Am deutlichsten ist die Bewegung des Menschenlebens über den bloßen

Menschen hinaus bei der Religion, das aber sowohl im Gedankengehalt als

in der Gestaltung des Handelns. Die Religion enthält, wie schon der

Begriff des Heiligen zeigt, einen starken Trieb, einen gewissen Bereich

vom gewöhnlichen Leben abzusondern, ihn darüber hinauszuheben und ihm

Verehrung darzubringen; wo sie mit ursprünglicher Kraft die Gemüter

einnahm, da war sie kein bloßes Hinausstrahlen menschlicher Größen und

Wünsche in das All, wie es fälschlich oft dargestellt wird, sondern ein

Kampf gegen die Festlegung des Strebens bei diesen Größen und Gütern.

Xenophanes Wort, daß die Menschen nach ihrem eigenen Bilde das der

Götter gestaltet hätten, stimmt nicht zur Erfahrung der Geschichte; sie

zeigt vielmehr ein Verlangen, etwas Andersartiges, etwas wesentlich

Höheres gegenüber dem Menschen zu erreichen. In früheren Zeiten hat

sich das Streben dabei oft ins Ungeheuerliche verloren und Gestalten

geschaffen, die uns Späteren fratzenhaft scheinen mögen; bleibt aber

nicht auch in einem weiten Abstand, ja Gegensatz zum menschlichen

Dasein, wer bei der Gottheit etwas Reingeistiges, Ewiges, Unendliches

sucht? Daher hat die Religion, sofern sie nicht bloß das Leben

angenehm umsäumt und damit einer sicheren Auflösung entgegengeht,

einen herben und strengen Charakter; das Wort »Niemand wird Gott

sehen und leben« hat einen guten Sinn. Für das Handeln aber bildet

in ihrem Gebiet den Zentralbegriff der des Opfers. Auch hier hat

sich im Fortgang des Lebens die Sache vom Sinnlichen ins Unsinnliche

verschoben, aber nur eine Verflachung und Verflüchtigung kann das

Beharren, ja das Wachstum des Opfergedankens auf der geistigen Stufe

verkennen. Die Religion hat genau so viel Macht über das menschliche

Seelenleben, als sie zu Opfern zu treiben vermag. Aber -- merkwürdig

genug -- bei allem, was sie an Verneinung und Entsagung fordert, haben

die Menschen in ihr die höchste Seligkeit gesucht und auch zu finden

geglaubt; konnten sie das, wenn sie nicht in ihr die letzte Tiefe ihres

eigenen Wesens zu erreichen glaubten?

