Jena, sie hat uns jetzt über die Ablehnung der Flottenvorlage nach
Helgoland geführt. Helgoland, Kiel und Cuxhaven waren andere Tage als
die von Santiago, Port Arthur und Tsuschima. Hier standen sich die
besten Artilleristen und Schiffsführer auf dem besten Schiffsmaterial
gegenüber. Hier entschied demzufolge die Zahl und die Größe der Schiffe.
Daß unsere Linienschiffe zu klein waren, daß 11 bis 13000 Tonnen nicht
den 15 und 16000 der Feinde gewachsen sind, daß die 24 cm-Geschütze
nicht so weit schießen wie die 30,5 cm, ist hundertmal vorher gesagt
worden. Den Beweis durfte leider erst Helgoland erbringen. Die
unwiderstehliche Tapferkeit auf deutscher Seite, die rücksichtslose
Aufopferung in einem von vornherein aussichtslosen Kampfe, die
leuchtende Pflichttreue unserer Marine vom höchsten Kommandoführer bis
zum letzten Heizer, der schweigend seine Kohlen schaufelte, bis das
einbrechende Wasser diese stummen Helden erstickte, sie haben mit dem
Verluste fast der ganzen deutschen Flotte Eins erreicht: _der Feind
wagte solchen Artilleristen und Matrosen gegenüber keinen weiteren
Angriff_. Nicht daß der moralische Eindruck des deutschen Angriffs so
lange vorgehalten hätte -- auch moralische Eindrücke sind keine
Pökelware. Nein, aber die Niederkämpfung der deutschen Flotte hatte die
schweren Kaliber, die 30,5 cm-Turmgeschütze an Bord der Engländer so
sehr strapaziert, daß nach der Schlacht von Helgoland _alle_ diese
Drahtgeschütze, so weit sie nicht durch deutsche Granaten und eigne
Rohrkrepierer -- deren sehr hohe Zahl wird man wohl nie erfahren --
unbrauchbar geworden waren, die Grenze ihrer auf nur ca. hundert Schuß
berechnete Leistungsfähigkeit so weit erreicht hatten, daß die Engländer
es nicht wagen durften, noch einmal ernsthaft mit den Küstenforts
anzubinden. Denn bis die britischen Panzer neue Rohre erhalten konnten,
vergingen lange Monate, da die Anfertigung dieser Riesengeschütze
mindestens ein halbes Jahr beansprucht. Das, die Außergefechtsetzung der
gesamten feindlichen schweren Artillerie, war der Erfolg den die
versinkende deutsche Flotte erreicht hatte.
Er ward bald bemerkbar, da die Blockadeflotte stets auf hoher See blieb.
Dazu kam, daß die Engländer im Sommer erfuhren, daß vor Kiel und in der
Elbemündung die sechs von der Germaniawerft gebauten _deutschen
Unterseeboote_ in Dienst gestellt seien. Diese Tatsache an sich hielt
den Feind in größerer Entfernung von der Küste. Hätte man doch diese
Fahrzeuge eher gehabt! Der englische Angriff auf Cuxhaven und der
scharfe Blockadedienst wären durch sie leicht vereitelt worden. Die
Unterseeboote sind unentbehrlich für die Verteidigung an Fluß- und
Hafeneingängen, diese Lehre hat jetzt auch der Blödeste begriffen. Daß
Unterseeboote auf hoher See eine fragwürdige Offensivwaffe zumal in
unbekannten Gewässern sind, erwies der Mißerfolg der Franzosen vor
Spezzia. Wie hätten endlich Unterseeboote in Dar-es-Salam, Swakopmund,
Tsingtau usw. dem kolonialen Kriege eine ganz andere Wendung geben
können!
Zum Schluß noch eins: Die Erfahrungen bei Cuxhaven und im ganzen
Blockadedienst haben gezeigt, wie vorteilhaft es ist, wenn Panzerschiffe
und Kreuzer dasselbe Aussehen haben, so daß der Feind möglichst lange im
Unklaren bleibt, welche Schiffsklasse er vor sich hat. Die gleichmäßige
Bauart der englischen Kreuzer und Panzer hat bekanntlich oft zu
Verwechslungen Anlaß gegeben. Infolgedessen haben wir uns noch während
des Krieges daran machen müssen, den schön geschweiften Bug unserer
großen Kreuzer zu beseitigen, da dieser sie schon von weitem als Kreuzer
verrät.
