Die Batterien, die eine Stellung nach der andern aufgeben mußten, fuhren
rücksichtslos querfeldein, Verwundete mit den Hufen der Pferde
zerstampfend und mit den Rädern der Protzen und Geschütze zermalmend,
fliehende Truppenkörper zerreißend und durchbrechend, dafür von den
eigenen Leuten in wilder Entrüstung zuweilen mit Gewehrschüssen bedacht.
So löste sich alle Ordnung auf. Die beiden von Nordosten und Südwesten
sich langsam vorschiebenden Frontlinien des deutschen Heeres nahmen die
fliehenden Hunderttausende gewissermaßen in eine Zange, deren Flügel
sich immer enger zusammenschlossen. Wo auf deutscher Seite noch Reserven
vorhanden waren, schob man diese jetzt in die Front und ließ die völlig
erschöpften, bei den entscheidenden Sturmangriffen furchtbar dezimierten
Regimenter auf dem Schlachtfelde an Ort und Stelle biwakieren. Von
Biwakieren war freilich nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken,
bis auf das Äußerste ermüdet, in ihren letzten Kampfpositionen einfach
um, und die Ermattung war so stark, daß kaum jemand an Abkochen und
Proviantfassen dachte. Nicht einmal zum Feuermachen reichte die Energie
mehr aus. Nur schlafen, bis ins Unendliche schlafen, war der einzige
Gedanke, der noch in diesen automatischen Maschinen lebte. Und so lagen
sie bataillonsweise, kompagnieweise hingemäht und versanken in einen
traumlosen, bleiernen Schlaf, während nur ein paar Posten Wache hielten,
um den vorbeipassierenden Truppenteilen den Weg zwischen dem schlafenden
Heere nach vorn zu weisen. Und unablässig ging es vorwärts in dem
blutroten, grausigen Dämmerschein der Sommernacht, die durch den
lodernden Brand der Städte und Dörfer erhellt wurde, als stände eine
Welt in Flammen. Von fernher klangen über das Schlachtfeld die alle
Lebensgeister weckenden Weisen unserer Armeemärsche und übertäubten das
Gewimmer der Verwundeten und den Verzweiflungsschrei der Sterbenden.
Neben den erschöpften Helden der Fünftageschlacht schliefen die anderen
Zehntausende den ewigen Schlummer.
Die schwarzen Schlangen marschierender Bataillone schoben sich auf die
Stelle zu, wo aus dem Festungsgebiet von Reims wüster Waffenlärm
herüberdrang, wo der Feuerschein der brennenden Lager aufstob zum
Himmel. Ohne Aufhören ging es vorwärts und neben und zwischen den
Truppen die langen Wagenreihen der Ambulanzen, die kaum im stande waren,
auch nur die notdürftigste Hilfe in dieser schrecklichen Nacht zu
bringen. Einer solchen Zahl von Opfern gegenüber erlahmte die hilfreiche
Hand des Arztes.
Als die Tete eines der letzten Reserveregimenter, -- eben aus der Heimat
eingetroffen -- den Eingang des Dorfes Grandcourt passierte, waren die
Sanitätssoldaten gerade am Werke, die niedrigen Häuser der langen
Dorfstraße in Lazarette umzuwandeln und mit den verwundeten Kriegern zu
belegen, die eine Sanitätskolonne herangeführt hatte. Da auf der linken
Seite der Straße ein von den Franzosen bei ihrem Rückzuge
stehengelassener Wagenzug mit Lagermaterialien und einige zwanzig mit
Heu und Stroh hochbeladene Bauernwagen die Passage sperrte und auf der
rechten Seite die Fahrzeuge der Sanitätskolonne vor den Haustüren
hielten, war die nicht sehr breite Dorfstraße fast völlig verstopft. Die
ersten Kompagnien des Regimentes rückten daher nur bis in die Mitte des
Dorfes vor und machten dann Halt, damit vorne erst Platz geschaffen
würde. So standen die Kompagnien eingeteilt zwischen den beiden langen
Wagenzügen und warteten eine Viertelstunde nach der anderen.
