Dann war die Nacht gekommen. Die Mannschaften schliefen in den

Schützengräben, und als der Morgen dämmerte, ward das Feuergefecht mit

ausgeruhten Kräften wieder aufgenommen. Und wieder prasselte der

Bleihagel der Schrapnells hernieder, und die einschlagenden

Infanteriegeschosse erzeugten auf dem Erdboden beim Einschlagen kleine

puffende Staubwölkchen. So verging auch dieser Tag, ein glühend heißer

Sommertag. Die Feldflaschen waren geleert und nur der Brotbeutel wies

noch seine eisernen Gefechtsrationen für drei Tage auf. In braunrotem

Dunst versank die Sonne hinter den Hügeln im Westen. Tagsüber machte die

Feuerzone der feindlichen Artillerie eine rückwärtige Verbindung

unmöglich. Erst der Einbruch der Dunkelheit, als die Treffsicherheit des

auch während der Nacht fortdauernden Schrapnellfeuers allmählich

nachließ, brachte Erleichterung. Aus dem Wald hervor tauchten die

Mannschaften der Proviantkolonnen, die die ledernen Wassersäcke bis in

die Schützenlinien schleppten, wo die Feldflaschen rasch gefüllt wurden.

Die Infanterie war ohne Tornister, nur mit dem Brotbeutel, der den

Proviant und Patronen in ausreichender Zahl barg, ausgerüstet ins

Gefecht gegangen.

Und zum zweiten Male ging die Sonne auf und noch lag man auf demselben

Acker. Unablässig waren die Hügelzüge, über die sich die französische

Artilleriestellung unabsehbar von Südost nach Nordwest hinzog, wieder

von einer fast lückenlosen Linie gelber, runder Feuerblitze umsäumt. Bis

jetzt hatte das Bataillon etwa 100 Mann verloren. Von den annähernd 60

Verwundeten waren die meisten während der letzten Nacht hinter die

Feuerlinie befördert worden. Nur die Toten mußte man liegen lassen,

hatte aber dafür gesorgt, daß die Leichen sofort eingegraben wurden. Und

wie richtig man dabei gehandelt, zeigte sich, als die stechende Sonne

des schwülen Sommertages glühend auf den Ackerboden niederbrannte, und

trotzdem machte sich der entsetzliche Verwesungsgeruch schon bemerkbar.

Mittags 11 Uhr fiel der Major Brandstetter und Hauptmann von Unruh

übernahm die Führung des Bataillons. Gegen 2 Uhr steigerte sich die

furchtbare Hitze zur Unerträglichkeit. Matt wie die Fliegen lagen die

Leute in den Schützengräben, ein sparsames Feuer auf die jenseitigen

Stellungen weiter führend. Die Luft war von braunen Staubmassen erfüllt,

in die sich der blaugraue Rauch über den Artilleriestellungen mischte.

Alles lechzte nach Kühlung, aber man hätte unnütz Menschenleben

verschwendet, wollte man von den Wasserplätzen hinter der Front die

Truppen neu versorgen. Gegen 3 Uhr zuckte der erste Blitzstrahl zur Erde

und ein furchtbares Gewitter ging hernieder. Eine graue Regenwand hüllte

die riesenhafte Front ein, so daß beide Gegner sich aus den Augen

verloren. Während die Blitze unablässig herunterknatterten und das

Gebrüll des Donners auch den Schlachtenlärm übertönte, wurde dieser

günstige Moment von der deutschen Heeresleitung geschickt ausgenützt. In

rasendem Galopp ging die Artillerie vor und nahm die Stellungen, die man

eigentlich erst in der darauffolgenden Nacht zu besetzen gehofft hatte.