Mit den Batterien von Helgoland schoß sich die Blockadeflotte nur selten
herum. Man fürchtete das Steilfeuer der Mörserbatterien und verzichtete
deshalb auf das Vergnügen, die Insel den Deutschen entzweizuschießen und
dadurch die Batterien ins Wasser zu werfen. Der Einsatz an Munition und
Abnutzung der Geschütze war zu groß im Verhältnis zu dem möglichen
Erfolge. Infolgedessen blieben die englisch-französischen Schiffe immer
außer Schußweite der helgoländer Geschütze.
Jenseits des Meeres.
Wie erwähnt (vergl. S. 30), hatte Fürst Bülow am 19. März sämtlichen
diplomatischen Vertretern des Reiches im Auslande eine letzte Mitteilung
zugehen lassen und sie darin auf ihre am Tage vorher in einem
chiffrierten Telegramm erhaltenen Instruktion verwiesen. Diese, die
alsbald ihre Wirkung äußerte, bedeutete eine notwendige
Verteidigungsmaßregel Deutschlands.
Ohne ausländische Flottenstützpunkte und Kohlenstationen, an Kabeln nur
über die sehr fragwürdige Verbindung über Vigo-Azoren nach New York
verfügend, war man auf dem Weltmeer einfach den feindlichen Seemächten
ausgeliefert. Um diesen wenigstens eine sehr wertvolle Waffe zu
entwinden, hatte jene chiffrierte Depesche den deutschen Gesandten und
Konsuln im Auslande (soweit diese letzteren deutsche Staatsangehörige
waren) den Befehl übermittelt, die Führer der in den neutralen Häfen
liegenden deutschen Schiffe anzuweisen, diese abzurüsten und die
Mannschaften mit der schnellsten Gelegenheit in die Heimat zu entsenden
und zwar auf Kosten der Regierung, die in der Auszahlung der Reisegelder
den Konsulen freie Hand ließ. Andererseits erhielten mehrere große
Handels- und Passagierdampfer in den Hafenplätzen der französischen und
englischen Kolonien noch rechtzeitig die Ordre, sofort auszulaufen und,
wo ihnen ein Unterseekabel erreichbar, es aufzunehmen und zu
zerschneiden. Infolgedessen machte sich in dem überseeischen
Nachrichtendienste, als man sich in London im Besitze eines absoluten
Kabelmonopoles glaubte, die sehr verblüffende Erscheinung bemerkbar, daß
eine große Anzahl englischer Kabel plötzlich nicht mehr funktionierte.
So waren im indischen Ozean die Verbindungen nach Australien plötzlich
gestört, ebenso die Leitungen nach Kapstadt (in Swakopmund und
Dar-es-Salam abgeschnitten) und große Bestürzung herrschte in London als
am 24. März sämtliche von Valencia nach der neuen Welt hinübergehenden
Seekabeln unbrauchbar waren. Das war ein Verdienst des deutschen
Panzerkreuzers »Roon« der am 20. März mit den beiden kleinen Kreuzern
»Leipzig« und »Medusa« und zwei Schnelldampfern des Norddeutschen Lloyd
von Wilhelmshaven auslaufend, nördlich um Schottland herumgefahren war.
