Eigentümern zurückgegeben. Die Bestimmungen über Kaperei und Seerecht
werden auf dem Berliner Kongreß neu geregelt.
England und Frankreich zahlen eine Kriegsentschädigung von je 5
Milliarden Mark. England garantiert die Zahlung der auf Frankreich
entfallenden Raten. Nach den eingehenden Raten räumen die Truppen der
verbündeten Mächte den französischen Boden, ebenso werden die
Kriegsgefangenen ausgewechselt.
Am 7. November 1906, an demselben Tage, da vor hundert Jahren General
Blücher in dem kleinen Pfarrhaus von Ratekau die Kapitulation seines
Heeres mit den Worten unterschrieb: »Ich kapituliere, weil ich kein
Geld, keine Munition und keine Patronen mehr habe,« wurde die
Ratifizierung des Waffenstillstandes auf beiden Seiten ausgetauscht und
die Waffen ruhten.
Durch den Waffenstillstand, der den Frieden bereits in sich schloß, war
die englische Mittelmeerflotte in den Stand gesetzt, sofort mit ihren
Operationen vor Alexandrien und Port Said zu beginnen. Das Bombardement
von Alexandrien am 16. November und die gleichzeitige Beschießung von
Port Said vertrieb die ägyptischen Heeresabteilungen und mit der Landung
dreier Regimenter, die von Malta herangezogen wurden, faßte England
wieder festen Fuß auf afrikanischem Boden. Nun begann der unendlich
mühselige und opferreiche Feldzug, in dem das englische Heer langsam das
Niltal aufwärts rückte.
Am 7. November dröhnten vor Wilhelmshaven, vor Cuxhaven und vor der
Kieler Föhrde von neuem die Geschütze der englischen Flotte und weckten
ein Echo in den deutschen Küstenbatterien. Aber den Schüssen folgten
nicht wieder die gewohnten hochaufspritzenden Wassersäulen draußen auf
der weiten Meeresfläche und die schwarzen Rauchwolken vor den Schanzen
am Strande. Der Kanonendonner grüßte einen seltenen Gast, der auf
deutscher Erde fast fremd geworden war, er grüßte den Frieden.
Von allen Türmen läuteten die Glocken und man besann sich wieder darauf,
daß der Mensch noch zu anderer Arbeit geschaffen war, als automatisch an
den Zerstörungswerkzeugen des Krieges zu schaffen, daß das Ohr noch
andere Töne in sich aufzunehmen im stande war, als den Donnerhall der
Geschütze, dem man angstvoll dreiviertel Jahr lang gelauscht. Man fühlte
sich wieder frei wie der Gefangene, der seine Ketten zerrissen vor sich
am Boden sieht.
Am 7. November fiel der erste Schnee des Jahres, dicht und unablässig
vom Morgen bis zum Abend. Auf den Straßen warfen sich spielende Kinder
mit Schneebällen, ein allgemeines Freuen zog wieder ein in die Herzen,
und selbst ernste Männer, die im hastigen Geschäftsschritt über das
Pflaster eilten, sah man sich bücken und lustig einen Schneeballwurf
erwidern. Es war ja Friede, und man konnte es sich schon einmal
erlauben, in fröhlicher Lust am kindlichen Spiele teilzunehmen. Es war
ja Friede! Unablässig rieselten die weißen Flocken herab und eine weiße
Decke verhüllte alles Land, als wollte sie allen Jammer und alle Not der
letzten Monate mitleidig dem Auge verhüllen. Nur die schwarzen
Trauerkleider, die in allen Familien -- es war ja keine verschont
geblieben -- das Alltagskleid geworden, mahnten noch an die Zeit des
Schreckens und der unsäglichen Verluste.
Frohen Herzens begrüßte man in Cuxhaven das Herannahen eines großen
Dampfers der Amerika-Linie, der am Kai des Hafens anlegte. Man glaubte
es ja kaum, daß hier noch einmal ein friedlicher Handelsdampfer seine
Trossen festmachen würde, und fast ungewohnt schien ein paar Arbeitern
dieses Tun. Und doch war die »Patricia« noch nicht zu friedlichem Werke
erschienen. Sie sollte als erster deutscher Transportdampfer deutsche
Truppen nach Südafrika bringen. Denn jetzt galt es schnell dafür zu
sorgen, daß den in Bloemfontein eingeschlossenen Helden Entsatz gebracht
wurde, und hinter der »Patricia« lag -- ein seltsames Zusammentreffen
der Namen -- die »Pretoria«. Sie lud Eisenbahnmaterial zur
Wiederherstellung der zerstörten Bahnlinien.