Als eine halbe Stunde darauf der Regen langsamer zu fallen begann, der

Himmel sich aufklärte und nur dumpfe Donnerschläge sich noch in das

Getöse der Völkerschlacht mischten, waren die deutschen

Infanteriestellungen teilweise bis zu 1500 m weiter vorgeschoben. So

verging auch dieser Tag. Der Verwesungsgeruch wurde infolge der nach dem

Gewitter wieder einsetzenden Schwüle jetzt so furchtbar, daß jedes

Bataillon froh war, wenn es Befehl erhielt die alten Positionen zu

verlassen und vorwärts neue Schützengräben aufzuwerfen.

Im Ballon.

Die Leere des Schlachtfeldes, diese charakteristische Erscheinung

moderner Massenkämpfe, verlor sich, sobald man die beiderseitigen

Stellungen vom Ballon aus beobachtete. Leutnant Wegemann befand sich im

Fesselballon des 8. Korps. Die Gondel war vollgepfropft mit

Instrumenten. Die Drähte zweier Telephonleitungen lagen in dem

Drahtseil, welches den Ballon mit der Erde verband. Es war ein

eigenartiges Gefühl mit dem Auge der geschwungenen Kurve der Stahltrosse

zu folgen, die bereits in einer Entfernung von hundert Meter nur noch

die Dicke eines Fadens zu haben schien und schließlich mitten in ein

Fahrzeug endete, das sich von hier oben fast wie ein Gerätewagen von der

Feuerwehr ausnahm. Man konnte die Stellungen des Feindes und die eigenen

an den dunklen Schützenlinien, den dampfenden Erdwällen der Batterien

und den kompakteren Massen der Reserven wie auf der Landkarte ablesen.

Wie auf der Karte des Kriegsspieles daheim im Kasino schoben sich die

Bataillone und Batterien hin und her, und während unten das Ohr betäubt

wurde von dem wüsten, gellenden Gebrüll der Feldschlacht, klang hier der

Donner der Kanonen nur wie ein grollendes Gewitter. Drüben zwischen den

Geschützen einer französischen Batterie flammten jetzt gelbe Blitze auf,

schwarze Erdschollen sausten in die Luft, und am Rande der Rauchwolken

explodierender Granaten sah man die dunklen Gestalten der Kanoniere sich

platt auf den Boden legen. »Eingeschlagen«, murmelte Leutnant Wegemann,

und dann zu der Ordonnanz neben ihm: »Müller, geben Sie hinunter:

Mehrere Volltreffer der Feldhaubitzabteilung des 23. Regiments, in

französische Batterien rechts der Chaussee nach Suippes. Die

rechtsanschließenden Batterien durch indirektes Feuer mit derselben

Elevation erreichbar.« Die Ordonnanz wiederholte es mit hier in der

dünneren Luft seltsam hart klingender Stimme in die Schallöffnung des

Telephons hinein. Man sah, wie unten neben dem breiten, schweren

Ballonfahrzeug ein winziger Offizier die Meldung aufschrieb und ein

Radfahrer auf der Chaussee sie bis zur Batterie hintrug. Wenige Minuten

darnach verschwanden die beiden durch die Ballonmeldung bezeichneten

französischen Batterien in einer durch die massenweis einschlagenden

deutschen Granaten erzeugten Rauchwolke, in die dann im rasenden Galopp

mehrere Protzen mit ihren Gespannen hineinsausten. Dann ein wüster

Knäuel, und als sich der Qualm verzog, war der Boden bedeckt von dunklen

Körpern und zappelnden Pferdeleibern zwischen den zerschossenen

Geschützen. Nur zwei Gespanne jagten in wilder Eile zurück über das Feld

mit den beiden geretteten Kanonen.

Vergeblich spähte der Leutnant im Ballon mit seinem scharfen

Trieder-Binocle nach Südosten aus. Von dort mußte ja die Entscheidung

kommen, noch ließ sie auf sich warten, aber sie kam.

Die Gefechtsleitung.

