Zum Abschluß dieser Betrachtung sei nur noch dieses bemerkt, daß eben

das Auseinanderhalten von Tatwelt und Dasein es möglich macht, den

verschiedenen Lebensordnungen, die heute sich gegeneinander stellen,

ein gewisses Recht zuzuerkennen, ohne sie durch einen flachen Ausgleich

nur aneinanderzukleben, es möglich macht, die Gegensätze vollauf

anzuerkennen und ihnen dabei überlegen zu bleiben. Die Lebensordnungen

der unsichtbaren Welt verfechten das höhere Recht der Tatwelt und sind

darin unangreifbar; sie können aber ins Unrecht geraten und vermögen

ihren Idealismus nicht vollauf durchzubilden, wenn sie das Dasein

mißachten und damit auf die Hilfen verzichten, die sie für ihre eigenen

Zwecke aus ihm gewinnen könnten. Die Lebensordnungen der sichtbaren

Welt sind demgegenüber im Recht mit dem Ausweis, daß sie nicht bloß

einzelne Daten, sondern ganze Seiten des menschlichen Lebens vertreten,

die als Charakterzüge auch in sein Gesamtbild stärker einfließen

müssen, als es in früheren Zeiten geschah. Wir haben innerhalb des

Idealismus realistischer zu denken, ohne damit dem Widersinn eines

»Realidealismus« zu verfallen.

Auch die Verzweigung innerhalb der beiden Hauptrichtungen ist aus

dem Zusammenhange unserer Betrachtung ganz wohl zu verstehen und zu

würdigen. Er macht begreiflich, daß das geistige Leben einerseits alle

Ausbreitung zurückstellen und sich in sich selbst befestigen muß, um

eine sichere Weltüberlegenheit und ein volles Beisichselbstsein zu

finden, daß andererseits aber zu seiner Durchbildung die Entfaltung

zu einer Welt schlechterdings unentbehrlich ist. Ganze Lebensgebiete

folgen mehr der einen oder der anderen Richtung und bekennen damit eine

Überzeugung vom Ganzen; die einen beherrscht der Kontrast, die anderen

der Zusammenhang der Wirklichkeit. Jenes geschieht bei der Religion

und auch bei der Moral, wo sie in strengem Sinne genommen wird, mit

ihrer Schärfung des Gegensatzes rütteln sie auf und treiben sie das

Leben weiter; dieses geschieht bei der Kunst und der Wissenschaft,

sie wirken damit zur Verbindung und zugleich zur Befestigung des

Lebens. Ein Überwiegen jener droht das Leben zu sehr im bloßen Umriß

zu halten und die durchbildende Kraft der Arbeit zu unterschätzen, ein

Überwiegen dieser hemmt leicht die volle Anerkennung der Tiefen und

auch der Abgründe des Lebens. Wie die menschliche Lage einmal ist,

müssen die beiden Ströme eine gewisse Selbständigkeit gegeneinander

bewahren, um ihre Eigentümlichkeit und ihre Kraft voll erweisen zu

können. Wenn demnach alles Ineinanderfließen fernzuhalten ist, so

darf auch die Erhebung über die Welt nicht so verstanden werden, daß

sie nur vorgenommen wird, um der Welt mehr Gehalt bei sich selbst zu

geben. Die Überlegenheit darf kein bloßer Durchgangspunkt sein, sie

ist auch bei kräftiger Erfassung der Welt festzuhalten, damit nicht

ein Pantheismus entstehe, der zugleich verneint und bejaht und daher

nur eine Übergangserscheinung sein kann. Auch die Lebensordnungen

der sichtbaren Welt werden gegenseitig ihre Grenze zu wahren haben;

die Natur mit ihrer reinen Tatsächlichkeit und ihrer durchgehenden

Verkettung, und das Menschenleben mit seinem unablässigen Weiterstreben

und seinen schroffen Gegensätzen dürfen nicht ineinander verfließen.

Das ist es, was den Positivismus eines Comte zu einem durchgehenden

Widerspruch macht, daß er einmal in naturwissenschaftlicher Denkart

eine bloße Schilderung, eine Beschreibung des Tatbestandes sein

will, andererseits aber mit höchstem Eifer eingreifende Wandlungen

des gesellschaftlichen Zusammenseins fordert. An solchem Widerspruch

leidet auch die Soziologie, indem sie das Leben der Gesellschaft unter

Naturgesetze stellt, aber es zugleich wesentlich umbilden will.