Die englische Flotte vor Cuxhaven hatte am 8. November, nachdem sie den
Abschiedssalut mit dem Fort Kugelbake getauscht, Dampf aufgemacht und
war am Horizont verschwunden. Die See war frei, aber die See war leer.
Die stählernen Geschwader, die einst sich im blutigen Kampfe mit dem
Feinde gemessen, die stolzen Panzergeschwader Kaiser Wilhelms, sie lagen
fast alle am Grunde des Meeres. Die See war leer, denn von ihr war durch
den Feind die deutsche Flagge getilgt und Tausende ruhten unter den
Wogen nach treuer Pflichterfüllung im ewigen Schlafe. Am 8. November
ging der Lotsendampfer »Kapitän Karpfanger« wieder hinaus und legte die
Tonnen und Seezeichen, und ein Torpedoboot schleppte die Feuerschiffe
wieder hinaus, die wie vergessene Dekorationsstücke bis dahin in einem
Hafenwinkel gelegen, nun aber dem friedlichen Handelsverkehr seine Wege
wieder weisen sollten. Langsam passierten die vier rotgestrichenen
Schiffskörper, mit frohen Zurufen von der »Alten Liebe« begrüßt,
Cuxhaven und langsam entschwanden sie in der dicken Schneeluft dem Auge,
westlich der Stelle, wo das riesenhohe Wrack des französischen
Linienschiffes »Bouvet« und weiter hinaus das des englischen Panzers
»Ocean« die drohenden Sandbänke verriet. Dicht und unablässig versanken
die weißen Schneeflocken in der grauen Meerflut. Gegen Abend tönte von
draußen her der brummende, langgezogene Ton einer Dampfpfeife; das erste
Handelsschiff erschien und gegen 6 Uhr passierte der über die Toppen
beflaggte norwegische Dampfer »Sigurd Jarl« die Alte Liebe.
Hilfe naht.
Draußen auf weitem Meere durchfurchten jetzt die Kiele der
Transportschiffe, geleitet von den Kreuzern Englands und Deutschlands,
die Wogen des Ozeans. Durch Sprengungen war es den Engländern gelungen,
acht Tage nach der Einnahme von Port Said die Wracks im Suezkanal zu
beseitigen, und den Kanal wieder passierbar zu machen. Mehrere Dampfer
des Österreichischen Lloyds und die beiden Schiffe der Ostafrika-Linie
»Kaiser« und »Kanzler«, die in Triest beim Ausbruch des Krieges auf der
Rückfahrt von Afrika Zuflucht gesucht und dort jetzt die ersten
deutschen Truppentransporte für Ostafrika und Kapstadt an Bord genommen
hatten, verließen Ende November Suez. Jetzt ging die Fahrt entlang der
ostafrikanischen Küste. Schweigend lag die italienische Somaliküste im
Morgenglanze der aufgehenden Sonne. Das Meer war ruhig, unablässig
arbeiteten die Maschinen und trieben die mit Truppen gefüllten Dampfer
eine Seemeile um die andere ihrem sehnsüchtig erwarteten Bestimmungsorte
entgegen. Jetzt war man in Sicht von Mombas, wo noch die englischen
Verteidiger gegenüber dem Ansturm der arabischen Horden stand hielten.
Der begleitende Kreuzer, die italienische »Liguria« hißte, als man sich
der Küste näherte, zum Gruß den Union Jack im Vortopp und donnerte
seinen Salut nach Mombas hinüber. Mit scharfen Gläsern hielt man
Ausschau nach der Stadt. Als die englische Flagge über einem Gebäude
entdeckt wurde und weiße Rauchwolken auf einem kleinen Erdwall unweit
der Küste aufstiegen und der Wind den Schall einiger Kanonenschüsse
herübertrug, brach auf den Transportschiffen, an deren Steuerbordreeling
sich Kopf an Kopf drängte, ein ungeheurer Jubel los und man grüßte die
wackeren Verteidiger von Mombas mit donnerndem Hurra. Die »Liguria«
setzte ihre Boote aus und ließ sie durch ihre Pinasse mit einer
Besatzung von 300 Mann von den Transportdampfern an Land schleppen,
denen im Laufe des Tages noch große Sendungen von Munition und Proviant
folgten. So war Mombas gesichert und weiter gings nach Süden zu.