Anders wie im 70er Feldzuge sah es an der Stelle aus, von wo die

unsehbaren Heeresmassen gegen einander dirigiert wurden. Nicht hoch zu

Roß auf einem Hügel hielt der Heerführer, mit scharfem Auge die Front

abspähend und mit seinen Befehlen die Ordonnanzen in die Feuerlinie

hetzend. Diese Szene, so malerisch auf Schlachtenbildern, war anders

geworden im Laufe von 36 Jahren. An der Chaussee, die nördlich von

Rethel gerade auf ein kleines Dorf weit hinter der Feuerlinie führte,

lag ein großer Gutshof, über dessen schloßartigen Hauptgebäude die Fahne

des Armeekommandos flatterte. Über den grauen Dächern der meisten Häuser

wiegte sich in der ruhigen Luft der kleine Fesselballon der

Funkentelegraphie, dessen elektrische Drähte einmündeten in einen

Schuppen, vor dem die gewichtigen Fahrzeuge der Funkspruchabteilung

standen. Unablässig zischte und knatterte der Apparat, eine Meldung nach

der anderen aus den Lüften empfangend. Fortwährend wanderten die weißen

Zettel mit den Meldungen hinüber in den großen Gartensaal des

Herrenhauses, in dem eine Reihe Tische zusammengeschoben und mit einer

Karte im großen Maßstäbe belegt worden war. Auf ihr waren die

beiderseitigen Stellungen durch Fähnchen und kleine Klötze markiert. Ein

genaues Abbild dessen, was man vom Fesselballon aus sehen konnte. Hier

verfolgte der Kommandierende, in tiefem Nachdenken vor den Tischen auf-

und abgehend und die ihm zugestellten Meldungen mit einander

vergleichend, den Gang der Schlacht.

Neben dem Gartensaal hatte sich die Feldtelegraphie eingerichtet, die

überallhin ihre Drähte abgerollt und teilweise unter Benutzung der

französischen Telegraphen an der Landstraße sie nach allen

Truppenabteilungen, bis in die Schützenlinien hinein, verzweigt hatte.

Dazu Telephonapparate in unendlicher Menge; ganze Drahtbündel zogen sich

nach dem Gutshof hin. An ihnen lenkte, wie an den Drähten eines

Marionettentheaters, der Höchstkommandierende die Bewegungen jedes

einzelnen Bataillons. Hier waren die Entscheidungen zusammengedrängt auf

den Raum eines Zimmers, und diese ungeheure Verantwortung machte sich

geltend in einer ernsten Stimmung, die alle erfüllte, die sich ihrer

Wichtigkeit bei der Steuerung der Heeresmaschine bewußt waren.

Auf dem Hofe standen mehrere Automobile und Fahrräder, jeden Augenblick

bereit, die Ordonnanzen bis in die Feuerlinie zu führen. Daneben wieder

die Rosse der Meldereiter, die querfeldein im Galopp herangejagt waren

und nun die neuen Befehle für die Truppenkörper erwarteten. Jetzt

sprengte ein Gefreiter der Jäger zu Pferde, den Chausseegraben in

elegantem Sprunge nehmend, mit seinem Pferd auf den Hof, warf die Zügel

einem Trainsoldaten zu und übergab einem Stabsoffizier eine Meldung. Ein

freudiges Aufleuchten zuckte über das Gesicht des Höchstkommandierenden,

als er den Meldezettel überflog: »Also endlich!«, sagte er, ging an die

Karte und markierte im Südosten der deutschen Front eine neue

Verschiebung im Gelände. Und nun rasselten die Klingeln der Apparate,

knatterte und sauste der Mechanismus der Funkentelegraphie und neue

Befehle flatterten nach allen Seiten. Die Automobile keuchten und

tuteten auf der Landstraße und mit einem Schlag kam ein frischer Zug in

das Ganze.