Dieses Ja und Nein, dieses Stirb und Werde, was alle Verzweigung der

Lebensgebiete durchdringt, faßt sich insofern auch in ein Ganzes

zusammen, als das Kulturleben der Menschheit für jede eindringende

Betrachtung nicht ein fortlaufendes Gewebe bildet, sondern sich

in den Gegensatz einer durch die Zwecke des Menschen beherrschten

Menschenkultur und einer ihr überlegenen, ja entgegengesetzten

Geisteskultur zerlegt. Die Menschenkultur war und ist unablässig

bemüht, die Geisteskultur zu sich herabzuziehen und in ihre Dienste

zu stellen, die Vorkämpfer dieser haben mit jener stets einen harten

Kampf zu bestehen gehabt, sie sind in ihm oft zu Märtyrern geworden

und mußten durchgängig ein einsames Leben führen, aber nicht nur haben

sie die Kraft dazu und eine Freudigkeit darin gefunden, sondern sie

sind es, welche mit ihrer Belebung der Tiefen allein dem Menschenleben

eine Seele erhalten und ihm einen Sinn und Wert verleihen. Streichen

wir sie und was sie vertreten, und das Menschenleben wird ein

verworrenes Chaos, ein vergebliches Mühen, die Naturstufe wesentlich

zu überschreiten. Auch in das Dasein des Einzelnen erstreckt sich

der Gegensatz. Der naturhaften Individualität tritt gegenüber die

Persönlichkeit mit ihrer Selbsttätigkeit; sie kann sich nicht ausbilden

und dem Menschen ein neues Leben erringen, ohne an jener eine scharfe

Kritik zu üben, zu sondern und auszuscheiden, sie findet dabei

mannigfachen Widerstand, den sie ohne Schmerz und Entsagung nicht

überwinden kann. Aber allem solchen Nein hält ein Ja vollauf die Wage,

und unter vielfacher Aufopferung kann sich das Leben doch zu einem

Gewinn gestalten.

Wie haben wir dies alles zu verstehen? Wie kann im Menschen etwas

Wurzel schlagen und die bewegende Kraft seines Lebens werden, was

seiner besonderen Art so schroff widerspricht? Augenscheinlich kommt

an ihn etwas wesentlich Überlegenes und hält ihm neue Ziele vor. Aber

dies Überlegene mit seinen Zielen wird zugleich zum eigenen Leben des

Menschen, es kann ihm etwas, das sein bisheriges Leben entwertet, zu

wahrem Leben werden. Wie anders klärt sich das auf, und wie anders

kann das neue Leben Kraft gewinnen als dadurch, daß das Gesamtleben

mit seiner Tatwelt unmittelbar in den Menschen als eine ursprüngliche

Lebensquelle gesetzt ist, daß schaffendes Leben ihm unmittelbar als

sein eignes eingepflanzt wird. Eine Welt im Menschen aufbauen und von

ihr der ganzen Umwelt den Kampf ansagen läßt sich nur, wenn in ihm

selbst ein Weltleben von Haus aus angelegt ist; das kann aber nur

durch eine Eröffnung, eine Schöpfung des Gesamt- und Urlebens in ihm

geschehen. Daß er ein selbständiger Mittelpunkt, ein geistiges Selbst,

man könnte sagen, eine geistige Energie ist oder doch werden kann, das

besagt offenbar ein Gesetztsein, eine Tat, die nur aus dem Gesamtleben

stammen kann und daher stets an diesem hängt. Das stimmt zu einer

Erfahrung der Gesamtgeschichte geistigen Lebens. Denn diese zeigt,

daß durchgängig den schaffenden Höhen der Menschheit das Gesetztsein

durch eine überlegene Macht und ein Getragenwerden durch sie mit voller

Klarheit gegenwärtig war. So fühlte sich das künstlerische Schaffen

großen Stiles nicht als ein bloßes Erzeugnis individuellen Vermögens,

sondern als Eingebung einer höheren Macht, als eine zu Ehrfurcht und

Dank verpflichtende Gnade. Auch große Denker mußten unter einer inneren

Notwendigkeit stehen, wenn sie die Forderung einer neuen Denkart -- und

sie forderten alle eine neue Denkart, nicht bloß einzelne Veränderungen

-- zuversichtlich allem entgegenstellen konnten, was von altersher

und allen anderen als sichere Wahrheit galt. Auch die Helden der Tat

pflegten sich als Werkzeuge einer höheren, wenn auch geheimnisvollen

Macht zu fühlen; sonst hätten sie schwerlich den moralischen Mut zu

ihrem Handeln gefunden, das so viel Verantwortlichkeit in sich trug.

Daß aber das Überlegene sie mit solcher Gewalt ergreifen und der Kern

wie die treibende Kraft ihres eigenen Lebens werden konnte, das hellt

sich erst auf mit der Anerkennung dessen, daß in ihnen selbst das Ganze

des höheren Lebens als eine ursprüngliche Quelle gesetzt war. So nur

konnte ihnen jenes Höchste das Allernächste und Innerlichste werden,

so nur wurde das Gegründetsein in einer höheren Ordnung mit vollster

Freiheit des Handelns vereinbar, ja eine Grundbedingung dieser, so

nur konnte Meister Eckhart sagen: »Gott ist mir näher als ich mir

selber bin«, und Luther bekennen, daß »nichts Gegenwärtigeres und

Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst und seine

Gewalt«.