In London glaubte man die gesamte deutsche Flotte in den Nordseehäfen
blockiert und dachte auf der Rückseite des Kriegsschauplatzes an keine
Gefahr. So wurden die beiden zum Schutze des Kabels bei Valencia
stationierten englischen Kreuzer vom Auftauchen des »Roon« am Abend des
24. völlig überrascht. Ein Gefecht von etwa 20 Minuten entschied über
ihr Schicksal. Die Zerstörung der Kabel durch Grundminen wurde dann vom
»Roon« so gründlich besorgt, daß die meisten während der Dauer des
Krieges nicht wieder hergestellt werden konnten. Der Feind war auf die
südenglischen und die französischen Leitungen und die Kabel über die
Azoren angewiesen. Aber auch hier hatte unser Kreuzer »Bremen«
vorübergehend das deutsche Kabel unbrauchbar gemacht. Nachdem so dem
Feinde der Nachrichtendienst erschwert war, suchte unser kleines
fliegendes Geschwader den Atlantic nach fremden Schiffen ab, und
versenkte zahlreiche große englische und französische Dampfer, aus denen
es vorher stets seine Kohlen ergänzte. Riesige Transporte von
Lebensmitteln und Kriegsmaterial (^made in America^) wurden so
vernichtet, und panischer Schrecken herrschte an der französischen
Küste, als die geheimnisvollen deutschen Kaperschiffe Ende April
plötzlich vor St. Nazaire auftauchten und einige Granaten in die Stadt
warfen. Hierauf wurde in Brest ein englisch-französisches
Kreuzergeschwader gebildet, welches auf die deutsche Flottille Jagd
machte. Doch erst Ende Mai wurden diese an der amerikanischen Küste von
großer feindlicher Übermacht gestellt. Das abendliche Gefecht auf der
Höhe von Kap Hatteras endete mit dem Untergange der »Medusa« und der
beiden Lloyddampfer -- der Feind verlor zwei große Kreuzer -- wogegen es
dem »Roon« und der »Leipzig« noch gelang, im Dunkel der Nacht nach Fort
Monroe zu entkommen. Beide Kreuzer mußten auf Verlangen der
amerikanischen Regierung im Hafen von Baltimore abrüsten, wo sie von der
Bevölkerung mit ungeheurem Jubel empfangen wurden, von denselben Leuten,
die an den Lieferungen für englisch-französische Rechnung und an den
Versicherungsprämien, wenn die Schiffe durch deutsche Granaten versenkt
wurden, Unsummen verdienten. Der Kriegsgott hat eben zwei Gesichter.
Auch Singapore befand sich plötzlich außer Verbindung mit den
chinesischen Häfen. Die Leitung Aden-Bombay war unterbrochen und das
englische Kabelnetz hörte wenige Tage nach Ausbruch der Feindseligkeiten
an vielen Stellen auf zu arbeiten. Das verhinderte freilich nicht, daß
englische Kreuzer massenweis deutsche Schiffe aufbrachten. Fast ein
Drittel des schwimmenden Nationalvermögens des deutschen Volkes befand
sich Mitte April als Kriegsbeute im Besitz des Feindes. Die deutschen
Reedereien bezifferten den Wert dieses Verlustes an großen Dampfern mit
ihrer Ladung auf etwa eine halbe Milliarde Mark. Dem gegenüber war es
deutschen Kreuzern nur gelungen, etwa 180 größere englische Schiffe --
meist im Atlantic -- zu kapern und sie, da man sie in keinen Heimathafen
oder neutralen Hafen führen konnte, zu versenken, was an der Londoner
Börse mit einem Minus von 9 Millionen Pfund notiert wurde.
Die deutschen Schiffe im Auslande.
Leichte Arbeit hatte der Feind mit den im Auslande stationierten
deutschen Kreuzern. Die nach den westindischen Gewässern
zusammengezogenen drei Schiffe »Bremen«, »Falke« und »Panther« lieferten
auf der Höhe von St. Thomas der britischen »Isis« und dem französischen
Kreuzer »Jurien de la Gravière« ein Gefecht. Nach einer Stunde sank die
»Bremen« als letztes deutsches Schiff mit wehenden Flaggen. Der kleine
Stationskreuzer »Sperber« und das Vermessungsfahrzeug »Wolf« wurden vor
Bimbia an der Mündung des Kamerunflusses von drei französischen Kreuzern
zusammengeschossen, worauf eine Abteilung französischer Senegalschützen
von den Kameruner Gouverneurgebäuden Besitz nahmen, nachdem die deutsche
Schutztruppe am Lande fast bis auf den letzten Mann vernichtet war.
Kamerun und wenige Tage darauf auch Togo waren französisch.