Da nahte von einer Husarenabteilung eskortiert eine Equipage und machte

vor dem Gutshofe Halt. Mit strammen Gruß machten die Soldaten und

Offiziere einem jugendfrischen Manne in Generalsuniform Platz, der rasch

das Gedränge durchschritt und jetzt mit leichtem Gruß beim

Höchstkommandierenden eintrat. Der empfing ihn mit freudigem Zuruf:

»Majestät, die Entscheidung ist da, soeben erhalten wir den Funkspruch,

daß die Umgehung des Feindes von Süden her durch die drei Korps über

Vitry auf Châlons wirksam begonnen hat. Nach zwei Stunden darf unser

entscheidender Gewaltstoß einsetzen, und wenn die Sonne sinkt, hoffe

ich, daß unsere Kapellen den Choral von Leuthen spielen dürfen.«

Die Entscheidung.

Unablässig rollte das Kleingewehrfeuer, ohne Aufhören lärmte der Donner

der Geschütze, und noch war kein Wanken, keine Bewegung nach vorwärts

oder rückwärts in den eisernen Fronten beider Heere zu bemerken. Die

Erde war von Geschossen durchwühlt und Zehntausende lagen mit

zerschmetterten Gliedern auf den so heiß umstrittenen Kampfplatze. Man

fühlte überall instinktiv: jetzt nahte der gewaltige Augenblick, da die

Hunderttausende der Volksheere plötzlich herauswuchsen aus den Höhlen

und Gräben der Erde, da sie gegen einander prallen würden, um mit

blanker Waffe die Siegespalme zu heischen. Ein Funkspruch vom

Fesselballon des IV. Korps hatte gemeldet, daß Teile der spärlichen

feindlichen Reserven nach Südwest abmarschiert waren, um auf der

Innenlinie den rechten Flügel bei Châlons zu verstärken. Der Feind mußte

die Gefahr erkannt haben, wenn er eine solche Truppenverschiebung

angesichts der deutschen Ballonposten unternahm und dadurch noch die

Front schwächte. Zu gleicher Zeit meldeten mehrere Funksprüche, daß

große Munitionskolonnen zwischen den Forts von Reims in rascher Fahrt

auf die französischen Artilleriestellungen dirigiert würden, woraus zu

schließen, daß dort Munitionsmangel herrschte. Und nach dem hitzigen

Schnellfeuer während des ganzen Tages war das nicht zu verwundern.

Tatsächlich mußten sich große Truppenteile fast verschossen haben, denn

der Geschützkampf wurde um 4 Uhr nur noch schleppend weitergeführt. Die

Ungeduld der deutschen Bataillone war kaum noch zu zügeln. Und jetzt

begann man kompagnieweise die Schützenlinien langsam nach vorwärts

abzubauen. An einigen Stellen gingen unsere Soldaten in großen Sprüngen

bis zu 200 m vor, und zwar ohne große Verluste zu leiden. Denn das

erwartete Schnellfeuer blieb aus. Nur vereinzelt pfiffen den

vorstürmenden Truppen die feindlichen Kugeln um die Ohren. Jetzt galt

es.

Die Meldungen aus den deutschen Fesselballons berichteten, daß mehrfach

drüben ein Stocken in den Munitionstransporten eintrat. Man sah hinter

den feindlichen Batterien Ordonnanzen hastig nach rückwärts reiten, den

Munitionskolonnen entgegen. Zwar wurde der Artilleriekampf

weitergeführt, aber mit geringem Erfolge. Gerade die dem IV. Korps

gegenüberstehenden Batterien fügten den Schützenlinien kaum noch

Verluste zu. Mehrere Telephonleitungen meldeten gleichzeitig:

»Feindliche Artillerie schießt nur noch mit Kartuschen.« Eine nach

Nordosten führende Chaussee durchschnitt, der Talsenkung eines kleines

Baches folgend, ein welliges Hügelgelände; der Straßenkörper war in der

Tiefe den Blicken des Freundes und des Feindes auf eine Strecke von

annähernd zwei Kilometern entzogen. Jenseits auf der flachen Hügelkette

lagen nur noch einige deutsche Kompagnien in einer kleinen Bodenwelle

eingegraben, dazwischen große Lücken freien Feldes.