Es erscheint aber das Leben des Menschen mit solcher Anerkennung einer

selbständigen Eröffnung des Gesamtlebens in ihm als ein ungeheurer

Widerspruch. Der Mensch ist seiner Lebensform nach begrenzt, er kann

diese Begrenzung unmöglich überspringen. Aber in dieser begrenzten

Form soll ein unendlicher Gehalt zur Entfaltung kommen. Das muß einmal

das Leben in eine unermüdliche Bewegung versetzen, es läßt es nicht

ruhen und rasten, es treibt über jedes erreichte Ziel immer weiter

zu neuen Zielen. Zugleich aber ruft es ein Streben hervor, durch

Ausbildung einer Gemeinschaft und auch durch ein Zusammenwirken der

Zeiten jene naturgegebene Enge zu überwinden. Das nämlich ist der

tiefste Antrieb zur Ausbildung einer Gesellschaft und einer Geschichte

eigentümlich-menschlicher Art, daß das Individuum hier ein seiner

Besonderheit und seiner Vergänglichkeit überlegenes Leben erstrebt

und damit das dem Einzelnen völlig Unmögliche wenigstens einigermaßen

anzunähern sucht.

Bei allem Aufschwung bleibt aber stets die Gefahr, daß das

Engmenschliche sich einschleiche und mit schillernden, zweideutigen

Formen die Bewegung zu sich zurückziehe. Das geschieht zum Beispiel oft

durch den Begriff der Persönlichkeit und die ihm gezollte Schätzung.

Persönlichkeit gehört zu den Begriffen, bei denen sich alles Mögliche

denken läßt, und bei denen daher leicht gar nichts gedacht, leicht

keine Rechenschaft gegeben wird. In diesem Begriff rinnt heute

Höheres und Niederes vielfach zusammen, man denkt oft dabei an die

Bildung eines geistigen Einzelkreises, der sich möglichst in sich

selbst befestigt und alles Erlebnis auf sich als den beherrschenden

Mittelpunkt und Selbstzweck bezieht. Bei solcher Fassung schützt alle

Weite der Interessen nicht vor einer inneren Absonderung von der großen

Welt, einem selbstischen Sicheinspinnen in einen besonderen Kreis und

schließlich einem verfeinerten Epikureismus. Dem sei die Behauptung und

die Forderung entgegengesetzt, daß das Gesamtleben den Hauptstandort zu

bilden habe, damit das Streben volle Offenheit und Weite behalte; was

an der besonderen Stelle an eigentümlichem Leben entsteht, das ist von

jenem her als seine Individualisierung und Gestaltung zu verstehen. Daß

eine solche eigentümliche Gestaltung des Gesamtlebens an den einzelnen

Stellen möglich ist, und daß sie gewaltige Kraft zu üben vermag, das

zeigen deutlich die großen geschichtlichen Persönlichkeiten, das wird

zur Aufgabe für jedes Einzelleben.

So viel bleibt gewiß, daß das geistige Schaffen beim Menschen durch

jenes Zusammentreffen von unendlichem Gehalt und endlicher Lebensform

nicht nur in rastlose Bewegung versetzt wird, sondern daß es auch

unter einander widerstreitende Richtungen gerät. Einmal zwingt jene

Begrenztheit es nach geschlossenen Gestaltungen zu streben, um

zusammenfassen und übersehen zu können, von der anderen Seite aber

treibt die uns innewohnende Unendlichkeit zur Ablehnung aller Grenzen

und damit in das Gestaltlose, Fließende, die bloße und reine Stimmung

hinein. Daß hier große Lebenswogen gegeneinandergehen, das zeigt

besonders deutlich die Kunst mit ihrem Kampf zwischen klassischem und

romantischem Schaffen, im Grunde aber durchdringt der Gegensatz alle

Weite des Lebens.