Der kleine »Seeadler« schoß zwar vor Sansibar ein englisches Kanonenboot
in den Grund, doch war Ostafrika nicht zu halten, als von Aden vier
größere englische Kreuzer herannahten. Aus einer Entfernung, in der die
deutschen 10 cm an Bord der Stationäre längst nicht mehr trafen,
zerstörten die englischen Granaten binnen kurzem »Seeadler« und
»Bussard« und bombardierten sodann Dar-es-Salam, Bagamojo und Tanga.
Hierauf wurden die von der Somaliküste auf vier Transportdampfern der P.
& O.-Linie herangeführten indischen Sikks in der Stärke von 2500 Mann in
Tanga an Land gesetzt, vor denen sich die Reste der deutschen
Schutztruppe langsam ins Innere zurückziehen mußten. Am Tanganjika und
am Viktoriasee fanden einige kleine Gefechte in den Hafenplätzen statt
und Ende Juni wehte über fast allen Stationen in Deutsch-Ostafrika der
Union Jack.
Nach dem erfolgreichen Kampfe der deutschen Schiffe vor Apia, der den
Krieg eingeleitet hatte, nahte auch hier Ende April das Verhängnis. Die
englischen und französischen Schiffe auf der australischen Station
suchten nacheinander sämtliche deutsch-australischen Inseln ab, hißten
überall die Flaggen der Verbündeten. Gegenüber vier englischen Kreuzern,
darunter der große Kreuzer »Powerful«, waren »Thetis« und »Cormoran« vor
Apia machtlos. Ein Gefecht von kurzer Dauer entschied über das Schicksal
Deutsch-Samoas. Eine bittere Kränkung bedeutete es allerdings für Herrn
Dr. Solf, Apias heldenmütigen Verteidiger, daß er an Bord des Kreuzers
»Prometheus« als Gefangener nach London gebracht wurde, wo er unter dem
Geheul des Pöbels in einem offenen Wagen durch die Straßen gefahren,
mehrfach insultiert und durch einen Steinwurf schwer verletzt wurde. Die
kindische Wut der durch die Jingo-Presse aufgereizten Menge wandte sich
in einer nachher auch von englischer Seite scharf getadelten, häßlichen
Weise gegen den vermeintlichen Urheber des Krieges. Aber erst nachdem
man der heulenden Bestie dieses Vergnügen gemacht, wies man Herrn Dr.
Solf auf der Insel Wight ein Domizil an.
Von Windhuk nach Mafeking.
In Südwest gebot die noch immer 12000 Mann starke deutsche Truppenmacht
Vorsicht. Die Maßnahmen des Feindes beschränkten sich zunächst darauf,
daß der von Kapstadt kommende Kreuzer »Crescent« Tag für Tag einige
Granaten nach Swakopmund hineinschoß. Da diese aber nur einige alte
Hererodamen getötet, ein paar Wellblechdächer zerschlagen, sonst aber
außer großen Staubwolken keinen Schaden angerichtet hatten, so
verschwand die »Crescent« wieder und blieb eine Zeitlang vor der
Walfischbai vor Anker liegen. Auf eine Landung der Marinetruppen und
einen Vormarsch auf Swakopmund verzichtete man aus guten Gründen.
England benutzte ein ihm altvertrautes Mittel und bewaffnete unter
Verleugnung des natürlichen Solidaritätsgefühls der weißen Rasse
wiederum die Hottentotten und Hereros gegen die Deutschen. Schon
Wochenlang vor Ausbruch des Krieges -- auch ein Beweis, daß England ihn
gewollt und vorbereitet hatte -- gingen englische Agenten und reichliche
Waffensendungen über die deutsche Grenze. Und als am 24. März die
»Crescent« die ersten Schüsse auf die weißen Häuser von Swakopmund
abgab, sahen sich die Deutschen bereits von der doppelten Gefahr eines
englischen Einmarsches und eines neuen Eingeborenenaufstandes bedroht.
Die Nachrichten aus dem Süden lauteten trostlos und in den einzelnen
Orten wie Keetmanshoop vermochten sich die deutschen Garnisonen kaum des
Andranges der Hottentotten zu erwehren. Wurden deren Banden nun noch
durch kapländische Truppen und durch Artillerie verstärkt, so war das
Schicksal der Stationen besiegelt. Wollte man nicht die einzelnen
deutschen Abteilungen zwecklos nach einander aufopfern, so galt es
rasche Entschlüsse zu fassen.
