»Wasser«. Der Kamerad konnte nicht weit von mir liegen. Ein paar

Schritte nur, aber ich Krüppel konnte ihn nicht erreichen. Ich griff

nach meiner Feldflasche, sie war bei meinem Sturze heil geblieben. Ich

trank gierig ein paar Züge, dann, meine ganze Willenskraft

zusammennehmend, schloß ich den Stöpsel wieder. »Kamerad,« rief ich,

»hier meine Flasche, ein kleiner Rest ist noch darin«; und ich warf sie

nach der Richtung, von wo gerufen wurde. Ein leise gehauchter Dank wurde

verschlungen von dem Splittern des Gefäßes auf einem Chausseestein. Das

karge Labsal erreichte die dürstende Zunge nicht. Meine Gedanken

wanderten wieder in die Ferne. Ich war zu Hause und sah eine schön

geschliffene Flasche mitten auf einem gedeckten Tisch stehen, Wasser so

viel man wollte, und hier die Besten des Volkes im Straßengraben

verkommend, weil ein neidischer Zufall das letzte Labsal in den Sand

rinnen läßt. Bau--a, bau--a, bau--a bellten die Geschütze weiter und die

Nacht wurde lebendig rings um mich her. Sie erwachten die Stimmen des

Schlachtfeldes, das Klagen und Stöhnen der Verwundeten, der Jammerschrei

der Sterbenden. Flüche und Verwünschungen, englische Worte, flehentliche

Bitten: Wasser, Wasser, und drüben über der Talmulde rotbrauner

Brandrauch über der Stadt, da die Kriegsfurie friedliches Leben

mitleidslos zerstampft hatte. Das Herz erstarrte mir und krampfte sich

zusammen unter dem Gefühl eigner Hilflosigkeit so entsetzlichem Unglück

gegenüber. An seinem Mitleiden ist Gott zu Grunde gegangen, so sagt wohl

jener Philosoph, jener Herrenmensch. Er hat nie verwundet unter

Todwunden auf einem Felde gelegen, wo der unerbittliche Schnitter Tod

die Garben gemäht hat.

Es war eine furchtbare Nacht, einsam unter den Einsamen, allein unter

den Verlassenen. Hin und wieder blickte ein Mondstrahl zwischen den

Wolken hindurch, das schauerliche Bild des Todes mit seinem fahlen

Scheine übergießend. Dann ward es stiller. Rastlos jagten, lautlosen

Reitergeschwadern gleich, zerfetzte Wolken über den Nachthimmel, es ward

kälter, der Morgen nahte. Blasses Dämmerlicht ließ die Umrisse des

Geschützes vor mir auf der Chaussee wieder deutlicher hervortreten. Da

flatterte neben mir aus der Hecke etwas auf. Eine Amsel setzte sich auf

das Korn des Geschützrohres, putzte sich die Flügel und begann ihr

schrilles Morgenliedchen zu pfeifen ....

Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem Saal voll

weißer Betten; ich war im vierten Lazarett von Löwen. Was soll ich Dir

schreiben über den Verlauf der Heilung, die mein Freund, der

Oberstabsarzt Gebhardt für ein Wunder seiner Kunst erklärt. Ich bin ein

Krüppel. Ich sitze hier in der Fliederlaube des Gartens, um mich

blühender Frühling; in vier Wochen darf ich meine Krücke nehmen und

heimkehren, heimkehren zu was? Bescheidene Gemüter werden sagen, ich

darf mich beglückwünschen, daß ich noch so davon gekommen bin, wo die

Blüte unseres Volkes auf dem Schlachtfelde modert. Beglückwünschen dazu,

daß das dankbare Vaterland soweit für mich sorgen wird, daß es mich in

den Stand setzt, eine Drehorgel zu kaufen, mit der ich als dekorierter

Kriegsinvalid hinfort auf der Straße mir mein Brot suchen darf?

Dein Sohn Otto.

Der Union Jack im Kieler Hafen.

