Aufmerksamkeit. Während bis gegen 9 Uhr auf den Hafenkais und in den
anstoßenden Straßen dichte Menschenmassen beobachtet wurden, sah man sie
in der klaren, sichtigen Luft plötzlich von einer flimmernden Linie
umsäumt, die sich aus den grauen Mauern des Castel Nuovo fadenartig
herauszog. Das blitzende Band umschlang die dunkle Masse, schwankte hin
und her, schob sich vorwärts und zurück und rückte langsam nach dem
Hintergrund des Platzes vor, hinter sich die hellen Flächen des
Straßenpflasters leer lassend und allmählich die dunkle Welle in die
Straßeneingänge zurückschiebend: Militär mit aufgepflanztem Bajonett
räumte die Plätze und Straßen am Hafen.
Gegen 11 Uhr kam von Norden her ein weißer, schlanker Dampfer in Sicht;
er schien dem Hafen zuzusteuern und schwebte einsam wie eine weiße Linie
über der tiefblauen Meeresfläche. Kurz darauf erschien hinter dem Kap
Miseno wieder das Torpedoboot, welches vorhin dort verschwunden war,
änderte sofort den Kurs und steuerte auf den weißen Dampfer zu, an
dessen Deck man mit scharfen Gläsern die _deutsche Flagge_ erkennen
konnte. Gleichzeitig löste sich aus der Masse des englischen Geschwaders
ein Torpedoboot los, welches mit voller Fahrt, weiße Schaumberge mit
seinem Bug aufwühlend, ebenfalls auf das weiße Schiff zufuhr. Es war ein
seltsam aufregendes Schauspiel, dieses Wettrennen der beiden flinken
schwarzen Boote um den weißen Dampfer zu verfolgen. Gleichzeitig fast
erreichten sie ihn, und fast gleichzeitig blitzte an Bord beider
Torpedoboote an dem vorderen Geschütz ein Funke auf, worauf der Deutsche
die Maschine zu stoppen schien, denn er ward schwerfällig pendelnd von
den Wogen gewiegt. Man schien zu verhandeln. Dann umspielte den vorderen
niederen Schlot des englischen Torpedos eine leichte Dampfwolke und
sekundenlang später dröhnte der scharfe, bellende Ton einer Sirene zum
Lande hinüber. Man sah, wie der Deutsche den Kurs änderte und gefolgt
von dem Torpedoboot auf das englische Geschwader zusteuerte, langsam die
blauen Wogen zerteilend. Das italienische Torpedoboot fiel allmählich
nach hinten ab, folgte zunächst eine halbe Seemeile, machte mürrisch
Kehrt und nahm dann unter voller Maschinenkraft Kurs auf den Hafen, wo
es nach einer Viertelstunde längsseits des Admiralschiffes »Dandolo«
festmachte, worauf ein Offizier, kenntlich an seinem Säbel, über den er
beim Verlassen des Decks stolperte, das Fallreep zum »Dandolo«
hinaufstieg.
Erst später erfuhr man, daß jenes weiße Schiff der Hamburger
Vergnügungsdampfer »_Meteor_« gewesen war, der von Genua kommend hier
vor dem Hafen von Neapel von den Engländern abgefangen wurde.
