rauschende Schaumkämme aufwühlend, seewärts, um zusammen mit der ihr
vorauseilenden »Vineta« sich auf den Feind zu stürzen, der offenbar
durch eine Maschinenhavarie hilflos und unbeweglich geworden war. Jetzt
zogen sich auch die vor dem »York« nord- und südwärts zurückgewichenen
englischen Kreuzer wieder heran und eilten dem bedrängten Kameraden zur
Hilfe. Ebenso verlangsamte der bereits 2000 m vom »Am. Aube« entfernte
»Victor Hugo« seine Fahrt, wendete und brachte seine zwölf vorderen
Geschütze ins Feuer. Nunmehr waren sämtliche großen Kreuzer im
gegenseitigen Feuerbereich; die »Vineta« litt schwer darunter, daß ihre
hohen Aufbauten dem Feinde eine bequeme Zielfläche boten. Ein
Schornstein sah aus wie eine zerfetzte Papierrolle, von der große Lappen
herabhingen. Man hatte jedoch den Feind zum Stehen gebracht. Wollte er
den havarierten »Am. Aube« nicht im Stich lassen, so mußte er das
Vorpostengefecht weiterführen und sich stärker engagieren, als man es
bisher gewohnt war. Gegen ½7 Uhr waren beide Parteien sich auf ungefähr
3000 m nahe. Es war wie bei Wörth; aus einem kleinen Vorpostengefecht
entwickelte sich gleichsam mechanisch eine Schlacht, indem von beiden
Seiten immer mehr Streitkräfte ins Feuer geführt wurden. Um 7 Uhr gingen
die fünf Schiffe der »Wittelsbach«-Klasse in Kiellinie hintereinander
dampfend aus der Elbmündung heraus und griffen ½8 Uhr mit ihren schweren
Geschützen in den Kampf ein, was gleich anfangs den Erfolg hatte, daß
eine explodierende Granate das Heck des »Victor Hugo« wegriß und seinen
Rudermechanismus unklar machte. Somit befand sich auch der »Victor Hugo«
in derselben hilflosen Lage, wie sein bereits jämmerlich zerfetzter
Kamerad »Am. Aube«, der nur noch einen Schornstein und einen Signalmast
hatte und jedenfalls auch in der Wasserlinie beschädigt war. Er drehte,
jetzt quer zur Fahrtrichtung des »York«, steckte die Steuerbordsreeling
tief ins Wasser und verschwand dann langsam in den Wogen. Auch ein
anderer kleiner Kreuzer, der von Norden herandampfte, ging etwa 1000 m
vom »Am. Aube« unter. Die beiden französischen Panzerkreuzer hatten
schleunigst um Hilfe signalisiert, wie sich das aus den Störungen auf
der Funkspruchsstation Neuwerk und auf dem deutschen Geschwader kurz
nach Beginn des Feuergefechtes ergab. Das Gros der Blockadeflotte, die
Linienschiffe, dampften heran und um ½8 Uhr war vom Lande aus gesehen,
der ganze Horizont von zahllosen starren Masten und schmutzigen
Rauchwolken umsäumt.
Es war kein Zweifel mehr, die Absicht der deutschen Flottenleitung war
erreicht; die feindlichen Geschwader kamen endlich einmal auf Schußweite
heran. Der »Wittelsbach«-Klasse waren die fünf Panzer der
»Kaiser«-Klasse, geführt von dem Flottenflaggschiff »Kaiser Wilhelm II.«
bereits gefolgt. Mit anderen Worten: alles was an wirklich modernen
Linienschiffen von der deutschen Flotte noch auf dem Wasser schwamm,
ging jetzt in der Richtung auf Helgoland aus der Elbe heraus.