Von dem Verbleiben der englischen Truppentransportdampfer hatte man

nichts wieder gehört, seitdem der »Friedrich Karl« einen von ihnen

zerstört hatte. Es hieß -- so wurde wenigstens von der dänischen Küste

gemeldet -- die Mehrzahl der Schiffe liege irgendwo auf hoher See. Da

man nach dem Schicksal Hollands und Belgiens nicht sicher war, ob

England nicht etwa über die Neutralität Dänemarks ebenfalls einfach zur

Tagesordnung übergehen werde, blieb das 9. Armeekorps verstärkt durch

Teile des 10., einstweilen in Schleswig-Holstein stehen und übernahm

zusammen mit dem 2. Korps den Schutz der Ostseeküste, während die

Strecke zwischen Cuxhaven und der Emsmündung durch die 19. Division

(Hannover) verteidigt wurde. Überall an der Küstenlinie waren

Beobachtungsposten verteilt, die durch Telegraphenleitungen

untereinander in Verbindung standen; dazu trat der Dienst auf den

Funkspruchsstationen. So glaubte man sich gegen eine Überraschung

gesichert, zumal auf allen Bahnhöfen Vorbereitungen getroffen waren, um

die hinter der Seefront konzentrierten Truppen sofort nach einem

bedrohten Punkte in Bewegung setzen zu können.

Die englischen Kreuzer, die flinken »Scouts« und zahlreiche Hochseeboote

patrouillierten an den deutschen Küsten, mußten demzufolge von den

vorhandenen Sicherheitsmaßregeln unterrichtet sein, und so durfte man

sich in England kaum der Illusion hingeben, jetzt noch etwas durch eine

Überraschung erreichen zu können. Die jütische Halbinsel war durch einen

starken Truppenriegel von deutscher Seite abgeschlossen und außerdem

verständigte der russische Gesandte in Kopenhagen seinen englischen

Kollegen vertraulich davon, daß Rußland eine Verletzung der Neutralität

Dänemarks als eine unfreundliche Handlung ansehen werde. Nach dieser

Richtung hatte sich der Einfluß der Zarin-Mutter geltend gemacht. Im

Hinblick auf die indische Grenze galt es also für die Londoner

Regierung, hier politisch zu verfahren, um Rußland nicht an den Dreibund

heranzudrängen.

Der monotone Küstenwachtdienst wirkte bald ermüdend auf die Truppen, die

vor Begierde brannten, sich mit dem Feinde zu messen, und hier nichts

weiter zu tun hatten, als Tag für Tag mit dem Teleskop die leere See zu

beobachten und den Horizont nach Rauchwolken ferner Dampfer abzusuchen.

Man wirkte dieser gedrückten Stimmung dadurch entgegen, daß man einen

strammen Garnisonsdienst unterhielt und durch Felddienstübungen und

scharfes Exerzieren den Leuten Beschäftigung gab. Man lag also auf der

Lauer gegenüber einem Feinde, den man kaum sah und von dessen

Anwesenheit nur die Silhouetten der vor Kiel kreuzenden englischen

Flotte und die hier und da auftauchenden englischen Kreuzer Zeugnis

gaben. Gelegentlich bei rauhem Wetter oder wenn Frühjahrsnebel die

Fernsicht hinderte, kamen die englischen Schiffe auch näher heran und

sandten einige Granaten nach den Beobachtungsstationen oder übten ihre

Artilleristen im Schießen nach diesem oder jenem Seebad.

Am Abend des 13. April, es war Karfreitag, schob der auf dem Bungsberge

nordöstlich von Eutin stationierte Posten mißmutig sein Fernrohr

zusammen und gab auf seinem Morseapparat die telegraphische Meldung nach

Kiel: »Vom Feinde nichts sichtbar, die Fernsicht durch Dunst behindert.

Die Meldungen von den beiden Stationen auf Fehmarn lauten ebenso,

seitdem ein großer Kreuzer mit drei Schornsteinen, von Osten kommend,

nachmittags den Fehmarn-Belt in der Richtung auf Kiel passiert hat«.