Da die Kolonie, die sich kaum von der furchtbaren Erschütterung durch
den zweijährigen Eingeborenenkrieg zu erholen begann, bei weitem außer
stande war, die Lebensmittel für die verhältnismäßig starke Truppenmacht
zu liefern, und die englische Blockade nicht eine Konservenbüchse ins
Land ließ, so war an der Menge der auf den Etappenstationen und in
Windhuk, Swakopmund usw. lagernden Proviantvorräten die Dauer des
Widerstandes fast bis auf den Tag genau zu berechnen. Der Hunger und das
sicher bevorstehende Herannahen einer feindlichen Übermacht, waren die
zwei Gewichte an der Uhr, deren Pendelschlag die Schicksalstunde
Deutsch-Südwestafrikas ausmaß. Da galt es, wie gesagt, schnelle
Entschlüsse zu fassen. Und gerade rechtzeitig noch zog der Gouverneur
sämtliche Militärposten und sämtliche deutsche Farmer von Süden nach
Norden zurück. Auf den schwerfälligen Ochsenwagen konnten die
bedauernswerten Ansiedler, die nach zwei Jahren erzwungener Muße kaum
erst wieder den Wirtschaftsbetrieb begonnen hatten, noch eben ihren
Hausrat bergen; dann ging's, gedeckt durch Reiterpatrouillen, mit den
Viehherden nach Norden in der Richtung auf Windhuk. Verlassene
Weideflächen, verschüttete Brunnen und verbrannte Farmen bezeichneten
den Rückweg der deutschen Bewohner des Schutzgebietes. So ward ein
breiter Gürtel wüsten Landes, das dem Feinde nichts mehr liefern konnte,
zwischen den Sammelplatz der Deutschen, den Windhuker Bezirk und die
englische Grenze gelegt, eine Maßregel, die denn auch das Vorrücken des
Feindes so erschwerte, daß es hier zu eigentlichen Kämpfen gar nicht
kam.
Die Abschneidung der Lebensmittelzufuhr von der See her und der Aufstand
der Eingeborenen im Süden konnten folgerichtig nur auf einen Weg weisen.
Was man an der Küste nicht mehr erhalten konnte, mußte man sich auf der
Landseite holen. Und so beschloß der deutsche Gouverneur selber einen
Vorstoß in Feindesland in der Richtung auf Mafeking zu unternehmen. In
Swakopmund und entlang der Bahnlinie bis Windhuk wurden überall kleine
Garnisonen zurückgelassen. Dann begann der Bau der Feldbahn von Windhuk
nach der englischen Grenze, wozu das vorhandene Material der Otavibahn
und das erst vor Wochen für die Strecke Windhuk-Rehoboth eingetroffene
verwendet wurde. An der Vormarschlinie wurden überall Etappenposten
verteilt und an den Stationen feste Blockhäuser errichtet.
Die Kunde von dem deutschen Vormarsch traf erst Anfang Mai in Kapstadt
ein, worauf sofort die englischen Truppen, die bereits Keetmanshoop
erreicht hatten, zurückgerufen wurden. Man konzentrierte nämlich nunmehr
alle verfügbaren Streitkräfte im Norden, in der Transvaalkolonie, schon
um eine mögliche Burenerhebung im Keime ersticken zu können. Ein
Aufstand im Betschuana- und West-Griqualande nötigte jedoch zur
Detachierung mehrerer Regimenter, und die unruhige Haltung der Buren
machte in den kleineren Garnisonen den britischen Besatzungen das Leben
recht sauer, zumal man es schon nicht mehr wagte, jeder Unbotmäßigkeit
mit voller Strenge zu begegnen. Es kamen täglich Raufereien mit
englischen Soldaten auf den Straßen vor, auch hieß es, einzelne
Militärposten seien von aufständischen Buren überwältigt worden. Der
Nachrichtendienst und die Beweglichkeit der englischen Abteilung litt
sehr unter der häufigen Zerstörung der Telegraphenlinien. Die Aufregung
stieg ins Ungemessene, als Mitte Juni gemeldet wurde, die Deutschen
seien in der Stärke von 7000 Mann im Anmarsch auf Mafeking. Unter
unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen hatten diese den mühseligen
Marsch durch die Wüste erzwungen. Bei einem Gefecht unweit Mafeking
wurde am 20. Juni ein englisches Bataillon völlig vernichtet.
