Neutralitätserklärung, konnten aber nicht verhindern, daß englische
Kreuzer häufig norwegische Fjorde aufsuchten. Dänemark setzte seine
Armee auf den Kriegsfuß, und versammelte 30000 Mann in Jütland, während
der Rest des Heeres in und um Kopenhagen konzentriert blieb. Es schien
zunächst so, als ob die englische Flotte Esbjerg als Operationsbasis
gegen die deutsche Nordseeküste benutzen wolle. Auf eine kategorische
Erklärung von deutscher Seite, wenn die englischen Schiffe nicht sofort
zum Verlassen Esbjergs veranlaßt würden, so werde Deutschland in Jütland
einrücken, erließ die dänische Regierung einen Protest nach London, der
auch den gewünschten Erfolg hatte. Nicht aus Rücksicht auf Dänemarks
kleines Heer und seine wenigen Küstenpanzer, sondern weil eine
Verletzung der dänischen Neutralität Jütland auf jeden Fall sofort in
deutschen Besitz gebracht hätte. Zwar hätte Kopenhagen ein Stützpunkt
der englischen Flotte werden können. Doch lag der Nachdruck ja nicht auf
einer Landung an der deutschen Küste. Und fuhr man schließlich nicht
ebenso gut mit einer wohlwollenden Neutralität Dänemarks, nach dem alten
Erfahrungssatze: Neutralität ist, wenn man nicht erwischt wird?
* * * * *
Es sei hier gleich der einzigen Gelegenheit gedacht, da die
sozialdemokratische Phrase sich in die Tat umzusetzen versuchte. Nach
der Drohung Bebels im Reichstage hatte man an so etwas wie die
Proklamierung eines Massenstreiks in den Gewerben gedacht, die mittelbar
mit der Mobilmachung zusammenhingen. Nichts davon geschah; der gesunde
Sinn des deutschen Arbeiters war überall stark genug, um den Einfluß
verhetzender Vereinsrednerei zu überwinden. Und als einige gar zu laute
Schreier festgesetzt wurden, brachte man dieser Maßregel volles
Verständnis entgegen. In der Volksseele klangen ernstere Empfindungen
und Stimmungen wider, als daß sie sich über das Schicksal einzelner
Agitatoren hätte aufregen können.
Bekanntlich erfolgte in den ersten Tagen des Krieges ein Vorstoß zweier
französischer Korps ins untere Elsaß, der dort eine ungeheure Panik
erzeugte. Beim Herannahen des Feindes glaubte nun der sozialistische
Magistrat einer Stadt, deren Namen verschwiegen bleiben mag, seine
international-sozialdemokratische Gesinnung dokumentieren zu sollen. Als
eine Abteilung afrikanischer Chasseurs sich der Stadt näherte, zogen
ihnen die Herren vom Magistrat mit roten Fahnen und Schärpen und sonst
allerhand Rotem entgegen, um die »Befreier« willkommen zu heißen. Der
französische Oberst ließ ein halbes Dutzend Ansprachen und die
Arbeitermarseillaise geduldig über sich ergehen und beförderte dann die
ganze Gesellschaft hinter die Front, wo man die aus allen Wolken
fallenden Internationalen zunächst um ihre Unterschrift unter die
Anweisung einer sechsstelligen Summe als Kontribution ersuchte. Und als
sie sich weigerten, steckte man die entgeisterten Volkstribunen einfach
ein und kassierte selber das Geld. Es blieb dies erfreulicherweise der
einzige Fall, in dem unentwegte Genossen ihre Phrasen von
Völkerverbrüderung praktisch zu verwerten suchten. In dem Riesenkampfe,
in dem die Nationen sich eisenklirrend gegenüberstanden, ward die
kümmerliche Treibhauspflanze der Internationalität schnell zu Boden
getreten.
Auf ferner, fremder Aue ....