* * * * *
Um 11 Uhr wurde in Rom durch Maueranschläge und Extrablätter bekannt
gemacht, daß der König in Übereinstimmung mit dem Ministerium die
englischen Forderungen _abgelehnt_ habe. Sie wurden im Wortlaut
mitgeteilt, mit der angefügten Erklärung:
Aus der Übermittlung des englischen Ultimatums habe sich klar ergeben,
daß England entschlossen sei, die Neutralität Italiens in _keinem_ Falle
zu achten. Für den Verrat am Dreibund in der Stunde der Gefahr verlange
die englische Regierung obendrein noch die Einräumung des Kriegshafens
von Venedig, eine Forderung, die ein ehrliebendes Volk mit alten
ruhmreichen Traditionen niemals akzeptieren könne. Die königliche
Regierung habe sich deshalb entschlossen, die englischen Forderungen
abzulehnen und an die Entscheidung der Waffen zu appellieren, zumal das
englische Geschwader vor Neapel bereits eine drohende Haltung angenommen
habe. Man habe eine Erklärung nach Berlin gesandt, daß Italien auch ohne
Rücksicht auf Österreichs Haltung fest entschlossen sei, sein Geschick
mit dem des Deutschen Reiches zu verbinden. Der König glaube, aus dem
Herzen seines treuen Volkes zu sprechen, wenn er solche Entscheidung
getroffen habe, zumal es sich inzwischen, wie man aus Berlin authentisch
erfahren, herausgestellt habe, daß der Zwischenfall von Samoa lediglich
durch das provokatorische Verhalten der Engländer herbeigeführt sei. Es
handelt sich also in Samoa, wie jetzt in den europäischen Gewässern,
ganz ohne Frage um einen hinterlistigen Überfall auf Deutschland, den
England längst geplant und bereits seit Wochen vorbereitet habe. Eine
Drohung, wie sie der englische Botschafter heute morgen dem Minister des
Auswärtigen übermittelt habe, mache es der italienischen Regierung
unmöglich, weiter den Weg der Verhandlungen zu beschreiten. Man habe
daher die Flotte in Neapel und Spezzia, sowie den anderen Punkten, wo
ein Angriff drohe, angewiesen, diesen mit den Geschützen zurückzuweisen.
Volksstimmungen sind Augenblicksstimmungen. Das auf der Schwäche der
einige Jahre lang stark vernachlässigten italienischen Marine basierende
und die Empfindlichkeit eines fremden Volkes so wenig berücksichtigende
Vorgehen Englands hatte eine leidenschaftliche Erregung erzeugt, die das
Erscheinen der englischen Flotte vor Neapel als eine unerträgliche
Beleidigung des italienischen Ehrgefühls empfand.
Brausender Jubel erscholl in den menschengefüllten Straßen; nur ein
starkes Aufgebot der Munizipalgarde vermochte die tobende Menge daran zu
hindern, in der englischen Botschaft die Fenster zu demolieren.
Ausgelöscht, wenigstens in der augenblicklichen Begeisterung, waren auch
die alten Sympathien für den französischen Nachbar, seitdem man wußte,
daß er gemeinsame Sache mit dem brutalen Angreifer machte. Aber wenn
selbst das klerikale Element auf den Straßen teils aus ehrlichem
Empfinden, teils in kluger Berücksichtigung der momentanen
Volksstimmung, sich an den patriotischen Kundgebungen beteiligte, drüben
jenseits der Tiber, dort wo der Papst-König grollend über den Trümmern
seiner weltlichen Herrschaft thronte, wo er auch die Leitung der Geister
langsam aus seinen Händen gleiten sah, dort blieb alles stumm, dort
faßte man diesen Waffengang auch nur als eine historische Episode in dem
Weltendrama auf, in dem die Streiter der römischen Hierarchie mit den
Kindern der Welt um die letzte Entscheidung ringen.
Die Seeschlacht vor Neapel.
Wieder wie vor Jahrhunderten klopfte der Normanne mit eisernem Handschuh
an Italiens Pforte, hinter der der Moloch Capua schon so viele
Hekatomben blondhaariger Barbaren verschlungen hatte.
Gegen ½12 Uhr sah man die kompakte Masse des englischen Geschwaders sich
in eine lange Dwarslinie auflösen und eine halbkreisförmige Stellung auf
der Reede von Neapel einnehmen. Die schweren englischen Panzer wandten
der Stadt ihre Vorderseite mit den riesigen Turmgeschützen zu, so die
denkbar geringste Zielfläche bildend. Während die Torpedoboote bei den
Linienschiffen zurückblieben und sich hinter deren schweren Stahlleibern
deckten, vom Lande aus somit unsichtbar werdend, dampften die englischen
Kreuzer seewärts und zogen sich aus dem Feuerbereich zurück. Zwei
Panzerkreuzer an den drei Schornsteinen als Schiffe der »Kent«-Klasse
erkennbar (es waren »Suffolk« und »Lancaster«) gingen zwischen Ischia
und der Küste unter Volldampf nach Nordwesten offenbar um, begleitet von
vier kleineren Schiffen und einigen Hochseebooten, gegen etwa von
Spezzia heranrückende italienische Streitkräfte zu sichern. Gleichzeitig
verließ der italienische Kreuzer »Etruria«, der neben seinem
Schwesterschiffe »Lombardia« lag, seine Boje und fuhr auf das englische
Geschwader zu.