Da nunmehr die Burenbevölkerung den Engländern sämtliche Lieferungen an
Lebensmitteln usw. verweigerte, und zu offenen Feindseligkeiten
überging, so war es das Klügste, was der englische Höchstkommandierende
tat, nämlich seine Truppen nach Süden zurückzuziehen, so lange er noch
die Eisenbahnen in der Hand hatte. In einzelnen Städten hielten sich die
englischen Garnisonen. Die Deutschen besetzten bei ihrem Vormarsch nach
Süden zunächst Bloemfontein und machten dies zur Basis der weiteren
Operationen. Es galt zunächst die Streitkräfte der ehemaligen
Burenrepubliken zu organisieren, und es trat deshalb eine Pause in der
Vorwärtsbewegung ein. Da sich verschiedene Mißhelligkeiten zwischen den
Burengenerälen und der deutschen Heeresleitung ergaben, wurde der
Einmarsch in die Kapkolonie immer wieder verzögert, bis man sich im
Herbst von anderen Ereignissen überrascht sah.
Kiautschou.
Unsere in den chinesischen Gewässern stationierten Kriegsschiffe hatten
im vollsten Maße ihre Schuldigkeit getan. Dutzende von Schiffswracks an
der chinesisch-japanischen Küste zeugten von der Tätigkeit unserer
Kreuzer. Den Ausbruch des Krieges hatte unser Geschwader durch den
sibirischen Telegraphen erfahren und gleichzeitig den Befehl erhalten,
dem feindlichen Handel soviel Schaden wie irgend möglich zuzufügen und
so die Zeit auszunützen bis zu dem Erscheinen feindlicher Streitkräfte
vor Tsingtau. Alle deutschen Handelsschiffe wurden durch die Konsuln
angewiesen neutrale Häfen aufzusuchen. Einige auf hoher See befindliche
Passagierdampfer konnten durch Funkspruch der Kriegsschiffe vor Beginn
der Feindseligkeiten benachrichtigt werden, andere wurden durch diesen
oder jenen Kreuzer in neutrale Häfen geleitet.
Gleichzeitig stürzten sich unsere Kreuzer, immer ihre Operationsbasis
Kiautschou im Auge behaltend, auf die englischen und französischen
Handelsschiffe. Traf man solche in der Nähe der Küste, so ließ man die
Mannschaft ihre Boote besteigen, womit sie ziemlich sicher den nächsten
Hafen erreichen konnten, und brachte an Bord des fremden Dampfers eine
Mine am Schiffsboden an, die bei der Explosion diesen aufriß, so daß das
Fahrzeug auf der Stelle sank. Lange konnte dieses Zerstörungswerk von
deutscher Seite natürlich nicht betrieben werden.
Nachdem sich die englischen und französischen Geschwaderchefs über einen
gemeinsamen Plan verständigt hatten, fand ein konzentrisches Vorgehen
mit überlegenen Streitkräften auf Kiautschou statt. Am 9. April
erschienen drei feindliche Panzerkreuzer (die englischen »Hogue« und
»Sutley« und der französische »Gueydon«) mit sechs kleineren Kreuzern,
auf der Reede von Tsingtau. Trotzdem gleich anfangs der »Sutley« auf
eine deutsche Mine lief, die ihn augenblicklich zerriß, und zwei kleine
Franzosen vernichtet wurden, erlag das schwache deutsche Geschwader doch
nach einstündigem Gefecht der feindlichen Übermacht. Ja wenn wir
_Unterseeboote_ zur Verteidigung gehabt hätten! Die Batterien in
Tsingtau und auf den die Stadt umgebenden Hügeln konnten während des
Gefechtes nur wenig ausrichten, da die feindlichen Schiffe für ihre
Granaten meist unerreichbar waren. Nach der Vernichtung der deutschen
Schiffe genügte dann ein Bombardement von etwa zwei Stunden, um die
deutsche Artillerie zum Schweigen zu bringen. Fast die gesamte Besatzung
der Batterien fand dabei ihren Tod. Der Rest der Garnison von Tsingtau,
kaum 200 gefechtsfähige Mannschaften, ging nach der Besetzung der Stadt
durch den Feind in die Gefangenschaft. Zu spät bedauerte man, Tsingtau
nicht rechtzeitig d. h. gleich nach der Besetzung und _vor_ dem
russisch-japanischen Kriege zu einem Waffenplatz umgeschaffen zu haben,
dessen Befestigungen eine längere Verteidigung ermöglichten.