Am anderen Morgen tauchte die deutsch-ostafrikanische Küste auf. Dort wo
die brandenden Wellen einen zerstörten Schiffskörper umspülten, dort wo
weiße Häuserruinen am Strande erkennbar waren, dort mußte Tanga liegen.
Die Transportdampfer blieben weiter seewärts, nur die »Liguria« ging
näher an die Küste heran, hißte das Kriegsbanner des Deutschen Reiches
und sandte aus ihren Buggeschützen ihren Salut hinüber. Doch kein Ton
antwortete vom Lande, alles Leben war erstorben. Zwischen den weißen
Mauern der Häuser von Tanga lagen die letzten deutschen Verteidiger
längst erschlagen von der Wut eines unerbittlichen Feindes. Die
»Liguria« ging wieder seewärts und langsam ließen die Transportschiffe
ihre Maschinen wieder angehen. Tiefe Niedergeschlagenheit herrschte an
Bord, dumpf rollte der Donner des Trauersalutes über die blauen Wogen
des Ozeans, während die Flaggen auf Halbmast sanken, ein letzter Gruß
den treuen deutschen Männern, die dort in Tanga ihr Leben geopfert.
Und weiter ging die Fahrt nach Süden. Vor Dar-es-Salam warfen die
Transportschiffe Anker, die »Liguria« dampfte wieder dem Lande zu, vor
der Stadt gefechtsklar machend. Die Pinasse des Kreuzers wurde aber vom
Ufer aus mit einigen Schüssen empfangen. Nun eröffnete die »Liguria« ein
viertelstündiges Bombardement auf Dar-es-Salam, worauf die Araber einige
Häuser, u. a. das Gouvernementsgebäude, in Brand steckten und sich
landeinwärts zogen, so daß die Landung der italienischen Marinesoldaten
ungehindert von statten gehen konnte. Am Nachmittage befanden sich
500 deutsche Soldaten wieder im Besitze des Ortes. Zwei
Truppentransportdampfer blieben vor dem Hafen liegen, den die deutsche
Besatzung in der Stärke von 2000 Mann zunächst in verteidigungsfähigen
Zustand setzte. Am anderen Tage trafen zwei englische Kanonenboote von
Sansibar vor dem Hafen ein und blieben dort stationiert als Rückhalt für
die deutschen Truppen. Und so ging es weiter. Überall, wo noch
Küstenplätze gehalten wurden, sorgte man für die Verstärkung und
Neuverproviantierung ihrer Verteidiger. Alle anderen Streitkräfte wurden
nach Kapstadt dirigiert, wo Ende Dezember eine stattliche Streitmacht
versammelt war, die nunmehr auf der Bahnlinie, an deren
Wiederherstellung unablässig gearbeitet wurde, einen Vorstoß nach Norden
zum Entsatz von Bloemfontein unternehmen konnte. Alle Weißen, vor allem
die Verteidiger der von den Kaffern bedrängten rasch nacheinander
entsetzten Städte des Kaplandes schlossen sich der Armee an. Ende Januar
war der größte Teil des Kaplandes wieder im Besitze der
deutsch-englischen Armee und es ist bekannt, daß am 27. Januar die
ersten Abteilungen der Entsatztruppen für Bloemfontein die Stadt
erreichten, deren Verteidiger inzwischen auf knapp 10000 Mann
halbverhungerter Männer zusammengeschmolzen waren. Dieser Erfolg brach
die Widerstandskraft der Kaffernarmee, gegen die nunmehr ein
konzentrischer Angriff in der Oranjefluß-Kolonie und in Transvaal
begann, der immerhin noch viele Opfer forderte, dessen Ausgang aber
nicht mehr zweifelhaft sein konnte.