* * * * *

Als am Morgen des 14. April die Uhr auf dem Lütjenburger Kirchturme die

fünfte Stunde verkündete, raste auf der von Lütjenburg nach Kiel

führenden Chaussee ein blauer Husar im schärfsten Galopp dahin. Die Hufe

seines schweißbedeckten Pferdes schlugen hart auf der Chaussee auf und

in Windeseile wollte der Reiter gerade eine Kurve des Weges nehmen, als

das Pferd sich plötzlich hoch aufbäumte, sich dann überschlug, und den

Reiter in hohem Bogen in den Graben warf, wo er mit gebrochenem Genick

neben einem weißen Kilometerstein regungslos liegen blieb. Das Pferd

kugelte ebenfalls in den Graben und zerhieb mit den zappelnden Beinen

das Buschwerk der Hecke. Rasch sprangen aus dem Knick zwei grau

gekleidete Gestalten, schleiften den toten Reiter durch das

Haselgestrüpp ins Ackerfeld und warfen ihm seine Lanze nach, die

zitternd im weichen Erdreich stecken blieb. Der Husar war durch einen in

Manneshöhe über die Chaussee gespannten Draht zu Fall gebracht worden.

Wenige Minuten darauf trabte von fern her auf schwerfälligem Ackergaul

ein zweiter Reiter heran, ein Bauernbursche. Kaum hatte er das Versteck

der beiden erreicht, so fielen sie ihm in die Zügel. Ein ihm auf die

Brust gesetztes Bajonett brachten den Mann zum Schweigen, er ward

gebunden, der Mund wurde ihm mit einem Tuch verstopft, und, ehe er sich

besann, war er von kräftigen Armen hinter den Knick geschleppt und lag

nun hilflos neben den beiden Leuten, die auch sein Pferd rasch einfingen

und aufs Feld trieben, wo es ruhig zu fressen begann. Wieder war alles

ruhig. Leise unterhielten sich die beiden Grauen in englischer Sprache,

da sauste auf der Chaussee ein Automobil heran, blitzschnell passierte

es den Standpunkt der beiden Posten, die die acht Insassen der Maschine

mit leisem Pfiff begrüßten. Aus der Richtung von Kiel dröhnte bald

darauf ein dumpfer Ton, andere folgten, und nach einer Pause brummte es

von drüben her wie ferner Donner, der den Boden leise erzittern ließ.

Die englische Flotte hatte das Bombardement der Kieler Hafenforts

eröffnet.

Jetzt begann sich der dicke Dunst der Morgenfrühe in einen feinen

rieselnden Regen aufzulösen. Zu gleicher Zeit liefen in Kiel von der

Beobachtungsstation Hessenstein und Bungsberg die Meldungen ein:

Verbindung nach den Küstenstationen unterbrochen, Regenwetter.

Die Verbindungen nach der Küste waren in der Tat unterbrochen worden;

nicht durch einen Zufall, sondern durch feindliche Hände. Die englischen

Transportdampfer hatten am Abend des 13. April noch außer Sicht der

deutschen Küste im Großen Belt gelegen und hatten sobald die Sonne

gesunken war, von dänischen Lotsen geführt, die Fahrt durch den

Langelandbelt zwischen Laaland und Langeland auf die Hohwachter Bucht

angetreten. Sie waren im nächtlichen Dunkel unbemerkt geblieben. Etwa um

11 Uhr abends waren am Strande unweit Hohwacht ungefähr ein Dutzend

Boote gelandet. Die Mannschaften hatten sich lautlos an die beiden hier

am Strand befindlichen kleinen Detachements herangeschlichen -- deren

Stellungen ein paar Tage zuvor ein englischer Zerstörer ausgemacht hatte

-- und hatten zunächst deren rückwärtige telegraphische Verbindung, die

etwa um Mitternacht aufgefunden wurde, zerschnitten und deren Enden an

ihre eigenen mitgeführten Morseapparate angeschlossen. Zwei Patrouillen

am Strande und mehrere einzelne Posten wurden -- ohne daß ein Schuß fiel

-- überwältigt. Um 12 Uhr befanden sich etwa 300 Engländer am Lande,

umstellten die beiden schwachen deutschen Feldwachen und machten die

schlafenden Leute, die nicht mehr zu ihren Gewehren gelangen konnten mit

dem Bajonett nieder. Die Engländer hatten nun eine Strecke von rund 10

km am Strande frei zur Verfügung, wo sich kein deutscher Soldat mehr

befand.