Die »Etruria« hatte den Auftrag dem englischen Geschwaderchef die
Aufforderung zu überbringen, mit seinen Schiffen die Reede von Neapel zu
verlassen, andernfalls werde man sein Bleiben als eine herausfordernde
Handlung ansehen und die nötigen Konsequenzen daraus ziehen. Während
aller Augen am Lande und auf dem Geschwader der »Etruria« folgten und in
banger Erwartung der Entscheidung harrten, die die kleine Dampfpinasse
des italienischen Kreuzers, die jetzt am Fallreep der »London« lag,
zurückbringen werde, wollten drei französische und vier englische
Dampfer diesen letzten Moment benutzen, um den Handelshafen zu
verlassen. Noch hatte jedoch das erste Schiff nicht die Mole passiert,
als ein Torpedoboot heransauste und die fremden Kapitäne aufforderte,
sofort in den Hafen zurückzukehren, worauf der erste Dampfer, ein
französischer, alsbald stoppte, Contredampf gab und rückwärts wieder in
den Hafen hineinfuhr. Draußen hatte inzwischen die »Etruria« ihre
Pinasse wieder an Bord genommen und steuerte in fliegender Fahrt auf den
Kriegshafen zu. An ihrer Seite legte alsbald ein Marineboot an, nahm
einen Offizier an Bord und ging hinüber zum »Dandolo«. Die nächsten
Minuten mußten entweder den Rückzug der Engländer oder den Beginn des
Kampfes bringen. Draußen auf der Reede machte sich keine Bewegung
bemerkbar; die bleigrauen englischen Panzerschiffe blieben auf ihren
Plätzen liegen, von den Meereswogen sanft hin und her gewiegt.
An allen englischen Geschützen standen die Artilleristen, die Ärmel an
den sehnigen Armen emporgestreift, bereit dem Feind die todbringende
Ladung aus allen Rohren hinüberzusenden. 5 Minuten nach ½1 Uhr ging am
vorderen Maste des »Dandolo« ein Signal hoch, welches sofort von den
anderen Schiffen beantwortet wurde; die Schornsteine warfen dicke Ballen
Rauch aus, den ganzen Hafen in einen braunen Dunst verhüllend. Die
Schrauben gingen an und das italienische Geschwader nahm den Kurs
seewärts dem Feinde entgegen. »Etruria« und »Lombardia« blieben vor dem
Eingang des Kriegshafens zurück. Auf englischer Seite wurden diese
Manöver mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.
Admiral Lord Beresford hatte die Anweisung, das italienische Geschwader
auf die Reede hinauszulocken und dort den Kampf auszufechten, um, soweit
es die Rücksicht auf die eigenen Schiffe zuließ, die Stadt Neapel zu
schonen. Zehn Minuten nachdem das italienische Geschwader seinen
Liegeplatz verlassen hatte, blitzte es aus allen vier Turmgeschützen des
»Dandolo« auf. Heulend sausten die Geschosse heran, das erste ungefähr
400 m vor dem Admiralsschiff auf die Wasserfläche schlagend, einen
Moment unter ihr verschwindend und dann dreimal rikoschettierend
zwischen der »London« und der ihr zunächst liegenden »Formidable«
durchfahrend. Eine zweite Granate, ein Zufallstreffer, nahm von der
englischen »Venerable« den ersten Mast und den vorderen Schornstein mit
über Bord, auch noch den zweiten zerfetzend. In diesem Moment erging auf
allen englischen Schiffen der Befehl zum Feuern, und mit Donnergetöse
entsandten die englischen Turmgeschütze ihre Ladungen. Furchtbar war die
Wirkung am Lande, wo diese erste meist zu hoch gehende und über die
italienischen Panzer hinwegfegende Lage einschlug. Zwei Granaten trafen
den dicken Turm der Kaserne des Castel Nuovo, mehrere platzten vor dem
Munizipalgebäude, dessen Frontmauer zertrümmernd. Wenige Minuten darauf
brannte es im Hafenviertel an verschiedenen Stellen. Die vor dem
Hafeneingang liegende »Etruria« erhielt einen Treffer mittschiffs in der
ungeschützten Wasserlinie, worauf der Kreuzer von einem heraneilenden
Torpedoboot langsam in den Hafen bugsiert wurde, wo er nach einer Stunde
sank.