Da erscholl von fern das klappernde Geräusch tausender von Pferdehufen,

die hart auf den Chausseekörper aufschlugen und hineinschwenkte in den

breiten Hohlweg ein Kavallerieregiment nach dem anderen. Der Anmarsch

der Reiter wurde den Blicken des Feindes -- den gegenüberstehenden

Fesselballon hatte ein Schrapnell kurz vorher heruntergeholt -- durch

ein Gehölz entzogen und unablässig ergoß sich der Strom der glänzenden

Reitergeschwader in das Tal. Acht Kavallerieregimenter hielten hier

gedeckt, in abwartender Stellung.

Auf Ansbach-Bayreuth!

Auf Ansbach-Bayreuth!

Auf Ansbach-Bayreuth!

Schnall um deinen Degen und rüste dich zum Streit!

Prinz Heinrich ist erschienen auf Striegaus sonn'gen Höhn,

Die preußischen Truppen in Parade zu sehn.

Schon tönt von den Höhen ein Morgengruß,

Der jeden Preußen begeistern muß,

Drum Brüder seid mutig, seid schnell und bereit,

Wenn's Vorwärts heißt!

Auf Ansbach-Bayreuth!

(Alter Text des Hohenfriedbergers.)

Noch einmal wütete der Geschützdonner los. Die Erde zitterte unter den

Erschütterungen und die Luft war erfüllt von todbringenden Geschossen.

Dazwischen das Klappern und Knattern des Infanteriefeuers und der helle

Klang der Maschinengewehre. Es war, als sei die Hölle losgelassen. Da

schmetterten scharf und schneidend Trompetensignale in den Gewittersturm

der Völkerschlacht. Durch Hunderttausend zuckte es. Und während nun die

acht Regimentskapellen gewaltig einsetzten und die machtvoll

begeisternde Weise des Hohenfriedbergers über das weite dampfende

Schlachtgefilde dahinbrauste, schlug die dunkle Woge von Menschen- und

Pferdeleibern an dem Abhang des Hohlweges empor. Im Nu war der grüne

Hang erklommen und jetzt jagten die blinkenden, rasselnden

Reitergeschwader dahin über die sanft nach vorn abfallende Ebene, im

breiten Strome alles mit sich fortschwemmend. Ein herrlicher,

herzerfrischender Anblick für das Soldatenherz, nachdem man fünf Tage in

Erdlöchern versteckt, wie ein Maulwurf geduckt hinter den Rand des

Schützengrabens rastlos nur immer auf die rauchenden Hügel und die

schießenden Ackerfurchen drüben abgedrückt hatte.

Die Schützenlinien des Feindes stutzten. War dies ein Phantom, eine

Täuschung der erregten Sinne? Es galt, die wenigen Minuten auszukaufen,

bis die dichte Wand von flatternden Pferdemähnen, von blitzenden

Reitersäbeln, das schreckliche Gatter von wirbelnden Lanzen, diese

donnernde Staublawine, unter der die Erde von tausendfältigem Hufschlag

erdröhnte, heran war. Man hatte auf deutscher Seite gut beobachtet, die

französische Infanterie hatte sich bis auf wenige Patronen verschossen

und die deutschen Geschütze hatten durch ein aus allen Kalibern ohne

Pause fortgeführtes Schnellfeuer die feindlichen Munitionskolonnen, in

denen Dutzende von Wagen aufflogen, von der Feuerlinie ferngehalten.

Hinter den Positionen der Artillerie und den Schützenlinien hatten die

deutschen Granaten, hatten die Schrapnells mit ihrem Bleiregen eine

Feuerzone geschaffen, die kein lebendes Wesen passieren konnte.

