Als dann die Morgensonne die Spitzen der Pyramiden von Gizeh grüßte,

diese riesigen Denksteine einer versunkenen Zeit, die jetzt einsam im

Wüstensande ruhten, nicht mehr beschmutzt von dem wimmelnden

Ameisenschwarm europäischer Touristen, zog der Schech ul Islam an der

Spitze der ägyptischen Regimenter und der unübersehbaren Reiterscharen

der Beduinen der Wüste nach Osten aus, gen Ismailia, dem letzten

Bollwerk, das noch die Söhne der Hunde mit ihren Maschinengeschützen

hielten. Zwei Tage darauf waren die englischen Verteidiger Port Saids

und Ismailias von der Brandungswelle, die der Schech ul Islam

heranführte, hinweggeschwemmt. Lesseps' Kanal war an zwei Stellen durch

Dynamitsprengungen verschüttet und die in ihm abgeschnittenen beiden

englischen Kreuzer wurden, nachdem sie ihre Munition gänzlich

verschossen, von ihren Kommandanten mit den wenigen Überlebenden der

Besatzung in die Luft gesprengt. Dann ging der Siegeszug des Schechs

weiter nach Norden durch die Wüste, in der einst die Kinder Israels 40

Jahre geschmachtet. In Jerusalem und den anderen Städten Palästinas

gaben furchtbare Judenmassakres Zeugnis von der Wut des alten

Glaubenshasses. Anfang November öffneten Damaskus und Beirut ihre Tore

dem ägyptischen Heere, welches dann Mitte des Monats in den

Gebirgspässen Kleinasiens zunächst Halt machte, aus den Bauerndörfern

überall reichlichen Zuzug erhaltend. Die Truppen des Vilajet Konia

traten alsbald zum Schech ul Islam über; die von Tag zu Tag erwartete

türkische Armee blieb jedoch aus.

Bereits im Oktober, kurz nachdem die ersten Nachrichten von der Erhebung

Ägyptens und Nordafrikas nach Europa gedrungen waren, machte sich eine

ähnliche Bewegung in der europäischen Türkei bemerkbar. Die Ermordung

der europäischen Konsuln in Saloniki und Adrianopel erhellte wie ein

Fanal auch hier plötzlich die Szene. Es war kein Zweifel, daß der Sultan

der afrikanischen Aufstandsbewegung gegenüber eine freundliche, nur

durch die Rücksicht auf Rußland, welches die Garantie für die Ruhe in

der Türkei übernommen hatte, gemilderte Haltung einnahm. Das Erscheinen

der russischen Schwarzenmeer-Flotte vor Konstantinopel wirkte zunächst

als ein Dämpfer. Aber die Lage war so drohend und barg für die Zukunft

solche Gefahren, daß die europäischen Kaufleute in der Türkei es

vorzogen, sich und die Ihrigen schleunigst zu Wasser und zu Land in

Sicherheit zu bringen. Der Beginn der Kämpfe an der russisch-türkischen

Grenze, in Armenien, ließ denn auch erkennen, daß hier kein Halten war,

wenn man nicht durch einen kraftvollen Feldzug dem Siegeszuge des Schech

ul Islam entgegentrat.