So ist es als eine Eigentümlichkeit der menschlichen Lage

anzuerkennen, daß das Leben sich vollauf zu entfalten nur vermag,

indem es verschiedenen Strömen eine gewisse Selbständigkeit gewährt.

Zugleich freilich ist mit größtem Nachdruck zu fordern, daß ein

Ganzes des Lebens den einzelnen Strömen überlegen bleibe und ihre

besonderen Erfahrungen in eine Gesamterfahrung verbinde, die aus

ihnen erwachsenden Lebensbilder an einem Gesamtbilde prüfe und

daraus berichtige. Das kann nur geschehen, wenn ein der Verzweigung

überlegener Standort gewonnen und zugleich das Lebensproblem weiter

zurückverlegt wird. Das wird aber möglich, wenn die Bildung eines

selbständigen schaffenden Lebens im Bereich des Menschen zum Problem

der Probleme wird, wenn die Frage des Lebens überhaupt vor alle Fragen

der besonderen Gestaltung tritt. Zur Aufgabe wird damit, jeden

einzelnen Strom auf den Punkt zurückzuführen, wo er aus dem Ganzen

hervorbricht, und seine Bedeutung danach zu messen, was er für das

Ganze des Lebens leistet. Auch das stellt Aufgaben über Aufgaben, und

es erscheint auch von hier aus unser menschliches Leben als mitten

im Werden begriffen und daher als höchst unfertiger Art. Aber warum

sollte uns das erschrecken und niederdrücken, wenn nur feststeht,

daß Bedeutendes bei uns vorgeht, und daß die Sache hoch über aller

menschlichen Willkür liegt. Und darüber kann nicht wohl ein Zweifel

sein.

Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.

Bisher hatten wir ein Gesamtbild des Lebens entworfen, ohne die Frage

zu stellen, wie weit unser menschlicher Bereich es zur Ausführung

bringt, was er an Hemmungen, aber auch an Überwindungen enthält. Nun

aber gilt es sich auch damit zu befassen; wir werden dabei nicht nur

einen eigentümlichen Tatbestand finden, wir werden im Bilde des Lebens

selbst weitere Züge entdecken. Es erwachsen aber Hemmungen vornehmlich

in dreifacher Richtung: aus der Übermacht der Natur, aus der

Unsicherheit des Geisteslebens, aus der Unlauterkeit und dem inneren

Widerspruch des menschlichen Standes. Diese Punkte wollen gesondert

behandelt sein.

Die Übermacht der Natur.

Verhält sich Geistesleben und Natur, wie unser Lebensbild behauptet,

wie eine höhere und niedere Stufe, so wäre zu erwarten, daß die

Natur durchgängig sich unterordnete und einen Zusammenhang mit dem

Geistesleben zeigte. Dem aber widerspricht zunächst die Unermeßlichkeit

der Natur, der gegenüber, was in der Menschheit an geistiger Art

erscheint, zu winziger Kleinheit herabsinkt. Es klingt vermessen, ein

so Verschwindendes für den Kern der Wirklichkeit auszugeben. Weiter

aber scheint der Natur alle Verknüpfung mit dem Geistesleben zu fehlen.

Frühere Zeiten haben wohl gewagt, eine solche aufzuweisen, so glaubte

das Mittelalter in der Pflanzen- und Tierwelt durchgängig Hinweise auf

das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, eine sinnbildliche

Deutung wob ein Band zwischen der Außen- und der Innenwelt. Wie fern

ist uns heute, schon durch die unermeßliche Erweiterung der Natur ins

Große wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerückt! Nach dem jetzigen

Bilde scheint die Natur ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei

sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung

nicht über sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung könnte zum

Beispiel die wunderbare Lebensfülle und der erstaunliche Formenreichtum

der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Wohl führt

in der Natur ein Strang zu der Höhe, wo sich solches Leben entfaltet,

aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, die sich an

mannigfachen Stellen abzweigen und ohne irgendwelchen Zusammenhang mit

jenem Leben verlaufen. Wie ein dunkles Rätsel steht vor uns das Ganze

der Natur. Ein Aufstieg der Bildung und des Lebens ist unverkennbar,

aber er erfolgt unter harten Widerständen und so, daß das Höhere streng

an die niederen Stufen gebunden bleibt. Schwerlich wird die Natur sich

letzthin mechanisch erklären lassen, die Anerkennung bildender Kräfte

aber macht es zu einem rätselhaften Widerspruch, daß vielfach die Natur

die Wesen gegen einander hetzt und sie auf gegenseitige Zerstörung

anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, die Schutzwehr

des anderen verstärkt, scheint sie sich selbst entgegenzuwirken.

Zweckmäßigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein erkennbarer Zweck

im Ganzen. So bleibt zunächst völlig unklar, wie das Geistesleben eine

innere Verbindung mit diesem Reiche haben könnte; hat es sie aber

nicht, so scheint es vereinsamt in dem unermeßlichen All, dessen Seele

zu sein es behauptet.

Dazu zeigt sich der Lauf der großen Welt, dem auch wir aufs engste

verflochten sind, völlig gleichgültig gegen unser Ergehen; von

altersher hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, aufgeregt und

wohl gar zur Verzweiflung getrieben, daß das, was ihm von innen her

als das Höchste gilt und woran er sein Hauptstreben setzt, im Ganzen

der Welt aller Schätzung und Bedeutung zu entbehren scheint; wie im

Spiel zerstört die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in

gewaltigen Umwälzungen, was geistig von höchstem Werte ist, sie kennt

kein gut oder böse, ihr gilt kein Unterschied. Es hat nicht an Bemühung

gefehlt, den Widerspruch wegzudeuten und nachzuweisen, daß mit jenem

Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja der

Liebe und gütigen Vorsehung, wohl vereinbar sei, aber mochten weite

Kreise und lange Epochen in solchen Gedankengängen eine Befriedigung

finden, die Menschheit ist aus einer solchen immer wieder aufgescheucht

und von dem Zweifel befallen, ob jene Ausgleichung nicht eine bloße

Ausrede sei, ein Erzeugnis bloßer Wünsche und Träume.

Dazu unterliegt der Mensch nicht nur nach außen hin, sondern auch im

eigenen Bereich der Herrschaft der Natur. Alle Entfaltung seelischen

Lebens bei ihm zeigt eine solche Abhängigkeit von körperlichen

Zuständen und Vorgängen, daß versucht werden konnte, sie ganz und

gar darauf zurückzuführen. Auch in das Handeln reicht solche Bindung

hinein. Denn das Sinnliche nimmt in ihm eine überragende Stellung

ein; statt geistigen Zwecken zu dienen, bemächtigt es sich der

seelischen Kräfte, das aber über den eigenen Entschluß der Menschen

hinaus, aus bitterem Zwange der Notwendigkeit. Wie die Menschheit

sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, wird die natürliche

Selbsterhaltung des Individuums wie der Gesellschaft der beherrschende

Haupttrieb des Lebens. Unablässig haben wir um die Behauptung unseres

Daseins zu kämpfen, und zwar so hart, daß diese Aufgabe oft das ganze

Streben einnimmt, das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei

den Völkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern

die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den

Durchschnitt des menschlichen Daseins. Wie sehr sie auch bei großen

geschichtlichen Wendungen, zum Beispiel bei religiösen Umwälzungen,

im Spiele sind, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer Hervorkehrung

der ökonomischen Betrachtungsweise anzuerkennen gezwungen. Dabei

müssen wir zugestehen, daß der Kampf mit seiner harten Not und seiner

Aufrüttelung der Kräfte für den Menschen, wie er nun einmal ist,

sich nicht entbehren läßt; bloßgeistige Ziele bewegen ihn viel zu

wenig, ein sorgenfreies Leben würde für die meisten ein träges und

schlaffes werden. Dazu kommt die Selbsterhaltung der Gattung mit ihrer

Voranstellung der geschlechtlichen Seite des Lebens. Mit Unrecht

hat eine ältere Denkart unter dem Einfluß theologischer Dogmen der

Menschheit den Geschlechtstrieb als eine sittliche Schuld aufgebürdet,

da vielmehr der Zwang der Natur ihn ihr eingepflanzt hat und er für ihr

Fortbestehen durchaus unentbehrlich ist. Demnach erscheint durchgängig

die sinnliche Lebenserhaltung als die stärkste Macht im menschlichen

Dasein, und es behält Schiller Recht mit dem Wort, daß Hunger und Liebe

die Welt regieren. Von hier aus mag alles geistige Leben eine bloße

Nebensache scheinen, die anderen Zwecken zu dienen hat.

