An Bord sah man nur ein paar Leute in grauer Uniform, mit großen

breitrandigen Mützen, ähnlich der Uniform der deutschen

Automobiltruppen. Dem Führer des »Schneewittchen« fiel dies auf. Ohne

daß er sich Rechenschaft über die Richtung seiner Gedanken geben konnte,

änderte er den Kurs und steuerte direkt auf den verdächtigen Dampfer zu.

Auf etwa 50 m Entfernung rief er ihn an, erhielt keine Antwort, rief

nochmals hinüber, wieder keine Antwort. Die finsteren Mienen der grauen

Männer am Bord des Dampfers und ihre abweisende Haltung gegenüber dem

Anruf mußten Argwohn erwecken. Kurz entschlossen hielt der Führer des

»Schneewittchen« direkt auf das andere Fahrzeug zu. Lautlos aber setzte

dieses seinen Weg fort. Es konnte nicht anders sein, das war der Feind.

Da das »Schneewittchen« kein Geschütz an Bord hatte und ihr Führer nicht

über ein einziges Gewehr verfügte, so blieb nur eine Möglichkeit: er

rannte das geheimnisvolle Fahrzeug einfach an. Weit bohrte sich der

scharfe Bug des »Schneewittchen« in den schwarzen Körper des kleinen

Hafendampfers, zwei Minuten und er war mit dem größten Teil seiner

Besatzung unter den Wellen verschwunden. Zwei Engländer wurden in den

Wellen aufgefischt und an Bord des »Schneewittchen« genommen, das jetzt

mit seinem zerdrückten Bug Not hatte, noch die Landungsbrücke von

Bellevue zu erreichen. Die Aussagen der Engländer rechtfertigten die

Vernichtung des verdächtigen Dampfers vollkommen.

Eine englische Automobilabteilung hatte nämlich Neumühlen erreicht und

den dort liegenden kleinen Hafendampfer, der bereits Dampf auf hatte, um

kurz nach 6 Uhr nach Kiel hinüberzufahren, weggenommen. Sie hatte ihre

für die Zerstörung der Holtenauer Kanalschleusen bestimmten Sprengminen

an Bord untergebracht und befand sich bereits auf dem Wege nach der

Kanalmündung, als das Schicksal sie ereilte. Nur durch das entschlossene

Vorgehen des Führers des »Schneewittchen« war eine Katastrophe

verhindert worden, eine Tat, die mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse

belohnt wurde.

Es dauerte mehrere Stunden bis die brennenden Gebäude der Werft gelöscht

waren -- der Materialschaden war, da der Ausrüstungsbestand in den drei

verbrannten Schuppen nicht mehr sehr groß war, nur gering -- und der auf

der Wasserfläche schwimmende Masut sich langsam verzehrt hatte.

Da nunmehr die Kieler Garnison alarmiert war und ein unablässiger Strom

von Truppen über Neumühlen und um die Kieler Föhrde herum über Gaarden

und ferner auf der Bahnlinie nach Rasdorf geführt wurde, war jedem

englischen Angriff nach dieser Richtung vorläufig ein Ziel gesetzt. Ein

solcher war auch gar nicht beabsichtigt gewesen. Der Zweck des

außerordentlich kühnen und mit großem Geschick durchgeführten

Handstreichs der englischen Landungstruppen war mit der Inbrandsetzung

der Werft leider nur zu gut erreicht worden. Die Absichten auf die

Holtenauer Kanalschleusen und auf die Germaniawerft waren durch das

schnelle Eingreifen des »Schneewittchen« und durch die vorzeitige

Explosion des Automobils vor der Marinekaserne glücklicherweise

vereitelt worden.

Aber die Lage war dennoch ernst. Während die englische Panzerflotte,

unter dem Schutz des Regenwetters, näher an die Küste herandampfend, die

Hafenforts mit ihren schweren Geschützen bombardierte, wurde ihr

Vorgehen durch die Operation der Landungsarmee wirksam unterstützt.

