Die durch das alles gehende Anerkennung eines Hervorgehens der Welt

und Wirklichkeit aus der eigenen Bewegung des Lebens ist das sicherste

Mittel, den Menschen von der Herrschaft des bloßen Intellekts zu

befreien, wonach gerade unsere Zeit aus ganzer Seele schmachtet,

ohne es genügend erreichen zu können. Denn solange die Welt als eine

gegebene Wirklichkeit uns gegenübersteht, wird es immer der Intellekt

sein, der eine Verbindung mit ihr herstellt und damit die Führung des

Lebens an sich nimmt, erst wenn die Welt als ein Erzeugnis schaffenden

Lebens und innerhalb dieses befindlich erscheint, tritt die Tat an die

erste Stelle. Gewiß wird auch bei ihr als einer geistigen das Denken

eine große Rolle spielen, aber es bildet dann nur die Form, in der sich

das Leben entfaltet, eine Form, die eine Erfüllung und Belebung erst

von dem wirklichkeitschaffenden Selbst erwartet; von diesem Selbst

abgelöst werden die Erzeugnisse des Denkens bloße Schatten und das

aus diesen bestehende Reich ein Scheinersatz echter Wirklichkeit. Die

Welten aller großen Denker waren an erster Stelle Erweisungen ihres

Selbst, Erhaltungen dieses Selbst; nur das gab ihnen ihren Charakter.

Alles miteinander verlegt das Leben mehr in die Innerlichkeit zurück,

aber in eine Innerlichkeit, welche nicht nachbildender, sondern

schaffender Art ist, welche nicht neben den Dingen steht, sondern sie

aus ihrem eigenen Grunde hervorbringt. In einer solchen Innenwelt wird

für die Einzelenergie zum Grundverhältnis des Lebens das Verhältnis zur

Gesamtenergie, nur dann vollzieht sich die gesamte Lebensentfaltung

innerhalb einer bei sich selbst befindlichen Welt, und gehört dieser

Welt alles an, was den Grundbestand des Lebens betrifft. Hier steht in

Frage das, was in der Sprache der Religion Rettung der Seele heißt. Das

besagt zugleich, daß, was hier geschieht, gewonnen oder verloren wird,

an Gehalt und Wert alles andere unvergleichlich überragt, was sonst dem

Menschen zufallen und zur Aufgabe werden kann.

Eine derartige geistige Innerlichkeit kann sich aber nur behaupten

unter steter Abwehr eines Eindringens bloßmenschlicher Elemente und

eines Sinkens unter die Zwecke der bloßen Menschen. Die Geschichte

zeigt hier einen durchgängigen Gegensatz niederer und höherer Art.