Zwar rissen die letzten Granaten der französischen Batterien große

Lücken in die deutschen Schwadronen, wohl sank Mann und Roß dahin im

wüsten Knäuel der Vernichtung, aber der Gedanke an die leeren

Patronentaschen erzeugte drüben angesichts der Reiterattacke einen

lähmenden Schrecken. Und dieses Gefühl der Hilflosigkeit ließ in den

Reihen der französischen Regimenter die durch die fünftägige Schlacht

entnervt und in ihrer Widerstandskraft erschüttert waren, jetzt eine

Panik entstehen. Ja, wenn die Artillerie jetzt Kartätschen gehabt hätte,

ein einziger Munitionswagen konnte dem Verhängnis wehren! Bei der

schnell sich verringernden Distanz hatte das planlose Schießen der

französischen Schützenlinien nur geringe Wirkung. Jede Feuerleitung

fehlte. Von der Angst vor dem herannahenden Furchtbaren jeder klaren

Überlegung beraubt, verpulverte man die wenigen letzten Patronen

sinnlos, zwecklos; die Befehle der laut schimpfenden, erregten Offiziere

widersprachen sich fortwährend. Im instinktiven Selbsterhaltungstrieb

ballten sich die Kompagnien zu einzelnen Massen zusammen, um bei dem

Bajonett die Rettung zu suchen. Die verhängnisvolle Gefahr des

Kleinkalibers, die Munitionsverschwendung, hatte sich hier schrecklich

geltend gemacht.

Jetzt war die lange Linie der deutschen Kavallerie heran und brach in

die feindlichen Reihen ein. Blinkende Säbel, wuchtige Hiebe, zertretene

Menschen, hochaufsteigende Pferde, ein kurzer, aussichtsloser Kampf und

schon waren die deutschen Reiter zwischen den französischen Batterien,

alles vor sich niederwerfend. Lähmendes Entsetzen trug dieser

durchschlagende Erfolg eines Kavallerieangriffes auch in die Reihen der

französischen Reserven, die jetzt einfach ausrissen. Der schlecht

geleitete und zaghaft durchgeführte Gegenstoß zweier französischer

Bataillone versagte völlig. Im Nu waren die deutschen Reiter zwischen

den flüchtenden Franzosen. Einzelne Carrés, die sich zusammenzuballen

suchten, wurden niedergeritten. Schwere Pferdeleiber im Ansprunge die

Bajonette niederdrückend und im Todeskampfe mit den Hufen die

Infanteristen zerschlagend, rissen große Breschen in die Fronten, durch

die die langsam dünner werdenden Linien der deutschen Regimenter immer

weiter vorwärtsstürmten. Der Rest der Schwadronen jagte jetzt nach links

und rechts abschwenkend, davon.

Die Riesenaufgabe der tapferen Reiter war gelöst. Als sich die Coulissen

der Kavallerieregimenter nach beiden Seiten auseinanderschoben, stürmten

hinter ihnen im unwiderstehlichen Anlauf die deutschen Schützenlinien

heran. Von allen Seiten klang das Angriffssignal: »Kartoffelsupp,

Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp« über das Feld, weckte den