Um den Eindruck abzuschwächen, der erfahrungsgemäß äußerst deprimierend
auf jeden Soldaten wirkt, wenn er noch vor dem Kampfe die jämmerlich
stöhnenden Opfer der Schlacht und ihre blutenden Glieder vor Augen
bekommt, ließ der Regimentskommandeur die Musik einige Märsche spielen,
die ihre alte Zauberkraft, den schlummernden Kampfesmut zu wecken, auch
hier wieder wirksam erwiesen. Schmetternd klang der Torgauer durch die
von den Schrecken des Krieges erfüllte lange Dorfstraße, zwischen den
Häusern mannigfaltiges Echo weckend und die Schmerzensschreie der
Verwundeten übertönend. Rings war der Himmel vom Brandschein gerötet.
Leise strich der Nachtwind über die Reihen derer, die dem Kampfe
entgegengingen und die armen Opfer der Feldschlacht, die mit
zerschossenen Gliedern zurückgebracht wurden. Die Häuser auf der rechten
Seite der Dorfstraße waren bereits mit Verwundeten gefüllt, jetzt begann
man auch die auf der linken Seite zu belegen, wobei die Sanitätsleute
mit ihrer schrecklichen Last die Reihen der Kompagnien passieren mußten.
Eben trug man einen Obersten hinüber, der einen Schuß durch die Lunge
erhalten hatte, und wollte ein weiteres Haus öffnen. Es war
verschlossen; ohne weiteres wurde die Tür eingestoßen und mit ihr
zugleich stürzten zwei Soldaten in die dunkle Hausflur. Als hier der
Besitzer mit einer Laterne in der Hand erschien und einem Feldwebel, der
ihm entgegentrat den Eingang verwehren wollte, wobei er in verzweifelter
Erregung einen unverständlichen Wortschwall hervorsprudelte, schob man
den Mann einfach beiseite, und die Tragbahre, auf welcher der Oberst
lag, wurde gerade in den Hauseingang hineingetragen, als dieser
plötzlich erhellt wurde. Ein altes Weib, dem die grauen Haare wild um
den Kopf flatterten, stürmte, einen brennenden Holzscheit schwingend
heraus, schlug mit diesem dem verblüfften Feldwebel ins Gesicht, stieß
ihn zur Seite, daß er auf der Hausflur hinkrachte, und drängte sich an
den Sanitätssoldaten vorbei. Die rasende Megäre stand plötzlich auf der
Straße, wilde Verwünschungen kreischend. Ein Leutnant der ersten
Kompagnie, dem angesichts der gräßlichen Gefahr der Herzschlag stockte,
entriß einem Soldaten das Gewehr. Einen Moment, und er hatte sich
zwischen den beiden nächsten Heuwagen durchgewunden und holte zu dem
vernichtenden Schlage aus; wie vom Blitze gefällt lag das Weib mit
zerschmettertem Schädel im Straßenkote.
Um einen Atemzug zu spät, denn schon war das Furchtbare geschehen: im
letzten Moment hatte die Hexe ihr teuflisches Vorhaben noch ausgeführt.
Im hohen Bogen hatte sie die brennende Latte oben auf den nächsten
Heuwagen geschleudert. Fauchend und rauschend fuhr der Nachtwind hinein
in das Heu, und im Nu stand der Wagen in lichten Flammen, die dem
Windzuge folgend mit Gedankenschnelle den nächsten ergriffen, und bevor
man sich noch von der Erstarrung erholt hatte, war die Dorfstraße ein
blendendes sausendes Flammenmeer. Das Heu brannte, das Stroh brannte,
die rote Glut spritzte nach allen Seiten; die Häuser brannten. Wohin man
sah, gelbe und rote Flammen, schwälender Rauch, der in den Augen biß.
Stürzende Wagen, die Glutlawinen über die Straße schütteten, knatternde
Sparren, ein feuriger Regen von zerstiebenden, brennenden Schindeln und
dazwischen wimmernde, ratlos hin und her laufende, rettende und sich
gegenseitig anrennende Menschen. Im roten Feuerschein erstrahlten die
Gewehrläufe, die Bajonette, mit denen man die Glut auseinander zu reißen
suchte; vergebens, in diesem feurigen Graben war keine Hilfe möglich. In
der flackernden Brandung, die brausend auch die Sanitätswagen ergriff,
erschien plötzlich über dem ersten, wie hingezaubert gegen den
brandroten Hintergrund, die in dem scharfen Luftzuge heftig flatternde
weiße Fahne mit dem Genfer Kreuz.