Bei dem unsichtigen Wetter hatten die Forts Korügen und Heikendorf

bisher nicht in das Gefecht eingreifen können. Die englischen Schiffe

waren von ihnen aus nur verschwommen erkennbar und wollte man nicht

seine Munition aufs Geratewohl verschwenden, so war einstweilen eine

Zurückhaltung des Feuers geboten. Des Kommandos harrend, standen die

Kanoniere im Fort Korügen an ihren Geschützen, nach dem grauen

Durcheinander am Eingang der Föhrde hinter dem Leuchtturm von

Friedrichsort scharf auslugend, wo das Aufflammen gelber Blitze die

ungefähre Lage des Angreifers erkennen ließ. Die weißen Kasernen von

Friedrichsort brannten seit 7 Uhr, mit ihrem schwälenden Rauch die ganze

Uferlinie verhüllend. Auf der Föhrde lagen die fünf Panzer der

»Braunschweig«-Klasse, sowie die »Deutschland«, gegenwärtig des

Momentes, da ein Vorstoß auf den Feind Erfolg versprach. Leise rieselte

der unablässig fallende Regen herab.

Da platzte plötzlich auf der Traverse zwischen zwei Geschützen im Fort

Korügen ein feindliches Geschoß, die Artilleristen mit Sand und

Grasstücken überschüttend. Dann noch eins und noch mehrere, im inneren

Hofe des Forts. Da die feindlichen Granaten von der See her nicht bis

hierher reichten, mußten diese Schüsse von anderwärts kommen. Eine auf

dem Podest einer Lafette explodierende Granate warf das Geschütz aus ihr

heraus und gegen die Traverse. In die allgemeine Bestürzung über solche

Feuerwirkung eines unsichtbaren Gegners wandten sich alle Blicke nach

rückwärts. Im gleichen Moment erscholl hinter dem Fort kräftiges

Kleingewehrfeuer. In raschem Laufe kamen einige Artilleristen in das

Fort gerannt und riefen: »Die Engländer!« und schon wurden die ersten in

Khaki gekleideten Feinde sichtbar. Schnell entschlossen begegnete der

Kommandant des Forts dieser neuen Gefahr. Er ließ die zur Sicherung nach

der Landseite aufgestellten wenigen Revolvergeschütze und

Maschinengewehre bemannen und in wenigen Minuten setzte deren Feuer ein.

Doch der Kampf war aussichtslos. Die geringe Besatzung des Forts sah

sich einem ungefähr zehnfach überlegenen Feinde gegenüber, der außerdem

durch das Feuer seiner Haubitzbatterien und durch zahlreiche

Maschinengeschütze unterstützt wurde, während die deutsche

Festungsartillerie nach dieser Seite überhaupt nicht gebraucht werden

konnte. Nichtsdestoweniger fand der Feind energischen Widerstand.

Daß man es auf englischer Seite mit einer Elitetruppe zu tun hatte,

zeigte sich, als der Feind von drei Seiten zum Sturme überging und im

Laufschritte das freie Terrain vor dem Fort, das von dem deutschen

Maschinenfeuer mit Geschossen übersät wurde, passierte. Die Sturmkolonne

mochte an 3000 Mann zählen und sie erzwang sich, nachdem mehr als die

Hälfte von ihr gefallen, tatsächlich den Eingang in das Fort, in dem nur

wenige Überlebende noch angetroffen wurden.

