Makulaturwert. Nur der eigene Vorteil war noch die Richtschnur alles
Handelns, seitdem das gewohnte Spannungsverhältnis zwischen den
europäischen Mächten durch den Krieg gelöst war und kein internationales
Gericht, durch das Gleichgewicht der Mächte erzwungen, mehr über dem
internationalen Ehrenkodex der Neutralitätsgesetze wachte.
Ohne Bedenken lieferten die Vereinigten Staaten Munition, Waffen,
Proviant und Schiffe nicht nur nach England, sondern auch in die
belagerten französischen Seeplätze, und in der Garonne-Mündung war die
amerikanische sowie auch die japanische Flagge zahlreich neben der
englischen vertreten. War man doch auf der Schattenseite des
Kriegsschauplatzes bei dem englisch-französischen Nachrichtenmonopol
sicher, daß Deutschland von solchen Freundschaftsdiensten einstweilen
nichts erfuhr und in England, Frankreich und Spanien ließ man von diesen
Lieferungen selbstverständlich nichts verlauten. Man nutzte nach Kräften
die Lage aus, unbemerkt alle Geschäfte besorgen zu können, die der
rollende Dollar verlockend erscheinen ließ. Lissabon, Vigo, Bordeaux und
Barcelona waren die großen Umschlagsplätze des einträglichen
Einfuhrgeschäftes, welches aus amerikanischen und anderen Häfen unter
neutralen Flaggen besorgt wurde. Nur darauf sah man, daß diese
Liebesdienste stets in klingender Münze beglichen wurden. Das zum
Zwangskurse ausgegebene Papiergeld überließ man den Landeskindern der
kriegführenden Mächte, die sich mit ihm begnügen mußten, während das
gute Gold in die Taschen der Zwischenhändler floß, die bei den
Kriegslieferungen Riesensummen verdienten.
Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern.
Hört ihr's dumpf im Osten klingen?
Er möcht' euch gar zu gern verschlingen,
Der Geier, der nach Beute kreist:
Hört im Westen ihr die Schlange?
Sie möchte mit Sirenensange
Vergiften euch den frommen Geist.
Schon naht des Geiers Flug,
Schon birgt die Schlange klug
Sich zum Sprunge,
Drum haltet Wacht
Um Mitternacht
Und wetzt die Schwerter für die Schlacht.
E. Geibel.
Der Jahrhundertstag der Schlacht von Jena am 14. Oktober war durch einen
neuen Zusammenprall der Volksheere auf dem historischen Schlachtfelde
nördlich von Poitiers gefeiert worden. Der Vorstoß der Engländer und der
auf dem rechten Flügel dieser Gefechtsfront stehenden vier französischen
Korps war durch die Wachsamkeit der auf einen solchen historischen
Schlachttag wohl vorbereiteten Deutschen zurückgeschlagen worden. Die
Verfolgung des Feindes hatte so lange gedauert, als aus den deutschen
Kavallerieregimentern aus Mann und Roß noch ein Atemzug und ein
Klingenschlag herauszuholen gewesen war. Eine allgemeine Erschöpfung auf
beiden Seiten war eingetreten, und nur langsam schoben sich die
deutschen Reservekolonnen in die eroberten Stellungen hinein.
Es war ein klarer, stiller Oktobernachmittag, morgens war ein
Regenschauer hernieder gegangen. Jetzt konnte man in der durchsichtigen,
feuchtfrischen Luft weit, weit nach Süden sehen, bis zu den blauen
Gebirgszügen ganz in der Ferne, wo die Massen des feindlichen Heeres
neue Verteidigungsstellungen suchten. Abseits vom Wege, neben einem
kleinen Wäldchen, von dessen Bäumen langsam die braunroten Blätter
herabrieselten auf die nasse Erde, hielt eine Gruppe von Reitern, die um
einen einzelnen Mann einen Kreis bildete. Er hielt in der Linken ein
großes Kartenblatt und sprach, mit der Rechten Linien und Punkte auf dem
Papier markierend, zu einem Adjutanten. Dann klappte er die Karte
zusammen, schob sie in die Satteltasche und ritt, gefolgt von den
Generälen, nach der Chaussee zurück. In diesem Moment erklangen die
flotten Weisen eines Marsches an der Waldecke, wo die Chaussee sich ins
Tal hinabsenkt, eine Regimentsmusik erschien und im strammen Schritt
tauchte die Kolonne aus dem Walde hervor. Ein scharfes Kommando, die
Musik brach plötzlich ab, um dann mit den Klängen des Präsentiermarsches
wieder einzusetzen. Der Oberst führte sein Regiment an Kaiser Wilhelm
vorüber, der hart an der Chaussee zwischen den hohen Pappelbäumen
haltend, seine Truppen passieren ließ: Das Regiment, welches zwei Tage
vorher bei Poitiers mit dem letzten entscheidenden Angriff das englische
Zentrum zum Weichen gebracht hatte. Im strammen Schritt, den deutschen
Heerkönig mit begeisterten Jubelrufen begrüßend, zog das Regiment
vorüber, langsam wie eine schwarze Schlange der Senkung der Chaussee
folgend und allmählich im Tal versinkend.