Eine fieberhafte Spannung herrschte an Bord der »Kaiserin Augusta« als
man die flache Küstenlinie bei Swakopmund in Sicht bekam. Mehrere
Schüsse aus den 15 cm-Geschützen sollten den Verteidigern des Ortes das
Nahen der Hilfe schon von weitem verkünden. Und stürmischer Jubel machte
sich in lauten Hurrarufen Luft, als man in grauem Dunste den Leuchtturm
erkennen konnte und über ihm des Reiches Flagge noch wehen sah. Auch
hier war es hohe Zeit, daß Hilfe kam. Die Hereros hatten Swakopmund
unablässig bedrängt und einige Erdschanzen vor der Stadt waren ihnen
bereits in die Hände gefallen. Jetzt hatte die Not ein Ende, und das
Erscheinen eines Landungskommandos, das sofort die ausgemergelten
Verteidiger ablöste, genügte, um die Hereros zum Zurückgehen zu
veranlassen. Dann wurde die Wiederherstellung der Eisenbahn mit dem
mitgebrachten Schienenmaterial in Angriff genommen und um Weihnachten
konnten unsere Ablösungsmannschaften in Windhuk bereits das Christfest
feiern. Ein Vorstoß in der Richtung auf Mafeking, an der militärischen
Feldbahn entlang, der zum Entsatz von Bloemfontein auch von dieser Seite
unternommen wurde, kam allerdings zu spät; Bloemfontein war entsetzt,
als zwei deutsche Regimenter am 1. Februar die Bahnlinie
Bloemfontein-Johannesburg erreichten.
Im fernen Osten.
Der Europäermord in den chinesischen Hafenplätzen, in den Städten am
Jangtse und auf den Missionsstationen im Innern des Reiches forderte
ungezählte Opfer. In den meisten Fällen verbarrikadierten sich die
weißen Kaufleute und ihre Angestellten -- alle nationalen Gegensätze
wurden von der äußeren Gefahr selbstverständlich sofort zum Schweigen
gebracht -- in ihren Häusern und verteidigten sich bis zur letzten
Patrone. Die in den schier unermeßlichen Scharen der Gelben durch das
Kleinkaliber gerissenen Lücken wurden stets sofort wieder ausgefüllt,
durch neue Bedränger, die wie ein jäher gelber Schlammstrom aus allen
Straßen und Winkeln zwischen den Häusern hervorquollen. Fielen die
Ersten, so wurden ihre Leichen zur Brustwehr für die dahinterstehenden
Reihen. Wo es den fanatisierten chinesischen Horden gelang, Europäer
lebend zu fangen -- meist draußen auf den einsamen Missionsstationen, wo
die mutigen Verkünder des Evangeliums von der Gefahr plötzlich
überrascht wurden -- endeten sie unter den Händen der chinesischen
Henkersknechte, unter bestialischen Martern und Qualen, wie sie nur eine
überreizte Phantasie erdenken konnte. Solche Ereignisse straften den
frommen Glauben derer Lügen, die gemeint hatten, die Religion der Liebe
sei im stande, die wilden Instinkte der mongolischen Rasse zu mildern.
Es erwies sich, daß die Bekehrungsarbeit unter den Chinesen immer nur
ein äußerlicher Akt geblieben war und daß das Taufwasser an dem durch
Jahrtausende gezüchteten Rassencharakter von heute auf morgen nichts zu
ändern vermocht hatte. Der dünne Kulturlack sprang sofort ab, und der
Chinese blieb, was er stets innerlich gewesen war, ein blutgieriger,
raffiniert grausamer Bursche, ohne jede Regung von Mitgefühl für seine
Opfer, mochte er nun zu Buddha beten oder vor dem fremden Christengott
die Knie beugen. Nach wenigen Wochen war das Schicksal sämtlicher
kleinerer europäischen Handelsniederlassungen besiegelt und nur in den
größeren Hafenstädten vermochte man sich in den Settlements noch mit
Aufbietung aller Kräfte zu verteidigen.
Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Berlin, London und der
französischen Regierung führten dazu, daß man sich mit der russischen
Regierung verständigte. Da das englisch-französische Geschwader in
Ostasien durch die Entsendung mehrerer Schiffe nach Europa erheblich
reduziert worden war, reichten dessen Streitkräfte bei weitem nicht aus,
um die europäischen Quartiere in den Küstenstädten zu schützen. Man
landete jedoch in Schanghai, in Canton und in anderen Städten einige
Marinemannschaften und so war es möglich, diese Plätze wenigstens
vorläufig zu halten. Die noch in Tientsin stehenden internationalen
Streitkräfte wurden ebenfalls vom Geschwader aus verstärkt. Deutsche,
französische, englische und russische Soldaten standen als treue
Kameraden neben einander auf den Schanzen, und zwar ohne daß erst ein
entsprechender Befehl aus der Heimat abgewartet wurde. Als Basis für
diese Streitkräfte im Norden dienten die Taku-Forts. Die zweifelhafte
Haltung der chinesischen Regierung machte es notwendig, das befestigte
Gesandtschaftsviertel in Peking zu räumen und das ganze diplomatische
Korps nach Taku zurückzuholen, was nur nach schweren Kämpfen und unter
Aufbietung aller verfügbaren Streitkräfte gelang.
