gleicher Zeit, da die englische Flotte vor Neapel und Tarent erschien,
um dem in Rom überreichten Ultimatum den nötigen Nachdruck zu verleihen,
sollte die französische Flotte mit imponierenden Streitkräften, d. h.
unter Aufbietung sämtlicher in Toulon gefechtsbereiter Panzerschiffe,
auf der Höhe von Spezzia eintreffen. Jedoch hielten die Franzosen dieses
Programm nicht ein, da Havarien auf verschiedenen Schiffen die
Marschgeschwindigkeit ihres Geschwaders erheblich herabgesetzt hatte.
Dieses, bestehend aus den sieben Linienschiffen: »Suffren«, »Jena«,
»Hoche«, »Neptune«, »Henri IV.«, »Massena« und »Brennus«, sowie den
Panzerkreuzern: »Gambetta«, »Gloire«, »Montcalm« und »Chancy« -- also
den wahrscheinlich in Spezzia zu erwartenden und voraussichtlich noch in
der Ausrüstung begriffenen Schiffen überlegen -- hatte zwar am Mittag
des 19. März die Reede von Toulon verlassen, unterwegs aber versagten
die Maschinen des »Brennus« und auf dem »Neptune« brach die
Steuerbord-Schraubenwelle. Unfälle, die, wollte man das Geschwader nicht
um zwei wertvolle Einheiten schwächen, zu einem längeren Halt auf hoher
See zwangen, bis der Schaden auf dem »Neptune« leidlich repariert war.
Die Maschinenhavarie auf dem »Brennus« stellte sich allerdings als so
erheblich heraus, -- acht Bellevillekessel leckten hoffnungslos -- daß
der Panzer nach Toulon zurückkehren mußte. Zu der Zeit, da die
Entscheidung über Krieg und Frieden schon gefallen war, befand sich die
französische Flotte erst halbwegs zwischen Toulon und Spezzia; das aber
wurde verhängnisvoll.
Die italienische Regierung hatte hier im Norden schneller ihre Maßregeln
getroffen, als vor Neapel. Der in Genua liegende Panzerkreuzer »Carlo
Alberto« ergänzte dort Kohlen und Munition und ging am 18. März morgens
um 10 Uhr mit vier Torpedobooten in See, mit der Funkspruchsstation
Genua ständig in Verbindung bleibend und durch sie auch über den
Ausbruch des Krieges unterrichtet. Nachmittags um 3 Uhr meldete der
französische Kreuzer »Chancy«, daß er unverständliche Funksprüche
erhalte, was die Annahme nahelegte, daß diese von italienischer Seite
stammten. Um diese Zeit setzte die französische Flotte nach dem oben
erwähnten Aufenthalt ihren Marsch auf Spezzia fort, während, wie gesagt,
der Panzer »Brennus« langsam nach Toulon zurückdampfte. Als er sich auf
der Höhe der Hyères-Inseln befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr
plötzlich, fast gleichzeitig an Steuerbord und Backbord, am
Hinterschiffe zwei furchtbare Detonationen, die das Hinterdeck des
Schiffes unter einem Wassersturz begruben: Ein überraschender Angriff
der von Genua ausgelaufenen italienischen Torpedoboote, der den Erfolg
hatte, daß der »Brennus« nach kaum 20 Minuten sank.
Fast um dieselbe Zeit fand südlich von Genua ein anderes Gefecht statt,
welches ein ebenso schnelles Ende nahm. Der nach Norden zu sichernde
französische Panzerkreuzer »Chancy« erhielt zwei schnell
aufeinanderfolgende Torpedoschüsse, und wenn er auch das feindliche
Torpedoboot anscheinend in der Dunkelheit überrannt hatte, -- man hörte
nie wieder etwas von dem Fahrzeuge -- so war doch das Schiff nicht zu
retten. Die Torpedos hatten 20 m von einander mittschiffs auftreffend
fast ein Drittel der Schiffswand zerrissen. Das Wasser stürzte in die
Maschinen, sofort die Feuer löschend, so daß jede Rettungsarbeit
unmöglich wurde. Der »Chancy« kenterte und sank so rasch, daß kaum 40
Mann von seiner Besatzung sich in den Booten retteten, die zwei Tage
darauf vor Genua eintrafen. Das waren zwei empfindliche Verluste noch
vor Beginn des Kampfes.