* * * * *
Von Viertelstunde zu Viertelstunde hatten die Funkspruchsstationen
entlang der Küste die Meldungen über den Fortgang des Vorpostengefechtes
bei Neuwerk nach Bremerhaven, Wilhelmshaven und Emden gemeldet. Es galt
von deutscher Seite jetzt alle Kräfte ins Gefecht zu führen, um die
Entscheidung nach der Richtung zu beeinflussen, daß in dem Riesenkampfe
um die Seeherrschaft auf dem deutschen Meere möglichst viel feindliche
Schiffe zum Sinken gebracht wurden. An einen wirklichen Sieg konnte man
nicht denken, es galt nur die Verluste des Feindes so zu gestalten, daß
seine Kräfte nach der Schlacht nicht mehr imstande sein konnten, die
deutschen Flußmündungen zu forzieren. Dann hatte die deutsche Flotte
ihre Aufgabe gelöst.
Während die zehn deutschen Panzer aus der Elbmündung der englischen
Flotte entgegendampften um sie zum Kampfe zu stellen, der dann in dem
Dreieck zwischen Helgoland, Scharhörn und Wangeroog stattfand, verließen
in Wilhelmshaven die vier Schiffe der »Brandenburg«-Klasse um ½8 Uhr die
Mole, gefolgt von den vier Veteranen der »Sachsen«-Klasse und der
»Oldenburg«. Gleichzeitig gingen die beiden Küstenpanzer »Beowulf« und
»Fritjof« von Bremerhaven aus in See, um zusammen mit den Divisionen von
Wilhelmshaven die feindliche rechte Flanke, die von den französischen
Panzerschiffen gebildet wurde, anzugreifen. Alles, was auf deutscher
Seite noch irgendwie als Schlachtschiffen in Betracht kommen konnte, war
hier aufgeboten, selbst die »Sachsen«-Klasse glaubte man noch einsetzen
zu dürfen. Nur die kleinen Kreuzer in Cuxhaven und Wilhelmshaven blieben
dort, mit den völlig veralteten und kaum noch für die Hafenverteidigung
in Betracht kommenden Panzerkanonenbooten zurück. Da man es mit einer
zweifachen Übermacht zu tun hatte, stand der Ausgang von vornherein
nicht in Frage.
Im Torpedoraum.
Um 7 Uhr wurde in Wilhelmshaven »Klarschiff« geschlagen. Alle Mann
standen an ihren Posten, gewärtig des Signals, das des Reiches stählerne
Schutzwehren dem Feinde entgegenwerfen sollte. An den Geschoßaufzügen,
in den Türmen und in den Kasematten standen die Posten die Hand an der
Radwelle des Paternosterwerkes, das aus schwarzer Tiefe heraus, aus den
Granat- und Munitionskammern die gewichtigen Projektile nach oben
befördern sollte. Jeder Mechanismus glänzte blank geputzt und war zu der
todbringenden Arbeit gerüstet. Aus dem Maschinenraum dröhnte dumpfes
Stampfen und Zischen herauf, und die gewaltigen Schiffsleiber zerrten
und rüttelten an ihren Stahltrossen, wenn die Schrauben versuchsweise
einige Umdrehungen machten.
Jetzt ein Druck auf den Hebel, dort oben im Kommandoturm, der den Führer
mit einem stählernen Wall gegen feindliches Feuer schützt. Die Trossen
werden losgeworfen, ein schrillender Glockenschlag in der Maschine, das
stille Wasser des Hafenbeckens wirbelt mit schmutzigem Schaum am Heck in
wallenden Strudeln empor. Vorn am Bug erhebt sich eine schwache Welle,
sie teilt sich, rauscht an beiden Seiten zurück in breiten Streifen, und
hinaus lenkt das Panzerschiff aus dem Hafenbecken. Während die Blicke
der am Ufer Zurückbleibenden an der Flagge des Reiches, die stolz von
allen Masten flattert, hängen, und tausend Hände den treuen Männern
einen letzten Gruß zuwinken, tönte vom Lande noch einmal die
begeisternde Weise des Flaggenliedes und donnernde Hurras erschüttern
die Luft. Hinaus geht's mit wehenden Flaggen, hinaus auf die freie
deutsche See, deren grüne Wasser und weißes Schaumgeriesel an den
hellgrauen Panzerwänden der Schiffe klatschend emporlecken.