Jetzt standen sie draußen alle die jugendfrischen Söhne eines fleißigen
Volkes, die ein kurzer Befehl von ihrer Arbeit abgerufen hatte.
Losgelöst von allen Bequemlichkeiten der Kultur standen sie jetzt im
Felde. Leute, die vor zwei Wochen noch das Bewußtsein, einen nicht ganz
tadellosen Kragen zu tragen oder ein Fleck auf dem Vorhemde aus dem
moralischen Gleichgewicht gebracht hätte, verwöhnte Einwohner der
Großstadt, denen bis dahin ein Mittagessen ohne weißes Tischtuch ein
unvollziehbarer Gedanke deuchte, die daheim gewohnt waren nasse Stiefeln
sofort zu wechseln, waren jetzt froh, wenn sie überhaupt einmal dazu
kamen, den durchschwitzten Rock ausziehen, oder ihr Hemd selber in meist
sehr zweifelhaften Gewässern waschen zu können. Nach kurzer Zeit lag
diesem Volksheere die ganze Kulturwelt wie eine blasse Erinnerung, von
der man durch Jahre getrennt war, dahinten. Manche gefielen sich ganz
besonders in der Pose des rauhen ungewaschenen Kriegers. Wenn nur die
furchtbaren Regengüsse nicht gewesen wären. Da man jedoch dem Tode
täglich ins Auge sah, verloren alle kleinen Leiden ihre Bedeutung. Nur
trockene Strümpfe und etwas festes im Magen und im Brotsack, dann ließ
sich die Sache schon ansehen.
Und dies herzzerpressende, die Kehle zuschnürende Angstgefühl, wenn es
zum ersten Mal ins Gefecht ging, wenn man zum ersten Mal auf Menschen
schießen sollte, die einen doch schließlich nichts angingen, die einem
doch nichts getan hatten. Aber solche Empfindungen verstummen, sobald
der Soldat merkt, daß dies doch etwas anderes sei als daheim ein
Manöver, wenn das pfeifende Sausen wie von einer schwippenden Gerte,
wenn die durch einschlagende Kugeln verursachten Sandspritzer den Mann
schleunigst sich decken hießen. Dann fielen die Ersten, und der Anblick
der toten und verwundeten Kameraden entfachte in den andern eine
ingrimmige Wut, eine wilde Gier nach Rache bis dann der Blutgeruch die
Sinne umnebelt und alles andere Empfinden erstickt, nur das Eine: nur an
ihn, nieder mit ihm, der dort drüben immer schießt .....
Bei dem Vormarsch der deutschen Heere durch Belgien blieb die rechte
Flanke nach Norden stets durch starke Truppenmassen gedeckt, die bei
einem zu erwartenden feindlichen Vorstoß von Antwerpen aus, sofort von
rückwärts Verstärkungen heranziehen konnten. Da die Aufgaben der
deutschen Heeresleitung im nordöstlichen Frankreich lagen, verzichtete
man einstweilen auf einen Angriff auf Antwerpen und wartete, bis der
Feind seinerseits vorgehen werde. Der ließ freilich lange auf sich
warten. Es bedurfte erst ernsthafter Vorstellungen von französischer
Seite, bis sich die englische Heeresleitung entschloß, durch eine
Diversion direkt auf die deutsche Etappenlinie den französischen
Verbündeten zu entlasten. Die Schlacht, die Mitte April nördlich von
Löwen an der Dyle stattfand, endete nach anfänglichen englischen
Erfolgen schließlich mit der Zurückwerfung der englisch-belgischen Armee
auf Antwerpen, worauf mit der Belagerung der Festung begonnen wurde. Der
Verlauf der Schlacht wird recht anschaulich geschildert in folgendem
Briefe eines deutschen Reiteroffiziers, der zu Beginn des Kampfes
verwundet wurde. Der Brief lautet:
Lazarett IV, Löwen, am 30. April 1906.
Mein lieber Vater!