So scheinen wir großer Unfertigkeit, ja Unsicherheit ausgeliefert.

Aber wir tun das nur für den ersten Anblick, jede tiefere Erwägung

zeigt, daß inmitten aller Unfertigkeit das Leben einen festen Halt

gewinnt und in sichere Bahnen geleitet wird, auch daß jene Unfertigkeit

selbst eine unvergleichliche Größe bekundet. Jenes neue Leben in uns

kann, so sahen wir, unmöglich vom Menschen selbst hervorgebracht sein;

es als sein Werk verstehen, das heißt es verflachen, verkümmern,

zerstören. Ist es aber vom Gesamtleben in uns gesetzt, so erfahren wir

einmal darin, daß dieses Leben eine dem Gemenge der menschlichen Welt

überlegene Wirklichkeit hat, wir erfahren aber zugleich, daß es bei

dieser Überlegenheit sich uns mitteilt, nicht in einzelnen Wirkungen

oder Stücken, sondern mit seiner ganzen Unendlichkeit; gerade daß das

in so schroffem Gegensatz zur eigenen Lage und zum eigenen Wollen

steht, bezeugt, daß sich damit eine Uroffenbarung in uns vollzieht,

ein neues Leben uns mitgeteilt, ein hohes Ziel eingeprägt wird. Es

ist nicht eigene Kraft, es ist verliehene Kraft, woraus wir streben

und wirken. Mag dabei alle nähere Ausführung noch so unsicher und

fließend bleiben, wir erkennen in jener Schöpfung eines neuen Lebens

eine Grundtatsache, die uns allem Zweifel enthebt und zugleich das

sichere Bewußtsein einer Bedeutung unseres Lebens gewährt. Derartige

Umwälzungen und Erneuerungen liegen über aller bloßen Einbildung. Auch

gewinnen wir hier die Gewißheit, nicht bloß ein Stück einer gegebenen

Welt, ein Stiftchen eines seelenlosen Mechanismus zu sein, sondern

jenes neue Leben mit seiner neuen Welt verlangt unsere Ergreifung und

Aneignung, es versichert uns damit einer Freiheit. So gewiß Freiheit

ein Unding, solange wir nur ein Stück einer natürlichen Ordnung bilden,

sie wird zur unerläßlichen Forderung und felsenfesten Gewißheit,

sofern ein Zusammentreffen und ein Zusammenstoß zweier Welten in

unserem Lebensbereiche ersichtlich wird, in dem uns eine Entscheidung

auferlegt ist. Mit der Sicherheit und der Freiheit gewinnt unser

Leben aber zugleich ein hohes Ziel und eine unvergleichliche Größe.

Denn nun gilt es, an unserer Stelle das Gesamtleben auszubilden und

weiterzuführen, wir werden Mitarbeiter an der Weltbewegung, an einem

Aufstieg des Lebens, und eben darin finden wir zugleich ein echtes

Selbst. Die Tiefen des Lebens eröffnen sich uns damit zu eigenem

Besitz, das Ringen nach Aneignung und Förderung seiner Unendlichkeit

kann uns eine Freudigkeit bereiten, die aller bloßen Lust weitaus

überlegen ist. Gewinnt damit unser Leben in seinem Kern ein helles

Licht, so kann es ganz wohl alle Dunkelheit der Umgebung ertragen; auch

kann dann kein Zweifel darüber bestehen, daß es so verstanden einen

vollen Sinn und einen hohen Wert besitzt.

Hauptzüge des neuen Lebens.