Die französische Flotte traf um Mitternacht des 20. März vor Spezzia
ein. Der alsbald unternommene Versuch von zehn Torpedobooten, in den
Hafen einzudringen, scheiterte an der Wachsamkeit der Italiener. In
Spezzia war man insofern in einer günstigeren Lage, als man volle 24
Stunden Zeit hatte, die Ausrüstung des im Hafen liegenden Geschwaders zu
vollenden, und als im Morgengrauen des 21. März die französische Flotte
den Kampf mit den Küstenbatterien begann, fand sie einen wohlgerüsteten
Feind. Da von den Franzosen das Linienschiff »Suffren« allein einen
Oberdeckspanzer trug und somit gegen das Feuer aus den italienischen
Mörserbatterien leidlich geschützt war, so legte es sich näher an die
Küste und nahm mit seinen schweren Geschützen den Hafen und die Arsenale
unter ein gleich anfangs sehr wirksames Feuer, während die übrigen
französischen Schiffe weiter auf der Reede zurückblieben.
Die leidige Jahrhunderte alte Gewohnheit der Franzosen, ihr
Schiffsmaterial zu ängstlich zu schonen, machte sich hier verhängnisvoll
geltend. Anstatt alle Kräfte an den ersten Offensivstoß zu setzen --
eine jede Stunde des Zögerns zählte auf seiten der Italiener, da sie der
Ausrüstung und Gefechtsklarmachung ihrer Schiffe zu gute kam -- ließen
sie zunächst fast allein den »Suffren« das Bombardement weiterführen.
Etwa um 9 Uhr erhielt man von Süden her von einem englischen Kreuzer die
Funkspruchmeldung von dem Siege vor Neapel. Als dieser auf der
französischen Flotte bekannt wurde, erregte er großen Enthusiasmus und
der französische Admiral beschloß jetzt die Hafeneinfahrt von Spezzia zu
forcieren, indem er Unterseeboote voranschickte, um die Minensperre zu
zerstören. Während sich nun die französischen Linienschiffe formierten,
erfolgte durch das Versagen des Rudermechanismus auf dem »Henri IV.« ein
an sich belangloser Zusammenstoß zwischen diesem und der »Jena«. Jedoch
entstand eine momentane Unordnung in den französischen Reihen. In diesem
Augenblick erschien die italienische Flotte in der weiten Hafeneinfahrt
von Spezzia. Die sechs Linienschiffe »Regina Margarita«, »Benedetto
Brin«, »Emmanuel Filiberto« (sein Schwesterschiff »Admiral di St. Bon«
lag in Reparatur im Dock), »Sardegna«, »Sicilia« und »Umberto« gingen
unter Volldampf dem Feinde entgegen. Gleich in den ersten Minuten des
Kampfes erhielt der dem Feinde die verhängnisvolle Breitseite bietende
»Henri IV.« vier Treffer mittschiffs, die seine Mittelartillerie an
dieser Seite außer Gefecht setzte. Außerdem mußte ein Treffer unter den
Kommandoturm dessen Signalleitungen zerstört haben, denn das Schiff
verharrte ruhig in seiner gefährlichen Lage. Da brauste unter voller
Maschinenkraft die »Sardegna« heran. Doch plötzlich hob sich deren Bug
mit dem Rammsporn hoch aus dem Wasser. Dann tauchte die »Sardegna« mit
dem Vorschiff tief in die Wellen ein und setzte hierauf, wie eine Ente
das übergekommene Sturzwasser abschüttelnd, ihren Weg fort.[3]
Wenige Minuten später grub sich der Sporn der »Sardegna« in die
Backbordseite des »Henri IV.« ein. Dieser legte sich unter der Wucht des
Stoßes nach Steuerbord über, und als die »Sardegna« sich wieder frei
gemacht hatte, schwankte er zurück, tauchte die Backbordreeling tief in
die Wellen, einen Moment stand das Deck senkrecht zu den Wogen, die
schweren Signalmasten klatschten auf das hoch aufspritzende Wasser; eine
dumpfe Detonation erfolgte. Der »Henri IV.« kenterte und lag kurze Zeit
kieloben, während die Schrauben das Wasser peitschten. Dann versank der
schwere Schiffskörper in den Wellen, die ganze Besatzung, auch die, die
sich in den letzten Minuten auf seinen Rumpf gerettet hatte, und auf der
rotgestrichenen Metallmasse des Unterschiffes wie hilflose Ameisen
herumkrochen, mit sich in die Tiefe reißend.