Ja, wer von dort oben an den Geschützen dem Feinde ins Auge blicken, wer
sich als Herrscher fühlen konnte über die weite See. Das war ein ander
Los, auch für den, der mit seinem letzten Blick noch des Himmels Blau
und den kräftigen Salzhauch der See in sich trinken konnte; hier starb's
sich anders, als dort unten im Dunkel, eingepfercht zwischen Stahlmauern
und unablässig sich drehenden und stampfenden Stahlblöcken, dort unten,
wo man nichts von dem sah, was draußen vorging, wo, wenn das Schiff
sank, alles im Wasserstrudel erstickt wurde.
Der Leutnant Andersen kommandierte in der Steuerbordstorpedokammer des
Panzers »Wörth«. Schweigend standen die kräftigen halbnackten Männer in
dem niedrigen, dunstigen nur von zwei elektrischen Lampen erhellten
Raume. Nur flüsternd unterhielten sich die Leute miteinander und
achteten sorgsam auf jedes Geräusch, gegenwärtig des Augenblickes, der
ihnen das Telegraphenkommando übermittelte, das dem blanken Torpedo in
der Ladekammer den Lauf in die Meeresflut freigeben sollte. Von hinten
aus der Tiefe des Schiffsraumes her tönte das wuchtige Arbeiten und
Hämmern der Maschinen, die mit voller Kraft der Dampfspannung das Schiff
durch die Wogen trieben. In dem Lärm der rhythmisch auf- und
niederarbeitenden Kolbenstangen, des taktmäßig sich hebenden und
senkenden stählernen Gestänges, des zischenden Blasens an den Ventilen
ging die Menschenstimme fast unter.
Öffnete sich die schmale eiserne Tür zum Heizraum, so sah man dort wie
in einen Krater, in dem die nackten vom Kohlenstaub geschwärzten Arme
der Heizer mit scharrenden Schaufeln große Kohlenblöcke in die weiße
Glut der Feuerung hineinwarfen. Es war ein seltsam schauriges Bild,
diese von dem Feuerschein grell beleuchteten Gestalten zwischen den
roten Schlünden der Feuerungen und den schwarzen glänzenden Kohlenhaufen
unermüdlich schaffen zu sehen. In den Ventilatoren rauschte und brauste
der frische Luftstrom, der nach unten geführt, wenigstens einen Zug
Lebensluft in diese Gluthölle hineintrieb.
Noch war man in dem ruhigeren Fahrwasser der Jade, aber jetzt ging's
hinaus. Leutnant Andersen zog seine Uhr: »Wenn wir mit 15 Seemeilen
laufen, so müssen wir jetzt ungefähr am Roten Sand-Leuchtturm sein«. Und
wie eine Antwort auf seine Bemerkung klang jetzt der durchdringende Ton
des Maschinentelegraphen. »Also Volldampf« flüsterte der Leutnant und
wieder standen die schweigenden Männer in dem dumpfen, niedrigen Raum
und horchten auf jeden Ton, der von außen durch die dicken Stahlplatten
zu ihnen hereindrang. Schwerfällig begann das Schiff zu stampfen, man
war auf freier See. Die Wogen warfen ihre Wassermassen rauschend und
polternd gegen die Schiffswand.