Ein einziger, furchtbarer Verzweiflungsschrei durchgellte diese Szene
der Vernichtung. Kaum geborgen unter dem schützenden Dach sahen die
hilflosen Verwundeten sich rettungslos dem Flammentode preisgegeben.
Wildes Geschrei, laute Kommandos, ein Durcheinander von hin und her
hastenden Menschen. Die Kompagnien waren von der Dorfstraße
verschwunden. In die Haustüren eindringend, griffen sie rasch zu, um
ihre verwundeten Kameraden aus dieser brodelnden Hölle nach rückwärts
durch die Höfe der Häuser ins Freie zu retten. Aber nicht mehr überall
gelang es, und nach entsetzlichen Szenen verzweifelter Rettungsversuche
mußte man acht Häuser -- und es waren gerade die am dichtesten mit
Verwundeten belegten -- ihrem schaurigen Schicksal überlassen. Während
aus jenen Unglückshäusern, mitten aus der Flammenglut der
herzzerreißende Todesschrei hilfloser Menschen in die Finsternis
hinausdrang, während das Dorf langsam wie eine lodernde Fackel
niederbrannte, tönten draußen von allen Seiten des Schlachtfeldes
herüber die Militärkapellen der vorrückenden Truppen, den zwischen
brennenden, stürzenden Bretterwänden dem Tode rettungslos Geweihten die
Siegeskunde zutragend, der Choral von Leuthen: »Nun danket alle Gott«.
Als das fahle Morgenlicht heraufdämmerte, säumten nur noch rauchende,
schwarze Brandruinen die lange Dorfstraße. Ein Gerümpel von eisernen
Radreifen und Deichselbeschlägen zwischen der dampfenden Holzasche ließ
noch die Trümmer des Sanitätszuges und auf der anderen Seite die der
französischen Wagen erkennen. Dazwischen verkohlte menschliche Körper.
Vor den zusammengestürzten Lehmmauern eines Hauses saß, in zerrissener
verbrannter Uniform, der Oberst jenes Regiments, auf einem Prellstein.
In seinem Schoße hielt er das Haupt eines junges Offiziers, dessen
schauerlich verwundeter und verstümmelter Körper kaum noch menschliche
Formen hatte. Stumpfsinnig nickte er vor sich hin, das einzige lebende
Wesen auf dieser Stätte gräßlicher Vernichtung. Eine im scharfen Trabe
heranrollende Batterie bahnte sich soeben ihren Weg durch den
Brandschutt auf der Dorfstraße. Nur im Schritt vermochte sie hier
vorzurücken, damit sich die Pferde nicht in den Wagentrümmern verfingen.
Unter den schweren Kanonenrädern knirschte und knackte das verbrannte
Holzwerk. Jetzt war das erste Geschütz bei der Gruppe auf dem Prellstein
angekommen. Der Batteriechef stieg vom Pferde und trat an den Obersten
heran, grüßte und fragte: »Kann ich helfen, Herr Oberst«. Der aber
stierte ihn blöde an: »Wir wollen nach Hause gehen, Ludwig, Mutter
wartet«. Der Oberst war in jener Schreckensnacht, als er vergebens
versucht hatte, seinen schwer verwundeten Sohn aus dem brennenden Hause
zu bergen, irrsinnig geworden. Aufs Tiefste erschüttert stieg der
Batteriechef wieder zu Pferde und langsam mit den Rädern in dem schweren
Schutt knirschend und über verkohlte Leichen hinwegrollend, setzte die
lange Reihe der Geschütze ihren Weg fort. Staub zum Staube, Erde zur
Erde.
Nach einer Woche kapitulierte die Lagerfestung Rheims. Wüste Szenen
ohnmächtiger Erbitterung hatten sich in dem weiten Rayon zwischen den
Forts abgespielt. Der Proviant ging zu Ende und das unablässig von
deutscher Seite fortgeführte Bombardement demoralisierte die
eingeschlossene Armee so vollständig, daß das Oberkommando auf
französischer Seite, zumal sich ernstliche Reibungen zwischen den
einzelnen Korpsführern geltend machten, auf einen Ausfall aus der
Festung und auf weiteren Widerstand verzichtete.