Die Schlacht dauerte kaum eine Stunde. Über ihren Verlauf wissen die
Augenzeugen die widersprechendsten Aussagen zu machen. Die Ereignisse
folgten sich so schnell, daß menschliche Sinne der sich jagenden
entsetzlichen Eindrücke kaum Herr zu werden vermochten. Als am
Vordermast des französischen Admiralsschiffes das Signal erschien
»Sammeln und nach Toulon zurückkehren«, (das Signal wurde nicht mehr von
allen Schiffen verstanden, da der Signalmast wenige Sekunden darauf
seitwärts über Bord stürzte) waren nur drei französische Panzer noch
leidlich imstande den Befehl auszuführen. »Henri IV.« und »Hoche« waren
gesunken, »Neptune«, von mehreren Torpedoschüssen getroffen, war, um die
Besatzung zu retten, auf die Küste losgefahren und war unweit des
Hafeneinganges langsam, das Vorschiff voran, untergegangen. In seinem
turmartigen Signalmast, in dem sich schreckliche Szenen der
Verzweifelung zwischen den nach oben enternden Mannschaften abgespielt
hatten, hatte sich ein Teil der Besatzung gerettet; andere wurden von
italienischen Zerstörern und Minenbooten aufgefischt.
[Fußnote 3: Die Besatzung der »Sardegna« erzählte später, man habe auf
den »Henri IV.« zusteuernd einen gewaltigen Stoß gespürt, der alle an
Bord Befindlichen zu Boden warf. Man glaubte zunächst einen Torpedoschuß
erhalten zu haben. Da aber nichts weiter erfolgte, alle wasserdichten
Abteilungen meldeten, daß das Schiff intakt sei und nur das
Kollisionsschott etwas Wasser zog, so konnte man sich den Vorfall nicht
erklären. Erst viel später stellte sich heraus, daß die »Sardegna« auf
eines der französischen Unterseeboote gestoßen sein mußte.]
Den Rückzug der schwer havarierten drei Panzer »Suffren«, »Jena« und
»Massena« deckten die jetzt in den Kampf eingreifenden Panzerkreuzer.
Doch wurde der »Gambetta« nach einer halben Stunde so zugerichtet, daß
er, nach einem vergeblichen Versuch, nach Süden zu entkommen, nur noch
zwischen Übergabe oder Vernichtung zu wählen hatte. Er hißte die weiße
Flagge. Die »Gloire« opferte sich vergebens gegenüber den italienischen
Panzern auf.
Nur dadurch, daß die italienischen Schiffe selber sehr stark gelitten
hatten und im Hinblick auf die möglicherweise von Süden zur Hilfe
eilende englische Flotte sich nicht zu weit von Spezzia entfernen
wollten, wurde es möglich, daß die arg zusammengeschossene »Jena« und
der »Suffren«, der nur noch einem rauchenden Wrack glich, nach Toulon
entkamen, während der »Massena« in den Händen des siegreichen Feindes
blieb.