Die ersten Erfolge in Nordafrika setzten sofort den ganzen Kontinent in

Brand. Mit einer Schnelligkeit, die den elektrischen Telegraphen fast

überholte, durch ein geheimnisvolles, uns Europäern ewig

unverständliches System der Nachrichtenübermittelung war die Empörung

Ägyptens in wenigen Tagen bis hinunter nach Lorenzo-Marques und bis nach

der Senegalmündung bekannt, jedenfalls viel eher, als daß es noch

möglich gewesen wäre, den europäischen Besatzungen in den einzelnen

Kolonien eine Warnung zukommen zu lassen. Die arabische

Aufstandsbewegung, der sich auch die heidnische, nicht dem Islam

angehörige Negerbevölkerung instinktiv anschloß, wallte allerorten so

plötzlich auf, daß in den englischen, französischen und portugiesischen

Besitzungen und im Kongostaate die kleinen Garnisonen, soweit sie nicht

überhaupt von der Kriegsfurie im ersten Ansturm hinweggefegt wurden, nur

mit Mühe sich der Belagerer erwehren konnten. An der ganzen Guineaküste

hielten sich Ende Oktober außer Dakar und St. Louis in Senegambien nur

noch ein paar englische Küstenplätze. Die ganze Westküste des

Kontinentes war bis auf Loanda, Swakopmund und Lüderitzbucht, wo die

deutschen Besatzungen die ziemlich zaghaften Angriffe der Hereros und

Hottentotten siegreich abschlugen, in den Händen der Eingeborenen, die

alle Europäer erschlugen oder unter gräßlichen Martern zu Tode quälten.

Eine eigenartige Illustration zu dem früher viel verspotteten Worte: »In

Afrika wird immer nur der Neger herrschen«. Daß man die Neger

militärisch ausgebildet und auch die Unteroffiziersstellen mit Farbigen

besetzt hatte, rächte sich hier in verhängnisvoller Weise. Die

europäischen Kolonialmächte wurden überall mit ihren eigenen Mitteln und

was noch schlimmer war, mit ihren eigenen Waffen, die sie den

Eingeborenen in die Hände gegeben hatten, bekämpft. An der

ostafrikanischen Küste hielt sich außer Sansibar nur noch das britische

Mombas. Die englischen Garnisonen, die die deutschen Kolonien besetzt

hatten, verbluteten in Kamerun und Dar-es-Salam und Tanga bald unter den

täglich wiederholten Sturmangriffen der Schwarzen. Taten eines

schweigenden Heldentums, wie sie auf diesen verlorenen Außenposten

europäischer Kultur nutzlos vollbracht wurden, blieben in Europa

monatelang unbekannt; erst jetzt erfahren wir näheres aus den

Erzählungen der Eingeborenen, die sich an jenen Kämpfen beteiligt

hatten. Auch die Besatzungen in Britisch-Nigeria, in Dakar, St. Louis

und Mombas lagen in den entfesselten Fluten dieses Völkeraufruhrs wie

einsame Felsblöcke, an denen die Wogen unablässig nagten und bröckelten.

An den Hängen der Basutoberge.

Bei ihrem Rückzug nach Süden ins Kapland hatten die englischen Truppen

die Eisenbahnen hinter sich zerstört, und der Bahnkörper war durch

Dynamitsprengungen überall so zerrissen, daß seine Wiederherstellung mit

den geringen Beständen an Schienenmaterial Wochen und Monate in Anspruch

nahm. Und auch dann konnte man nur die Linie, die von Bloemfontein über

Colesberg nach Süden führte, allein wieder notdürftig in stand setzen,

so daß sie für Truppentransporte genügte. Mitte Oktober sollte die

allgemeine Vorwärtsbewegung nach Süden beginnen, doch sollte es dazu

nicht mehr kommen.

Man hatte bekanntlich zu Anfang des Krieges mit einem allgemeinen

Kaffernaufstand gerechnet. Es hatten damals auch mehrere

Volksversammlungen stattgefunden, die von den Führern der äthiopischen

Kirche geleitet wurden. Da es aber nach einigen Plünderungen von Farmen

und vereinzelten Mordtaten bald wieder überall ruhig wurde, hatte man

sich der Hoffnung hingegeben, daß man die Offensivkraft der äthiopischen

Propaganda doch überschätzt habe, und daß es auf der Seite der

Eingeborenen noch an der nötigen Organisation fehle. Diese Auffassung

behauptete sich während des Sommers und es schien in der Tat so, als ob

das Prestige der europäischen Waffen doch noch so groß sei, daß die

Kaffern sich nicht zu einem wirklichen Aufstand entschließen konnten.

Allerdings blieben Gehorsamsverweigerungen der schwarzen Arbeiter auf

den Farmen an der Tagesordnung und auch die mongolischen Minenarbeiter

zeigten sich so aufsässig, daß man genötigt war, sie in einem

Stadtviertel von Johannesburg zu internieren und dieses militärisch

bewachen zu lassen.