Als die Letzten vorüber und auch der letzte Gepäckwagen rumpelnd und
polternd hinter der Höhe des Hügels verschwunden war, ward's wieder
still dort oben auf der Höhe ... In tiefes Sinnen versunken hielt der
Kaiser mitten auf der Chaussee, die schwermütige Pracht des klaren
Herbstabends und die ruhige Schönheit der Fernsicht auf die blauen Berge
Frankreichs in sich aufnehmend. Und diese andächtige Stimmung teilte
sich seiner Umgebung mit, kaum wurde ein Laut gehört in dem Kreise der
deutschen Heerführer; das leise Knarren des Lederzeuges der Sättel und
das Scharren der Pferdehufe brachte das Schweigen nur noch deutlicher
zum Bewußtsein. Leise rieselten die welken, braunen Blätter von den
hohen Bäumen herab auf die Landstraße. Von irgendwo drüben her, hinten
vom Walde, wo mehrere Regimenter im Biwak lagen, klangen die
sehnsuchtsvoll klagenden Töne einer Musikkapelle herüber, die mit der
schmelzenden Weise von La Paloma der Stimmung des Abends einen seltsam
ergreifenden Ausdruck verliehen. Und die Töne verschwammen und fanden
sich in der Luft und quollen immer mit neuer Macht hervor, weit hinter
dem Walde.
Und noch immer hielt der Kaiser, von seiner Umgebung durch die Breite
der Chaussee getrennt, zwischen den Pappeln. Da mischte sich in diese
Elegie des Herbstabends ein rauher, schnaufender, polternder Lärm, ein
Automobil klapperte heran, machte kurz vor dem Standpunkte des Kaisers
Halt; ihm entstieg der Reichskanzler. Fürst Bülow trug ein weißes Blatt
in der Hand und überreichte es dem Kaiser, während dessen Umgebung nur
die Worte verstand: »Majestät, soeben trifft aus Rom diese chiffrierte
Depesche ein, in der uns unser Botschafter eine Mitteilung macht, die
offenbar .....«, das Weitere war nicht vernehmbar, da sich der Kaiser
über den Hals seines Pferdes gebeugt, zum Kanzler herniederneigte und
jetzt vom Pferde stieg, das von einem Reitknechte beiseite geführt
wurde. Die Generäle zogen sich, ein paar Schritte dem Walde zureitend,
diskret zurück, und der Kaiser und der Kanzler blieben mitten auf der
Chaussee allein, sich eifrig unterhaltend, wobei der Kaiser stets von
neuem in die Depesche hineinblickte.
Drüben vom Walde her schollen noch immer die wehmütigen Akkorde von La
Paloma herüber, doch der Zauber des Herbstabends war gestört. Irgend
etwas Entscheidendes mußte vorgefallen sein, denn nachdem sich der
Kaiser von seiner Umgebung mit kurzem Gruß verabschiedet, bestieg er mit
dem Fürsten Bülow das Automobil, welches ihn schnell zum Hauptquartier
zurückführte.
Noch an demselben Abend erfuhr man in der engeren Umgebung des Kaisers
den Inhalt jener Depesche: Der deutsche Botschafter in Rom hatte dem
Reichskanzler mitgeteilt, daß nach einer Meldung aus Barcelona die
letzten Nachrichten über eine Bewegung unter den mohammedanischen
Stämmen an der Nordküste Afrikas doch eine größere Bedeutung haben
müßten, als man zunächst annehmen konnte. Die Ermordung mehrerer
Franzosen und Italiener in Tripolis mußte offenbar mit der Revolte in
Tunis im Zusammenhange stehen, die die europäischen Einwohner veranlaßt
hatte, in Besorgnis um ihr Leben und Eigentum die Stadt auf
französischen und englischen Schiffen zu verlassen. Dazu kamen Gerüchte,
die ebenfalls aus Barcelona übermittelt wurden, daß sich in Marokko eine
tiefgehende europäerfeindliche Bewegung bemerkbar mache. Ja man wollte
sogar wissen, daß alle Europäer in Mogador und Casablanca ermordet
worden seien. Eine aus dem Lager vor Marseille übermittelte Meldung
besagte schließlich, daß die europäische Kolonie in Tanger die
Entsendung eines französischen Kriegsschiffes dorthin erbeten habe, da
die Kabylen die Stadt bedrohten.