Mit den Schiffsbewegungen begann jetzt alles, was lose war, langsam hin
und her zu pendeln, und unwillkürlich machte jeder diese wiegenden
schwebenden Schwingungen mit, auf und nieder. Unter dem Druck dieser
dumpfen Stimmung, von den Schwankungen in gedankenloses Hindämmern
gewiegt, bildete man sinnlose Worte nach dem scharfen Taktschlag der
Maschinen und wiederholte sie immer wieder von neuem nach dem Rhythmus
der Kolbenschläge. Aller Augen hingen schließlich wie an einem
Rettungsanker an einem von der Decke herniederbammelnden Stückchen Tau,
welches mit den Schiffsbewegungen langsam hin und her schwebte. Da
erschütterte ein furchtbarer Krach den ganzen Bau des Schiffes, das
schwingende Tau machte auf halbem Wege Halt und wußte anscheinend nicht
mehr, welchem Rhythmus es sich nun wieder anpassen sollte. »Gott sei
Dank, sagte Leutnant Andersen, wir haben das Feuer eröffnet. Martens
nehmen Sie doch das Tau herunter, das macht einen ja ganz nervös«.
Jetzt dachte jeder daran, wie wohl das Tau dahin gekommen sein mochte.
Ein paar Sekunden wieder nur das dumpfe taktmäßige Stampfen der
Maschinen, und dann brach es oben los wie ein Gewitter, der
Geschützkampf hatte begonnen. Einer der Leute, der zunächst an der
Außenwand des Torpedoraumes stand, prallte plötzlich von ihr zurück,
seinen Nebenmann fast umreißend. Ein krachender Donnerschlag gellte in
den Ohren, die Erschütterung ließ die elektrischen Lampen aufzucken.
Jeder suchte sofort an der weißgestrichenen Wandfläche, ob nicht
irgendwo ein Wasserstrudel hereinbrauste, sie alle wie Mäuse in der
Falle ersäufend.
Nichts erfolgte, oben raste nur der tosende Orkan weiter, und die Wogen
polterten gegen die Schiffswand.
»Herr Leutnant, sagte einer der Mannschaften, dort kommt Wasser«. Und
richtig, durch einen fast unmerklichen Riß oben in der Außenwand perlte
und quoll tropfenweise ein schwaches Gerinnsel in den Torpedoraum
hinein. Eine feindliche Brisanzgranate war vor der »Wörth« ins Wasser
schlagend krepiert. Der Druck der Explosion hatte ein Stück der
stählernen Außenhaut unterhalb des Panzergürtels zwischen einzelnen
Spanten weggedrückt und hatte auch den Doppelboden an einigen Stellen
eingerissen. Das war die Detonation von vorhin gewesen.
Unaufhörlich erbebten die Stahlmassen des Panzers unter den Stößen des
Geschützfeuers und wurden dazwischen von krachend einschlagenden
feindlichen Geschossen erschüttert. Während bisher die Bewegungen des
Schiffes nur ein regelmäßiges Stampfen auf den Wogen gewesen waren, ward
der Schiffskörper jetzt im Gefechte regellos hin und her geworfen und
schleuderte in der Maschine und in dem Torpedoraum die Mannschaften oft
heftig gegen einander. Dann wieder fühlte man sich wie in einem Wirbel
um sich selber gedreht, wenn das Schiff nach links oder rechts eine
rasche Wendung machte.
Stumm standen die Mannschaften im Torpedoraume an dem mattglänzenden
Rohre. Da erschien in Flammenschrift vor ihnen an der Außenwand das
Kommando: Achtung. Ein Seufzer der Erleichterung ringsum. Endlich also.
Die Hand am Hebel, den zweiten Torpedo bereit, daß er sofort dem ersten
in das Lanzierrohr nachgeschoben werden konnte; so vergingen die
Sekunden tropfenweise. Man mußte dicht am Feind sein. »Los!« lautlos
erschien in glühenden Lettern der Befehl auf der Glasscheibe des
Signalapparates. Den Hebel herumgerissen; ein leises metallenes Klappen
und Schnappen im Rohre, ein Gurgeln und Schluchzen von Wasser, das in
die leere Kammerschleuse des Lanzierrohres hineinflutete. Das Geschoß
war fort .... Traf es? ... Kräftige Arme ergriffen den zweiten Torpedo,
er glitt in die dunkle Öffnung des Rohres, und nach ein paar Sekunden
sah alles aus wie vorher. Hatte der Schuß getroffen? Hier nach unten
drang kein Ton, nur oben raste das Donnergetöse weiter und von hinten
her dröhnte das Stöhnen und Stampfen der rastlos arbeitenden Maschinen,
von außen krachten wuchtige Schläge gegen die Schiffswand.