Die einschlagenden Granaten erzeugten am Land eine furchtbare Panik.
Glücklicherweise waren die vom Hafen führenden Straßen bereits vorher
durch Militär geräumt, so daß der Verlust an Menschenleben nur gering
war. Auch das trotzige Castel dell'Ovo wurde von englischen Granaten
schwer heimgesucht. Die wuchtigen Mauern sanken im Rauche explodierender
Projektile in sich zusammen, ganze Steinlawinen stürzten ins Meer. In
dem brennenden Hafenquartier und oben in der Stadt lärmten und bimmelten
die Feuerglocken.
Auf der »Formidable« waren beide Schornsteine und Masten über
Bord gegangen, aber hinter den Panzerwänden arbeiteten die
Geschützbedienungen unerschütterlich weiter, ungeachtet, daß der Rumpf
des Schiffes für das Laienauge nur noch einem Wrack glich, aus dessen
Mitte die Flammen der Feuerungen emporschlugen. Nur widerstrebend
entschloß man sich endlich dazu, die »Formidable« aus der Feuerlinie
schleppen zu lassen, denn Maschinen und Artillerie waren fast völlig
unversehrt, und aus der grauen Stahlmasse des Panzer lohten unaufhörlich
die Blitze der Kanonen. Die englischen Schiffe litten anfangs sehr unter
den panzerbrechenden Geschossen der Italiener, so erhielt der »Bulwark«
beim Überholen des Schiffes im Seegange einen schweren Treffer in der
Wasserlinie, der ihn nötigte, durch Einnehmen von Wasserballast auf der
Backbordseite, die durch den Treffer verursachte Schlagseite nach
Steuerbord wieder auszugleichen. Sehr viel schlimmer sah es aber an Bord
der Italiener aus. Hier durchbrachen die englischen Granaten ohne
weiteren Widerstand die ungepanzerten Bordwände, gingen teilweise glatt
hindurch. Und sobald bei der geringer werdenden Entfernung zwischen
beiden Flotten die englische Mittelartillerie, der die Italiener so gut
wie nichts entgegensetzen konnten, in den Kampf eingriff, wurden die
Verluste auf italienischer Seite so groß, daß sie fast alle
Viertelstunden eine völlige Neubesetzung der Geschütze nötig machten. Es
erforderte starke Nerven für die italienischen Kanoniere sich erst durch
förmliche Leichenhügel und die auseinander gerissenen Körper ihrer
Kameraden einen Weg an die Ladevorrichtungen bahnen zu müssen. In dem
engen Raume der ungedeckten Barbettetürme, wo die riesigen 43 cm-Kanonen
standen, watete man tatsächlich in Blut, stand auf zermalmten Leichen
und fand in dem Brei menschlicher Gliedmaßen oft nur mit Mühe noch einen
festen Standpunkt auf den Ladepodesten. Die Geschoßaufzüge waren durch
Blut und verspritzte Körperteile verschmiert, und oft fanden die rastlos
laufenden Ketten der Munitionsaufzüge einen Widerstand an
Knochenstücken, die in sie hineingesprengt waren.
Dreiviertel Stunde hatte der Kampf gedauert. Auf allen italienischen
Panzern klafften breite Schußlöcher und die dunklen Bordseiten waren wie
gefleckt durch den gelben pulverartigen Belag, dem Rückstand der
englischen Lydittgranaten. Nur hier und da hatte ein italienischer
Panzer noch einen Schornstein oder zeigte Reste des Brückendecks, die
ein wüstes Gewirr verbogener Stahlbalken, siebartig durchlöcherter
Eisenwände und wie Papier zusammengerollter Teile der Reeling
darstellten. Dazwischen zerfetzte und zerschmetterte menschliche Körper,
ein vom Leibe getrennter Kopf, der die noch intakten Mannschaften, die
mechanisch die Ladevorrichtungen handhabten und eine Granate um die
andere in den heißen Schlund der Stahlrohre schoben, mit gläsernen Augen
anstarrte. Der Panzer »Lepanto« hatte am Hinterschiffe mehrere schwere
Treffer unter der Wasserlinie erhalten; schon leckten die Wellen
zwischen den Lücken der Reeling hindurch auf die Decksplatten, sich in
dem geronnenen Blut, das an allen Eisenteilen klebte, rotfärbend. Das
Vorschiff ragte weit aus dem Wasser, den riesigen Rammsporn zeigend.