Die Engländer schafften sofort ihre Maschinengeschütze und ihre

Haubitzbatterien auf die Wälle und nahmen von hier aus auch die

Heikendorfer Batterie unter Steilfeuer. Es war wirklich der letzte

Moment, daß die Engländer Fort Korügen nehmen konnten. Denn kaum hatten

sie sich darin eingerichtet, so wurden die deutschen Schützenlinien

landwärts sichtbar, die die nach Süden vorgeschobenen englischen Truppen

vor sich hertrieben. Hier jedoch kam die deutsche Verfolgung zum Stehen,

da die in den Erdwällen des Forts eingegrabenen englischen

Schnellfeuergeschütze und Maschinengewehre, die ein rasendes Feuer

begannen, vorläufig Halt geboten. Von Schönberg her, wo die deutsche

Abteilung endlich in einem erbitterten Dorfgefecht überwältigt worden

war, rückten jetzt weitere englische Streitkräfte heran und verstärkten

von Fort Korügen die Stellung nach Osten hin unter Anlehnung an die

kleine Bahnlinie, so daß der Ort Probsteierhagen allmählich zum Zentrum

der englischen Front wurde. Da aber von Süden her immer mehr deutsche

Truppen in das Gefecht eingriffen, wurde der anfängliche

Zahlenunterschied auf beiden Seiten allmählich ausgeglichen.

Es befand sich also der ganze Abschnitt zwischen Fort Korügen,

Probsteierhagen und Lütjenburg, mit Ausnahme des Forts Stosch und

anderer Küstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der Feind

gezwungen, nach einem Gefecht westlich des Selenter Sees und einem

zweiten um Lütjenburg, wohin mit der Bahn von Eutin mehrere Bataillone

geworfen worden waren, dort seine Streitkräfte zurückzunehmen und sich

nach Norden zu konzentrieren. Wenn jetzt das Bombardement der Engländer

einen Erfolg auch an anderer Stelle am Eingang des Kieler Hafens gehabt

hätte, so war Kiel durch einen Vorstoß der englischen Flotte zu nehmen.

Die von englischen Artilleristen bedienten Geschütze im Fort Korügen und

die dort installierten englischen Haubitzen begannen alsbald mit dem

Feuer auf die Hafenforts und die deutschen Linienschiffe, diese konnten

nur schwach erwidern, da man Gefahr lief, in die hinter Korügen

liegenden Schützenlinien der deutschen Infanterie hineinzutreffen, was

auch mehrfach geschah. Nur mit dem Steilfeuer der Mörserbatterien war

unter diesen Umständen Fort Korügen beizukommen. Und dieses wurde denn

auch wirksam eröffnet. Gleichzeitig verließen die fünf Schiffe der

»Braunschweig«-Klasse, geführt von der »Deutschland«, ihren Liegeplatz

und dampften, rechts an der Ruine des Friedrichsorter-Leuchtturms

vorübergehend, auf die Reede hinaus dem Feinde entgegen.

Die Artilleristen in den Hafenforts hatten mit Anspannung aller Kräfte

bisher das feindliche Bombardement erwidert, man war sich jedoch darüber

klar, daß man infolge des unsichtigen Wetters dem Gegner nicht viel

Schaden zugefügt hatte. Selber hatte man freilich auch nicht sehr

gelitten. Noch einmal schwoll der Geschützkampf zu voller Wut an, die

Erde erdröhnte unter dem Gebrüll von Hunderten der schwersten Kaliber.

Seewärts hinter der grauen Regenwand lauerte der übermächtige Feind,

dessen Schiffe jeden Moment aus dem Dunstschleier hervortauchen konnten.

Rechts auf Korügen standen englische Schiffsartilleristen hinter

deutschen Geschützen und die grünen Erdwälle der deutschen Trutzfeste,

über der der Union Jack wie ein nasser Lappen in der feuchten Luft hing,

wurden von deutschen Granaten zerrissen. Eine furchtbare Krisis, die

Männer von Stahl und Herzen von Eisen erforderte.