Da ließ ein schmetterndes Krachen alle Pulse stocken, ein
markerschütternder Schrei aus der Maschine, ein nervenbetäubendes
Gepolter zerreißenden Metalls, als ob ungeheuere Eisenblöcke
gegeneinander geschleudert würden; doch das taktmäßige Stampfen und
Schlagen der Maschinen dauert fort.
»Martens, schließen Sie die Tür!« schrie der Leutnant, und knallend fiel
die Tür in ihren stählernen Rahmen. Auf dem Gange draußen verklang das
Wimmern und Schreien sterbender Menschen.
Eine feindliche Granate war in den Kesselraum der »Wörth« gefahren und
hatte zwei Kessel zerschlagen. Der ausströmende Dampf verbrühte die in
der Nähe befindlichen Heizer sofort und drang auch in andere
Schiffsräume, deren Schotttüren nicht geschlossen waren, auch hier noch
mehrere Leute tötend. Die vom Torpedoraum nach dem Gange führende
Eisentür, die eben noch rechtzeitig geschlossen wurde, war in einem
Moment darauf ebenso wie die ganze Wand glühend heiß. Als Martens die
Tür zuwarf, blieben an ihrem Griff bereits Hautfetzen von ihm kleben.
»Herr Leutnant«, sagte er, seine Rechte hinhaltend, »das war hohe Zeit«.
Ohne Aufhören dröhnte das Gebrüll der Schlacht.
Da erloschen plötzlich die Lichter im Torpedoraum, das elektrische Kabel
mußte irgendwo verletzt sein, und nur die beiden Öllampen erhellten den
schwülen, dunstigen Raum mit ihrem rötlichen Lichte. Noch einmal kam das
Kommando, noch ein Torpedo verließ das Rohr, dann warf ein Stoß die
Mannschaft in einem wilden Knäuel durcheinander. In sinnlosem Entsetzen
glaubte jeder jetzt das Wasser hereinbrechen zu sehen, denn das konnte
nur ein Rammstoß gewesen sein. Empfing man ihn, oder rammte man selber?
Die Schwankungen des Schiffes ließen nach ... Keine Schlagseite ... Die
»Wörth« schien unverletzt. Dann wieder eine kreiselnde Bewegung. »Wir
gehen zurück«, sagte der Leutnant, indem er seinen kleinen Taschenkompaß
beobachtete, »natürlich, wir gehen zurück. Voigt, gehen Sie nach oben
und bringen Sie sofort Bescheid, wie die Schlacht steht«. Nur mit Mühe
konnte der Mann die Tür des Torpedoraumes aufstoßen, er mußte mit ihr
einen schweren Körper beiseite schieben, erkannte in dem schwachen
Lichte auf dem Wallgang einen seiner Kameraden, der von dem siedenden
Dampfe verbrüht im letzten Moment noch gehofft hatte, sich in die
Torpedokammer retten zu können. Jetzt lag er, eine Masse gequollenen
Fleisches, draußen an der Tür, die Hand noch an deren Griff. Als Voigt
die Tür wieder schloß, löste sich der Arm des Toten vom Körper. Fünf
Minuten später, stand Voigt wieder vor seinem Leutnant und meldete,
während dicke Tränen über die Wangen des braven Burschen rollten: »Herr
Leutnant, S. M. S. >Wörth< geht auf Wilhelmshaven zurück. Herr
Kapitänleutnant Wehrmann läßt Herrn Leutnant sagen, wir wären vom
Geschwader das letzte Schiff, welches noch auf der Südfront kämpft. Das
Geschwader auf der Elbe ist anscheinend vollkommen vernichtet. Wir
werden vom Feinde hart verfolgt«.
Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. In das Gefühl, doch noch
heil davon zukommen, mischte sich der quälende Schmerz über diesen
Ausgang und eine sinnverwirrende die Kehle dörrende Wut, dem Feinde
ohnmächtig gegenüber zu stehen.
Doch kein Raum zu solchen Gedanken. Eine Ordonnanz erschien: Alle Mann
aus den Torpedoräumen an die Geschütze. Leutnant Andersen führte seine
Leute durch Gänge, auf deren Boden stöhnende Verwundete lagen, über
zerschmetterte Treppen, über blutbeschmierte Planken hinauf in den
hinteren Geschützturm. Sowie die Mannschaften an die frische Luft kamen,
taumelten sie, von einer plötzlichen Schwäche erfaßt, die furchtbaren
Stunden dort unten in dem stickigen Dunst hatten die Nerven auch dieser
frischen Naturmenschen bis zur Erschöpfung gebracht. Aber keine Zeit zur
Schwäche; der Leutnant übernahm das Kommando im hinteren Turm an dem
einzigen noch intakten Geschütz und rasch packten die sehnigen Arme der
Torpedomannschaften die auf der Ladeschale liegende Granate, schoben sie
ins Rohr und entnahmen den Armen eines toten Kanoniers die Kartusche.
S. M. S. »Wörth« nahm mit seinem letzten Heckgeschütz das Feuer gegen
das ihn verfolgende englische Linienschiff »Eduard VII.« wieder auf, mit
einem famosen Treffer in die eine Geschützpforte von dessen vorderen
Turm diesen außer Gefecht setzend. Der Engländer blieb zurück, da er an
der Ruine des Roten Sand-Leuchtturms nicht mehr wagte, in das
gefährliche Fahrwasser der Jade einzulenken. Die »Wörth« traf, mit ihren
Maschinen immer noch zwölf Seemeilen machend, um 6 Uhr wieder an der
Mole von Wilhelmshaven ein, das letzte Schiff des Geschwaders, das am
Morgen Wilhelmshaven verlassen hatte. Die anderen drei Schiffe der
»Brandenburg«-Klasse waren draußen während des Kampfes gesunken. Die in
Brand geratene »Oldenburg« lag in den Watten von Wangeroog. Der
Küstenpanzer »Hildebrand« war von seinem Führer ebenfalls dort auf den
Strand gesetzt und, nachdem er ihn mit den wenigen Überlebenden der
Mannschaft verlassen, gesprengt worden. Das war alles, was von der
deutschen Flotte, die von Süden angegriffen, noch über Wasser zu sehen
war. Die vier Schiffe der »Sachsen«-Klasse hatte die See verschlungen.
Von den zehn Linienschiffen der »Wittelsbach«- und der »Kaiser«-Klasse,
die von der Elbmündung aus angegriffen hatten, war der größte Teil
gesunken. Nur »Schwaben« und »Zähringen« waren noch imstande, Cuxhaven
wieder zu erreichen. »Kaiser Wilhelm II.« saß draußen auf dem
Scharnhörn-Sande. »Wettin« war dadurch zugrunde gegangen, daß ihm ein
feindlicher Torpedoschuß den Boden aufriß. Dadurch wurde der
Masutbehälter beschädigt, sein Inhalt lief in die Feuerungen und aus
allen Decksöffnungen schlugen die Flammen. Kurz darauf erfolgte eine
Explosion, die das Schiff buchstäblich in Stücke riß.