Wenn sich in der Erdrinde vulkanische Eruptionen und

Erdbebenkatastrophen vorbereiten, so kündigen sie sich dadurch vorher

an, daß die Quellen ausbleiben, und in alten Geschichten ist zu lesen,

wie jähes Entsetzen die Menschheit erfaßt, wenn das Quellwasser versiegt

und die Lebensadern der Erde plötzlich in blutroter Farbe wieder

erscheinen.

Anfang Oktober wurde aus dem gesamten Gebiete, welches die deutschen

Truppen und die Burenmiliz besetzt hielten, gemeldet, daß im Zeitraume

einer Woche fast sämtliche Kaffern nicht nur aus den Farmen verschwunden

seien, sondern daß auch die Viehtreiber und die im Transportdienst

beschäftigten Eingeborenen plötzlich davon gelaufen seien. Es war nur in

den seltensten Fällen möglich gewesen der Flüchtlinge wieder habhaft zu

werden. Es war, als habe der Erdboden die schwarzen Kerle aufgesogen.

Der Offensivstoß ins Kapland wurde dadurch vereitelt, daß man sich

nunmehr ganz anders einrichten und von der Feldarmee größere Kommandos

an den Transportdienst abgeben mußte. Nur ungern entschloß man sich auch

einige Hundert von den chinesischen Minenarbeitern einzustellen, aber

die harte Notwendigkeit und der absolute Mangel an Arbeitskräften zwang

zu dieser Maßnahme. Dann trafen die ersten Nachrichten von größeren

Raubzügen bewaffneter Kaffernbanden im Osten der Oranjeriver-Kolonie

ein, Geschichten von der scheußlichen Abschlachtung einzelner Farmen und

ganzer Dörfer gingen von Mund zu Mund, und verbreiteten einen jähen

Schrecken. Diese neue Gefahr bestimmte die deutsche Armeeleitung ein

Bataillon, dem sich zwei größere Burenkommandos unter General Delarey

anschlossen, östlich der Bahnlinie Bloemfontein-Colesberg zu detachieren

und nach Maseru, am Fuße der Basutoberge, vorzuschieben.

Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Major Findeisen zusammen mit General

Delarey die Vorpostenlinie abritt. In der Nacht hatte sich unter dem

Schutze der Dunkelheit eine Kaffernbande an die äußersten Posten

herangeschlichen, und es bedurfte bei Tagesgrauen eines energischen

Vorstoßes, um den zwischen den Termitenhügeln und dem niedrigen

Buschwerk der Steppe versteckten Feind zurückzuwerfen. Auf dem

Schauplatze dieses nächtlichen Kampfes hielt Major Findeisen neben

Delarey, und beide blickten nach dem im Morgenlichte daliegenden dunklen

Höhen des Basutolandes hinüber. Mit seinem Glase suchte der Major die

Felsabhänge der Berge ab, da drängte er mit einem Ruck sein Pferd zu

Delarey hinüber und reichte ihm das Glas, welches dieser jedoch

zurückwies. Delareys scharfe Augen hafteten auch bereits an dem

Felsplateau in halber Höhe der Berge, das von einer unermeßlichen Menge

Kaffern wimmelte; auch die dahinterliegende Schutthalde war schwarz von

Menschen. In der klaren Luft konnte man bemerken, daß den Mittelpunkt

dieser Tausende von Kaffern ein einzelner Mann auf einem Felsblock

bildete, der anscheinend eine Ansprache hielt. Die ganze Versammlung

schien in wilder Bewegung zu sein. Man konnte an dem matten Blinken von

Metall erkennen, wie die dunklen Gestalten ihre Gewehre über den Köpfen

schwangen.

Petrus Mapanda.