Auf das gemeinsame Ersuchen der europäischen Mächte erklärte sich
Rußland bereit, sein in Wladiwostok liegendes Geschwader zum Schutze der
Europäer in China zur Verfügung zu stellen. Es dampfte nach Süden ab und
stationierte einige Schiffe auf der Reede von Taku, während zwei große
Kreuzer »Gromoboi« und »Diana« im Hafen von Schanghai eintrafen. Ihnen
folgten zwei Transportschiffe von Wladiwostok, die eine größere
Truppenabteilung an Land setzten. Außerdem gestattete Rußland, daß ein
internationales Korps die sibirische Bahn bis Wladiwostok benutzte, da
der Transport auf dem Seewege zu lange gedauert hätte. Diese
internationalen Truppen langten im Dezember in Wladiwostok an und wurden
von dort auf großen Handelsdampfern nach Schanghai befördert. Von
russischen und englischen Flußkanonenbooten geleitet, fuhren die
Transportschiffe zunächst den Jangtse aufwärts, um die paar Plätze, in
denen sich die Europäer noch hielten, zu entsetzen. Und es war höchste
Zeit, daß hier Hilfe gebracht wurde. Als ein russisches Kanonenboot
Hankau erreichte, wehte über dem zusammengeschossenen Fremdenviertel
noch die deutsche und englische Flagge, und am Ufer lagen die beiden
kleinen deutschen Flußkanonenboote »Tsingtau« und »Vaterland«.
Diese beiden Schiffe waren einst durch den Ausbruch des Krieges auf dem
Jangtse halbwegs zwischen Schanghai und Hankau überrascht worden. Die
chinesische Regierung, der es großes Vergnügen machte, hier ungestraft
einmal die fremden Teufel chikanieren zu können, forderte die beiden
Schiffe durch den Kreuzer »Pao-Min« auf, entweder den Jangtse zu
verlassen und von Schanghai aus seewärts zu gehen, dem englischen
Geschwader entgegen, oder in Schanghai auf die Dauer des Krieges
abzurüsten. Die deutschen Schiffsführer hatten zwischen der zwecklosen
Aufopferung von Schiff und Mannschaft und der Abrüstung zu wählen und
entschieden sich für das letztere. Zähneknirschend gab man die
Maschinenventile, die Verschlüsse der kleinen Schnellfeuerkanonen und
die Gewehre an einen feisten grinsenden chinesischen General ab und ging
dann unter die Bewachung der Mongolen, die sich immer mehr zu einer
Gefangenschaft herausbildete.
Als nun der Wettersturm losbrach, öffneten die deutschen Matrosen ohne
weiteres das chinesische Arsenal, wo sich ihre Waffen befanden, holten
sie heraus und setzten die Schiffe wieder in stand. Dann bemächtigten
sie sich einer ausreichenden Menge von Lebensmitteln und legten Beschlag
auf einen chinesischen Kohlendampfer, aus dem die Kanonenboote ihre
Bunker füllten. Unter dem Hurra der am Bund versammelten europäischen
Einwohner von Schanghai ging es dann den Jangtse aufwärts an Nanking,
das während der Nacht passiert wurde, vorüber nach Hankau zu, über
dessen Schicksal man seit Abschneidung der telegraphischen Verbindung in
das Innere nichts mehr gehört hatte. Die letzte Depesche enthielt eine
dringende Bitte um militärischen Schutz gegen die revoltierende
Bevölkerung des Ortes.
Die europäischen Bewohner Hankaus hatten sich in einem großen
langgestreckten Yamen am Uferkai verbarrikadiert und leisteten bereits
zwei Wochen lang einen fast hoffnungslosen Widerstand. Die Lehmmauern
des Yamens lagen schon in Trümmern und die Gewehrkugeln der mongolischen
Angreifer hatten das Häuflein der Engländer furchtbar dezimiert. Keiner
von ihnen war mehr unverwundet. Bei einem nächtlichen Vorstoß war die
Hälfte des Yamens in die Hände der Mongolen gefallen, und als der Morgen
nach der Schreckensnacht anbrach, bot sich den Blicken der letzten
Verteidiger ein entsetzliches Schauspiel. Zwischen den Ruinen der
niedergebrannten Häuser einer Straße in Sichtweite des europäischen
Yamens machten sich die entmenschten Barbaren daran, ihre etwa zwanzig
Gefangenen, darunter die Hälfte Frauen und Kinder, mit den raffinierten
Foltern mongolischer Grausamkeit zu Tode zu quälen. Unter großen, mit Öl
gefüllten Kesseln wurden riesige Feuer entfacht, und wer mit den
Einzelheiten chinesischer Justiz vertraut war, wußte wozu diese Kessel
bestimmt waren. Um die Qual der armen Gefangenen abzukürzen, feuerte man
aus dem Europäer-Yamen fortwährend unter die Gruppe der Gefangenen, ohne
Rücksicht darauf, daß hierdurch der Vorrat an Patronen verhängnisvoll
zusammenschmolz. Es war eine teuflische List der Gelben, auf diese Weise
mit den Gefühlen der belagerten Engländer rechnend, sie zu einer
Munitionsverschwendung zu verführen.