Einerseits das Streben, alle Lebensbewegung dem Wohl des bloßen

Menschen dienen zu lassen und ihn in seiner natürlichen Lebenshaltung

dadurch zu stärken, andererseits eine Entfaltung vom Ganzen des

Lebens her und damit eine Emporhebung über den bloßen Menschen; dort

bei aller Geschäftigkeit eine innere Leere und ein Abhängigbleiben

von der menschlichen Vorstellungsweise; hier eine Herausbildung

von Lebensinhalten und das Aufnehmen eines Kampfes gegen jene

Vorstellungsweise; dort bleibt der Mensch bei allem Sichstrecken

nach außen hin im Kerne unverändert, hier heißt es, ihn innerlich

zu erweitern und den Schwerpunkt seines Wesens zu verlegen. Am

deutlichsten ist dieser Gegensatz wohl bei der Religion. Denn alle

Gemeinschaft von Worten, Formeln und Einrichtungen verdeckt nicht den

weiten Abstand zwischen einer Religion, die dem Menschen, ohne ihn

wesentlich umzuwandeln, Glück und Fortbestand verheißt, und einer

Religion, welche ein neues Leben verkündet und in dieses den Menschen

versetzen will. Nur so gefaßt kann sie als lauterer Selbstzweck wirken,

nur so auch den Vorwurf widerlegen, ein Erzeugnis bloßmenschlicher

Begehrung und Meinung zu sein. Denn nun wird sie aus einer

Selbsterhaltung des bloßen Menschen eine Selbsterhaltung des Lebens

beim Menschen; was sie aus einer solchen an neuen Gehalten eröffnet und

mit überlegener Macht an ihn bringt, das kann mit seiner Unendlichkeit,

Ewigkeit, Vollkommenheit kein Machwerk des bloßen Menschen sein, das

bedeutet augenscheinlich die Erschließung eines neuen Lebens. Ähnlich

steht es mit den anderen Lebensgebieten; sie mußten oft genug dem

bloßen Menschen dienen, aber sie verloren damit eine Selbständigkeit,

einen inneren Zusammenhang, einen eigentümlichen Gehalt. Das

ändert sich nicht wesentlich, wenn für den einzelnen Menschen das

Nebeneinander der Menschen, die Masse, eingesetzt wird; denn die

Summierung befreit nicht von der Abhängigkeit gegen bloßmenschliches

Wohl und Wehe, sie ergibt keine höheren Ziele. Hier liegt eine nicht

geringe Gefahr für die an sich so segensreiche soziale Bewegung, sie

kann ein inneres Sinken nicht vermeiden, wenn sie als ein bloßes Mittel

für das menschliche Wohlsein behandelt, was ohne innere Zerstörung

keine solche Unterordnung verträgt. Wo zum Beispiel das Recht in

dieser Weise behandelt wird, da verliert es alle eigentümliche Art, da

steigert es nicht den Lebensgehalt, da hört es auf ein selbständiges

Lebensgebiet zu sein. Das Durchschauen dieses inneren Gegensatzes einer

bloßmenschlichen und einer selbständigen Behandlung der Lebensgebiete

erzeugt aber unmittelbar die Forderung, die Vermengung, die das

Durchschnittsleben beherrscht, mit aller Energie zu bekämpfen und den

Geistesgehalt der Gebiete als Glieder eines großen Lebenszusammenhanges

deutlich herauszuarbeiten.