Um durch die Dampfmaschinen an den Ladekrähnen auf den Transportschiffen

keinen Lärm zu verursachen, der in der stillen Nachtluft weit vernehmbar

werden mußte, hatte man die Entladung der Transportdampfer weiter

draußen vollzogen, was bei dem schwachen Seegang keine Schwierigkeiten

machte. Hierbei kamen den Engländern die mächtigen Holzflöße, die

Torpedoboote aus dem Großen Belt hierher geschleppt hatten -- sie

entstammten der Ladung mehrerer gekaperter Holzdampfer -- sehr zu

statten. Draußen auf der See wurden die Truppen auf diesen Flößen

verladen und diese dann durch Torpedoboote in die Nähe der Küste

geschleppt, wo sie durch Ruderboote und durch lange Stangen dem Strande

näher geschoben wurden. Diese Flöße durch die Pinassen der Kriegsschiffe

heranschleppen zu lassen vermied man, um die Landung nicht durch die

heftig ratternden Maschinen der kleinen Dampfboote zu verraten. Um 2 Uhr

nachts standen etwa 2000 Engländer am Strande, und als im Osten das

erste Dämmerlicht des 14. April sichtbar wurde, war ihre Zahl bereits

auf 5000 Mann angewachsen. Gleichzeitig entluden zwei Transportdampfer

ebenfalls auf Flößen die Pferde der Kavallerie und, was das wichtigste

war, zwei Dutzend großer Automobile, die imstande waren je einen

leichten für 30 Mann Raum bietenden Wagen zu ziehen.

Von den Pferden erwies sich allerdings die Mehrzahl, infolge des langen

Aufenthaltes auf hoher See, als wenig brauchbar. Immerhin konnte die

erste Kavalleriepatrouille von 20 Mann bereits um 1 Uhr abrücken, um

zunächst die nach Kiel führende Chaussee zu gewinnen. Vier Automobile

folgten ihnen und um die Zeit des Sonnenaufganges hatten die englischen

Aufklärungstruppen den halben Weg nach Kiel zurückgelegt.

Zwar war die Landung nicht völlig unbemerkt geblieben, in mehreren

Dörfern hatten die Hunde angeschlagen. Jedoch maßen die Dorfbewohner dem

Gebell keine Bedeutung bei, da man an Truppendurchzüge gewöhnt war. Auch

die auf der Chaussee auftauchenden Reiter waren für die an die

Feldarbeit gehenden Bauern keine auffallende Erscheinung. Der wogende

Nebel verhinderte jede Fernsicht und entzog die Vorgänge am Lande den

Blicken der höher gelegenen Beobachtungsstationen auf dem Hessenstein

und auf dem Bungsberge. Zudem hatten die Engländer die Vorsicht benutzt,

den Bauernhöfen und den Dörfern gewissermaßen zunächst die Windseite

abzugewinnen und durch Radfahrerposten zu sichern. Die sich immer weiter

auf Kiel zuschiebenden englischen Vortruppen zerstörten überall

sofort die Telegraphenverbindungen und unterbanden so jede

Nachrichtenübermittelung. Als dann die Automobile mit ihrer

Truppenbesatzung die Fahrt nach Kiel begannen, hatte man dort keine

Ahnung, was sich in der Nacht am Strande ereignet hatte.

* * * * *

Die zweite Abteilung des englischen Landungskorps hatte ihre Landung

etwas weiter nordwestlich bewerkstelligt. Hier hatte man auch drei

Batterien schwerer Haubitzen ausgeschifft. Diese trafen von den

neukonstruierten Automobilprotzen gezogen, gegen 5 Uhr vor der kleinen

Bahnstation Schönberg ein, wo sich rasch ein Gefecht zwischen der die

Besatzung des Dorfes bildenden Kompagnie und der englischen Infanterie

entsponnen hatte. Das waren die ersten Schüsse, die überhaupt fielen.

