und strenger Gerechtigkeit. Solche

Stellung der Denker entspricht aber der durchgehenden Überzeugung der

Menschheit. Denn nicht nur galten überall nicht die Optimisten, sondern

die Pessimisten für die besseren Menschenkenner, auch die gemeinsamen

Einrichtungen pflegen vorauszusetzen, daß der Mensch das rechtlich und

sittlich Notwendige nicht aus Liebe zur Sache tut, sondern durch Lohn

oder Strafe dazu angehalten werden muß.

Lassen alle solche Erfahrungen den moralischen Optimismus als eine

flache Denkart erscheinen, so ist es begreiflich, daß der Rückschlag

dagegen seine Stärke in möglichster Hervorkehrung der menschlichen

Schlechtigkeit suchte. So vornehmlich in den Religionen und hier wieder

vor allem im Christentum. Wir wissen, wie das zu der Lehre von der

Erbsünde und von der völligen moralischen Verderbtheit des Menschen

geführt hat, ja wie hier alle Schuld des Übels im All auf den Menschen

geworfen und auf seinen Abfall von Gott zurückgeführt wurde. Der tiefe

Ernst dieser Denkweise ist sicherlich anzuerkennen, und auch darin

vertritt sie eine unbestreitbare Wahrheit, daß das Böse kein bloßes

Nebeneinander einzelner Vorgänge ist, sondern einen Gesamtstand bildet,

der den Einzelnen mit überlegener Gewalt umfängt. Aber das schwere

Problem wird hier wie ein Knoten zerhauen, und sowohl das Woher wie

das Wohin bereitet dabei größte Verwicklung. Wie kommt der Mensch zu

solcher Schuld, und wie kann sie solche Folgen haben, da in Wahrheit

der Kampf der Wesen mit seiner Wildheit und seiner Zerstörung, da der

Schmerz und der Tod weit über die menschliche Sphäre hinausreicht, auch

die Natur mit ihren Notwendigkeiten und ihren Trieben den Menschen

fest umklammert? Und wie soll bei einem Stande völliger Verderbtheit

und Stumpfheit an dieser Stelle ein neues Leben erwachen? Wird dieses

ganz und gar, ohne alles Zutun des Menschen, durch eine höhere Macht

ihm eingeflößt, so sieht man nicht, wie das zu eigenem Leben werden,

und wie eine moralische Identität zwischen früherem und späterem

Stande bleiben könnte. So haben denn auch die Gedankenwelten, welche

im Prinzip den Menschen ganz und gar verwarfen und ihn zu völliger

Passivität verdammten, in der Ausführung doch auch seinem Handeln

irgendwelches Pförtchen geöffnet. Dazu entspricht jene völlige

moralische Preisgebung des Menschen nicht dem Tatbestande des Lebens.

Denn zunächst erweist schon dieses, daß der Mensch sein moralisches

Ungenügen so schmerzlich empfindet und sich so viel damit zu schaffen

macht, daß er nicht gänzlich in jenen Stand aufgeht; es fehlen aber

auch in der Wirklichkeit des Lebens edlere Züge nicht, es fehlt nicht

an Liebe zum Menschen und an Hingebung an die Sache, ja nicht an edler

und aufopferungsvoller Gesinnung; was dem Ganzen daran mangelt, das

erscheint oft in begrenzten Kreisen, und namentlich lassen Gefahr und

Leid oft eine moralische Größe ersehen, die vom Alltagsleben aus wie

ein Wunder erscheinen mag. Immerhin bleibt die Verwicklung und das

Rätsel, daß das Höhere nicht den Gesamtstand beherrscht, sondern mehr

als eine Ausnahme und als eine Sache besonderer Fälle erscheint, daß

also eben das, was die Größe des Menschen ausmacht, von ihm selbst als

eine Nebensache behandelt wird.