Was die eigentümliche Art dieser Lebensbewegung an die einzelnen

Lebensträger und Lebensbereiche an Forderungen stellt, das dürfte

besonders deutlich aus der Vergleichung mit der modernen Lebensordnung

erhellen. Diese hat einen eigentümlichen Charakter vornehmlich dadurch

erhalten, daß sie die Kraft zum Kern des Lebens machte und in ihrer

Entfaltung und Steigerung seine Hauptaufgabe fand, an ihre Lösung

vornehmlich Gelingen und Glück des Lebens band. So hieß es beim

Individuum alle Kraft zu entfalten, so wurde in Staat und Gesellschaft

möglichst alle Kraft zur Betätigung aufgerufen und auch das gemeinsame

Wirken vornehmlich auf das Ziel der Befreiung aller Kräfte gelenkt,

so wurden die verschiedenen Kulturgebiete namentlich danach geschätzt

und gestaltet, was sie der Kraftentwicklung leisteten, so bestand

selbst die Neigung, das Weltall als einen großen Kraftkomplex zu

verstehen. Mit solcher Steigerung der Kraft schien auch das Glück ins

Unermeßliche zu wachsen. Die Durchführung dieses Strebens hat unendlich

viel Schlummerndes geweckt, Starres in Fluß gebracht, uns mehr Macht

nicht nur über die Umgebung, sondern auch über uns selbst gegeben,

sie hat damit den Gesamtstand des Lebens beträchtlich gehoben. Aber

diese Lebensordnung der Kraftentfaltung ließ auch manches verloren

gehen, sie hat eine sehr bestimmte Grenze gezeigt. Denn so notwendig

die Entwicklung der Kraft, sie ist mehr ein Mittel für ein höheres

Ziel als ein vollgenügender Selbstzweck; wird sie als ein solcher

betrachtet und behandelt, so entsteht die Gefahr, daß das Leben ein

rastloses Weiter- und Weiterstreben werde, nie zu einem Ruhen in sich

selbst und daher auch nie zur Herausbildung eines Inhalts gelange,

demnach bei aller Aufregung und bei allen Erfolgen im Einzelnen als

Ganzes schließlich ins Leere verlaufe. Die Gegenwart empfindet das

schon deutlich genug, und sie empfindet zugleich die Notwendigkeit,

über diesen Abschluß des Lebens hinauszukommen. Das kann aber nur

geschehen, wenn die Kraftentwicklung einer überlegenen Ordnung des

Beisichselbstseins des Lebens und der Inhaltsbildung eingefügt wird,

es gilt durchgängig von den bloßen Kraftkomplexen zu bei sich selbst

befindlichen Lebensenergien, zu Lebenszentren zu streben, so bei allen

Lebensträgern und in allen Lebensgebieten. Eine solche Lebensenergie

mit einem selbständigen Zentrum muß das Individuum, müssen Staat und

Gesellschaft, müssen die einzelnen Lebensgebiete, muß schließlich

auch das Ganze des Weltalls werden. Die Bildung einer solchen Energie

fordert aber das Erringen einer inneren, der Mannigfaltigkeit

überlegenen und sie durchdringenden Einheit, das kann aber den

einzelnen Stellen nur innerhalb des Ganzen und im Schöpfen aus ihm

gelingen. So gilt es durchgängig eine Wendung des Lebens nach innen,

während die bloße Krafterweisung es unvermeidlich nach außen kehrt und

bei sich selbst zerspaltet. Der Kulturarbeit ergeben sich damit weite

Ausblicke und fruchtbare Aufgaben, die sich hier nur andeuten lassen.

Das Erkennen einer Grundtatsache des Lebens vor aller näheren

Gestaltung vermag auch der menschlichen Überzeugung einen festeren

Halt zu geben. Die nähere Durchbildung der Bewegung bringt viel

Arbeit und verwickelte Fragen mit sich, welche die Individuen und

ganze Kreise leicht weit auseinanderführen; der Zwiespalt und Streit

läßt dann leicht die Gesamtbewegung als unsicher erscheinen. Suchen

wir dagegen die erste Tatsächlichkeit beim Leben selbst, arbeiten

wir sein Grundgefüge heraus, so läßt sich in der Ausführung das

Auseinandergehen und selbst der Kampf wohl ertragen, ohne daß uns das

Ganze wankend wird. Das gilt zum Beispiel von der Religion. Nach der

Verschiedenheit der Individuen, der Bildungsstufen, der Kulturkreise

wird ihre Gestaltung unvermeidlich recht verschiedener Art sein; aber

wir brauchen uns dieser Spaltung nicht endgültig zu ergeben, wir können

uns bemühen, vom Grundbestande des Lebens her ein gemeinsames Geschehen

herauszuheben, das der Zersplitterung entgegenzuwirken vermag. Zugleich

aber auch dem Zweifel, der über der Unfertigkeit der Durchbildung die

bewegende Kraft übersieht, welche auch den Streit erst möglich macht,

der so den Wald vor Bäumen nicht sieht und eine im Fluß befindliche

Bewegung nach einem starren Maßstabe mißt.

Eben dieses muß dabei zur Befestigung der Überzeugung wirken, daß

die Bewegung nicht an einzelnen Punkten hängt, sondern einen Kampf

von Ganzem zu Ganzem in sich trägt. Einzelne Vorgänge lassen sich je

nach der Fassung des Ganzen verschieden deuten und wenden, wie denn

ein starkes Mißtrauen gegen sogenannte innere Erfahrungen berechtigt

ist, da der eine sie so, der andere anders zu deuten vermag; ja selbst

ganze Komplexe sind verschiedener Deutungen fähig und sehen wohl

ihre Ursprünglichkeit bestritten. Besteht doch selbst darüber in der

Wissenschaft keine Übereinstimmung, ob Größen wie Pflicht und Gewissen

Urphänomene oder abgeleiteter Art sind. Wird aber der Kampf von Ganzem

zu Ganzem geführt und die innerste Seele eingesetzt, so kommen wir auf

das letzte, das ursprüngliche Geschehen; wenn irgendwo, so wird hier

unsere Überzeugung eine elementare Festigkeit gewinnen. Denn hier wird

uns nicht etwas von außen her zugeführt oder auch als ein innerer

Zustand nur wahrgenommen, sondern hier steht die Sache auf unserer

Tat und Entscheidung; es handelt sich dabei um nichts Geringeres als

um unsere geistige Selbsterhaltung, um geistiges Sein oder Nichtsein.