Die Gestaltung des Lebens, die sich für uns ergab, in alle Breite zu

verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein; wohl aber scheint es zur

Erreichung eines deutlicheren Bildes nötig, einige seiner Hauptzüge

herauszuheben. Zunächst zeigte sich, daß das Leben zum Selbständigsein

nicht gelangen konnte ohne eine Aufrüttelung aus dem vorgefundenen

Gemenge, ohne einen Bruch mit der nächsten Lage und das Erringen

eines neuen Standorts. Es zeigte sich, daß es nicht nur einzelne

Aufgaben, sondern eine Aufgabe auch als Ganzes enthält, es ist nicht

nur hier und da zu verbessern, es ist im Ganzen umzuwandeln. Daher

paßt für sein Grundgefüge nicht der Begriff der Entwicklung als eines

sicheren, ja notwendigen Hervorgehens des Höheren aus dem Niederen,

hier verwandt führt er unvermeidlich unter Naturbegriffe zurück. Jener

Abbruch fordert eine Entscheidung und Tat, und zwar eine Tat, die,

wenn auch bei besonderen Temperamenten als eine plötzliche Erleuchtung

und Bekehrung erscheinend, sich nicht in den Augenblick erschöpft,

sondern fortdauernder Art sein muß; denn das Neue ist dem Alten

gegenüber immerfort aufrechtzuhalten, immerfort durchzusetzen. Mit

solcher Tathaltung, wie man sagen könnte, erhält das ganze Leben einen

Charakter ethischer Art, das Ethische entwächst dabei der Einschränkung

auf ein besonderes Gebiet und dehnt seine erhöhende Kraft über das

gesamte Leben aus, es betrifft dann keineswegs bloß das Verhältnis von

Mensch zu Mensch und das dem zugewandte praktische Handeln, sondern

durch alle Verzweigung des Lebens, so auch durch das Erkennen und das

künstlerische Schaffen geht ein völliger Gegensatz, indem entweder

vom Standort und von den Zwecken des bloßen Menschen aus gehandelt

wird, oder aber darin selbständiges Leben mit seiner neuen Welt zur

Entfaltung strebt. Demnach liegt die ethische Aufgabe nicht in einer

Reihe mit anderen, sondern als eine Wendung des Ganzen geht sie allen

anderen voran und macht ihr Gelingen erst möglich.

So gefaßt kann die ethische Betätigung keine Knechtung und

Herabdrückung, sondern nur eine Befreiung und Erhöhung des Lebens

bedeuten. Denn bei ihr steht in Frage, daß das selbständige Leben

voll zu eigenem werde; dies aber kann nur dadurch geschehen, daß das

Gesamtleben an dieser Stelle eine selbständige Wurzel schlägt und

auch sie zur Bildung eines Selbst, zu einer Selbsterzeugung befähigt.