Die beiden Telegramme, die Oberstabsarzt Gebhard Dir geschickt hat,
werden Dich einstweilen über mein Schicksal beruhigt haben. Soweit es
einem zum Krüppel geschossenen Offizier überhaupt gut gehen kann, darf
ich mit meiner Lage hier zufrieden sein. Was später aus mir und Euch
werden wird, ist eine Frage an eine Zukunft, über die ich kaum
nachzudenken wage. Wir alle sind durch Familientraditionen gewohnt, dem
Schicksal klar und scharf ins Auge zu sehen und insbesondere ist unser
beiderseitiges Verhältnis ein derartiges, daß wir die üblichen
konventionellen Geheimnisse nicht vor einander haben, und nicht zu haben
brauchen. Deshalb hier endlich ein klares, unretouchiertes und durch
keine Schönfärberei entstelltes Bild dessen, was mir die beiden letzten
Wochen gebracht haben.
Zwischen dem Augenblick, als ich auf dem Sattel meines Pferdes Dir die
letzte Feldpostkarte am Morgen des 18. April mit Bleistift hinkritzelte,
während um mich herum die Trompeten zum Aufsitzen bliesen, und dem
Augenblick, da ich in der Fliederlaube des Lazarettgartens von Löwen
wiederum zur Feder greife, wo um mich der Frühling blüht und duftet,
liegt eine Welt.
Laß mich kurz chronologisch erzählen. Am 18. April morgens rückten wir
und ein Dragoner-Regiment zusammen auf der von Löwen nach Norden
führenden Straße vor. Schweigend ritten wir in den strahlenden
Frühlingsmorgen hinein. Von fern her schallte dumpfer Kanonendonner
herüber. Auf dem Höhenzuge, den die Straße, kurz bevor sie in das Tal
der Dyle hinabsteigt, überschreitet, stand unsere Artillerie. Als wir
gegen 6 Uhr in der kleinen Talsenkung hinter dem Höhenzug in eine
Reservestellung einrückten, hatte der Geschützkampf bereits Stunden
gewährt, ohne daß wir oder der Gegner irgend welche nennenswerte Erfolge
erreicht hätten. Man sagte, daß die kleine Stadt dort unten im Tale der
Dyle fast schon in unserm Händen gewesen war, als General French mit
vier neuen Infanterieregimentern unsere Pioniere und die zwei
Bataillone, die sich in den ersten Häusern eingenistet und
verbarrikadiert hatten, wieder hinaus warf. Seitdem, sagte man, stände
das Gefecht. Unser Oberst ließ unser Regiment neben der Straße Halt
machen und die Leute absitzen. Auf der anderen Seite stand ein
Infanterieregiment, ebenfalls als Reserve. Die Leute saßen im
Straßengraben. Während wir nach dem rasenden Lärm vor und über uns
hinhorchten, wollte kein rechtes Plaudern in Gang kommen. Es ist die
gedrückte Stimmung, die eine Truppe stets befällt, wenn sie den Feind
nicht sehen kann und nur dem Schall der Mordarbeit zu folgen vermag.
Dazu wirkte der Anblick der Verwundetentransporte wie stets
niederdrückend, so daß nicht einmal die berufsmäßigen Witzemacher in der
Kolonne Anklang fanden.