Alle Hänge, die breite Fläche des Bergplateaus, alle Klippen und

Felstrümmer waren überflutet von einer unendlichen Menge von Kaffern,

zwischen denen die hohen Gestalten der Basutoneger um Haupteslänge

hervorragten. Alle horchten den Worten des Mannes dort auf dem breiten

Felsblock, dem einzigen ruhenden Punkt in dem Gewimmel wolliger

Negerschädel. Petrus Mapanda predigte den Vernichtungskrieg gegen den

weißen Mann. In seinen Händen hielt der Führer dieses Kaffernaufstandes

ein holländisches Bibelbuch und mit weithin schallender Stimme kündete

er seinen Hörern die uralte Geschichte, daß Jehovah sein Volk

hinausführen wolle aus der Knechtschaft. Wie er allen, die seinen Namen

bekennen und seine Gebote halten, das gelobte Land untertan machen

wolle, das Land, aus dem ein räuberischer Feind, der auf seinen Schiffen

über das Weltmeer gekommen, sie einst vertrieben. Petrus Mapanda

erzählte, wie er in der Stille der Bergwüste auf den Gipfeln der

Basutoberge einsame Zwiesprache gehalten habe mit Jehovah, der ihm das

Schwert in die Hand gedrückt habe. Und der Messias der schwarzen Rasse,

vor dem sich alle willig beugten, der gestern noch ein namenloser

Kaffer, heute das Haupt der äthiopischen Kirche war, ergriff das

Bibelbuch und las:

»Also zogen sie aus von Succoth und lagerten sich in Etham, vorn an der

Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule,

daß er sie den rechten Weg führete, und des Nachts in einer Feuersäule,

daß er ihnen leuchtete zu reisen Tag und Nacht.«

Wie ein neuer Moses stand Petrus Mapanda auf dem Felsblock, inmitten der

lautlos horchenden schwarzen Menge, die jetzt, als das Bibelwort

verklungen, mit lautem Geheul ihre Gewehre in die Luft schwang und dem

Propheten, der sie in das gelobte Land hinabzuführen versprach, in

wilder Begeisterung zujauchzte. Weit sah man von dem hohen Bergplateau

hinab in das flache Steppenland. Die in der klaren Luft deutlich

erkennbaren kleinen deutschen Abteilungen, die nach Maseru

hineinmarschierten, erschienen von hier oben wie Bleisoldaten aus der

Spielschachtel. Vor der Postenkette hielten zwei Reiter, einer in der

grau-gelben deutschen Uniform, der andere in dunklerer Kleidung. Man

sah, wie mehrere Patrouillen jetzt in der Richtung auf die Berge

vorgingen. Auge in Auge stand man sich vor der entscheidenden Stunde

gegenüber. Wenn jetzt der schwarze Bergstrom hinunterdonnerte ins Tal,

wenn unablässig von oben neue Massen nachfolgten, so mußte ein solcher

Wasserschwall die kleine Schar des Feindes erdrücken und ersäufen, mußte

das Land überschwemmen und die dunkle Woge weit hinaustragen, mußte

alles Leben vor sich vernichten, mußte die Städte niederbrechen und

zerstören, was der Fleiß eines Jahrhunderts gebaut. Und Petrus Mapanda

begann von neuem, er erzählte, wie der gelbe Mann im fernen Osten ein

Riesenreich zu Boden geworfen, wie der Japaner den Russen geschlagen,

weil Jehovah von diesem, der seine Gesetze mißachtet und in den Staub

getreten, alle Kraft genommen hatte. Jetzt habe Jehovah den Sinn der

Feinde der schwarzen Rasse verwirrt, daß sie ihre Waffen im Kriege

gegeneinander kehrten. »Die Weißen haben ihr Herz verhärtet gegen die

Leiden des schwarzen Mannes, sie haben Gottes Gebote vergessen, haben

Gottes Ebenbilder in die Kette der Sklaverei geschmiedet. Wie eine

Feuersäule wird der Herr vor uns herziehen während der Nacht und wie

eine Wolkensäule während des Tages.« Der sich an seinen eigenen Worten

berauschende Prophet deutete jetzt mit erhobenen Händen hinauf zu dem

Gipfel des Berges, den eine Nebelwolke verhüllt hatte. »Seht ihr, dort

ist Jehovah, dort ist unser Hort und unsere Hilfe! Seht, er sandte uns

ein Zeichen, die Wolkensäule wird vor uns hergehen, wenn wir heute

hinabsteigen in die Gefilde, da er die letzten Streitkräfte der Weißen

vor uns niederwerfen wird wie Gras, welches in der Sonne verwelkt.« Und

die ragende Gebirgswelt hallte wider von dem begeisterten Schrei der

Tausende und Abertausende die Petrus Mapanda jetzt hinabführte nach

Etham-Maseru, am Rande der Wüste.