Außerdem waren die Maschinen auf mehreren Italienern teilweise
gebrauchsunfähig geworden.
Die »Lepanto« lag seit einer Viertelstunde vollkommen still, von den
Wellen hin und her getrieben und zwar so, daß sie dem Feinde die
Breitseite zeigte. Da flog an dem einzigen Mast des britischen
Admiralsschiffes ein Signal hoch. Die ganze Linie der Engländer bewegte
sich vorwärts. In den Abständen zwischen den Panzerschiffen erschienen
die Torpedoboote und stürzten sich wie eine heulende Meute mit heiserem
Schrei ihrer Sirenen auf den todwunden Feind. Die Entscheidung nahte.
Zwar versuchten die Italiener in diesen fürchterlichen Minuten, da die
dichte Linie des Feindes herandampfte, um dem grausigen Spiel ein Ende
zu machen, ihr Feuer zu verstärken, indem sie ihre letzten Reserven in
die Barbettetürme schickten, aber zu Dutzenden sah man sie in den
Rauchwolken platzender englischer Granaten dahinsinken. Und als die
britischen Linien auf Torpedoschußweite heran waren, war es still
geworden hinter den stählernen Brustwehren an Bord der Italiener. Auf
dem »Duilio«, wo das eindringende Wasser bereits die Maschinen- und
Kesselräume füllte -- denn weiße Dampfstrahlen fuhren aus den
Decksöffnungen und ein paar dumpfe Detonationen ließen erkennen, daß
mehrere Kessel explodiert waren -- erschien jetzt eine _weiße Flagge_.
Das Schiff lag auf dem rechten Flügel und so konnte hier noch Hilfe
gebracht werden, indem man durch Sirenensignale die heranstürmenden
Torpedoboote zurückpfiff. Zwei Zerstörer legten sich längsseit des
»Duilio« und ein englischer Offizier sprang an Bord, auf dem
Trümmerhaufen der zusammengeschossenen Kommandobrücke die englische
Flagge aufpflanzend. Von dort sah er, während seine Leute sich mit Eifer
an das Rettungswerk machten -- denn die Minuten, da das Schiff noch über
Wasser aushalten konnte, schienen gezählt -- an der »Italia« und am
»Dandolo« je zwei Torpedos explodieren. Hierauf verstummte auf beiden
Schiffen das Geschützfeuer. Die »Italia« sank zwei Minuten darauf wie
ein Klotz mit dem Heck zuerst, im Momente des Sinkens das ganze
Vorschiff senkrecht über Wasser in die Höhe richtend und dann in den
Wellen verschwindend. »Dandolo« zeigte kurz darauf die englische Flagge
über der italienischen und nur »Lepanto« kämpfte noch mit einem
Geschütz. Da brauste das vom Vizeadmiral Lord Beresford selber geführte
englische Admiralsschiff heran und grub seinen stählernen Sporn in die
Steuerbordseite des wehrlosen Feindes. Ein Moment, und »London« machte
sich wieder frei, indem sie mit voller Kraft rückwärts ging, dann
stürzte eine riesige Wassermasse durch das von dem Rammstoß gerissene
Loch, »Lepanto« holte nach Steuerbord über und verschwand kenternd in
den Wogen. Kurz darauf sank auch der »Duilio«.
Das Wrack des »Dandolo« nahm der englische Panzer »Duncan« ins Schlepp,
während alle anderen englischen Schiffe ihre Boote, soweit sie nicht
zerschossen waren, zu Wasser ließen, um die auf den Wogen treibenden
italienischen Matrosen zu retten. Die meisten waren allerdings von den
sinkenden Schiffen mit in den beim Untergang entstandenen Strudel
hinabgerissen worden.