Jetzt lenkte die »Deutschland«, in den Toppen die Flagge des Reiches,

durch die Lücke in der äußeren Minensperre und in Kiellinie folgten ihr

die fünf Schiffe der »Braunschweig«-Klasse, diesen wieder zwei

Küstenverteidiger. Es waren die einzigen Streitkräfte, über die man in

Kiel verfügte. Denn die von Cuxhaven herbeigerufenen Linienschiffe der

»Kaiser«- und »Wittelsbach«-Klasse konnten erst nach Stunden durch den

Kanal eintreffen. Jetzt maskierte die »Deutschland« das Feuer der Forts

und langsam verstummte ein Geschütz nach dem anderen hinter den

deutschen Bastionen. Eine furchtbare Stille trat auf Minuten ein und nur

von rechts her klapperte taktmäßig das Infanteriefeuer weiter. Nun

dröhnten die Geschütze der deutschen Schiffe und alles verschwand hinter

dem grauen Regenschleier des Aprilmorgens. Es war vom Lande aus

unmöglich dem Gange des Gefechtes zu folgen, unablässig brüllte der

Donner von der See her, und in den Lärm der schweren Geschütze mischte

sich das hellklingende, bellende Schnarren der Maschinengeschütze.

Die Ufer der Kieler Föhrde waren von den Einwohnern der Stadt in

schwarzen Massen umsäumt. Aller Augen starrten nach der Seeseite, wo die

Entscheidung über das Schicksal von Kiel fallen sollte. Langsam sanken

die Flammen der brennenden Werft in sich zusammen. Hier war die Gefahr

gedämpft, aber die aus den Dörfern der Probstei von der Front im

Hauptquartier des IX. Armeekorps einlaufenden telegraphischen und

telephonischen Meldungen, wußten noch von keinen durchschlagenden

Erfolgen. Im Gegenteil, es schien, als ob der Kampf nach anfänglichen

Vorteilen auf deutscher Seite zum Stehen gekommen war, und als ob die

Stärke der englischen Truppen von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs.

Um 11 Uhr ließ der Regen nach, zuweilen brach die Sonne durch und nur

vor der Hafenmündung lagerte eine dicke Dunstwolke. Jetzt löste sich von

diesem grauen Hintergrund ein hellerer breiter Schiffskörper, an der

Mastspitze flatterte träge die Flagge mit dem schwarzen Kreuz. Also ein

deutsches Schiff, noch kein Engländer.

Es war der Küstenpanzer »Odin«, zu einem fast unkenntlichen Wrack

zerschossen, das aus den Stümpfen der über Bord gegangenen Schornsteine

Rauch und Flammen spie. Beim Friedrichsorter Leuchtturm wurde der »Odin«

von einem Seeschlepper ins Tau genommen und durch die Lücke in der

Minensperre hineinbugsiert. Als es diese passierte erschien an dem

vorderen, den einzigen noch stehenden Mast ein Signal; schnell

entziffert, enthielt es die Meldung: »Angriff des Feindes abgeschlagen«.

Weiter nichts. Draußen auf der See erfolgten jetzt ein paar krachende

Explosionen, dann setzte wieder das regelmäßige Gebrüll der schweren

Geschütze ein, das aber jetzt größere Pausen zu machen begann. Einhalb

12 Uhr kroch aus dem wallenden Nebelmassen draußen wiederum ein

zerschossenes Wrack hervor, ohne Masten und Schornstein, es war schwer,

in ihm das einst so stolze Flaggschiff »Deutschland« zu erkennen. Ihm

folgten, mit Schlagseite nach Backbord, der Panzer »Elsaß« und die

verhältnismäßig intakte »Braunschweig«, die drei anderen »Lothringen«,

»Preußen« und »Hessen«, sowie der Küstenpanzer »Aegir« waren vom Feinde

vernichtet worden. Man erwartete mit Bestimmtheit einen neuen Vorstoß

der feindlichen Flotte, doch man wartete vergebens. Als gegen ½1 Uhr der

Dunst sich verzog und die Luft wieder sichtig wurde, lag das britische

Geschwader weit draußen. Es hatte durch das deutsche Feuer so sehr

gelitten, daß es darauf verzichtete, das Bombardement zu erneuern, da

auch inzwischen Fort Korügen von den Deutschen zurückerobert worden war.