Die Kompagnie verbarrikadierte sich in den Häusern zu beiden Seiten der

Dorfstraße, ihre Streitkräfte um die Bahnstation konzentrierend. Wollten

die Engländer überhaupt etwas erreichen, so konnte das nur durch ein

überraschendes Auftreten geschehen; von dieser Erwägung geleitet ließen

sie Schönberg rechts liegen und verzichteten überhaupt auf die

ursprünglich geplante Benutzung der Eisenbahnlinie, da das geringe

vorhandene rollende Material auf dem Bahnhofe durch die tapfere kleine

deutsche Truppe verteidigt wurde.

Zwar wurde das Schießen in der Morgenfrühe von Fort Stosch aus gehört.

Man fragte durch Funkspruch hinüber, erhielt jedoch von der bereits in

englischen Händen befindlichen Station in Schönberg keine Antwort und

meldete nun seine Beobachtungen nach Kiel, wo alsbald konstatiert werden

konnte, daß auch die Telegraphenverbindung nach Schönberg zerstört sei.

Der Morseapparat des Bahntelegraphen klapperte seltsame Zeichen

herunter, was man zunächst darauf zurückführte, daß infolge des

Regenwetters irgend eine Nebenleitung auf der Linie entstanden sei. Jene

Antworten aus Schönberg kamen jedoch nicht aus dem Orte selber, sondern

von der durch britische Truppen bereits besetzten Station

Probsteierhagen, wo sich englische Telegraphisten des deutschen

Morsealphabets zu bedienen suchten. Als kurz darauf dann das

Bombardement der Kieler Hafenforts durch die englischen Schiffe

einsetzte, wandte sich die ganze Aufmerksamkeit diesem Kampfe zu.

Der Beginn des Kanonendonners von der See her, der die Fensterscheiben

in der Stadt erklirren ließ, hatte die Bevölkerung Kiels aus dem Schlafe

aufgeschreckt. Gleichzeitig hörten die Bewohner der Kaiserstraße in

Gaarden, dem Stadtteil auf der östlichen Seite des Hafens, die

schmetternden Morgensignale aus der Kaserne der I. Werftdivision

herüberschallen. Als sie an die Fenster eilten, konnten sie nur

konstatieren, daß in der stillen Straße noch nichts zu sehen war, und

außer den Kommandos auf dem Kasernenhofe drüben und dem fernen

Kanonendonner war auch nichts Außergewöhnliches zu hören. Da bogen von

der Preetzer Chaussee her kommend zwei Automobile im raschen Tempo in

die Straße ein, zwischen den Häusern mit ihrem rasselnden Mechanismus

ein hallendes Echo weckend. Auf den beiden Fahrzeugen und den ihnen

angehängten Transportwagen sah man Leute in grauer Uniform, mit Mützen,

die, ähnlich den für die deutschen Automobilabteilungen

gebrauchten, vorn die Zahl 10 zeigten; es war also anscheinend eine

Automobilabteilung des 10. Korps. Unter den verschiedenartigen

Uniformen, die tagtäglich auf den Straßen der Stadt auftauchten, war es

für den Zivilisten ohnehin schwer sich zurecht zu finden und auch die

Marinetruppen hatten oft Mühe, sich alle Farbennuancen der Landtruppen

zu merken.

Die beiden Automobile passierten die Marinekasernen, und der Offizier

auf dem ersten Fahrzeuge grüßte mit lässiger Handbewegung den

strammstehenden Posten vor dem Kasernentor. Etwas verwundert über die

fremdartige Erscheinung auf der Straße verfolgte dieser den Weg der

Automobile, die jetzt in die Norddeutsche Straße einbogen und seinen

Blicken entschwanden. Auch der etwas verschlafene Posten am Eingang der

Werft salutierte und ließ die Fahrzeuge passieren. Diese fuhren in den

Werftbezirk ein und machten seitwärts vor den vier großen Trockendocks

Halt; ihre Insassen sprangen herunter und schleppten einige

kofferähnliche Gegenstände nach der Richtung der Docks, wo ihnen einige

Werftarbeiter ahnungslos Platz machten. Einzelne von den

Automobilfahrern gingen entlang der Kaimauer des Baubassins, wo der

Kreuzer »Amazone« in Reparatur lag und gingen langsam auf das Ende des

Uferdammes zu, wo sich der gewaltige, turmartige Eisentank zur

Aufbewahrung der Masutfeuerung erhebt.