Daheim.
Es war leer geworden in der Heimat seitdem das Volksheer draußen stand.
Die wirtschaftlichen Betriebe stockten und soweit die Fabriken ihre
Tätigkeit nicht vollständig eingestellt hatten, arbeiteten sie mit einem
Viertel ihrer früheren Kraft. Da der Handel gänzlich lahm gelegt war und
auch die Hände fehlten, die Waren des Ausfuhrhandels herzustellen, ließ
man die Kessel abblasen und die schnurrenden Räder stillstehen. Wozu
auch noch arbeiten, da die englische Blockade die Häfen schloß? Nur die
Betriebe, die für die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse des Volkes und
für die Versorgung der Armee arbeiteten, wurden vollständig aufrecht
erhalten.
Auch bei der Ernte fehlten die Arbeiter, und hier griff man zu dem
einfachen Mittel, das zunächst etwas verblüffend wirkte, dann aber
allerseits als berechtigt anerkannt wurde, den nationalen Wehrdienst in
nationale Arbeit umzuwandeln. Wie man in Friedenszeiten militärische
Kräfte herlieh, um die Erntearbeiten zu vollenden, so berief man jetzt
die Landsturmpflichtigen zweiten Aufgebotes ein, die aus Leuten
bestehen, die entweder wegen geringer, körperlicher Fehler vom
Wehrdienst befreit, oder nach abgeleisteter Wehrpflicht zu alt waren, um
ins Feld zu rücken. Als die Zeit der Ernte herannahte, sah man draußen
auf den Feldern im Schweiße ihres Angesichtes behäbige Landsturmleute an
hochbeladenen Bauernwagen stehen, sah man sie die Ernte bergen und die
Garben schichten. Professoren und reiche Kaufleute, junge und alte
Männer jeden Berufes, alle wurden sie herangezogen, um die Hände zu
ersetzen, die hier in der Heimat fehlten, weil des Volkes Söhne draußen
jenseits der Grenze im harten Kampfe des Reiches Schicksal zum Siege
wandten. Unter Murren zwar anfangs, bald aber in voller Würdigung der
Lage, unterzogen sich alle mit erfreulichem Eifer den Pflichten, die das
Vaterland auch auf diesem Gebiete von seinen Bürgern forderte.
Es war still und einsam geworden daheim und so rechte Andacht zur Arbeit
hatte man nirgends. Immer wieder drang der Ruf der Extrablattverkäufer
hinein in die Werkstätten, in die Schreibstuben und Kontore. Und wieder
stand man an den Straßenecken und vor den Zeitungsredaktionen in dichten
Haufen. Immer wieder dasselbe Bild, Monat für Monat. Wenn die weißen,
siegverkündenden Blätter hinausflatterten auf die Straße, dann brach der
Jubel los: Noch ein Sieg -- zu Lande. Zu lodernder Begeisterung erhoben
sich die Herzen, wenn der Telegraph die Kunde brachte, daß unsere braven
Truppen wieder den Feind geschlagen in schier endlosem Kampfe.
Aber dann Tage darauf, wenn die anderen Meldungen kamen, die langen, eng
bedruckten Seiten mit den Listen der Gefallenen und Verwundeten, dann
ward es still unter den dichtgedrängten Scharen, die diese nüchternen
Reihen von Namen und Zahlen mit eiligem Blick durchflogen, nach einem
geliebten Namen forschend und erleichtert aufatmend, wenn er nicht
darunter war. Es war ein wunderbar ergreifender Anblick jedesmal, wenn
die Verlustlisten herauskamen, wenn sie an die Plakatsäulen angeheftet
wurden und Hunderte diese riesigen Blätter umlagerten. Wenn dann einer
der Zunächststehenden die Namen langsam buchstabierte und mit der
ungeschickten Betonung des einfachen Mannes laut vorlas, horchten alle
mit gespannten Sinnen und in stummer Teilnahme machte man Platz, wenn
dieser oder jener plötzlich zusammenzuckte, wenn ihm die Tränen über die
Wangen rollten und er sich leise davonschlich. Und weiter ging die
endlose Reihe der Namen, immer neue, es war der letzte Appell für die,
welche draußen ihr Leben gelassen. Und dann geschah es, daß mitten unter
der Menge ein junges Weib aufschrie und im dumpfen Schmerz heimwärts
wankte, ihr Kindchen an der Hand führend, nunmehr eine vaterlose Waise.