Das Wichtigste aber, was Fürst Bülow dem Kaiser zu melden hatte, war
eine Mitteilung des deutschen Botschafters in Petersburg, der eine über
Sibirien eingetroffene Meldung weitergab, wonach in Kanton und Hankau
ein chinesischer Aufstand ausgebrochen sei, dem sämtliche europäische
Kaufleute in beiden Städten zum Opfer gefallen seien. Auch wollte man an
der russisch-chinesischen Grenze von einer Bewegung unter den Chinesen
gehört haben. Ja ein Gerücht wollte wissen, daß ein neuer Aufstand in
Peking das dortige Gesandtschaftsviertel bedrohe, so daß sich die
Gesandten entschlossen hätten, die in Tientsin stationierten
europäischen Truppen an Peking heranzuziehen.
Nur in der engeren Umgebung des Kaisers erfuhr man von diesen
Nachrichten. Im Hauptquartier wurden sie lebhaft besprochen. Zur See
völlig machtlos sah sich Deutschland außer stande seinen bedrohten
Landeskindern jenseits des Meeres irgendwelche Hilfe zu leisten und
außerdem war man dank des englisch-französischen Kabelmonopols nicht
einmal im Besitz von sicheren Nachrichten über das Schicksal der
Deutschen in Marokko und im fernen China.
Das dumpfe Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber solchen Ereignissen ließ
einen außergewöhnlichen Entschluß reifen. Am anderen Morgen um 6 Uhr
verließ ein Stabsoffizier im Automobil das deutsche Hauptquartier und
war bald darauf an der äußersten Vorpostenlinie angelangt. Hier bestieg
Oberst von Gersdorf das Pferd eines Ulanenoffiziers und ritt, begleitet
von seinem Trompeter und einer Ordonnanz, die eine mächtige weiße Fahne
trug, auf der Chaussee, die auf die französischen Vorposten zuführte, in
raschem Trabe vorwärts. Um 9 Uhr wurden die drei Reiter von den
französischen Posten angerufen. Der Oberst bat in französischer Sprache
zu dem nächsten Kommandoführenden gebracht zu werden. Es wurden ihm die
Augen verbunden, um 12 Uhr stand er vor General Turner und befand sich
eine Stunde darauf in einem Bahnzuge, der ihn nach Bordeaux führte.
Kaiser Wilhelm hatte sich entschlossen, an die Ritterlichkeit der
feindlichen Heerführer zu appellieren, und hatte die französische
Regierung durch den Parlamentär ersuchen lassen, ihm, wenn möglich,
genaue Auskunft zu geben über die gemeldeten europäerfeindlichen
Bewegungen in Marokko und China. Die Sorge um das Schicksal deutscher
Landeskinder, die vielleicht einem erbarmungslosen Feind ausgeliefert,
des Schutzes des Reiches entbehren mußten, rechtfertigte diesen Schritt
vollauf, denn gegenüber einem solchen Gegner waren doch europäische
Interessen trotz des Krieges solidarisch.
Keiner von denen, die in der Nacht die stille Dorfstraße, an der das
deutsche Hauptquartier lag, passierte, wußte, welche neuen Sorgen den
siegreichen Heerkönig des deutschen Volkes bedrückten. Wer aber
hinaufschaute zu den erleuchteten Fenstern des einfachen
Dorfwirtshauses, die des Reiches Herrscher in dem kleinen französischen
Orte bewohnte, dessen Name seit vier Tagen der Weltgeschichte angehörte,
der sah bis in die frühe Morgenstunde an den Fenstervorhängen unablässig
einen gleitenden Schatten, der an dem einen Fenster auftauchte und
verschwand, am nächsten erschien, wieder verschwand und dann wieder
rückwärts denselben Weg durchmaß. Rastlos, unaufhörlich, bis des Morgens
Dämmerschein die Schatten verblassen ließ und unten das Leben erwachte
und Rosseschnauben den frischen Morgenwind grüßte. Dort oben hielt des
Reiches Kaiser mit seinem Kanzler ernsten Rat über die nächste Zukunft.