Von allen diesen Ereignissen, mit Ausnahme der Einnahme von Tsingtau,
die durch den sibirischen Telegraphen über Tokio, Wladiwostok nach der
Heimat gemeldet wurde, erfuhr man zu Hause nichts. Über das Schicksal
der afrikanischen Kolonien war man bis in den Sommer völlig im
Ungewissen, erst dann sickerten langsam die Nachrichten, die man in
London nach Möglichkeit geheim hielt, durch und berichteten in
Deutschland von Kämpfen, in denen ein unerhörter Heldenmut an eine
aussichtslose Aufgabe verschwendet wurde. In stummer Pflichterfüllung
waren die Söhne des Vaterlandes, die auf den fernen Außenposten treue
Fahnenwacht gehalten, in den Tod gegangen, ein glänzendes Beispiel
deutscher Tapferkeit.
Die Millionenschlacht.
Vier Tage lag das dritte Bataillon bereits auf diesem Acker eingegraben.
In vier Tagen war die lange, dünne Schützenlinie nur um 400 m
vorgerückt. Ein Bataillon, ein Steinchen nur in der riesigen Frontmauer
von beinahe einer halben Million Menschen, die bis jetzt vergebens
versuchten, dem fast um die Hälfte stärkeren Feinde Schritt für Schritt
Boden abzugewinnen. Den etwa 400000 Streitern der ersten und zweiten
deutschen Armee standen in den Stellungen, die sich von Arras bis
Châlons hinzogen, über 600000 Franzosen gegenüber. Vier Tage hatte der
Kampf gedauert, der mit dem Donnergebrüll seiner Geschütze Himmel und
Erde erschütterte. Auf beiden Seiten machte sich allmählich ein
störender Munitionsmangel fühlbar. Besonders auf französischer Seite, wo
man zumal am ersten Tage der Schlacht die Geschosse in geradezu
unsinniger Weise vergeudet hatte, so daß alle Fahrzeuge, die man
irgendwie nur auftreiben konnte, herangezogen werden mußten, um aus den
Riesendepots von Reims und Laon die schwindenden Bestände in der Front
zu ergänzen.
Von den Beobachtungsballons auf deutscher Seite konnte man diese
Munitionstransporte genau verfolgen und daraus erkennen, wo in der
feindlichen Linie schwache Punkte entstanden waren, die einem
gewaltsamen Offensivvorstoß Aussicht auf Gelingen bieten konnten. Und
doch hielt man noch zurück, um den von Süden her stündlich erwarteten
Flankenangriff auf den rechten französischen Flügel erst mit voller
Kraft wirken zu lassen.
Das dritte Bataillon hatte sich am ersten Tage am Waldrande im
Ackerfelde eingenistet. Es hatte, da hier im Zentrum der deutschen
Stellung nordöstlich von Rethel zunächst nur ein hinhaltendes
Feuergefecht beabsichtigt war, die Infanteriepositionen des Feindes auf
dem jenseitigen Hügelgelände unter Feuer gehalten, und zwar wie der
Fesselballon meldete, mit gutem Erfolge. Da der Feind die Stellung des
Bataillons offenbar gut erkundet hatte, lenkte er am ersten Tage ein
sehr heftiges Schrapnellfeuer auf die dunkle Waldlinie hinter den
Schützengräben, welches so viele Opfer forderte, daß der
Bataillonsführer alsbald die Schützenlinie nach vorn abbauen und unter
Verzicht auf die sonst gewohnten Sprünge 300 m vorrücken ließ, dadurch
wurden die Verluste wesentlich vermindert.