Aus dem Tore der Marinekaserne trat inzwischen eine Abteilung

Marineinfanterie gerade auf die Straße, um nach dem Hafen zur

Landungsbrücke hinunter zu marschieren. Die regennasse Straße lag noch

im tiefsten Frieden, und auf dem blanken Pflaster hallten die Schritte

der Leute, als sie nach Verlassen des Tores Tritt faßten, laut wider.

Die trübe Stimmung des Regenmorgens teilte sich auch den Mannschaften

mit, und verdrossen schoben sie sich vorwärts. Als sie gerade in die

Augustenstraße einbiegen wollten, klapperte von links her ein neues

Automobil mit seinem Anhängewagen heran und wollte vor der Abteilung

noch vorübersteuern. Der führende Leutnant der Marineinfanterie rief dem

Offizier auf dem Automobil zu: »Herr Kamerad, lassen Sie uns erst

vorüber, es geht nach Friedrichsort«. In der Aufregung dieses kritischen

Momentes vergaß sich aber der »Herr Kamerad« und fiel aus der Rolle,

indem er den Maschinisten zurief: »^Go on^«. Ein fragender Blick des

deutschen Offiziers. »Wo wollen Sie hin?« rief er dem Fremden zu. Es

erfolgte keine Antwort. Alles dies entschied sich mit Gedankenschnelle.

Das Automobil brauste heran und einzelne von den Mannschaften auf dem

Anhängewagen nahmen instinktiv die Gewehre hoch. Da ertönte auf

deutscher Seite der Ruf: »Es sind Engländer«. Die Ordnung der Kompagnie

löste sich auf, ein paar Schüsse erklangen, deutsche und englische

Flüche, ein rasches Handgemenge. Das Automobil lag mit zerschossenen

Radreifen seitwärts auf dem Pflaster, mit seinem schnaubenden und

klappernden Mechanismus einen fürchterlichen Lärm machend. Der

Anhängewagen stand quer über die Straße, die Engländer wurden

heruntergezerrt. Einige lagen blutend auf der Straße.

Von den wenigen Überlebenden der Szene wurde dann berichtet: Plötzlich

sei vor ihnen eine weiße Feuergarbe aus dem Straßenpflaster

aufgeschlagen, und als sie wieder zur Besinnung gekommen, hätten sie,

während der Knall der Explosion ihnen noch in den Ohren gellte, vor sich

einen schwarzen trichterförmigen Krater gesehen, die Straße besäet mit

Leichen und zerfetzten Körperteilen. Die nächsten Häuser völlig

demoliert, kein Fenster mehr heil, soweit das Auge reichte. Die

Explosion war dadurch entstanden, daß entweder absichtlich oder

unabsichtlich -- genaues ließ sich nicht mehr feststellen -- die auf dem

Automobil mitgeführte kolossale Ladung von Schießbaumwolle zur

Entzündung gebracht worden war.

Langsam rieselte der feine Aprilregen auf diese Szene der Verwüstung

hernieder, das verspritzte Blut in breiten Bächen in den Straßengossen

mit fortwaschend. Als die 2. Kompagnie im Laufschritt und ohne Ordnung

aus der Kaserne auf die Straße eilte, schlug es vom Uhrturm der

Kaiserlichen Werft gerade 6 Uhr und gleichzeitig tönten von der Werft

her mehrere rasch aufeinanderfolgende Detonationen und hinter ihrem

Gebäudekomplex stiegen an mehreren Stellen schwarze Rauchwolken auf, in

denen dunkle Körper mit in die Luft gerissen wurden. Wüstes Geschrei und

scharfe Kommandoworte folgten. Alles eilte nach der Werft. Dort standen

unweit des Einganges zwischen den langgestreckten Gebäuden die beiden

englischen Automobile, zwischen den Schienengleisen völlig verlassen da.