Der schwarze Schrecken.

Die Heeressäulen von mehr als hunderttausend Kaffern und Basutos, die

über Nacht herabstiegen von den Basutobergen, stießen mit furchtbarem

Aufprall auf das Häuflein der Weißen. Mitten im Kaffernheere schritt,

eine schwarze Fahne mit goldenem Kreuz in der Rechten tragend, Petrus

Mapanda, der gefeit schien gegen alle ihn umsausenden Kugeln. Der Tag

von Maseru endete mit der Vernichtung des deutschen Bataillons und der

Burentruppen und schnell drangen die schwarzen Fluten bis nach

Bloemfontein vor. Dorthin zog der deutsche Höchstkommandierende alle

Truppen zusammen. Schnell wurden die kleinen Forts vor der Stadt mit den

Geschützen der Feldartillerie armiert und die bereits nach Süden

vorgeschobenen Truppen kehrten auf der Bahn zurück. Bloemfonteins

schwächste Seite blieb die Verpflegungsfrage, da ein Teil der von Norden

herandampfenden Proviantzüge dem Feinde in die Hände fiel. Am 10.

November war die Stadt, deren Verteidiger, die Zivilbevölkerung

eingerechnet, kaum 22000 Mann zählte, von annähernd 150000 Kaffern

eingeschlossen, zu denen sich dann auch die chinesischen Minenarbeiter

aus Johannesburg gesellten. Die Lage war überaus ernst. Die letzten

Nachrichten, die der Telegraph noch übermittelte, berichteten, daß

Pretoria und viele andere Städte der ehemaligen Burenrepubliken in den

Händen des Feindes waren. Nur in einzelnen Orten verteidigten sich noch

Buren und Deutsche in hoffnungslosem Widerstand. Die schwarze Woge hatte

das gesamte flache Land überschwemmt, war weit hinein in das Gebiet des

Kaplandes hinübergeflutet überall mordend und brennend. Furchtbar waren

die Leiden der armen Gefangenen. Hilflose Frauen fielen unter der Hand

blutgieriger Neger, mit dem Gewehre ihres Gatten ihre Kinder und die

eigene Ehre verteidigend.

Ein Blutgeruch von Brand und Mord lagerte über dem ganzen Lande. In

Bloemfontein erschöpften sich die deutschen Truppen unablässig in

Ausfällen und Offensivstößen über der Linie der Forts und

Feldbefestigungen hinaus. Kam nicht bald Entsatz, so war auch dieses

letzte Bollwerk verloren. Man war sich in der Stadt der ganzen Größe der

Gefahr bewußt. Als die letzten deutschen Truppen, die von Colesberg

schleunigst zurückbeordert waren, diesen Ort verließen, hatte sich auf

der Bahnlinie eine Lokomotive unter der Parlamentärsflagge dem deutschen

Posten genähert. Ein englischer Offizier überbrachte eine Mitteilung der

Kapregierung. Aus ihr ergab sich, daß die Rebellion unter den

chinesischen Minenarbeitern in Johannesburg nicht nur parallel ging mit

der von Petrus Mapanda geleiteten äthiopischen Bewegung. Vielmehr sei

sie von Ostasien her entfacht worden, wo eine neue fremdenfeindliche

Bewegung sich rasch ausbreite. Der englische Offizier hatte den Auftrag,

der deutschen Heeresleitung mitzuteilen, daß in Bordeaux bereits über

eine Einstellung der Feindseligkeiten auf dem europäischen

Kriegsschauplatze verhandelt werde, damit die europäischen Staaten

nunmehr gemeinsam die in Afrika und Asien plötzlich entstandene Gefahr

bekämpfen könnten.