Ich erhielt Befehl, mich oben bei der Artillerie über den Stand der
Schlacht zu orientieren, und ritt von einem Dragoner begleitet die sanft
ansteigende Straße hinan. Es ist eine unvergeßliche Erinnerung für mich,
das wundergewaltige Panorama einmal in meinem Leben gesehen zu haben,
welches der Massenkampf der Völker in ihrem Zusammenprall entrollt. Ich
hielt oben dicht hinter der Kulminationslinie des Hügels zwischen beiden
Artillerieregimentern, die nur durch die Chaussee in ihrer Aufstellung
getrennt wurden. Eine einzige Linie springender gelber Blitze, schwarzer
Rohre, aus denen der Tod dem Feinde entgegen brüllte. Der Boden
aufgewühlt und gepflügt von platzenden Granaten, oben in der Luft die
weißen Dampfballen zerspringender Schrapnells. Gedeckt zwischen den
Chausseebäumen konnte ich das Tal der Dyle überblicken, grüne Fluren, in
denen schwarze Linien die Stellungen unserer Infanterie markierten. Die
Straße senkte sich vor mir bis zu dem Städtchen, um das in früher
Morgenstunde bereits so heiß gestritten war. Jetzt brannte es zur
Hälfte. Die englische Artillerie stand, wie die unsere, gedeckt hinter
den Kuppen der jenseitigen Hügel, war also von hier aus unsichtbar. Über
den langen Schützenlinien, die sich wie Ackerfurchen über das wellige
Terrain zogen, stand ein feiner blauer Dunst; wie leichter Frühnebel
aufsteigt, wenn die Morgensonne die Erde grüßt. Über einem an der
Chaussee hinter unserer Artilleriestellung liegenden Bauernhof flatterte
eine Fahne mit dem roten Genfer Kreuz.
Ich konnte mit meinem Görzglas deutlich verfolgen, wie drüben auf der
Bahnlinie, außerhalb des Bereiches unserer Artillerie von Antwerpen her
Zug um Zug heranrollte, eine lange Wagenreihe hinter der anderen
herkriechend, um einige Kilometer nördlich der Stadt Halt zu machen,
worauf aus ihnen eine wimmelnde Ameisenschar herausquoll. Der Feind
führte anscheinend von seiner Operationsbasis gerade hier nach seinem
linken Flügel hin die größten Truppenmassen. Ich sah die englischen
Bataillone sich formieren, sich in Schützenlinien auflösen und so eine
Ackerfurche neben und hinter der anderen entstehen. In den vorderen
Furchen stiegen graugelbe Rauchwolken auf, und die Ameisen, die von
ihnen zur Seite geschleudert wurden, sie blieben regungslos liegen. Das
klappernde Infanteriegefecht schien zuweilen ganz einschlafen zu wollen,
der Donner der Geschütze blieb das Grundmotiv. Offenbar hatte der Feind
ein größeres Geschützkaliber herangezogen, denn während seine
Granaten und Schrapnells bisher immer nur in und über unseren
Infanteriestellungen explodiert waren, flogen sie jetzt in flachem Bogen
über den Höhenkamm hinweg, diesseits berstend in die dichten Kolonnen
unserer Reserven versinkend. Es entstand ein Schwanken, eine
wellenförmige Bewegung nach links und rechts, dann fluteten die dunklen
Abteilungen zurück, man zog die Reserven aus der Feuerlinie, um sie
nicht zwecklos abschlachten zu lassen.
Ich konnte mich von dem seltsam fesselnden Bilde nicht losreißen, und
hatte, mit dem Glase den Bewegungen der feindlichen Schützenlinien
folgend nicht darauf geachtet, daß in der Batterie links neben mir das
Feuer nachzulassen begann. Zwei Rohre waren unbrauchbar geworden und an
den anderen vier Geschützen lagen die Bedienungsmannschaften fast alle
in einem wüsten Knäuel um die Lafetten. Schrapnell auf Schrapnell
platzte über der dezimierten Batterie und eine Granate um die andere
wühlte den Boden zwischen den Kanonen auf. Die Leitung des feindlichen
Feuers wurde offenbar vom Ballon aus, von dem man unsere Stellungen
einsehen konnte, dirigiert. Gerade als ich den Fesselballon mit dem
Glase ins Auge faßte, fühlte ich den Boden unter mit erzittern.