Die Mannschaften der Automobile hatten die auf den Maschinen

mitgeführten Sprengkörper an und zwischen den Toren zweier Trockendocks

zur Explosion gebracht. Zwischen der Kaimauer des Baubassins und dem

Kreuzer »Amazone« war eine weitere Mine explodiert. Die »Amazone« lag

mit ihren Masten und Schornsteinen schräg auf dem Dache des Schuppens am

Kai, und Zoll um Zoll sank der Schiffskörper, sich langsam von der

Ufermauer abdrängend, ins Wasser ein. Dieses war von einer braunen

opalisierenden Flüssigkeit bedeckt, dem aus dem riesigen Tank ins Wasser

strömenden Masut. In den beiden beschädigten Trockendocks lagen die

Küstenpanzer »Hagen« und »Siegfried«. Beide Fahrzeuge wurden durch den

ins Dock einbrechenden Wasserschwall hin und her und gegen die

Docksmauern gestoßen. Von allen Seiten strömten jetzt die Werftarbeiter

nach der Unglücksstätte zusammen und standen in schwarzen Scharen auf

den Uferkais. Vergebens versuchten einige Werftpolizisten und

Marinebaumeister die Menge zurückzutreiben, ihre Warnung vor der

drohenden Gefahr war umsonst, da nur die ersten Reihen der Arbeiter sie

verstanden, diese aber von den von hinten nachdrängenden immer weiter

vorwärts geschoben wurden.

Wie es gekommen, blieb rätselhaft; plötzlich war die breite Wasserfläche

des Baubassins und das daranstoßende Ausrüstungsbassin ein gelbes zum

Himmel aufwallendes Flammenmeer. Der ausgeflossene Masut war in Brand

geraten. Nur mit Mühe gelang es, einige im Ausrüstungsbassin liegende

Schiffe in den Hafen hinauszubringen. Die »Amazone«, die beiden Kreuzer

»Blitz« und »Pfeil«, sowie zwei größere Torpedoboote lagen in dem

lodernden Feuermeer und waren für jede Hilfe unerreichbar. Nur mit Mühe

bahnte sich an der Stelle, wo die vor Wut fast rasenden Arbeiter und

Soldaten die wenigen überlebenden Engländer buchstäblich in Stücke

traten, die Werftfeuerwehr mit ihren Dampfspritzen den Weg zum Kai, um

unter größter Lebensgefahr die Schuppen und Ausrüstungsgebäude zu

retten. Das Masutbassin, aus dem der Feuerungsstoff durch das von der

Explosion gerissene Loch einem sprudelnden Lavabach gleich hervorquoll,

brannte knatternd und rauschend wie eine qualmende Riesenfackel am

Kopfende der Kaimauern.

In der Stadt Kiel hatte der Kanonendonner und die ungeheueren

Explosionen auf der Werft, die keine Fensterscheibe in Gaarden heil

ließen, alles auf die Straßen gejagt. Von allen Seiten steuerten kleine

Fahrzeuge und Schleppdampfer über den Hafen nach der Gaardener Seite

hinüber. Der ganze Hafen hallte wider von dem gellenden Schreien der

Sirenen und dem dumpfen Heulen der Dampfpfeifen, während von der See her

der Kanonendonner wie ein fernes Gewitter grollte. Daß es sich hier um

einen englischen Angriff handelte, war klar, nur der Feind war den Augen

noch verborgen. Eine fieberhafte Erregung und eine dumpfe Wut machte

sich überall geltend, und die durch den Erfolg des Feindes geschärften

Augen wachten mißtrauisch über jeder fremdartigen Erscheinung.

Der kleine weiße Werftdampfer »Schneewittchen«, der von der Holtenauer

Kanalmündung in voller Fahrt schräg über die Föhrde der brennenden Werft

zueilte, traf mitten im Fahrwasser gegenüber von Bellevue auf einen

kleinen Kieler Vergnügungsdampfer, der allein von allen Fahrzeugen auf

der Wasserfläche in der Richtung nach dem westlichen Ufer fuhr.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 11 / 21 段