Durch den englischen Offizier hörte man auch zuerst von dem

Araberaufstande an der nordafrikanischen Küste und von der Vertreibung

der Engländer aus Ägypten, Nachrichten, die im Kaffernheere längst

bekannt waren und dessen Offensivkraft zu wilder Wut aufstachelten. Der

englische Offizier sollte auf Grund dieser Mitteilung um eine Waffenruhe

von zunächst vier Wochen ansuchen. Ein Kafferneinfall ins Kapland habe

bereits ganz Natal ergriffen und lege die Notwendigkeit nahe, den Kampf

zwischen den europäischen Mächten einstweilen zu vertagen, um gemeinsam

mit der Niederwerfung des Kaffernaufstandes zu beginnen. Alle diese

Mitteilungen hatten praktisch nur noch einen historischen Wert,

Bloemfontein war eingeschlossen und war am Tage darauf von jeder

Verbindung nach außen abgeschnitten.

Ende November war die Lage die folgende: Das englische Hauptquartier

befand sich in Kapstadt und größere Detachements lagen in den

Küstenstädten. In den Städten hatten die Einwohner, durch die vom Lande

geflüchteten Farmer verstärkt, überall eine lokale Verteidigung

organisiert, hatten Feldschanzen aufgeworfen und die Straßen

verbarrikadiert, so daß die Kaffern sich nicht heranwagten, zumal sie

über keine Artillerie verfügten -- abgesehen von den wenigen Geschützen,

die ihnen in Pretoria und Johannesburg in den Depots in die Hände

gefallen waren, mit denen sie aber nicht viel anzufangen wußten. In

allen vom Feinde belagerten und hin und wieder besonders nachts

angegriffenen Städten des Kaplandes begann die Frage der

Verproviantierung allmählich schon brennend zu werden, da es nur selten

gelungen war, die Viehherden aus den Farmen in die Städte zu retten. Es

galt aber auszuhalten bis auf den letzten Mann und die letzten Patronen

für sich und für Weib und Kind aufzubewahren, damit niemand lebend in

die Hände eines zu bestialischer Mordlust aufgestachelten Feindes fiel.

Denn welches Los der Weißen dann harrte, zeigte das gräßliche Schicksal

der Verteidiger von Graafreinet. Dort hatten sich nach der Einnahme der

Stadt Szenen abgespielt, wie sie sich nur eine wüste Phantasie hätte

ersinnen können. Die erbarmungslose Abschlachtung aller gefangenen

Weißen und blutige Szenen von der Schändung von Frauen und Kindern, die

mit Entsetzen von Mund zu Mund weiter erzählt wurden, und die Zukunft in

einem düsteren, hoffnungslosen Lichte erscheinen ließen, stählten die

Widerstandskraft der treuen Männer auf den Schanzen bis auf das

Äußerste. Die Not war eine unerbittliche Lehrmeisterin. Diese

halbverhungerten Europäer, die, das Gewehr im Arme, Tag und Nacht in den

Schützengräben Wache hielten, waren im Laufe weniger Wochen zu Meistern

des Buschkrieges geworden und leisteten in der sinnreichen Anlage von

Schanzen und Barrikaden geradezu erstaunliches. Jedes Leben, jede

Patrone war kostbar und es galt damit zu sparen, da vorläufig kein

Ersatz möglich war und man vergebens nach einem Ton horchte, der von

draußen eine Kunde herübertrug. Man lebte abgeschnitten von aller Welt,

wie auf einer einsamen Insel im weiten Weltmeer. Nur auf dem dort oben,

der die Geschicke der Völker lenkt, nur auf den wenigen Patronenrahmen

für das treue Gewehr und auf dem mageren Inhalt des Proviantbeutels

beruhte die letzte Hoffnung, die diese eisernen Helden von einem

grauenvollen, blutigen Schauspiele der Vernichtung trennte. Wollten die

Mächte Europas Südafrika nicht hoffnungslos den Kaffernhorden

ausliefern, in deren Kriegführung der Einschlag religiöser Begeisterung

sehr bald verschwunden war und die nur blutrünstige Mord- und Raubgier

beseelte, so war es jetzt allerhöchste Zeit einzugreifen.

Waffenstillstand und Frieden.