Genaueres über die englischen Verluste erfuhr man erst später aus

dänischer Quelle. Zwei englische Panzerschiffe waren gesunken, ferner

war die schwer beschädigte »Remarquable« unweit des Bülker Leuchtturms

auf den Strand gesetzt, um die Überlebenden der Besatzung zu retten. Die

Beschädigungen an anderen Schiffen waren außerdem derart, daß der

englische Admiral es nicht wagte, mit ihnen die Kieler Hafeneinfahrt zu

forzieren, zumal die Zerstörung der Kieler Werft leider zu gut gelungen

und weitere Aufgaben entscheidender Art für die englische Flotte in Kiel

nicht vorhanden waren, die gelöst werden konnten, bevor weitere deutsche

Verstärkungen durch den Kanal eintreffen mußten.

Die englischen Kreuzer, die auf der Höhe der Colberger Heide die

englische Landung beschützt hatten, erhielten nunmehr, nachdem Fort

Korügen wieder in deutschem Besitz war, und es ein Wahnsinn gewesen

wäre, gegen die rapid anwachsenden deutschen Truppenmassen die schwachen

Landpositionen und die paar Dörfer zu halten, die Anweisung, die

Wiedereinschiffung der Truppen zu decken. Doch auch das gelang nicht

vollständig. Von den gelandeten 7000 Engländern lagen 1500 auf dem Felde

vor Fort Korügen. Weitere 2000 waren in den Gefechten am Selenter See,

bei Lütjenburg und in dem erbitterten Straßenkampfe in Probsteierhagen

gefallen, so daß -- da alle Verwundeten selbstverständlich

zurückgelassen werden mußten -- nur 3500 Engländer ihre Transportschiffe

wieder hätten erreichen können. Doch machte ein Vorstoß der deutschen

Truppen von Labö aus an der Küste entlang auch dieses Unternehmern

illusorisch. Mitten unter die englischen Boote und Transportflöße

pfefferte plötzlich die deutsche Artillerie von den Strandhöhen bei

Schönberg hinein, so daß nur etwa 1000 Engländer an Bord ihrer

Transportschiffe, von denen zwei noch durch die Granaten einer deutschen

Haubitzbatterie zum Sinken gebracht wurden, gelangten. 1000 Briten

gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Das war das Ergebnis, als am Abend des 4. April die Sonne sank, und sich

die hellgrauen Leiber der fünf Schiffe der »Kaiser«-Klasse, die am

Nachmittag durch den Kanal auf der Kieler Föhrde eingetroffen waren, bei

Friedrichsort in der grünen Meeresflut spiegelten.

Der Angriff auf Kiel war abgeschlagen und nur die Silhouetten von sechs

englischen Panzerkreuzern zeigten draußen weit auf der Reede, daß der

Feind die Blockade aufrecht erhielt. Mit ungeheueren Opfern war der

Erfolg auf deutscher Seite erkauft worden. Die englische Landung und die

teilweise Zerstörung der Kieler Werftanlagen bewies aber schlagend, wie

recht diejenigen gehabt hatten, die immer eine Befestigung des Kieler

Hafens nach der Landseite für eine unumgänglich notwendige Forderung

gehalten hatten. Unter der Hypnose, der Feind werde auch stets dort

angreifen, wo man zur Verteidigung gerüstet sei, hatte man geglaubt, die

Küste sei durch Signalstationen und schwache Truppenabteilungen genügend

geschützt. Die Konzentrierung größerer Streitkräfte, die man glaubte

schnell nach einem bedrohten Punkte hinwerfen zu können, erwies sich als

nicht ausreichend gegenüber einem feindlichen Handstreich, wie er jetzt

erfolgt war. Die Durchführung dieser englischen Unternehmung verdiente

volle Anerkennung, wenn sie andererseits auch nur das bewiesen hatte,

daß eine Landung und ein rückwärtiger Angriff auf die ungeschützte

Landseite der Kieler Forts nur dann sein Ziel wirklich vollständig

erreicht haben würde, wenn man auf englischer Seite einen

ununterbrochenen Strom von Truppen in die gewonnenen Positionen hätte

lenken können. Dazu reichte aber die Stärke des englischen Landungskorps

nicht aus. Auch haperte es bald mit dem Munitionsersatz.