Dann streichelte der Kleine die Hand der weinenden Mutter und fragte:
»Kommt Vater nicht wieder zurück?« Nimmermehr, nie wieder! O, welch ein
Schicksal liegt in diesem Worte: nie wieder! Wie viel blühendes Leben
zertrat dieser grausame blutige Krieg!
Wenn sie dann heimkehrten die langen Wagenzüge, wenn auf den Bahnhöfen
die Transportwagen der Krankenhäuser und Lazarette hielten, um die
zerschossenen, die wunden und kranken Opfer aufzunehmen und dorthin zu
bringen, wo menschliche Kunst sich oft vergebens abmühte, Leben zu
erhalten und zerschmetterte Glieder zu heilen. Wie der Krieg die
wildesten Leidenschaften entfacht, wie er die tierischen Instinkte
aufpeitscht, wenn der Soldat die Waffe auf einen Gegner richtet, der ihm
persönlich nichts zuleide getan, der ihm unbekannt und gleichgültig,
auch ein Mensch, um dessen Leben daheim Weib und Kinder zittern, um den
sich die Eltern sorgen, um ihn, der nun zum Manne erwachsen die Stütze
ihres Alters sein sollte. Mensch zu Mensch, nur verschieden nach dem
Volksempfinden und nach den Farben der Uniform. Ja die Kugel ist eine
Törin, dieses kleine Stückchen Metall, es weiß nicht, von wannen es
kommt und wohin es fährt, und welche Tränensaat dem Boden entsprießt,
auf dem sein Opfer verblutet.
Der Krieg, der die niedrigsten und höchsten Instinkte der Menschheit
entfesselt, sie zur Sonnenhöhe emporhebt und in Nacht und Grauen
finsterer Leidenschaften hinabstößt, er weckt auch die höchste Blüte des
Mannestums, die _Kameradschaft_. Und mit Staunen sahen die Söhne des
Volksheeres, die, sich dem Diensteid zufolge und der Soldatenpflicht
gehorchend, dem Befehl der jungen Offiziere beugten, daheim auf dem
Kasernenhofe und jetzt im Schlachtendonner, wie diese Jünglinge in
wenigen Wochen zu Männern erwuchsen, die sich eins fühlten mit dem Volke
in Waffen, über das sie nur das Kommandowort erhob. Lächerlichen Dünkel
und kleinliche Überhebung drückte die Gewalt des Krieges bald zu Boden.
Jetzt, wo _ein_ Schicksal über alle entschied, verwischten sich auch die
von Menschenwitz ausgeklügelten Standesunterschiede. Mensch zu Mensch.
Die Soldaten hingen mit kameradschaftlicher Bewunderung und Liebe an
ihren Führern, von denen sie wußten, daß sie sich keine Ruhe gönnten
bevor der letzte Mann nicht versorgt war. Gewiß, es gab Ausnahmen, aber
sie blieben Ausnahmen. Trotz der strengen Disziplin wurden auch Fälle
häßlicher Ausschreitungen bekannt, die eine harte Strafjustiz
erforderlich machten. Aber das war sicher, wer draußen durch eine Kugel
auf dem Sandhaufen endete, und die, welche ohne die militärischen
Ehrenzeichen heimgeschickt wurden, die wären auch daheim dem Spruche des
Staatsanwaltes verfallen. Es blieben Ausnahmen, häßliche Ausnahmen,
gegenüber der Masse von herrlichen Beispielen deutscher Soldatentreue,
von Kameradschaftlichkeit und schonender Milde gegenüber dem besiegten
Feinde.
Immer neue Schlachten, neue Siege und neue Verlustlisten. Wie lange
sollte dieses furchtbare Ringen noch dauern, das die Länder entvölkerte
und die jugendfrische Blüte der Nationen unter dem grünen Rasen bettete?