Die Zusammenhänge unserer Betrachtung geben der Sache ein

eigentümliches Licht. Die Aufgabe geht dahin, das Leben von der Bindung

an die Natur abzulösen, ihm ein Beisichselbstsein zu erringen und

es aus solchem eine Welt der Gehalte und Güter erzeugen zu lassen;

das bedarf der vollen Hingebung der Gesinnung und der Richtung aller

Kräfte auf dieses Ziel. In Wahrheit pflegt jene Hingebung zu fehlen,

die Kräfte lehnen alle Bindung ab, gehen ihren eigenen Weg und geraten

dabei leicht unter die Macht eben dessen, das überwunden werden sollte;

der Vorteil des Individuums bleibt dem Handeln das höchste Ziel und

zieht alles Streben zu sich zurück. Ein derartiger Stand läßt das

Leben bei allem äußeren Aufputz innerlich leer, ein Wirken für höhere

Ziele entspringt hier weniger aus der Notwendigkeit einer geistigen

Selbsterhaltung als es zur Aufrechterhaltung des Scheines nach außen

hin und zur Verbesserung der eigenen Stellung erfolgt. So zeigt das

Leben durchgängig ein großes Manko, ja einen schroffen Widerspruch. Da

den Menschen zunächst die niedere Stufe einnimmt, so bedarf die Wendung

zur höheren einer inneren Umwälzung, und diese ist nicht möglich ohne

ein starkes Verlangen, ohne das, was Männer wie Plato und Goethe Liebe

nennen, wer aber möchte behaupten, daß eine solche Liebe überwiegend

vorhanden ist, wer kann leugnen, daß Kälte und Gleichgültigkeit die

vorherrschenden Züge bilden? Die Entfaltung des Höheren verlangt ein

inneres Selbständigwerden des Lebens, nur kraft eines solchen kann

es eine Ursprünglichkeit erreichen und aus sich selber schaffen;

wer aber kann leugnen, daß ein solches Insichselberwurzeln, eine

Selbstwüchsigkeit eine seltene Ausnahme ist? Das neue Leben hat sich

gegenüber einer feindlichen oder doch gleichgültigen Welt zu behaupten,

die äußerlich weit überwiegt; dazu bedarf es heroischen Mutes und

völliger Unerschrockenheit; läßt sich bestreiten, daß eine derartige

tapfere Gesinnung dem Durchschnitt des Lebens fehlt, daß bei diesen

Fragen Ängstlichkeit, ja Feigheit weit überwiegen, die das Spiel von

vornherein verloren geben? Alles miteinander erweist freilich nicht

eine völlige Verderbtheit des Menschen, wie die altprotestantische

Dogmatik sie lehrte, wohl aber einen Stand der Vermengung und der

Unlauterkeit, in dem das Niedere das Höhere weit zurückdrängt und es

nicht voll aufkommen läßt.

Das Übel wurzelt viel zu tief, als daß sich eine allmähliche

Überwindung durch eine geschichtlichgesellschaftliche Kultur hoffen

ließe. Wohl fühlt das gesellschaftliche Zusammensein sich als einen

Vertreter und Vorkämpfer des Guten, es vermag in der Tat gewisse

Erscheinungen des Bösen erfolgreich zu bekämpfen, ja unter besonderen

Umständen Begeisterung und Aufopferung für die gemeinsamen Zwecke zu

erzeugen, wie der gegenwärtige Krieg das deutlich zeigt, und zwar

keineswegs bloß in Deutschland. Aber solche großen Augenblicke sind

Ausnahmszeiten, die wieder vorübergehen, im allgemeinen wirkt das

gesellschaftliche Leben mehr zur Oberfläche als zur Tiefe des Menschen,

es unterdrückt mehr als es bessert, seinerseits aber erzeugt es mit

Weckung des Macht- und Herrschaftsverlangens und seiner Spaltung der

Menschen in Parteien neue moralische Gefahren und Schäden. Nun bleibt

noch die Hoffnung eines moralischen Fortschritts in der Geschichte,

aber so gewiß ihr Verlauf in anderen Stücken uns weiterbringt: ob

das auch in moralischer Hinsicht der Fall ist, steht in völliger

Unsicherheit. Nach mancher Richtung ein Fortschritt, nach anderer eher

ein Rückschritt, ein Wachstum raffinierten Genusses, ein Wachstum auch

selbstischer Machtgier, ein Abschütteln von Bindungen ohne dafür einen

Ersatz zu schaffen. Im großen und ganzen verbleibt die Verwicklung, und

zugleich verbleibt es dabei, daß die Menschheit einer Aufgabe, an der

alle innere Größe und Würde ihres Lebens hängt, sich nicht gewachsen

zeigt, daß sie damit sich selbst widerspricht, ja vielfach an ihrer

eigenen Zerstörung arbeitet. Wie kommen wir über diesen Widerspruch

hinaus, welche Wege bieten sich zur Befreiung von ihm?

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 8 / 12 段