Nur die unerhörte Tapferkeit auf deutscher Seite und die

Entschlossenheit, selbst unter gänzlicher Aufopferung der eigenen Flotte

die Wucht des feindlichen Angriffes zu brechen, hatte die englische

Offensive rechtzeitig zum Stehen gebracht. Wie man später erfuhr, war

die Offensive des deutschen Panzergeschwaders nur um eine Viertelstunde

einer allgemeinen Angriffsbewegung der Blockadeflotte zuvorgekommen.

Bekanntlich wurden nachher die Versäumnisse in der Verteidigung des

Kieler Hafens sehr bald nachgeholt, und heute ist die gesamte Halbinsel

der Probstei mit in die Befestigung hineinbezogen worden. Die Höhen bei

Schönberg werden jetzt von den grünen Bastionen eines deutschen Forts

gekrönt, das zum Andenken an den braven Verteidiger des Ortes den Namen

Fort Gerstenhauer trägt.

Die Seeschlacht von Helgoland.

Seit dem Bombardement von Cuxhaven beschränkte sich die Tätigkeit der

beiden Flotten in der Nordsee auf ein gegenseitiges Beobachten. Hin und

wieder kam es zu kleinen, ziemlich harmlosen Schießereien zwischen den

auf Vorposten befindlichen Kreuzern, aber etwas Ernstliches schien der

Feind nicht zu beabsichtigen, bis die Hauptmacht der französischen

Panzerflotte und der größte Teil ihrer Panzerkreuzer in der Nordsee sich

mit dem übrigen Geschwader vereinigt hatte. Dieser Zeitpunkt wurde aber

immer weiter hinausgeschoben, da die Werften und Arsenale in Brest und

Cherbourg zu der Ausrüstung der dort liegenden Schiffe sehr viel mehr

Zeit gebrauchten, als man ursprünglich in dem gemeinsamen Angriffsplan

vorgesehen hatte. So mußte die Nordseeflotte darauf verzichten,

gleichzeitig mit dem Angriff auf den Kieler Hafen gegen die Elbmündung

und gegen Wilhelmshaven eine kraftvolle Offensive zu entwickeln, und

beschränkte sich daher auf einen Scheinangriff, der von deutscher Seite

energisch abgewiesen wurde. Das nur zwei Stunden dauernde Feuergefecht

kostete den Franzosen einen größeren Panzerkreuzer. Ein früher

unternommener nächtlicher Versuch, ^à la^ Port Arthur, die Elbmündung

durch Versenkung mehrerer mit Zement beladener alter ausrangierter

englischer Panzerschiffe zu sperren, scheiterte an der Wachsamkeit der

deutschen Kreuzer, die den schwerfälligen Transport der Sperrschiffe in

flaches Wasser trieben, wo sie dann strandeten.

Da es auf der Hand lag, daß die englische Flotte nur auf die Ankunft der

französischen Panzer des Nordseegeschwaders wartete, mußte man auf

deutscher Seite diese Frist benutzen, um dem feindlichen Angriff

zuvorzukommen. Am 15. April abends bei Dunkelwerden verließ die

»Kaiser«-Klasse den Kieler Hafen und ging vom Feinde unbemerkt durch den

Kanal nach Brunsbüttel. Das Fehlen dieser Panzer im Kieler Hafen blieb

am anderen Morgen dem Feinde verborgen. Von der Beobachtungsstation im

Fesselballon, der ständig über der englischen Blockadeflotte schwebte,

konnte man keine Veränderung auf der Föhrde feststellen, da an der

Stelle, wo die fünf Schiffe der »Kaiser«-Klasse gelegen hatten, die

beiden beim Brande der Werft arg beschädigten Küstenpanzer »Hagen« und

»Siegfried« sowie drei Kreuzer der »Gazelle«-Klasse an den Bojen

festgemacht hatten. Auf so große Entfernung war der Unterschied kaum

festzustellen.