Diese Selbsterhaltung mit ihrer Selbstbejahung ist aber die Wurzel

aller Gewißheit, aus ihr entspringt alles Suchen einer solchen. Dabei

sei stets gegenwärtig, daß, was wir einerseits als eine Grundtatsache

ergreifen, sich andererseits als eine unermeßliche Aufgabe darstellt.

Denn volle Festigkeit kann uns das Leben nicht mit einem Schlage

gewinnen, sondern nur durch ein fortschreitendes Zusammenschließen,

durch ein Wachstum in gegenseitiger Verschränkung und Durchbildung der

Mannigfaltigkeit, das aber innerhalb eines umfassenden Selbst, das

durch alles hindurch sich entfaltet und den ganzen Umkreis beseelt.

Je mehr das Leben das Gewebe einer Wirklichkeit aus sich entwickelt,

zugleich aber ein volles Beisichselbstsein gewinnt, desto stärker wird

die Befestigung; das Einzelne wird um so sicherer werden, je enger es

sich dem Ganzen verkettet, und je mehr das Leben des Ganzen in ihm

gegenwärtig ist. Wenn demnach volle Sicherheit uns Menschen als ein

hohes und fernes Ziel gelten muß, so bleibt die Bewegung zu diesem

Ziele mit ihrer Überlegenheit gegen alle menschliche Willkür eine

Tatsache ursprünglicher und unbestreitbarer Art; wir könnten jenes Ziel

nicht suchen, nicht unsere Seele daran setzen, wirkte es nicht von

vornherein als treibende Kraft in uns; das aber kann es nicht, ohne

irgendwie in uns selbst gegründet zu sein.

Was so vom Ganzen des Lebens gilt, das gilt auch von seinen einzelnen

Trägern: auch die Kulturepochen, die Völker, die Individuen erlangen

eine Festigkeit der Überzeugung und eine Sicherheit des Weges nicht

durch angestrengtes Grübeln, hinter das immer wieder ein neues Grübeln

treten kann, sondern nur durch einen inneren Zusammenschluß ihres

Lebens und seine Lagerung um einen beherrschenden Mittelpunkt; nur das

verscheucht den Zweifel und gibt dem Handeln eine freudige Zuversicht,

nur von hier aus wird uns das Leben aus halber zu voller Wirklichkeit.

Geistiges Leben und menschliche Lage.

Daß ein neues Leben in der Menschheit und auch beim einzelnen Menschen

erwacht, sie über den nächsten Stand hinaustreibt und dafür eine große

Wendung fordert, das spricht zu uns mit zu viel Tatsächlichkeit, um

sich bestreiten zu lassen. Aber zugleich ist nicht zu verkennen, daß

nicht das gesamte Leben in diese Bewegung aufgeht, daß das Dasein mit

seinen eigentümlichen Lebensformen ihr gegenüber beharrt, daß damit

das Ganze des Lebens unter einen Widerspruch gerät. Selbständiges

Leben fordert eine Überlegenheit gegen Raum und Zeit, der Mensch des

Daseins bleibt streng an diese gebunden; jenes entwickelt ein Ganzes

der Gedankenwelt, das menschliche Leben verläuft in der Fläche des

Bewußtseins mit seiner begrenzten Fassungskraft und seiner unablässigen

Veränderung; inmitten alles geistigen Aufschwungs beharren die

Bedürfnisse der natürlichen Selbsterhaltung mit starkem Zwange; eine

Losreißung vom gesellschaftlichen Durchschnitt, ja ein Kampf gegen ihn

erwies sich als unentbehrlich, und doch bleibt der Mensch ein Stück von

jenem und muß hier seine Stellung wahren. So behauptet sich das Dasein,

das von der Tatwelt aus als eine niedere Stufe erschien, mit zäher

Kraft ihr gegenüber und macht eigentümliche Rechte geltend. Ein solcher

Stand der Dinge muß den Menschen in starke Unruhe versetzen, er hat

ihn auf weit abweichende Bahnen getrieben.