Diese Erzeugung eines neuen, eines geistigen Selbst ist der Punkt, an

dem das Gelingen des Lebens hängt; denn kein Streben gewinnt rechte

Kraft, das nicht als Ausdruck eines Selbst und zur Erhaltung dieses

Selbst geführt wird; ein Pseudoselbst, einen Selbstersatz bildet im

nächsten Lebensstande das natürliche Ich, das mit unheimlicher Macht

auch das Kulturleben ergreift und entstellt; seine Macht ist nur

dadurch zu erschüttern, daß dem Pseudoselbst ein echtes, ein geistiges

Selbst entgegentritt und der Bewegung die elementare Kraft und Glut

einer Selbstbehauptung verleiht. Das ist die Hauptwaffe gegen das

Scheinwesen und die Stumpfheit der Durchschnittskultur, das allein

macht ein kraftvolles Leben ohne allen Egoismus möglich. Wenn demnach

das Entstehen eines selbständigen Lebenszentrums die Hauptsache beim

Aufstieg des neuen Lebens bildet, so erscheint dabei das Merkwürdige,

ja Wunderbare, daß eben das, was gegenüber der Welt und auch gegenüber

der ihrer Verkettung unterliegenden Seelenlage unser Allereigenstes

und Ursprünglichstes ist und uns allein auf uns selber stellt, der

höheren Ordnung gegenüber sich als ein Geschaffenes und uns Verliehenes

darstellt. So hatte Luther in seinem Gedankenkreise völlig Recht, wenn

er das, was ihm als das Innerlichste und Wesentlichste am Menschen

galt, den Glauben, in keiner Weise als ein Werk des Menschen, sondern

eine göttliche Gabe und Gnade verstand: »das Übrige wirkt Gott mit uns

und durch uns, dies allein wirkt er in uns und ohne uns.« Nur eine

flachere Fassung des Glaubens kann das Leben aus Glauben und Werken

zusammensetzen. Wir brauchen jenen Grundgedanken Luthers nur weiter

zu fassen, um ihn schlechterdings unentbehrlich zu finden. Nur er

gestattet, mit tiefer Bescheidenheit und Demut im Grunde des Lebens

eine volle Selbständigkeit, Unerschrockenheit, ja, wenn es sein muß,

Trotz gegen alles Menschengetriebe zu verbinden.

Zur Vertiefung des Lebens, so sahen wir, muß sich notwendig eine

Gestaltung gesellen: das aufsteigende Leben muß, um volles Leben zu

werden, sich einen festen Zusammenhang, eine eigene Wirklichkeit

bilden. So gilt es durchgängig, vom neuen Leben aus einen

eigentümlichen Kreis zu bereiten unter Führung des Schaffens, unter

Ausführung durch die Arbeit. Sonst bleibt die Umwandlung bei aller

seelischen Wärme leicht ein bloßer Aufschwung, der keine genügende

Kraft gegenüber der Starre und Sinnlosigkeit des gewöhnlichen Lebens

aufbieten kann. So bleibt namentlich auf religiösem Gebiet viel

ehrliche Begeisterung ohne rechte Frucht, weil sie nicht den Weg zur

werktätigen Arbeit fand. Auch diese aber muß sich durch die Verbindung

mit dem geistigen Selbst erhöhen. Denn erst diese läßt sie einen

inneren Zusammenhang und eine durchgehende Beseelung gewinnen und sich

damit deutlich von aller bloßen Nutzung der Kräfte unterscheiden, der

ein geistiger Hintergrund fehlt.

Wie aber die Einzelstelle ihre Kraft letzthin aus dem Ganzen zu

empfangen hat, so muß auch der Fortgang ihres Lebens vom Gesamtleben

umfangen bleiben. Das um so mehr, als das Gesamtleben kein leeres Gefäß

ist, sondern als schaffendes bestimmte Richtungen in sich trägt und

Forderungen stellt, auch besondere Erfahrungen in Auseinandersetzung

mit der menschlichen Lage macht; diese Forderungen und Erfahrungen hat

die Einzelstelle erst herauszuarbeiten und bei sich zur Wirkung zu

bringen; ihr Geschick wie ihre Aufgabe klärt sich ihr nur vom Ganzen

her auf. Indem aber ihr Ziel und Los auf das des Ganzen aufgetragen

wird, gewinnt ihr Leben unmittelbaren Anteil an Weltgeschehnissen und

damit eine Größe; wird jene Verbindung unterbrochen und der Einzelpunkt

lediglich auf sich selbst und sein Verhältnis zur Umgebung gestellt,

so muß das Leben rasch in ein Sinken kommen; denn dann bleibt es

an den kleinmenschlichen Kreis gebannt, und aller Radikalismus,

mag er sich noch so wild geberden, der innerhalb dessen entstehen

mag, befreit nicht von jener inneren Bindung und kleinmenschlichem

Spießbürgertum. Es gibt keine Freiheit und keine Größe ohne ein

Durchdringen zu den ursprünglichen Quellen des Lebens, wie es nur durch

ein selbständiges Aneignen des Gesamtlebens möglich wird. Demgemäß

haben auch die Wirklichkeiten der besonderen Kreise innerhalb der

Bewegung des Gesamtlebens zur Wirklichkeit zu verbleiben, darin ihre

Aufhellung und auch ihr Maß zu finden. Darin allein können sie sich

auch untereinander zu einem Lebensgewebe verbinden. So stellt sich

das Leben als eine unbegrenzte Fülle von Teilwirklichkeiten innerhalb

einer Gesamtwirklichkeit dar; die Beziehung der Einzelenergie zur

Gesamtenergie hat dabei als begründend allen Beziehungen zu den

einzelnen voranzugehen, da diese eine innere Erhöhung, ja Umwandlung

erst von jener zu empfangen haben. Es hatte daher guten Grund, wenn

nicht nur große Religionen, sondern auch philosophische Gedankenwelten

darauf bestanden, daß alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, alle