Daheim lagen täglich Millionen auf den Knien und flehten zum Himmel, daß
er dem mörderischen Schlachten, den Blutopfern des Volkes ein Ende
machen möge. Und immer neue Schlachten, neue Gefechte, neue
Verlustlisten. Immer mehr Menschen erschienen daheim in schwarzer
Kleidung, lebten mit verweinten Augen ihr Alltagsleben stumm und
teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung fehlte, ein
Leben, vor dem sich erdrückende Sorgen türmten, und immer neue
Schlachten. Es war etwas anderes, draußen im Feindeslande dem Gegner
frei und offen ins Auge zu sehen, die Waffe in der Hand, die die
Entscheidung barg; anders daheim, wo man den Klang der Siegestrommeten
nicht hörte, wo man nur die langen Züge der Verwundeten sah und nur die
Opfer zählte, die dieser Riesenkampf tagtäglich erforderte.
Als der Herbst kam.
Antwerpen wurde belagert, Cherbourg und Le Havre wurden belagert, Brest
wurde durch größere Streitkräfte von der Landseite aus beobachtet. Auf
eine eigentliche Belagerung von Paris hatte man verzichtet und sich
damit begnügt, die großen Zufahrtsstraßen nach der Hauptstadt durch
starke Beobachtungskorps besetzt zu halten und einen weiten Ring um den
riesigen Fortsgürtel zu legen. Die dadurch halb und halb eingeschlossene
und lahmgelegte Besatzung von Paris, bestand aus 200000 Linientruppen
und 100000 Mobilgardisten, die aber, wie die ersten Ausfallsgefechte
bewiesen, wenig kriegstüchtig waren. Durch eine sinnreiche Staffelung
der deutschen Beobachtungskorps, verbunden mit einem komplizierten
Signal- und Nachrichtendienst, der mit allen Mitteln der modernen
Technik, mit Fesselballons, Funksprüchen, Heliographen, Automobilen u.
s. w. arbeitete, war es bisher gelungen, bei jedem Ausfall den die
Pariser unternahmen, die Massierung der französischen Truppen zwischen
der Stadt und den Forts rechtzeitig vom Ballon aus zu erkennen und ehe
der Kampf begann, auf dem Schlachtfelde jedesmal stärker zu sein, als
der angreifende Feind. Die meisten französischen Anläufe endeten schon
vor den deutschen Drahthindernissen. Durch Anlegung breiter Minenfelder
^à cheval^ der Straßen, auf denen der Anmarsch des Feindes
erfahrungsgemäß erfolgte, wurde ein weiteres Sperrmittel geschaffen, das
mit seiner furchtbaren Explosivkraft auch eine moralische Einwirkung auf
die Angriffslust ausübte. Eine Truppe, die stets darauf gefaßt sein
mußte, -- und wo waren keine deutschen Minen! -- daß die Erde
kilometerweit unter ihr aufriß und daß der Stein- und Eisenhagel der
Dynamiteruption Hunderte vernichtete, war an sich schon unsicher im
Anmarsch und ging schlecht ins Gefecht. Sämtliche Versuche, den Ring der
deutschen Beobachtungskorps zu durchbrechen, waren bisher gescheitert,
und trotz der in Paris angehäuften riesigen Vorräte begann sich in der
Millionenstadt bereits ein Mangel an Nahrungsmitteln geltend zu machen,
wenn er auch noch nicht in irgendwie drückender Form fühlbar wurde.
Mehr als die Hälfte Frankreichs war im Besitz der verbündeten Heere. In
einem großen Bogen von der Loiremündung über Orleans bis Lyon standen
die deutschen Armeen von dort bis südlich Lyon die Österreicher, die
jedoch in den Gebirgen von Lyonnais gegenüber den mit dem Terrain
vertrauten französischen Truppen sehr wenig wirkliche Erfolge
aufzuweisen hatten. Das untere Rhône-Tal und die südfranzösische Küste
war mit Ausnahme des von der Landseite belagerten Hafens von Toulon und
Marseilles, dessen geschickt angelegten Feldbefestigungen noch
standhielten, in den Händen der italienischen Armee; ihr Hauptquartier
befand sich zur Zeit in Nîmes.