Als einfachster Weg zur Lösung der Verwicklung konnte aufstrebenden

Seelen und Zeiten das Unternehmen erscheinen, die niedere Welt völlig

abzustoßen und den ganzen Umfang des Lebens von der in kühnem Sturm

gewonnenen Höhe aus zu entwickeln. So ward es in der Religion, so

in der Moral, so auch in der Philosophie gewagt. Aber überall hat

sich gezeigt, daß solche Ablösung von der Erfahrungswelt, solcher

Versuch, alle Wirklichkeit von innen her zu erzeugen, unüberwindliche

Widerstände fand und das Geistesleben selbst mit Verarmung bedrohte.

So geschah es der Mystik, wenn sie sich nicht damit begnügte, eine

allumfassende Einheit zu verkünden und ihre Gegenwart an jeder

Stelle zu fordern, sondern wenn sie alle Mannigfaltigkeit zu bloßem

Scheine herabsetzen wollte; denn unrettbar verfiel sie dabei in

ein Gefühlsleben völlig gestaltloser Art, und sah sie sich vom

höchsten Aufschwung oft in einen Stand gänzlicher Verlassenheit

zurückgeschleudert. Ähnliches erfuhr die Moral, wenn sie die notwendige

Begründung des Handelns auf das alle Mannigfaltigkeit tragende

Gesamtleben so verstand, daß nun alle Befassung mit menschlichen

Angelegenheiten als ein Raub am Höchsten erschien; denn so kamen

Gottesliebe und Menschenliebe in einen schroffen Widerspruch, und jene

Gottesliebe selbst drohte erzwungen und innerlich leer zu werden.

Auch die Philosophie hat die notwendige Überlegenheit des Denkens

wohl dahin überspannt, aus seiner Bewegung die ganze Wirklichkeit

entspringen zu lassen, sie hat diese aber damit in ein Gewebe formaler

Größen verwandelt; sie hätte das noch mehr getan, wäre ihrer Arbeit

nicht immerfort aus der Erfahrungswelt eine versteckte Ergänzung

zugeflossen. Demnach muß überall die geistige Bewegung allerdings

volle Selbständigkeit erreichen und ihre Überlegenheit wahren, aber

unmittelbar aus eigenem Vermögen kommt sie über Entwürfe und Umrisse

nicht hinaus, auch gewinnt sie damit nicht die erforderliche Kraft,

um die harten Widerstände zu brechen. Das Dasein ist keineswegs bloß

etwas Niederes, über das sich ohne Verlust hinweggehen ließe, sondern

in ihm stecken Tatsachen, deren Ergreifung der geistigen Bewegung

erst eine genauere Richtung gibt, in ihm stecken Kräfte, die gewonnen

sein wollen, damit das geistige Leben die notwendige Stärke erhalte.