Am 23. März liefen die Trümmer der französischen Flotte, zwei fast
gefechtsunfähige Panzerschiffe, fünf intakte Torpedoboote und fast alle
kleinen Kreuzer, die sich an der Schlacht nicht beteiligt hatten, in
Toulon wieder ein. Der Eindruck dieser Niederlage war ungeheuer. Er
führte in Toulon zu einer Arbeiterrevolte. Dieselbe Stimmung teilte sich
auch der Bevölkerung von Marseille mit, deren sozialistischer Stadtrat
in einer phrasenreichen Entrüstungskundgebung der Regierung, die sich
leichtsinnig in diesen Krieg gestürzt habe, die Verantwortung für das
nationale Unglück aufbürdete. Die ersten Schüsse, die französische
Truppen in dem Feldzuge an der Südgrenze abgaben, waren auf die eigenen
Landsleute gerichtet, die das Arsenal von Toulon stürmten und mehrere
Marineoffiziere im Straßenkampf töteten. Zwar gelang es der
Regierungsgewalt die Ordnung wieder herzustellen, jedoch das Vertrauen
auf die Flotte und auch, bei der leicht umschlagenden Stimmung der
Südländer, auf das Heer, war geschwunden und nur widerwillig zogen die
unter diesem Eindruck stehenden französischen Truppen in den Krieg.
Frankreichs neueste Waffe, die so sehr protegierten Unterseeboote,
hatten nichts ausgerichtet. Unentbehrlich für die Hafenverteidigung und
den Küstenkrieg, hatten diese Fahrzeuge in ihnen unbekannten Gewässern
beim _Angriff_ auf einen unbekannten Hafen völlig versagt. Mehrere Boote
waren übrigens vor Spezzia gesunken, eines, wie erwähnt, von der
»Sardegna« überrannt. Der Verlauf des Seekampfes hatte außerdem den
Beweis erbracht, daß man in der französischen Marine bei der Anhäufung
schwerer Gewichte auf den Decks in den festungsartigen Signalmasten und
in den zu massigen Decksaufbauten zu wenig Rücksicht darauf genommen
hatte, daß dadurch die Schiffe überlastig wurden und beim einseitigen
Einbruch von Wassermassen in die Schotten der Gefahr des Kenterns
ausgesetzt waren. Auch die italienische Flotte hatte schwer gelitten,
zwar war kein Schiff gesunken, doch schieden der »Emmanuel Filiberto«,
sowie der kaum noch schwimmfähige »Umberto« die nur mit Mühe noch ins
Dock gebracht wurden fürs Erste aus der Flotte aus. Nach Beendigung der
notwendigsten Reparaturen konnte jedoch der italienische Admiral bei
einer Revue auf der Reede von Spezzia Mitte April konstatieren, daß vier
Panzerschiffe und die vier Panzerkreuzer wieder vollauf gefechtsfähig
waren. Außerdem wurden die beiden im Bau befindlichen Linienschiffe
»Vittoria Emanuela« und »Regina Elena« bald in die Flotte eingestellt.
Die englische Flotte verhielt sich nach der Schlacht von Neapel zunächst
passiv, hatte auch genug mit dem Ausflicken ihrer Schiffe zu tun, und
begnügte sich damit, zwischen Toulon, Maddalena und Neapel eine
sichernde Postenlinie zu unterhalten, und außerdem die Straße von
Brindisi, wo ein starkes Geschwader stationiert blieb, zu beobachten.
Man traute der kleinen österreichischen Flotte zunächst keine Offensive
zu und hatte darin auch, wie sich zeigte, recht. Das österreichische
Geschwader in Pola und Triest, zu dem drei kleine italienische Kreuzer
von Venedig stießen, wagte vorläufig keinen Vorstoß, war es doch auch
ein gefährliches Wagnis, über Brindisi hinauszugehen, wo man
voraussichtlich mit einem zwei- bis dreifach überlegenen Gegner
zusammentreffen mußte. Die Aufgabe der österreichischen Flotte war es
fürs Erste, nur auf dem Posten zu sein, um die Engländer und Franzosen
zu zwingen, ein größeres Geschwader bei Brindisi und Tarent konzentriert
zu halten. So zog man wenigstens einen Teil der feindlichen Machtmittel
zur See von der deutschen Küste ab.