Der Sturm bricht los.
Die Nachrichten, die Oberst von Gersdorf drei Tage darauf aus Bordeaux
zurückbrachte, ließen die schlimmsten Befürchtungen weit hinter sich
zurück. Die Ereignisse an der afrikanischen Küste hatten sich sehr viel
schneller entwickelt, als man im deutschen Hauptquartier ahnte. Die
arabische Gefahr war nicht nur eine drohende, sondern war bereits
vorhanden.
An der Küste zwischen Alexandrien und Tunis lebte kein Europäer mehr.
Die auf den Ruinen von Karthago errichtete französische Kathedrale war
in Flammen aufgegangen. Mehrere Tausend Europäer hatten sich in Tunis
noch an Bord englischer und französischer Schiffe retten können. In
Algier hatte man sämtliche Außenposten nach der Wüste zu zurücknehmen
müssen. Was sich nicht rechtzeitig gerettet hatte, war von den
aufständischen Arabern niedergemacht worden. Nur mit Mühe widerstanden
die kleinen spanischen Presidios an der marokkanischen Küste dem Ansturm
der Kabylen.
Tanger wurde noch gehalten durch ein französisches Marinekommando. Was
aus den Europäern an der atlantischen Küste des Sultanates geworden,
darüber fehlten alle Nachrichten. Die Masse der marokkanischen
Heerscharen, die in den Vorstädten von Tanger bereits täglich der
schwachen französischen Besatzungstruppe Gefechte lieferte, wurde nach
Zehntausenden geschätzt; ganz Marokko befand sich im Aufstande. Der
schwache Sultan war in Fez auf dem Marktplatze hingerichtet und der
siegreiche Prätendent kämpfte an der Spitze seiner fanatischen Krieger
in den Vorstädten von Tanger.
Dazu trafen Nachrichten aus Ägypten ein, die bereits wissen wollten, daß
die ägyptisch-englischen Truppenteile südlich von Chartum geschlagen
seien, und die bis ins ungemessen Phantastische wachsenden Gerüchte
erzählten, daß ganz Zentral-Afrika sich unter dem Mullah der mit
unendlichen Heeresmassen nilabwärts vordrang, erhoben habe. Die
Meldungen, die von der Ermordung von Europäern im ägyptischen Sudan und
einer gefährlichen Bewegung selbst in der Umgegend von Kairo
berichteten, nahmen täglich an Zahl zu, sodaß es kaum noch einem Zweifel
unterliegen konnte, das sich tatsächlich die gesamte Welt des Islam in
einer gewaltigen Aufstandsbewegung befand.
Dieses Auflodern eines unerwarteten Fanatismus war gekommen, wie der
Dieb über Nacht. Von Tanger bis nach der ostafrikanischen Küste hin
mußte alles nach einem gemeinsamen Plan organisiert worden sein,
andernfalls wäre das gleichzeitige Losbrechen des Aufstandes auf dem
ganzen afrikanischen Kontinent unerklärlich gewesen, und, wie man später
erfuhr, war das in der Tat der Fall. Das Hauptquartier der Propaganda
des Islam, gewissermaßen der mohammedanische Jesuitenorden, die Sekte
der Senussi, südlich und östlich von Tripolis, hielt die Fäden dieser
wie ein Steppenbrand sich ausbreitenden Bewegung in der Hand. Der Mahdi,
der Kalif, der Mullah und Bu Hamara sind stets nur Werkzeuge des Führers
der Senussi gewesen. Von dort aus waren auch jetzt die Befehle an alle
Korangläubigen versandt worden und an einem Tage, gegen Mitte Oktober,
ward überall die grüne Fahne des Propheten entrollt. Der Dschechad, der
Glaubenskrieg, hatte begonnen.
Auch in Konstantinopel rührte es sich, mußte es sich rühren, wollte der
Padischah das Erbe der Kalifen nicht widerstandslos aus der Hand geben.
Wer die Bekenner des Islam als Völker in Schlafrock und Pantoffeln
verspottet hatte, wer die stumpfe Ergebenheit der Muslim in ihr
Schicksal, von den Drohnen an der Staatskrippe ausgewuchert zu werden,
als ihr wahres Gesicht genommen hatte, sah sich jetzt bitter getäuscht.