Solchem Übergewicht des Sinnlichen entspricht die Tatsache, daß die

Formen des natürlichen Daseins in Raum und Zeit, die das schaffende

Leben überwinden wollte, in Wahrheit beharren und unser Streben

beherrschen. Das bloße Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfängt

uns mit starrer Tatsächlichkeit und isoliert den einen gegen den

anderen, während alle Entfaltung geistigen Lebens ein Wirken aus dem

Ganzen verlangt; nicht minder befinden wir uns in dem Nacheinander der

Zeit, wo keine Leistung und kein Zustand beharrt, vielmehr alles fließt

und der Wandel der Dinge leicht das heutige Recht morgen in Unrecht

verkehrt. Einen wie raschen Wechsel der Ziele, der Überzeugungen und

des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, während das geistige

Schaffen seinen Gehalt als zeitüberlegen gibt und auf solcher Forderung

bestehen muß, um seine Kraft voll einzusetzen.

Das alles läßt sich nicht leugnen, noch auch beiseite schieben, es

bleibt bei der Tatsache, daß geistiges Leben bei uns Menschen in

starker Abhängigkeit steht und sich oft recht kümmerlich ausnimmt. Das

anerkennen heißt aber keineswegs einem endgültigen Nein unterliegen.

Dem widersteht schon die Tatsache, daß inmitten unseres Daseins weit

über die bewußte Absicht des Menschen hinaus eine Weiterbewegung gegen

die bloße Natur und ihre Maße im Gange ist. Denn vielfache Erfahrung

zeigt, daß, was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner

Selbsterhaltung wegen ergriff, sich ihm durch den eigenen Verlauf des

Lebens verwandelt und veredelt: was zunächst nur äußerlich war, das

wird ins Innere gewandt; was als bloßes Mittel diente, das gewinnt

einen Wert bei sich selbst; auf solchem Wege erfolgt durch die ganze

Weite und Breite des Lebens ein Aufstieg zu geistiger Höhe.

Betrachten wir die persönlichen Verhältnisse von Mensch zu Mensch

in Liebe und Freundschaft. Was Liebe genannt wird, ist zunächst dem

Naturtrieb verwachsen und oft recht flacher Art, es trägt geistige

Züge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint vornehmlich als ein

Mittel zur Erhöhung des eigenen Wohlseins. Aber im Zusammensein

vollzieht sich nach und nach eine Wendung dahin, daß jener auch bei

sich selbst einen Wert erhält, und daß der Förderung seines Wohles das

Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann, daß unter Durchbrechung der

anfänglichen Enge eine innere Erweiterung des Lebens erfolgt. Nicht

anders steht es mit der Freundschaft. Äußere Gründe der Nützlichkeit

und der Annehmlichkeit pflegen die Menschen zusammenzuführen, es ist

meist eine Gemeinschaft der Zwecke, welche sie zusammenhält. Aber bei

einiger Dauer pflegt das gegenseitige Verhältnis sich ins Innere zu

wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen

auszubilden. Schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des

Lebens aus dem zunächst bloß Nützlichen und Angenehmen etwas an sich

Wertvolles, etwas Gutes bereitet, und wie damit der Mensch seinen

eigenen Beweggründen entwächst, wie hier nach dem Ausspruch des Denkers

auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt, das stärker

ist als er selbst.

Auch unser Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen unsere Arbeit zu

tun hat, nimmt teil an solcher Erhöhung. Wir pflegen die Arbeit um der

Selbsterhaltung willen aufzunehmen, in der Not des Kampfes ums Dasein

müssen wir notgedrungen einen Lohn für sie verlangen; die Sache mag uns

dabei zunächst völlig gleichgültig sein. Aber nach und nach wird uns

die Arbeit durch ihren eigenen Gehalt lieb und wert, ihr Fortgang wird

zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen läßt uns willig große Mühen

und Opfer ertragen. Das namentlich, wenn sich die Arbeit über einzelne

Leistungen hinaus zur Lebensarbeit steigert, einen eigentümlichen

Beruf erzeugt und damit allem Handeln eine beharrende Richtung gibt.