In Wilhelmshaven, Bremerhaven, wo zwei Küstenpanzer »Beowulf« und

»Fritjof«, bei den Weserforts stationiert waren, und in Cuxhaven, wo am

16. früh die »Kaiser«-Klasse eintraf, war man über die Absicht

instruiert, womöglich am 16. April -- Ostermontag -- den Feind in ein

Vorpostengefecht vor Cuxhaven zu verwickeln, worauf dann ein

konzentrischer Angriff aus den anderen Häfen erfolgen sollte. Diese

Disposition beruhte auf den Beobachtungen der letzten Wochen. Jedesmal

wenn das in der Elbmündung liegende Panzergeschwader, die vier Schiffe

der »Wittelsbach«-Klasse und »Kaiser Wilhelm II.« (die »Kaiser«-Klasse

lag in Reserve bei Brunsbüttel) ausgelaufen war, um in die Schießereien

zwischen den Vorpostenschiffen einzugreifen, waren die feindlichen

Kreuzer auf das Gros der Blockadeflotte zurückgefallen und sobald die

deutschen Granaten diese erreichten, wich der Feind elastisch zurück und

hielt die deutschen Schlachtschiffe außerhalb des Feuerbereichs seiner

schweren Artillerie. Wollte sich das deutsche Geschwader der feindlichen

Übermacht nicht einfach ausliefern, so blieb ihm nichts weiter übrig,

als stets unverrichteter Dinge in die Elbmündung wieder einzulaufen.

Dieses Spiel hatte sich mehrere Male erneuert, und auf deutscher Seite

machte sich bereits eine dumpfe Wut darüber geltend, daß man den Feind

nicht vor die Klinge bekommen konnte.

Am 16. April lagen zwei französische Panzerkreuzer »Victor Hugo« und

»Amiral Aube« als Wachtschiffe hinter der äußeren Postenkette, halbwegs

zwischen Helgoland und Cuxhaven. Um 5 Uhr morgens lief von Cuxhaven

unser Kreuzer »York« aus, dem Feinde entgegen. Vor ihm wichen die

kleinen englischen Kreuzer und Zerstörer koulissenartig nach beiden

Seiten zurück. Dadurch kam man unbewußt den Absichten des »York«

entgegen, der Befehl hatte, mit den beiden Panzerkreuzern anzubinden.

Die Granaten aus den deutschen 21 cm-Geschützen schlugen bereits

zwischen den beiden Franzosen ein, und diese begannen unter mächtiger

Rauchentwicklung schon ihren Rückzug in der üblichen Weise, als

plötzlich der »Amiral Aube« mittschiffs weiße Dampfwolken ausstoßend

seine Fahrt verlangsamte und dann unbeweglich liegen blieb, mit den

Heckgeschützen das Feuer des »York« hastig aber ohne Erfolg erwidernd.

Es war ein sonniger Frühlingstag, ein frischer Nordwind strich über die

blaugrünen Wellen der Nordsee hin und jagte weiße Schaumstreifen über

die breite Dünung. Endlos dehnte sich die weite wogende Seefläche, auf

der von der Elbmündung aus in der Richtung auf Helgoland nur die beiden

langgestreckten französischen Kreuzer sichtbar waren, mit ihren vier,

paarweise vorne und hinten an den Signalmasten zusammengedrängten

niedrigen Schloten. In der Ferne verrieten noch einige graubraun

gestrichene kleinere englische Kreuzer die Anwesenheit des Feindes in

diesen sonst völlig verödeten Küstengewässern. Ganz hinten an der

Horizontlinie waren die Silhouetten zahlreicher hoher Schiffskörper mit

ihren starren Masten zu erkennen. Über ihnen stiegen jetzt dicke

schwarze Rauchmassen auf; offenbar machte diese Flottenabteilung Dampf

auf. Auf etwa 6000 m hatte der »York« das Gefecht begonnen und von

Cuxhaven aus konnte man erkennen, wie mehrere deutsche Granaten auf den

langen Decks der Franzosen aufschlugen und dort krepierten.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 12 / 21 段