Freilich wird sich dabei nicht einfach aufnehmen lassen, die Aneignung

muß zugleich eine Umwandlung sein, aber es bleibt die Forderung

einer Ergänzung des Lebens von dorther. Das bildet eine entschiedene

Wendung und einen erheblichen Fortschritt der Neuzeit, daß sie das

Dasein keineswegs bloß als ein niederes, für das geistige Leben

gleichgültiges, ja gefährliches Gebiet behandelt, daß sie vielmehr auf

die Notwendigkeit dringt, sich unbefangen auch in jenes zu versetzen

und es für das Hauptziel zu verwerten. Vorher hatte das Bestehen auf

einen aller individuellen Willkür überlegenen Gesamtstand die einzelnen

Menschen und auch die einzelnen Lebensgebiete von vornherein als

Glieder eines Ganzen behandelt und jede Selbständigkeit ihm gegenüber

zu einem Unrecht gestempelt, jetzt haben wir uns überzeugt, daß das

Gelingen des Ganzen selbst einer freieren Entwicklung der Elemente

bedarf; früher ging das Streben auf eine zeitüberlegene Ordnung, die

alle Veränderung zu etwas Niederem, ja Verwerflichem herabsetzte und

damit der Geschichte nur eine untergeordnete Stellung zuwies, die

Neuzeit brachte zur Geltung, daß sich uns Menschen viel Wertvolles, ja

Unentbehrliches nur mit Hilfe der Bewegung zu eröffnen vermag, obschon

es selbst der Bewegung überlegen ist, sie erhob damit die Geschichte zu

einer wesentlichen Seite des Lebens; die sinnliche Welt schien vorher

durchaus untergeordnet und das Streben nach sinnlichen Gütern als ein

Ausdruck niedriger Gesinnung, der Neuzeit hat sich herausgestellt, daß

das Leben der Erfahrungen der sinnlichen Welt zur eigenen Weiterbildung

bedarf, und daß die sinnlichen Güter auch die seelische Kraft zu

steigern vermögen. So wird durchgängig dem Dasein ein höherer Wert

zuerkannt und der Tatwelt seine Aneignung geboten.

Solches Angewiesensein der Tatwelt auf das Dasein bringt aber manche

Fragen mit sich und legt Wendungen nahe, die das menschliche Leben

auf eine falsche Bahn verleiten. Vornehmlich diese Wendung, daß, was

das Dasein in der Beleuchtung und der Behandlung von der Tatwelt aus

leistet, als sein eigenes Werk erachtet, der Tatwelt aber damit alle

Selbständigkeit abgesprochen wird. So geschieht es, wenn man glaubt,

aus bloßer Erfahrung ein Ganzes der Erkenntnis gewinnen zu können,

da die Bildung einer Erfahrung selbst das Wirken des Denkens fordert

und damit die Tatwelt voraussetzt; so geschieht es weiter, wenn der

Naturalismus ein wissenschaftliches Bild der Natur, eine Umsetzung der

sinnlichen Eindrücke in Gedankengrößen, aus sich zu gewinnen hofft,

da jenes Bild von der Tatwelt aus entworfen wird; hierher gehört es

auch, wenn eine flachere Fassung der Sozialethik das bloßmenschliche

Zusammensein Moral erzeugen läßt, da ohne eine Ursprünglichkeit

der Moral jenes Zusammensein nun und nimmer eine Wendung zur Moral

vollziehen könnte. Es kann aber solche Verkehrung nicht die zweite

Stelle zur ersten machen, ohne daß der Bestand des Lebens in ein jähes

Sinken gerät; so erklärt sich vollauf der Ernst, ja die Leidenschaft

des um diese Fragen geführten Kampfes.

Minder stark ist die Irrung, aber es bleibt eben bei der Verfeinerung

eine gefährliche Irrung, den Bestand des Lebens aus Tatwelt und Dasein

zusammenzusetzen, etwa das Erkennen aus Denken und Sinnlichkeit.

Denn einmal erzeugt eine solche Zusammensetzung unvermeidlich einen

Streit darüber, welche der beiden Seiten die wichtigere sei und das

Maß zu geben habe, wie das zum Beispiel der Streit des Idealismus

und des Realismus um das Verständnis Kants mit voller Deutlichkeit

zeigt; dann aber erreicht eine bloße Zusammensetzung nie eine innere

Einheit und daher auch kein volles Leben. Von altersher bis in die

Neuzeit hinein ward versucht, das Leben aus einem Zusammenwirken von

Stoff und Form zu erklären, aber das genügt nicht einmal für die

Kunst, die jener Versuch zunächst im Auge hatte. Denn Form und Stoff

ergeben miteinander keineswegs schon ein lebensvolles Kunstwerk; sonst

würde ja die »akademische« Kunst den Gipfel aller Kunst bedeuten.