Unmittelbar neben mir stieg eine gelbe Dampfwolke auf, mein Pferd ward
nach links hinüber geschleudert. Der Krach des explodierenden Geschosses
machte mich fast taub. Ich lag hilflos unter dem Pferd und griff mit der
rechten Hand in eine ekelhafte, schmierige, warme Masse. Ein Stück der
Granate hatte meinem Pferd den Bauch aufgerissen. Ich sah, wie der
Dragoner vom Pferd sprang, fühlte mich von seinen Armen emporgehoben und
nach dem Grabenrande hingeschleift. Ich blickte zurück auf den Körper
meines treuen Tieres, das mich ein paar Sekunden vorher noch getragen
und wie sich in solchen entsetzlichen Momenten das ganze Seelenleben auf
den Bruchteil einer Sekunde konzentriert, man im Augenblick Stunden
erlebt und scheinbar Gleichgültiges mit aller Schärfe beobachtet, sah
ich mitten auf der blutigen Masse einen Stiefel liegen. Ich packte den
Dragoner am Arm und deutete dorthin. »Herr Leutnant,« sagte er, »der
Stiefel nützt Ihnen nischt mehr«. Ich verstand das nicht.
Einige Minuten -- es kann auch länger gewesen sein -- muß ich bewußtlos
geworden sein. Als ich die Augen wieder aufschlug, stand ein junger,
blonder Militärarzt mit einem Schmiß über der Backe neben mir. Mein
Dragoner bettete mich, so gut er's vermochte, in die Lücke einer Hecke,
am Grabenrande. Was ist's, fragte ich den Arzt. »Herr Leutnant, die
Hauptsache ist, daß wir die Blutung zum Stehen bekommen«. Ich fühlte,
wie er mit einem scharfen Instrument in meinem rechten Bein herumbohrte,
ein rasender Schmerz durchzuckte mich. »Bin ich schwer verwundet«,
fragte ich. »Der rechte Oberschenkel ist glatt durchschlagen«. Jetzt
dämmerte es in mir auf, was es mit dem Stiefel auf sich hatte; ich war
ein Krüppel. Was weiter in den nächsten Stunden geschehen ist, weiß ich
nicht, nur der furchtbare Schmerz an meiner rechten Seite ließ mich
zuweilen aus dem Dämmerzustand erwachen. Das Rasen und Dröhnen der
Schlacht ging um mich weiter, einmal als ich erwachte, stand die Sonne
hoch am Himmel, Mittag also. Auf der Chaussee, an deren Rand ich
ziemlich versteckt in der Hecke lag, hörte ich das Schüttern und Rasseln
von Fahrzeugen, das allmählich schwächer wurde. Von unserer Artillerie
sah ich nichts mehr. Nur die weiße Flagge mit dem roten Kreuz flatterte
noch über dem Giebel des Bauernhauses. Aber was sie bewegte, war nicht
der Wind, es waren die Flammen, die aus dem Dache des Hauses
hervorzüngelten. Die Ambulanz brannte. Gellendes Geschrei drang aus dem
Erdgeschoß des Hauses und aus dem raucherfüllten Garten davor.
Zwei Ordonnanzen rasten an mir vorüber und verschwanden in der Senkung
der Straße, die Hufe ihrer Pferde klapperten auf der Chaussee. Dann kam
eine Kompagnie im Laufschritt aus dem Tal der Dyle herauf, warf sich
dicht neben mir zu beiden Seiten der Straße nieder und das furchtbare,
rollende Prasseln des Kleingewehrfeuers benahm mir wieder die Sinne.
Halb bewußtlos glaubte ich noch zu hören, wie größere Menschenmassen an
mit vorüberwogten, ich hörte fluchen und schimpfen. Dann ward's wieder
stiller, und neben mir sagte eine Stimme: »die Khakis kommen«. Der Trieb
der Selbsterhaltung ließ mich meine Schmerzen überwinden, ich fragte
nach der Richtung hin, wo ich die Stimme gehört hatte: »Werden wir
geschlagen«? Ich erhielt keine Antwort.