Das widersteht mit besonderer Stärke einem Beharren bei kleinlicher

Selbstsucht und wirkt zur inneren Erhöhung des Lebens.

Wie so im Verhältnis zu Menschen und Gegenständen das Leben vom Äußeren

ins Innere, vom Natürlichen ins Geistige übergeleitet wird, so trägt

der Einzelne auch in seiner eigenen Seele eine Macht, die ihn vorwärts

treibt. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualität.

Sie ist zunächst eine Gabe der Natur, in der Niederes und Höheres

zusammenfließt; diesen Befund zu wahren und durchzusetzen entspricht

dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung

des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Fluß kommt, führt

immer mehr und mehr über den Anfang hinaus, es drängt den Menschen

dahin, jenen Kreis enger zusammenzuschließen, einen beherrschenden

Mittelpunkt auszubilden, Haupt- und Nebensachen zu scheiden; je mehr

das gelingt, desto deutlicher wird eine Hauptrichtung ersichtlich und

wird die Wendung von einem niederen Selbst der Natur zu einem höheren

des Geistes gefördert. Die individuelle Art erscheint damit als ein

Pfeiler, an dem sich das Leben in die Höhe rankt.

Auch das menschliche Zusammenleben zeigt einen ähnlichen Aufstieg vom

Niederen zum Höheren, ein Hinauswachsen des Menschen über seine eigenen

Triebe. So in der Verbindung der einzelnen Kräfte. Zunächst ist es

das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche

die Menschen zusammenführen und zu kleineren oder größeren Gruppen

verbinden. Aber nun ergibt die Verbindung gemeinsame Erfahrungen und

Kämpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden; sowenig daraus unmittelbar eine

innere Gemeinschaft hervorgeht, eine solche wird durch den gemeinsamen

Besitz doch vorbereitet, es werden Anhaltspunkte gewonnen, die einem

Leben aus dem Ganzen entgegenkommen. So wird, was Volk und Vaterland

auf der Stufe des geistigen Lebens dem Menschen bedeuten können, auch

durch die natürliche Entwicklung angebahnt.

Ähnliches erfahren wir gegenüber der Zeit mit ihrem Nacheinander.

Denn gegenüber dem bloßen Nacheinander bildet das gesellschaftliche

Leben beharrende Züge und Lagen aus, die sich von der geistigen Arbeit

aneignen und einer neuen Stufe zuführen lassen. Es erscheint damit eine

gewisse Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, die das nächste Dasein

beherrscht, und der Ewigkeit, die das geistige Schaffen fordert.

Demnach erweist schon im Bereich des Daseins das Leben selbst ein

erziehendes Wirken. Wir verstehen von hier aus, wie Plato von einer

dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit reden und eine

Stufenleiter des Strebens im Weltall aufsuchen konnte; nur sei das

nicht als ein bloßes Hervorgehen aus der Natur verstanden, sondern als

eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens. Die Natur könnte

unmöglich in jenen Aufstieg gelangen, wirkte nicht ein tieferer Grund

in ihr und gäbe ihr den Trieb zur Weiterbewegung.