Das Nächste, was die französisch-englischen Kreuzer im Mittelmeer
unternahmen, war, überall die deutschen, österreichischen und
italienischen Schiffe aufzubringen, soweit sie nicht in türkischen Häfen
lagen oder ins schwarze Meer geflüchtet waren. Dann herrschte einige
Zeit fast völlige Ruhe. Es mag hier gleich erwähnt werden, daß es dann
am 17. Juli auf der Höhe von Brindisi zu einer Seeschlacht kam, die
dadurch herbeigeführt wurde, daß der Unwille des österreichischen Volkes
über die Untätigkeit der Flotte die Regierung zwang, sie den Feind
angreifen zu lassen. Sie wurde dabei durch eine Diversion der Italiener
von Spezzia unterstützt, die Schlacht blieb unentschieden, sie kostete
den Österreichern die Hälfte ihrer Panzerschiffe und den Engländern ein
Linienschiff und zwei Panzerkreuzer. Das unweit Messina gleichzeitig
stattfindende Gefecht endete mit dem Untergang der »Sardegna« und der
Gefangennahme der fast sinkenden »Sicilia« durch die Engländer, die aber
hierbei ebenfalls ein Linienschiff einbüßten. Dann trat für diesen
Kriegsschauplatz bis zum Herbst wieder vollständige Ruhe ein. Die
Italiener blieben mit ihren letzten vier Linienschiffen in Spezzia (die
beiden am 21. März havarierten waren wieder ausgebessert) und die
Verbündeten beschränkten sich weiterhin auf einen ziemlich lockeren
Blockadedienst vor Brindisi und an der italienischen Westküste.
Verstärkt wurde das Blockadegeschwader im Laufe des Sommers durch die
inzwischen in Toulon endlich fertiggestellten französischen
Panzerschiffe, die aber nicht mehr zum Kampfe kamen.
Und die andern Mächte ....?
Ihre Stellung ergab sich gewissermaßen von selbst. Wer die politischen
Vorgänge der letzten Zeit aufmerksam studiert hatte und wer durch den
Phrasenschleier der Presse hindurchzublicken vermochte, für den gab es
keine Enttäuschungen. Wohl aber Überraschungen. Die erste war Italiens
Anschluß an Deutschland. Man hatte sich daran gewöhnt, den Dreibund als
eine ^quantité négligeable^ anzusehen. Und es waren ja auch nicht so
sehr geschriebene Paragraphen, die die Dreibundsmächte aufs neue
zusammenschweißten, es war bei Italien mehr das Ungeschick der
englischen Diplomatie, was die Regierung zwang zwischen einer Demütigung
vor England, zwischen der Gefahr der Unpopularität und womöglich
Abdankung und dem Kriege an der Seite Deutschlands zu wählen.
Auch die Geduld Österreichs hatte die Ungeniertheit Englands bei der
Entfachung des Nationalitätenkampfes auf der Balkanhalbinsel bis zum
äußersten erschöpft. Die ganz offen mit englischem Gelde betriebene
Wühlarbeit, die englischen Waffenlieferungen nach Saloniki trugen die
Kriegsgefahr bis an die Grenze Bosniens. Hier wurden Österreich
gefährliche Fußangeln gelegt, um es bei der Abrechnung mit Deutschland
zu paralysieren. Zudem griff durch Englands provozierende Behandlung der
makedonischen Frage, wobei es Österreich, Italien und Rußland
gegeneinander auszuspielen versuchte, allmählich eine außerordentliche
Gereiztheit beim Austausch endloser diplomatischer Aktenstücke Platz,
daß hier Anfang März bereits ein Konflikt entstand. Er wurde, da
englische Sovereigns in Bulgarien und Serbien kräftig »einheizten«, auf
diesem alten Tummelplatz nationaler Interessenkonflikte vielleicht einen
Brand entzündet haben, hätte der Zwischenfall von Samoa nicht der
Entwickelung vorgegriffen. Durch Rußlands Auftreten in Sofia und
Belgrad, durch seine Drohung, nicht nur die heimlichen Schürer des
Aufstandes zur Verantwortung zu ziehen -- die russische Flotte lag zum
Auslaufen bereit in Sewastopol -- sondern gleichzeitig die alte
»Potemkin«-Rechnung in Bukarest zu präsentieren, flaute die Bewegung ab.