Auf der Chaussee schleppte sich mühsam ein verwundeter Infanterist, sein
Gewehr als Stock benutzend, fort, nach der Richtung wo unsere
Schützenlinie verschwunden war. Ich rief ihn an, er sagte: »Wir sind
zurückgeschlagen«, und setzte sich auf den Grabenrand neben mir. So
warteten wir beide in dumpfem Schweigen, während ein beklemmender
Schmerz vor dem Grauenvollen, was nun kommen würde, meine Brust
zusammenpreßte, auf das Erscheinen des Feindes. Hinten prasselte und
knatterte das Feuer in den Dachsparren des Ambulanzhauses, davor hielt
ein Wagen mit der Genfer Flagge, in dem man einige Verwundete
fortzuschaffen suchte. Mitten auf der Straße stand ein graubärtiger
Stabsarzt, schwenkte in der Hand ein großes weißes Tuch und beobachtete
durch ein Glas das Terrain vor ihm. Ich suchte ihn anzurufen, doch er
schüttelte den Kopf, winkte weiter mit dem Tuch, und deutete mit seinem
Krimstecher nach vorn. Jetzt hörte ich ein englisches Kommando und sah
im Laufschritt über die Felder lange Linien heranlaufender Menschen in
graugelber Uniform. Vor dem Kamm des Hügels warfen sie sich nieder, sich
zwischen Hecken und in den von den Granaten gerissenen Löchern
einnistend und die Tornister unserer gefallenen Mannschaften als Deckung
benutzend. Während das taktmäßige Klappern der Gewehrschlösser und der
scharfe Knall der Schüsse anwuchs wie zu einem orkanartigen Hagelwetter,
wenn es auf ein Blechdach herniederschlägt, hörte ich auf der Chaussee
das Rasseln und Stoßen einer heranfahrenden Batterie.
Rings um mich und in die Reihen der Khakis schlugen pfeifende Geschosse
ein und stäubten Sand und Kiesel auf. Jetzt war sie heran, die erste
englische Batterie, das vorderste Geschütz nur noch mit vier Pferden
bespannt. In das Gespann des zweiten Geschützes schlug eine Granate,
wirbelte die Pferdeleiber durcheinander, riß blutige Fetzen von den
Reitern und warf die Protze quer über die Chaussee, das Geschütz in den
Straßengraben dicht neben mir schleudernd. Ein Khakileutnant sprang vom
Pferd, brüllte die Mannschaften an und zwang sie unter einer Flut von
Schimpfworten die Kanone hinter mir in den Acker zu schleppen. Dicht an
meinem Kopfe fühlte ich die in der weichen Erde wühlenden schweren
Tritte der englischen Kanoniere. Dann ein schnappender Ton von Metall,
»^fire^«! tönte das Kommando, ein Feuerstrahl schoß an mir vorbei durch
die Luft, die englische Artillerie hatte den Kampf aufgenommen.