Uns aber erschöpft sich die Wirkung des geistigen Lebens nicht in

eine solche Emporbildung der Natur, sondern, wie wir sahen, erzeugt

dieses Leben ein selbständiges Reich, das wesentlich anderer Art ist

als das der Natur. Nicht nur in besonderen Richtungen vollziehen

sich erhebliche Wandlungen, nicht nur weichen hier die Güter des

Nützlichen und Angenehmen denen des Guten, Wahren und Schönen, sondern

es verwandelt sich der Grundbegriff der Wirklichkeit, indem diese

nicht mehr ein bloßes Nebeneinander in Raum und Zeit, nicht ein

bloßes Gewebe von Einzelpunkten bildet, sondern alle Mannigfaltigkeit

mit einem Ganzen des Lebens umfaßt und sie sich innerhalb dieses

entfalten läßt. Wie das eine Erhebung über Raum und Zeit vollzieht,

so erweist hier ein Geschehen seine Tatsächlichkeit nicht durch ein

Vorhandensein im zeiträumlichen Nebeneinander, sondern durch die

Zugehörigkeit zum Leben des Ganzen. Hier bildet nicht die Beziehung

von Einzelnem zu Einzelnem, sondern das Verhältnis des Einzelnen zum

Ganzen das Grundverhältnis des Lebens, im Gesamtleben hat jedes seine

Stelle und sein Recht aufzuweisen, was als wahr gelten will. Jenes ist

nach unseren Darlegungen nicht eine Welt neben einer anderen, sondern

es ist die Welt, in der allererst das Leben ein Beisichselbstsein

erreicht; es muß daher als die Grund- und Hauptwelt, als der Kern

alles Geschehens anerkannt werden. Erst von hier aus sahen wir auch

ein wissenschaftliches Bild der Natur entstehen, dies Bild aber

läßt eine überschauende Erwägung manche Züge gewahren, welche bei

aller Rätselhaftigkeit eine größere Tiefe des Ganzen verraten, als

der Mechanismus des bloßen Nebeneinander zu erklären vermag; so die

Wechselwirkung der Elemente, so das Durchgehen einfacher Grundgesetze,

so die Macht der Formbildung in der Natur, so auch der Aufstieg zu

höheren Stufen in ihr. Ja selbst die enge Verkettung unseres geistigen

Vermögens mit der Natur wird einer naturalistischen Deutung entzogen,

sobald anerkannt wird, daß im Beisichselbstsein des Lebens etwas der

Natur wesentlich Überlegenes eintritt. Denn dann wird der Gedanke

unabweisbar, daß die Natur zu einer derartigen Erhöhung nicht führen

könnte, besäße nicht sie selbst einen tieferen Grund, und stellte

sie sich damit nicht als eine bloße Stufe eines weiteren Geschehens

dar. Freilich müssen uns zugleich die Grenzen unseres Erkennens und

die Überlegenheit der Natur über alle menschlichen Maße gegenwärtig

bleiben; daß aber ein innerer Zusammenhang von Natur und Geist besteht

und auch uns sich eröffnet, das erweist die Kunst mit ihrem das Leben

durchwaltenden Wirken. Denn sie läßt das Sinnliche zum Ausdruck des

Geistigen werden und seiner Fortbildung dienen, ihr vermögen Worte,

Töne, Farben innerlichste Seelenlagen zu verkörpern, nicht minder aber

bringt sie zur Anerkennung, daß beim Menschen das Geistesleben solcher

Verkörperung bedarf, um ihm volle Wirklichkeit zu werden. So erweist

die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu

reden, »von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung«.

Mag demnach im Gesamtbild des Lebens die Natur eine gewaltige Macht

behaupten und für den äußeren Eindruck weit überlegen bleiben, in

unserer Seele erhebt sich eine neue Welt, deren Tatsächlichkeit alle

Schranken des Menschen nicht aufheben können. Denn diese Welt hat

von Haus aus eine Selbständigkeit und Überlegenheit gegen den Stand

und das Befinden des Menschen, sie aber ist uns das Allernächste und

Allergewisseste, das, von wo aus wir die Natur innerlich erst erleben;

wer daher der Macht der bloßen Natur unterliegt, der bekundet damit nur

die Schwäche seiner eigenen Stellung im Geistesleben.

Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens.

Gegen die übermächtige Sinnenwelt suchten wir einen festen Halt im

Selbständigwerden des Lebens. Aber mit diesem Selbständigwerden

scheint es beim Menschen schlecht genug bestellt; wer möchte leugnen,

daß das Geistesleben dem ersten Eindruck hier sehr schwankende Umrisse

zeigt: die einzelnen Menschen und Kreise gehen bei seiner Fassung

weit auseinander bis zu völligem Gegensatz; nicht minder tun es die

verschiedenen Zeiten; gegenüber ihren Bewegungen und Wandlungen

erscheint jenes als völlig biegsam und weich, als etwas, das jeder

Forderung nachgibt, sich jeder Lage bereitwillig anpaßt. Solche

Schmiegsamkeit gewährt menschlichem Meinen und Wünschen den weitesten

Spielraum, der Streit der Parteien zieht die Sache an sich, auf Deutung

und Nutzen des bloßen Menschen scheint alles hinauszukommen, damit

aber eben das, was über den Menschen hinausheben sollte, ein Spielball

seines Beliebens, ein Werkzeug seiner Zwecke zu werden.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 7 / 12 段