Die Rajahvölker zogen es vor, die englischen Pfunde in geräuschvollen
Versammlungen in Slivovitz, Wodki und andere landesübliche Getränke
anstatt in Patronen umzusetzen und ihre Haut für die Herren der Londoner
City zu Markte zu tragen.
Österreich glaubte mit einem Federstrich seine alte Kabinettspolitik
ohne Rücksicht auf die Empfindungen seiner zahllosen Nationalitäten
fortsetzen zu können, und verfügte am 22. März die Mobilmachung der
Armee. Als sich bereits zwei Armeekorps auf dem Wege nach der
französischen Grenze befanden, brachen die bekannten Revolten des
tschechischen Pöbels in Prag und andern Städten aus. Lärmende
Volksversammlungen sandten Sympathieadressen nach Paris und auch aus
Ungarn wurden massenhafte Gehorsamsverweigerungen bei der Mobilisierung
bekannt. Die zum Garnisonsdienste einberufene Honvedarmee stellte im
Rücken des österreichischen Heeres eine so bedeutende Gefahr dar, daß
sie die Wiener Regierung zwang, die Hälfte der mobilen Armee im Lande zu
lassen. Nur langsam vollzog sich deshalb der Transport der
österreichischen Truppen auf dem Weg durch Süddeutschland und die
Lombardei nach der französischen Grenze. Das hatte bekanntlich den
Vorstoß der Franzosen auf Mülhausen zur Folge. Während im Norden Schlag
auf Schlag folgte, während die deutschen Heere in Frankreich
hineinfluteten, blieb die österreichische Führung stets eine
schleppende. Die österreichischen Korps gliederten sich im Süden der
deutschen Front an. Auf ihrem linken Flügel stand die italienische
Armee. Auch Italiens halbes Heer hielt das Gespenst einer englischen
Landung zur Verteidigung der langen Küstenlinien in der Heimat fest.
Wenn die italienischen und österreichischen Armeen manche erfreulichen
Erfolge erreichten, so verdankten sie das dem Umstande, daß ihnen nur
schwächere feindliche Streitkräfte und die spanischen und
portugiesischen Korps gegenüber standen.
Zugleich mit dem englisch-französischen Angriff hatte Portugal, der
Vasall Großbritanniens, eine bombastische Kriegserklärung erlassen.
Eingeengt in diesem Schraubstock der Westmächte blieb Spanien kaum noch
eine Wahl. Zudem ward es von Paris aus kategorisch an die beim Besuche
Loubets in Madrid getroffenen damals so harmlos aussehenden Abmachungen
erinnert. Auch Spanien trat zu den Verbündeten über, und zwar ohne eine
Kriegserklärung. Es war eine gewisse »Hemdärmligkeit« im diplomatischen
Verkehr eingerissen.