Da stürmte durch eine Bresche in der Mauer des Yamen ein englischer
Großkaufmann und rannte, das Gewehr in der Rechten, gerade auf den Feind
zu, gefolgt von acht Landsleuten, die auf diese Weise durch einen
Gewaltvorstoß hofften, ihre Frauen und Kinder aus den Händen der
blutgierigen Kanaillen befreien zu können. Ein Hagel von Gewehrkugeln
schlug um die kleine Gruppe der Vorstürmenden ein; ihr Schicksal
gegenüber von Tausenden Chinesen, die in stoischer Ruhe die paar Leute
herankommen ließen, konnte nicht ungewiß sein. Es war Wahnsinn, aber
drüben lagen ihre Frauen gefesselt unter der gelben Horde.
In diesem Moment dröhnte vom Strom her ein Kanonenschuß. Die
angreifenden Engländer waren ebenso erstaunt wie ihre Feinde, als die
Lehmmauer eines Hauses unter dem Pulverblitz einer berstenden Granate in
sich zusammensank und alsbald mehrere schwere Geschosse durch die
dichten Reihen der Mongolen blutige Furchen zogen. Gleichzeitig ließ der
dumpfe Ton zweier Dampfpfeifen auf dem Flusse die fast verzweifelte
Besatzung des Yamens erkennen, daß hier Hilfe herankam. Mitten auf der
breiten Fläche des Jangtse dampften die beiden deutschen Kanonenboote
heran, und nahmen mit ihren Schnellfeuergeschützen und Maschinengewehren
die Chinesenstadt unter ein sehr wirksames Feuer. Unter dem Eindruck der
nahenden Hilfe machten jetzt alle Europäer aus dem Yamen einen Ausfall
und es gelang ihnen, da die Chinesen in wilder Flucht davonjagten, die
Gefangenen zu befreien. Ergreifende Szenen spielten sich dann am Uferkai
ab, als eine kleine Abteilung deutscher Matrosen an Land stieg und in
das Yamen einrückte. Um die überlebenden Europäer an Bord zu nehmen und
nach Schanghai zurückzubringen, dazu fehlte es leider den Kanonenbooten
an dem nötigen Raum und vor allem an den erforderlichen Kohlen und so
entschloß man sich, einstweilen hier zu bleiben, bis von Schanghai aus
neuer Entsatz heranrücken konnte.
Die den Jangtse aufwärts dampfenden russischen Kanonenboote und
Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere
Jangtseplätze mit ausreichenden Garnisonen, so daß man der weiteren
Entwicklung der Dinge jetzt ruhiger entgegensehen konnte. Die deutschen
Marinetruppen hatten zwei Wochen lang in Hankau, wo die Chinesen leider
nur zu gut dafür gesorgt hatten, daß keine Lebensmittel mehr in
erreichbarer Nähe waren, noch einen harten Dienst gehabt. Als dann der
in Manila zu Beginn des Krieges aufgelegte havarierte Kreuzer »Condor«
von dort in Schanghai eintraf, wurde die Besatzung von »Tsingtau« und
»Vaterland« abgelöst, worauf sie mit einem englischen Dampfer in die
Heimat geschickt wurde. Ihr schneidiges Vorgehen hatte in England so
lauten Enthusiasmus erregt, daß die englische Regierung in Berlin das
Ansuchen stellte, die Besatzung der beiden Kanonenboote möchte, wenn sie
auf der Heimfahrt in Portsmouth einträfe, einige Tage lang Gast der
Londoner Bevölkerung sein, eine Bitte, der man in Berlin
selbstverständlich bereitwilligst entsprach.
Japan.