Noch weniger ergibt die peinlichste Anwendung von Denkgesetzen auf

den Stoff der Erfahrung eine lebendige Wissenschaft, am wenigsten

aber die gewissenhafteste Anwendung moralischer Regeln auf die Fülle

der Lebenslagen die lebendige Selbstentfaltung einer Persönlichkeit.

Freilich muß dem Dasein eine gewisse Selbständigkeit zuerkannt

werden, aber es ist auf den Boden des Höheren zu versetzen und hier

umzugestalten, um das Ganze des Lebens weiterzuführen. So ist, wenn

die Kunst eines Goethe Inneres und Äußeres untrennbar miteinander

verbindet, das keine Zusammensetzung aus gleichwertigen Faktoren,

auch kein bloßer Parallelismus, sondern das Innere bleibt überlegen,

es zieht das Äußere an sich und teilt ihm seine Seele mit, es selbst

aber findet erst in der Darstellung nach außen seine Durchbildung und

Vollendung. Demnach ist die Lebensbewegung anders zu verstehen als eine

Zusammensetzung von Form und Stoff oder auch von Kraft und Gegenstand.

Eine Erhebung über den Gegensatz muß schon in der Tatwelt durch ein

volltätiges Schaffen erfolgen; dieses bleibt nur insofern begrenzt, als

es unmittelbar aus sich selbst nur die Grundlinien festzustellen, nur

den Umriß zu entwerfen vermag; eben darin enthält es auch einen Antrieb

zur Weitergestaltung. Dieser ist aber nur zu befriedigen, indem das

Dasein auf den Boden der Tatwelt gezogen wird und Anhaltspunkte für

die erstrebte Weiterbildung gewährt, aber so gewiß damit die Tatwelt

eine gewisse Bindung erfährt, sie ist es, in deren Bereich der Aufstieg

erfolgt. Zur ersten Aufgabe wird damit, die Wirklichkeitslinien und

Umrisse feststellen, welche die Tatwelt aus sich hervorbringt, erst

das ruft eine Bewegung hervor und stellt Fragen an das Dasein, deren

Beantwortung das Leben weiterzubilden vermag.

Immerhin behält auch bei solcher Unterordnung das Dasein eine gewisse

Selbständigkeit, das Leben aber bekommt zwei Ausgangspunkte, die

sich nicht miteinander vermengen dürfen. Nur wenn das Dasein eine

unbefangene Betrachtung und Würdigung findet, kann es seinen vollen

Beitrag zum Gelingen des Lebens liefern. So wenig damit unser Leben im

Grunde zwiespältig wird, es behält eine Abstufung in sich selbst, und

es kann auf gewisse Fragen keine schlechthin einfache Antwort geben.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage des Glücks. Gewiß können wir den Kern

unseres Glückes nur in dem Gewinn eines selbständigen Lebens suchen,

aber auch als Teilhaber einer Geisteswelt bleiben wir Menschen zugleich

Wesen von Fleisch und Blut sowie Bürger eines gesellschaftlichen

Zusammenseins; auch hier steht ein Gelingen oder Mißlingen in Frage,

wir können, wir dürfen, was hier geschieht, nicht als gleichgültig

von uns weisen, wir können das nicht, weil es tatsächlich in den

Gesamtstand des Lebens eingreift, wir dürfen es nicht, weil durch

eine Mißachtung dessen, was hier geschieht, auch der innere Bestand

des Lebens Schaden leidet. Mit einem solchen Auseinanderhalten der

Ausgangspunkte braucht aber das Leben selbst nicht auseinanderzufallen,

es wird das nicht tun, solange die Überlegenheit der Tatwelt

voll gewahrt wird. Freilich liegt hier die Möglichkeit schwerer

Verwicklungen nahe, und daß es nicht bei der bloßen Möglichkeit bleibt,

das wird uns bald zu beschäftigen haben.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 6 / 12 段