Das beginnende Wundfieber muß während der nächsten Stunden meine Sinne
betäubt haben. Als ich wieder erwachte, war es Abend. Wie ich später
erfuhr, hatte die Schlacht folgende Wendung genommen: Vor der
übermächtigen englischen Artillerie, die ungefähr über das Doppelte an
Geschützen verfügte wie unsere Artillerie hier auf dem rechten Flügel,
hatten wir zunächst zurückweichen müssen. Nachmittags hatte nach
Heranziehung von Reserven unsere Vorwärtsbewegung dann von neuem
begonnen, und am Abend waren die verlassenen Positionen wieder in
unseren Händen, der Feind trat den Rückzug über die Dyle in der Richtung
auf Antwerpen an. Der Tag war unser, aber unter welchen Opfern. Es war,
wie gesagt, Abend, als ich erwachte. Rings um mich tiefe Stille, die
Schlacht hatte sich weit hinüber über die Dyle gezogen. Neben mir stand
noch das englische Geschütz, über der Lafette lagen zwei tote Kanoniere,
den Kopf in der Todesstarre krampfhaft nach oben gebogen. Selbst meine
durch die Schrecknisse der letzten Wochen gestählten Nerven vertrugen
diesen Anblick nicht. Wie vier feurige Kohlen glotzten mich die
gebrochenen Augen der Toten, in denen sich die brandrote Farbe des
Abendhimmels widerspiegelte, an. Um das nicht sehen zu müssen, kroch ich
unter fürchterlichen Schmerzen ein paar Schritte fort. Mitten auf der
Chaussee stand ein zweites englisches Geschütz. Auch verlassen, auch von
einer stummen Totenwache umlagert; jener Leutnant, der am Mittag das
umgeworfene Geschütz ins Feuer geführt hatte, lehnte am Rade der
Lafette. Die rechte Hand hielt noch den Krimstecher, den Kopf hatte eine
Granate fortgerissen. Die Protze dahinter auf der Chaussee war in den
Graben geschleudert, ihre Deichsel starrte wie ein Galgen in die Luft,
den Kopf des einen Pferdes wie mit dem Strick eines Henkers in die Luft
zerrend. Das Dämmerlicht leuchtete gerade genug, um mit all dies
Gräßliche noch einmal zu zeigen; dann ward das Licht schwächer, die
Sonne sank. Über den leise verschwimmenden Konturen des Hügels schauten
nur die langen Schutzschilde zu beiden Seiten eines dritten
Geschützrohres, welches mitten im Ackerfelde stand, starr empor. Ich
erkannte daran, daß es Ehrhardtsche Geschütze, Geschütze deutscher
Herkunft aus der Zeit des Burenkrieges gewesen waren, mit denen der
Feind von hier aus in die Kolonnen unserer braven Truppen
hineingepfeffert hatte.
Und die Nacht senkte sich hernieder. Ganz von fern dröhnte der
Geschützkampf nach, langsam abflauend und dann wieder anschwellend.
Stunde um Stunde verrann. Zuweilen muß ich wieder in Fieberphantasien
verfallen sein. Ich weiß noch, daß ich träumte, ich wäre auf einer
nächtlichen Wanderung, ich wanderte auf der Landstraße drunten in
Württemberg, mitten durch den schweigenden Wald, durch die Stille der
Nacht, die keine Stille ist, in der hundert Stimmen lebendig werden, die
uns das Geräusch des Tages überhören läßt. Und ich wanderte und
wanderte, und wunderte mich darüber, daß mein rechtes Bein schmerzte und
ich trat hinaus aus dem Wald und sah hinüber auf das Dorf unten im
Talgrund. Es lag eine Stimmung über dem Ganzen wie in dem alten, frommen
Lied von Paul Gerhardt: »Nun ruhen alle Wälder«, und in diese Elegie
hinein platzte plötzlich eine Stimme von ganz fern her, ein Hund schlug
an bau--a, bau--a, bau--a, so klang es plötzlich ganz weit von fern
irgendwo her bau--a, bau--a, bau--a, und immer wieder nur der eine Hund
und er bellte unablässig und immer lauter. Er schrie und rasselte an der
Kette, da fingen noch andere Hunde an, das ganze Dorf war voller Hunde,
wütend bellten und kläfften sie und die Stille der Nacht verschwand, und
es schrie irgend jemand nach Wasser und die Hunde bellten lauter und sie
wuchsen und wurden größer, wurden zu riesengroßen Ungeheuern und sie
zerrten an ihren Ketten. Dazwischen immer wieder der eine Ruf »Wasser«.
Da erwachte ich. Von fern her dröhnten die Geschütze noch immer, bau--a,
bau--a, bau--a bellten sie und schrien wie die Kriegshunde, mit denen
der Donnergott über den Wald dahin fährt, während die sturmgepeitschten
Wipfel unter ihm rauschend aneinander schlagen.