teutonischen Kampfeszorn und trug den Sturmlauf der deutschen Regimenter

mitten in die durch den Kavallerieangriff gebrochene Lücke. Vier

französische Schützengräben bis an den Rand mit zerstampften

Menschenleibern gefüllt, vier zerschossene Batterien zwischen deren

Geschützruinen sich kein Leben mehr regte, lagen bereits hinter der

deutschen Angriffsfront, und immer mehr Bataillone fluteten hinein in

diese nach beiden Seiten rasch weiter reißende Bresche mit der das

französische Zentrum an einer schwachen Stelle durchbrochen war. Aber

schon schob der Feind von beiden Seiten Truppen vor, um das Loch wieder

zu stopfen. Doch umsonst. Die deutsche Artillerie war schon heran,

nistete sich hinter einem Eisenbahndamme ein und bäng ... bäng ... bäng

... knatterte das Feuer der Maschinengeschütze in die Reihen der

französischen Kavallerieregimenter, sie in wenigen Minuten mit einem

Sprühregen von Geschossen niedermähend. Es war eben ein Unterschied, ob

eine Reiterattacke auf einen aus gedeckter Stellung feuernden,

siegreichen Feind oder auf erschütterte Infanterie ansetzt die nur noch

die letzte Patrone im Laufe hat. Auf dem Manöverfelde sieht beides für

das Laienauge gleich aus und die Biertischstrategen, die sich über die

»sinnlosen Kavallerieattacken« so sehr empörten, sie hatten immer nur

das eine vergessen, daß niedergekämpfte Infanterie nicht mehr schießt.

Hinter dem Eisenbahndamm stand die rasch vorrückende deutsche Artillerie

sehr bald in Stärke von zwei Regimentern, die nun mit Schrapnells unter

den flüchtenden französischen Bataillonen fürchterlich aufräumte. Und

nun begann die regellose Flucht. Von Südosten her war der rechte

französische Flügel umfaßt und aufgerollt worden. Das Zentrum war

gegenüber Rethel durchstoßen und überall vor der französischen Front

wuchsen jetzt aus der Erde die Massen der deutschen Bataillone empor. Es

gab kein Halten mehr und vor allem fehlte jede Disposition des Rückzuges

auf feindlicher Seite. Die französischen Korpsführer verloren die

Leitung über ihre Truppen. Vergebens, daß sich die Offiziere mit dem

Revolver in der Hand den Fliehenden in den Weg warfen; vergebens, daß

sie diesen oder jenen niederschossen, die zurückflutende Woge riß auch

sie mit sich fort, und wollten sie nicht unter den Stiefeln ihrer Leute

enden, so mußten sie mit dem Strome schwimmen. Ähnlich war es auf dem

linken Flügel, wo sich die englischen Bataillone länger hielten und

durch die siegreichen Vorstöße der Deutschen isoliert, teilweise bis auf

den letzten Mann ihre Positionen verteidigten. Die deutsche Artillerie,

deren Geschosse zuweilen selbst in die eigenen Sturmkolonnen

einschlugen, hielt jeden Versuch einer Gegenoffensive nieder. Die

Schlacht war entschieden.

Auf dem Rückzuge der einzelnen französischen Korps fehlte jede

einheitliche Führung. Nur einige gewannen die Straße nach Paris und nach

Südosten, die meisten Regimenter trieb wahnsinnige Angst und die volle

Deroute zwischen die Forts von Reims und Laon, wo sich die

Hunderttausende nunmehr stauten, während die deutschen Granaten

unablässig in die Scharen der Flüchtenden einschlugen. Es gab kein

Halten mehr auf dieser Flucht. Die deutsche Kavallerie, deren ganze

Kraft rücksichtslos eingesetzt wurde und bei der aus Mann und Roß der

letzte Atemzug herausgeholt wurde, löste auf der Verfolgung jeden

Truppenverband des Feindes auf und was sich nicht um Reims

konzentrierte, -- die Feldbefestigungen vor Laon fielen noch am Abend

den Deutschen in die Hände, worauf die mit Menschen gefüllte Stadt, die

unablässig bombardiert wurde, um Mitternacht kapitulierte -- war keine

Armee mehr, nur noch ein wüstes Gemenge erschöpfter, um ihr armes Leben

sorgender Menschen, die keinen Widerstand mehr zu leisten im stande

waren.

Die englische Armee, die auf dem linken Flügel gestanden hatte, war

ebenfalls zersprengt, und zog sich in völliger Auflösung nach Südwesten

zurück. Der größte Teil ihrer Artillerie und ihr schwerfälliger Troß

fiel den Deutschen in die Hände.

Die Nacht.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 15 / 21 段