Und Amerika ....? Im Grunde genommen war es ein einfaches Exempel, das
restlos aufging. Beide angelsächsischen Staaten, Amerika wie England,
empfanden die deutsche wirtschaftliche Konkurrenz auf dem Weltmarkte
seit Jahrzehnten gleich lästig. Von London wie von Washington aus hatte
man ja häufig genug versucht, den andern in einen Krieg mit Deutschland
hineinzutreiben. Keiner wollte derjenige sein der mit der größten
Militärmacht anband, damit der andere als ^tertius gaudens^ inzwischen
die Früchte des Krieges einheimse. Hatte England s. Zt. versucht, in dem
Konflikt mit Venezuela Deutschland und die Vereinigten Staaten
aneinander zuzubringen und sich dabei nicht nur während der Blockade,
sondern auch bei dem Intriguenspiel in Washington gefährlich exponiert,
so zeigten die Vorgänge in Samoa ein Gegenstück dazu. Nur war der Erfolg
diesmal ein sehr realer. Wir kennen die Vorgeschichte des Zwischenfalls
von Apia nicht, und werden sie vielleicht nie kennen lernen; man wird
schon dafür sorgen, daß keine Dokumente auf die Nachwelt kommen. Das
eine ist aber sonnenklar, daß die Verteilung amerikanischer Gewehre an
die Eingeborenen, daß die Wühlarbeit der amerikanischen Missionare hier
einen Konflikt schaffen _sollte_, in dem man dann den angelsächsischen
Bruder liebevoll vor dem Rest sitzen ließ. Im letzten Augenblick als
schon die Geschütze schußbereit waren, verließ, wie berichtet, der
amerikanische Kreuzer »Wilmington« die Reede von Apia. Die kleine
Kostenrechnung auf Samoa hat man von Washington aus später unter
Ausdrücken lebhaften Bedauerns bar beglichen. Es war der Einsatz im
politischen Roulettespiel. Man setzte einen Dollar und gewann Millionen,
wo der Handel zweier Nationen ein Jahr lang still lag. Ein einziges Mal
hat England seine altbewährte Politik, einen Zusammenstoß mit mächtigen
Völkern zu vermeiden, verlassen. Es glaubte _mit_ Amerika zu gehen und
ward von ihm geschoben und mit einem freundschaftlichen Fußtritt in den
Abgrund gestoßen. Was England hundertmal gewollt hat, worauf es seine
ganze Diplomatie konzentriert, gelang dem kühl berechnenden Bruder
Jonathan, als britische Schlauheit auf einen Augenblick schlafen
gegangen war. Der Moment, da der »Wilmington« die Reede von Apia
verließ, entschied für Amerika wie für England über Milliarden. Amerika
buchte sie unter: Haben.
Und Rußland ...? Rußlands Haltung war von klugen Erwägungen geleitet,
die auch persönliche Neigungen am Zarenhofe zum Schweigen brachten.
Vielleicht am besten charakterisierte ein Artikel der »Nowoje Wremja«
die Lage, in dem es hieß: »Unserm Kriege mit Japan hat die ganze Welt
mit niemals verhehlter Schadenfreude zugesehen. Es war der englischen
Diplomatie gelungen, Japan auf es zu hetzen. Wir wissen, was wir England
verdanken, und werden das nie vergessen. Japan hat, indem es unsere
Flotte vernichtete, nur Englands Geschäfte besorgt. Heute, da Europa in
Flammen steht, sind wir in der glücklichen Lage, uns an dem Feuer ruhig
die Hände wärmen zu können. Jeder Sieg, jede Niederlage zählt auf
unserer Seite. Je mehr tote Soldaten man auf französischer Erde
verscharrt, um so größer wird die russische Armee. Sollen wir
Deutschland in den Rücken fallen? Wir haben genug polnische Provinzen.
Was wir wollen, nehmen wir uns, wenn der Krieg an der Erschöpfung beider
Gegner zu Ende geht. Dann steht _uns_ die Welt offen. Ebenso denkt man
in Japan, wo man das Bündnis mit England grinsend verlacht. Kein Gelber
marschiert wieder für England. Sollen wir Frankreich beispringen?
Frankreich, das uns verraten, das unsere Schiffe aus Saigon verjagte?
Diesmal sitzen wir im Parkett ... Das Spiel hat begonnen«.
Rußland blieb neutral, so neutral, daß es selbst den englischen Kreuzer
»Arrogant« der im April mit Maschinenschaden Riga anlief, kategorisch
aufforderte, entweder den Hafen innerhalb 24 Stunden zu verlassen oder
die Flagge zu streichen. Rußland instruierte die türkische Regierung,
daß es keinerlei Unruhen auf der Balkanhalbinsel dulden werde, schob
seine Grenzposten in Turkestan langsam vor, erklärte, daß es Getreide
und Pferde _nicht_ als Kriegskontrebande betrachte, sorgte so für die
Aufrechterhaltung seiner Getreideausfuhr über die westliche Grenze und
wartete im übrigen in aller Ruhe das Ende des Riesenkampfes ab.