gegenseitige Liebe auf das Verhältnis zu Gott und die in ihm erwiesene

göttliche Liebe gegründet und dadurch veredelt werde. Nur eine

solche Begründung ergibt eine innere Gemeinschaft des Lebens und

ein gegenseitiges seelisches Verständnis, während der dem bloßen

Nebeneinander angehörige Mensch einer seelischen Vereinsamung nicht

entgehen kann.

Wie aber in der Kraft, so müssen auch in ihrer Arbeit die einzelnen

Lebensgebiete vom Ganzen umfangen und von ihm gerichtet bleiben,

um nicht den Zusammenhang mit den ursprünglichen Lebensquellen

zu verlieren. Die verschiedenen Lebensgebiete bedürfen das in

verschiedenem Maße, im besonderen notwendig ist die Wahrung des

Zusammenhanges den Gebieten, die als Träger geistigen Schaffens

nur dadurch eine eigentümliche Aufgabe und eine sichere Stellung

gewinnen wie die Religion, die Kunst und auch die Philosophie. Sie

alle sinken und lassen den geistigen Gehalt zugunsten technischer

Leistung verkümmern, wenn sie jenen Zusammenhang lockern oder wohl

gar verschmähen. Wie wollte zum Beispiel die Philosophie mehr werden

als eine Zusammenstellung der Einzelwissenschaften oder eine nicht

sehr fruchtbare Fachwissenschaft neben anderen, wenn sie nicht ihre

Hauptaufgabe darin fände, die Forderungen, welche der Aufstieg des

Lebens zur Selbständigkeit enthält, deutlich herauszuarbeiten und sie

gegen den Widerspruch der nächsten Welt zu vertreten? Solche Fassung

macht die Einzelgebiete keineswegs zu bloßen Anwendungen einer schon

gesicherten und abgeschlossenen Wahrheit, ihre besonderen Erfahrungen

und Leistungen können auch das Gesamtleben fördern und weiterführen,

aber das nur unter Versetzung auf seinen Boden.

Diese Forderung eines Zusammenhanges der Einzelgebiete mit dem

Ganzen der Lebensentfaltung gibt der weltgeschichtlichen Bewegung

der Menschheit einen hohen Wert auch für das Lebensproblem, sie

drängt zur Ausbildung einer weiteren Gegenwart gegenüber der des

bloßen Augenblicks. Denn den geistigen Kern jener Bewegung bildet das

Sichselbersuchen und Entfalten des Lebens; darin sind eigentümliche

Linien vorgezeichnet, Eröffnungen erfolgt und Erfahrungen gemacht,

welche sich von der Zufälligkeit der Zeitlagen abzulösen vermögen,

alle weitere Bewegung begleiten und Forderungen an sie stellen; so

wenig das der Gegenwart die eigene Arbeit abnimmt, es kann sie in

dieser erheblich fördern, sofern nur im geschichtlichen Befunde eine

gründliche Scheidung von Zeitlichem und Ewigem erfolgt; eine solche

Scheidung läßt sich aber nur vom Ganzen des Lebens aus vollziehen. Denn

nur bei diesem kommen wir auf den letzten Punkt der Entscheidung, nur

von hier aus wird ein endgültiges Urteil darüber möglich, was von den

Erzeugnissen der bloßen Zeit angehört, und was über sie hinaus in eine

ewige Ordnung weist.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 5 / 12 段