Aber teuer hatte der Feind die Zerstörung der deutschen Flotte erkaufen
müssen: drei französische und fünf englische Panzerschiffe waren
ebenfalls gesunken. Geschütze, Torpedo und Ramme waren auf deutscher
Seite gut bedient und geleitet gewesen. Vier englische und zwei
französische Panzer mußten ferner zur Reparatur die heimischen Häfen
aufsuchen.
Die Zerstörung einiger havarierter feindlicher Schiffe, verdankte man
übrigens der mittags während der Schlacht von Emden ausgelaufenen
deutschen Torpedoflotte, die, 16 Boote stark, sich auf die hinter die
Schlachtlinie geschleppten außer Gefecht gesetzten feindlichen Schiffe
stürzte und von ihnen mehrere nachträglich noch zum Sinken brachte,
wobei sie allerdings sechs ihrer Boote opferte.
Um 4 Uhr war die Schlacht zu Ende, durch ein Signal verständigte man
sich mit dem Feinde. Es wurde eine Waffenruhe bis zum anderen Morgen
festgesetzt, die beiderseits dazu benutzt werden durfte, die auf hoher
See noch treibenden Mannschaften zu retten. Die als Hospitalschiff
ausgerüstete kaiserliche Yacht »Hohenzollern« und ein Seeschlepper der
Hamburg-Amerika-Linie, von Bremen aus zwei Dampfer des Norddeutschen
Lloyd sowie einige Torpedoboote gingen zu diesem Zwecke in See. Als der
Seeschlepper »Hamburg« mit dem ersten Transport von Verwundeten, die von
dem gestrandeten »Kaiser Wilhelm II.« geborgen waren, abends gegen 8 Uhr
im Hamburger Hafen eintraf und an den St. Pauli-Landungsbrücken fest
machte, läuteten die Glocken von allen Türmen Hamburgs und alle Flaggen
sanken auf Halbmast.
* * * * *
Der Tag von Helgoland hatte denen eine furchtbare Lehre gegeben, die
sich einer Vermehrung der deutschen Flotte gegenüber ablehnend verhalten
hatten und die nichts Besseres zu tun wußten, als bis zum Überdruß auf
dem Gott weiß von wem in einem Momente politischen Schwachsinns
konstruierten Satz herumzureiten: Eine kleine, aber gut bemannte und gut
geführte Flotte ist unter Umständen wohl imstande einer größeren
Seemacht gegenüber den Sieg zu erringen. Dieses Dogma politischer
Kaffeeschwestern war vor der Macht der Tatsachen wie ein Rauch im Winde
verflogen. Die Toren, sie hatten aus den verschiedenen Zeitungsmeldungen
über Unfälle auf der britischen Marine frischweg gefolgert: »Ja, ja, auf
der englischen Flotte ist auch nicht alles so wie es sein sollte«. Diese
Marinedilettanten vergaßen einfach die Zahl den Unfälle zu der Zahl der
Schiffe in Beziehung zu setzen, wobei dann die englische Flotte nicht
schlechter abgeschnitten hätte als die deutsche. Aus solchen
Trugschlüssen entstand in der Einbildung dieser Siebengescheiten
schließlich das Bild einer völlig verlotterten britischen Marine, mit
der die deutsche »kleine, aber gut geführte Flotte« gegebenenfalls wohl
fertig werden könnte. Der Stammtischlöwe, der solche Weisheit von sich
gegeben, ging dann heim und zog die Zipfelmütze über seine sehr
beträchtlichen Ohren. Andere legten den Finger nachdenklich an ihre
hochgeehrten Nasen und dozierten: der Burenkrieg hat erwiesen, wie
schlecht die englische Armee ist, da liegt denn doch die Annahme nahe,
daß auf der Marine ... O, wie oft haben wir verzweifelnd solches
Geschwätz hören müssen. Unnötig hinzuzufügen, daß diese
Bierbankpolitiker natürlich nie ein englisches Kriegsschiff oder einen
englischen Soldaten gesehen hatten.