Der Fanatismus der Muslim konnte wohl schlummern, konnte Jahrzehnte,
Jahrhunderte schlummern, erstorben war er nicht. Jetzt da die Waffen der
Giaur sich gegen einander kehrten, jetzt war die Stunde, da die Energie
aller Völker, die ihre Gebetsteppiche nach Osten, nach Mekka zuwandten,
zu ungeahntem, furchtbaren Leben wieder erwachte.
Die uns Europäern in ihrem Wesen ewig verschlossene und rätselhafte Welt
des Orients, sie wallte auf, wie in einem scheinbar erloschenen Vulkane
wieder neue Lavaquellen aufbrechen.
Wie Heuschreckenschwärme ergossen sich die ungezählten Massen
fanatischer Glaubenskämpfer über die von Europäern einer Halbkultur
geöffneten Länder Afrikas, aus ihrem dunklen Schoße im Innern immer neue
Kräfte gebärend und gewaltige Menschenwogen nach den Küstenländern
zutreibend. Vergebens mähten die englischen Maschinengeschütze in einer
Schlacht bei Chartum Tausende von Derwischen nieder. Die Zahl der Feinde
minderte sich zwar, ergänzte sich aber stets, und mit der letzten
Patrone, die man in die glutheißen Rohre schob, war auch der letzte
Widerstand der kleinen Scharen von Europäern gebrochen, die nach dem
Abfall der eingeborenen Elemente, statt aus Regimentern nur noch aus
derem Skelett, nur noch aus Offizieren und wenigen weißen Freiwilligen
bestanden, denen man die geretteten Gewehre in die Hand gedrückt hatte.
Keiner von den Kämpfern bei Chartum konnte von dem Ausgang der Schlacht
berichten, längst war ihnen der Rückweg abgeschnitten, die Nildampfer
waren in die Hände der Fellachin gefallen, die als Heizer und
Maschinisten auf ihnen ein scheinbar harmloses Dasein führten, bis der
Ruf des neuen Kalifen auch sie erreichte und ihre Hände gegen ihre
weißen Herren waffnete.
In wilder Hast und wahnsinniger Verzweiflung retteten sich die
englischen Beamten und die englischen Touristen aus Kairo nach Suez und
Alexandrien. Die Schreckensszenen dieser Flucht aus Ägypten berichteten
von unerhörten Grausamkeiten eines bis zur vollen Raserei
aufgestachelten Fanatismus, daß sie das Blut derer, die sie mit
erlebten, erstatten machten. Alexandrien wurde von der englischen
Garnison so lange gehalten, bis der letzte Europäer an Bord der Schiffe
im Hafen gebracht war. Nur mit Mühe konnte ein Bombardement der Stadt
den Rückzug und die Einschiffung der englischen Garnison decken. Auch
Suez und die Kanalstrecke bis Port Said wurde noch von englischen
Marine-Mannschaften gehalten, die sich bei Ismailia in schnell
befestigten Feldbefestigungen gegen die fortgesetzten Angriffe der einst
von englischen Offizieren gedrillten ägyptischen Armee verteidigten, der
die gesamten Munitions- und Waffenvorräte in die Hände gefallen waren.
La illaha ill allah!
Der allgewaltige Schech ul Islam war von der Oase Siwah, der alten
Heimstätte des Jupiter Ammon, kommend, an einem Oktobernachmittage über
die große Nilbrücke in Kairo eingezogen. Sein Weg glich einem
Triumphzuge; überall warfen sich ihm begeisterte Fellachin in den Weg,
um von den Hufen seines Pferdes berührt zu werden und dadurch
unverwundbar zu werden in dem heiligen Kriege. Im vizeköniglichen
Palais, wo der Schech Wohnung genommen hatte, war er vom Khediven mit
allem Pomp des Orients empfangen worden. Auf dem Dache des Schlosses
wehte das alte Sturmpanier des Islam, der Sandschak-Scherif, die grüne
Fahne des Propheten. Ganz Kairo befand sich auf den Beinen; von allen
Seiten aus Oberägypten und aus den Küstenprovinzen, aus Syrien und
Arabien strömten ungezählte Scharen von Glaubenskämpfern unablässig in
die Stadt, die das Hauptquartier und die Operationsbasis für den Feldzug
gegen die Giaurs war.