Die Entwicklung der Ereignisse in Afrika bestimmte England die deutschen

Bedingungen für Bewilligung einer Waffenruhe anzunehmen; und wollte

Frankreich sich nicht der Gefahr aussetzen, unter einer konzentrischen

Offensivbewegung, deren Ring sich vom Mittelmeer bis zum Ozean um das

letzte Drittel französischen Bodens immer enger zusammenschloß, zermalmt

zu werden, so blieb ihm ebenfalls keine andere Wahl. Die Verhandlungen

in Bordeaux nahmen daher einen raschen Fortgang. Zwar waren die

deutschen Bedingungen hart und schlugen der gallischen Eitelkeit tiefe

Wunden. Doch der Verlauf des Krieges, die steten Niederlagen hatten

Frankreich zu der Einsicht geführt, daß es als Schauplatz dieses

Riesenkampfes unter seinen Folgen bei weitem am meisten zu leiden gehabt

hatte. Die Franzosen waren kriegsmüde und die Erbitterung gegen eine

Regierung, die das Land an den Abgrund der völligen Auflösung geführt

hatte, ließ die Kabinettskrisis zu einer dauernden Erscheinung werden.

Glücklicherweise war der süße Pöbel der Hauptstadt, der immer noch auf

die Unbezwingbarkeit der Riesenfestung Paris pochte, durch die deutsche

Zernierung der Millionenstadt isoliert und von jedem Einfluß auf die

Verhandlungen in Bordeaux abgeschnitten. Er demonstrierte zwar gegen den

Abschluß des Waffenstillstandes durch Straßenexzesse, fand sich aber

schließlich mit der vollzogenen Tatsache ab. Die Magenfrage siegte über

alle Regungen nationaler Eitelkeit. Spanien und Portugal waren

finanziell ruiniert und sagten willenlos zu allem Ja und Amen. So folgte

der Waffenruhe von 14 Tagen der Waffenstillstand, der im Vertrage von

Bordeaux unter folgenden Bedingungen abgeschlossen wurde.

England tritt an Deutschland ab: die Walfischbai und Sansibar.

Deutschland erhält ferner die portugiesischen Besitzungen Angola und

Benguela und das zentralafrikanische Gebiet nördlich der bisherigen

Grenze von Deutsch-Südwestafrika und des Laufes des Sambesi, der fortan

die Grenze zwischen dem deutschen und englischen Besitz bildet.

Demzufolge fällt Portugiesisch-Ostafrika südlich des Sambesi an England.

Außerdem erhält Deutschland das westliche Drittel und Frankreich das

östliche Drittel Marokkos als Interessensphäre. In Mogador oder einem

andern Hafen der Westküste darf Deutschland eine befestigte

Kohlenstation errichten.

Italien erhält Tripolis bis zur ägyptischen Grenze und als Entschädigung

für seine Ansprüche auf Albanien die Insel Kreta.

Frankreich tritt Nizza an Italien ab.

Der Kongostaat wird unter Deutschland, England und Frankreich zu

gleichen Teilen aufgeteilt.

Die portugiesischen Besitzungen in der Sundasee fallen an England,

Deutschland erhält dafür ganz Neuguinea.

Mit dem Königreich der Niederlande wird der nördliche Teil des

ehemaligen Belgiens nach Maßgabe der Sprachgrenze vereinigt. Der

südliche Teil fällt an Frankreich. Luxemburg wird deutsch. Die

Niederlande treten in ein näheres staatsrechtliches Verhältnis zum

deutschen Reiche.

Die portugiesischen Besitzungen in Vorderindien fallen an England.

Für den Verlust Ungarns wird Österreich durch Macedonien entschädigt.

Die Struma bildet die Grenze gegen den Rest des türkischen Gebietes.

Saloniki wird somit österreichisch.

Die Befestigungen der Dardanellen und des Bosporus werden geschleift.

Das Schwarze Meer ist fremden Kriegsschiffen verschlossen. Russische

Kriegsschiffe dürfen die Meerenge passieren. Die Türkei räumt Palästina.

Das Land wird unter österreichischen Schutz gestellt.

Alle genaueren Bestimmungen bleiben dem Berliner Kongreß vorbehalten.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 18 / 21 段