Die französische Regierung hatte sich von Paris nach Bordeaux geflüchtet
und hatte in den ihr noch zur Verfügung stehenden Landesteilen die
^levée en masse^, wie 1871 organisiert, allerdings bei der Kürze der
Zeit ohne den erhofften Erfolg. Die englischen Truppen bildeten von der
Loire-Mündung bis etwa Bourges den linken Flügel der langgestreckten
Stellung, die die französischen Korps in einem Halbrund sich anlehnend
an die Gebirgsketten Mittelfrankreichs einnahmen. Der rechte Flügel, wo
sich auch die spanischen und portugiesischen Truppen befanden, stand mit
der Front fast direkt nach Osten gerichtet bis zur Meeresküste hinunter
den Italienern gegenüber. In Brest und Cherbourg befanden sich starke
englische Streitkräfte, sie stellten auch neben den belgischen Truppen
das Hauptkontingent der Verteidiger Antwerpens. Diesen letzten vom
Feinde gehaltenen Plätzen in Nordfrankreich führte die englische Flotte
fortgesetzt neues Material an Geschützen, Munition, Proviant und Truppen
zu. Jede von den deutschen Geschützen zerschossene Position wurde bald
wieder ausgebessert und hinter den zerstörten Außenwerken erhoben sich
immer neue Reihen von Schanzen, gegen die nur ein langsames Vorrücken
möglich war. Andererseits war von deutscher Seite ein ernsthaftes
Vorgehen nicht einmal beabsichtigt, da man mit den englischen Zufuhren
rechnend, sich darauf beschränkte, zu verhindern, daß die drei
Seefestungen zu Einfallstoren für neue Armeen wurden.
Gegen Ende des Sommers war der Krieg nach den ungeheuer verlustreichen
Feldschlachten eine Zeit lang zum Stehen gekommen; man war auf beiden
Seiten bestrebt, die riesigen Einbußen an Mannschaften zu ersetzen und
wollte dann von deutscher Seite im Oktober mit dem konzentrischen
Angriff von Norden und Osten her beginnen, war aber durch die geringen
Erfolge der Österreicher und Italiener gezwungen, die Entscheidung noch
hinauszuzögern.
Zur See war die deutsche Flagge verschwunden, ebenso die italienische
und die österreichische. Die Reste der deutschen und italienischen
Flotte wurden durch das feindliche Geschwader in den Häfen blockiert.
Das Weltmeer war einsamer geworden und die gewohnten Straßen des
internationalen Dampferverkehrs waren verödet, da auch die meisten
englischen Handelsdampfer zu Transporten zwischen den heimischen Häfen
und den belagerten französischen Küstenplätzen, sowie zur
Verproviantierung der englischen Blockadeflotte in der Nord- und Ostsee
und im Mittelmeer herangezogen waren. Vielen deutschen Ozeandampfern war
es gelungen, sich in nord- und südamerikanische Häfen zu flüchten; teils
lagen sie dort still am Hafenkai, oder sie waren durch Scheinkäufe in
amerikanische und in die Hände von Reedern der südamerikanischen
Republiken übergegangen.
Wo aber die deutsche Flagge im überseeischen Handelsverkehr verschwunden
war, war sie überall durch das Sternenbanner ersetzt worden. Die Union
machte sich in allen Erdenwinkeln die günstige Situation, daß sich ihre
beiden Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt in erbittertem Kampfe
gegenseitig zerfleischten, zu nutze, und trat mit ihren Handelsagenten
überall in die entstandenen Lücken ein, eine Position nach der anderen
mit ihren Schiffen und ihren Preiscourants erobernd. Nicht geringe
Energie entwickelten auch besonders im Indischen und im Großen Ozean die
_japanischen_ Kaufleute, die nach jeder Gelegenheit ausspähten, an
verwaister Stätte festen Fuß zu fassen. Über die Phrasen von der offenen
Tür und andere Talmiwerte europäischer Diplomatie war man in dem wilden
Wettlauf um die Handelsherrschaft jenseits des Meeres lächelnd
hinweggeschritten.