Als die sinkende Sonne mit ihren Strahlen die Felsabhänge des Mokattam
in rötliches Licht tauchte und die Umrisse der Zitadelle in Kairo und
der dahinterliegende stille Windmühlenhügel in der Abendbeleuchtung
seltsam scharf und nahe erschienen, traten auf allen Minarets der Stadt,
hoch oben über der alle Straßen durchwogenden Volksmenge, die Mueddins
heraus, um die Gläubigen mit näselnder Stimme zum Gebet zu rufen. Ein
Wille, ein Gedanke, ein Gott beseelte diese wimmelnden Massen, die die
Wüste geboren und die in endlosen Zügen jetzt herbeieilten, um der
Stimme des neuen Propheten zu folgen und ihre Leiber in
leidenschaftlichem Fanatismus den Maschinengeschützen und dem
Kleinkaliber der Ungläubigen entgegenzuwerfen.
Der weite Platz vor dem vizeköniglichen Palais und alle dorthin
einmündenden Straßen glichen einem wirbelnden Meere bunter Farben. Als
sich die abendliche Dämmerung verdichtete, flammten überall an den
Kandelabern die Gaslichter und die elektrischen Monde auf, und auf den
hohen schlanken Minarets erschienen Laternen und qualmende Pechfackeln.
In das Rauschen und Brausen der durcheinander flutenden Menschenmenge
mischte sich das dumpfe Schlagen riesengroßer Trommeln und von fern her
klangen die wilden Musikweisen aus der Kaserne an der anderen Seite des
Abdin-Platzes. Neue Bewegung kam in die sich hin und her schiebenden
Massen, als von den Minarets der Gebetsruf der Mueddins ertönte und die
alte Kampfparole des Islam: La illaha ill allah (Es gibt keinen Gott
außer Gott) drunten ein tausendfaches Echo weckte.
Mitten auf dem Abdin-Platze bildete sich jetzt ein Ring um einen großen
Mann im grünen Turban und eine Stille entstand, die ihre Wellen
allmählich bis an die Mauern des Schlosses, bis an die Kaserne und die
den Platz umgrenzenden Häuser vortrieb. Ein dumpfes Schweigen brütete in
der heißen, stauberfüllten, schwülen Luft, die in den Strahlen der
scheidenden Sonne wie ein blutiger Nebel erschien. Aller Blicke hafteten
am Balkon des vizeköniglichen Palastes, auf dem eine hohe, weiße Gestalt
erschien: der Schech ul Islam. Ein tausendstimmiger Schrei erschütterte
die Luft und erstarb dann auf einen Wink des Schechs hin allmählich
wieder in den Gassen und Straßen, in den Höfen und Winkeln der hohen
Steinpaläste langsam nachdonnernd. El Futa! klang es scharf und
gebieterisch oben vom Balkon herab, und von neuem erbrauste die Brandung
in tosendem, rhythmischem Tonfall, als die Tausende die erste Sure des
Korans dem Schech nachsprachen.
»Im Namen des Allbarmherzigen! Lob und Preis Gott, dem Herrn der Welt,
dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gebets. Dir wollen wir
dienen und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten
Weg: Den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
derer, über welche Du zürnest und nicht den der Irrenden.«
Es war die Riesenorgel des Meeres, das alle Dämme zersprengte, das die
Arbeit eines Jahrhunderts, das mühsame Werk einer fremden Kultur
niederriß, es war der Erlösungsruf eines Volkes, das sich aus einem
Zeitalter trostloser Knechtung aufzuraffen versuchte, das die Hand
wieder ausstreckte nach der Herrschaft über den Orient. Dieses Volk, das
sich aus dem Dämmerzustande eines mühseligen Dahinvegetierens erhob, war
begeistert von dem trügerischen Glauben an einen neuen goldenen Tag, und
als die Worte des Koran erklangen, als neben den Schech ul Islam der
Khedive oben auf den Balkon trat, eine Schattengestalt neben dem
kraftvollen Bannerträger des Fanatismus, brach es mit elementarer Gewalt
wieder hervor: La illaha ill allah, -- es ist kein Gott außer Gott.
Unter steten Unruhen verfloß die Nacht des Tages, an dem der Schech ul
Islam die grüne Fahne entrollt und in der Stadt der Kalifen mit
kraftvoller Hand die Zügel der Regierung ergriffen hatte. Einsam
schwebte oben von dem kleinen Fort auf der Höhe des Mokattam das gelbe
Licht einer Laterne. Ein Hoffnungsstern für alle diese bunten Völker,
die ein begeisterndes Wort aufgeschreckt hatte aus ihrem tatenlosen
Traumleben.