Das furchtbare Drama war zu Ende. Um 5 Uhr nachmittags fuhr der
Panzerkreuzer »Juno« in den Kriegshafen von Neapel ein, setzte, während
die englische Panzerflotte in einem Halbkreis gefechtsklar auf der Reede
Aufstellung nahm, eine Abteilung Mannschaften ans Land, die sofort in
dem Arsenal alles Material im Laufe von zwei Stunden zerstörten. Die
Torpedovorräte nahm der englische Panzerkreuzer an Bord. Das einzige im
Hafen zurückgebliebene intakte Schiff, der Kreuzer »Lombardia« strich
die Flagge und wurde unter dem Union Jack nach Malta gebracht, wo zwei
Tage später auch das Wrack des »Dandolo« eintraf.
Da eine Landung nicht beabsichtigt war, wurde das englische Kommando mit
Einbruch der Nacht zurückgezogen; die Marineanlagen kamen nach diesem
Besuche für eine weitere Verwendung während des Krieges nicht mehr in
Betracht. Auf der Reede blieben nur zwei englische Panzerkreuzer als
Beobachtungsposten liegen. Eine sehr wertvolle Kriegsbeute bildeten zwei
deutsche und 18 italienische Dampfer, die man nach Malta führte. Die im
Hafen liegenden Segelschiffe und Fischerboote ließ man unbehelligt.
An demselben Tage fand bekanntlich auch der Kampf mit den drei in
_Tarent_ stationierten italienischen Panzerschiffen »Ruggero di Lauria«,
»Andrea Doria« und »Francesco Morosini« statt, das mit der Vernichtung
der beiden ersteren endigte, während der in Reparatur auf der Werft
liegende »Morosini« kampflos in die Hände des Feindes fiel und dann der
englischen Flotte einverleibt wurde. Die vier englischen Linienschiffe
hatten nach kurzem Gefecht die Einfahrt in den Hafen forciert, nachdem
sie die gleich anfangs mit ihren Drehmechanismus in Unordnung geratenen
Panzertürme auf der Insel San Paolo niedergekämpft hatten. Da eine
Besetzung des Hafens von Tarent nicht beabsichtigt war, begnügte man
sich auch hier damit, das Arsenal und die Docks in ähnlich gründlicher
Weise wie in Neapel zu zerstören. Schließlich vernichteten die Engländer
auch noch die wenigen kleineren italienischen Schiffe auf der
Flottenstation von Maddalena nach einem kurzen Gefecht. Maddalena diente
hinfort der englisch-französischen Flotte als Stützpunkt für die
Blockade der italienischen Westküste.
Bekanntlich rief die Beschießung von Neapel eine ungeheuere Entrüstung
hervor. Man warf den Engländern vor, eine offene Stadt bombardiert zu
haben, wobei man jedoch vergaß, daß Neapel Kriegshafen war. Die
anfängliche Absicht der Engländer, den Kampf auf der Reede zu führen, um
die Stadt nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, wurde, wie oben
geschildert, durch die Eröffnung des Gefechtes von seiten des
italienischen Admirals durchkreuzt. Immerhin herrschte große Aufregung
im englischen Parlament, als der irische Abgeordnete John Redmont den
englischen Premierminister deswegen interpellierte. Die Antwort, die
dieser gab, war echt bezeichnend für die englische Auffassung. Der
Minister las zunächst die Instruktion für Lord Beresford im Wortlaute
vor, woraus hervorging, daß dem englischen Vizeadmiral von vornherein
größte Schonung der Stadt zur Pflicht gemacht worden war. Er schilderte
die bekannten Vorgänge zu Anfang des Gefechtes und sagte dann:
»Ebenso, wie Lord Beresford selber, bedauere ich die notwendig gewordene
Beschießung des Hafenquartiers von Neapel. Wir beklagen es aufrichtig,
daß wir gezwungen waren, einige Granaten in das Arsenal zu senden und
daß mehrere zu hoch gehende Schüsse in die benachbarten Straßen trafen.
Hierbei ist aber zu bedenken, daß die Verantwortung dafür auf den
italienischen Admiral fällt. Weiter möchte ich darauf aufmerksam machen,
daß Neapel zwar mit seinen baugeschichtlichen Denkmälern eine große
Anziehungskraft für den Fremdenverkehr hat und daß der Besuch besonders
englischer Reisender der Stadt eine große Einnahme bringt. Wollen Sie
aber, meine Herren, bedenken, daß der Reiz, den Neapel bietet durch die
exakte Schießleistung unserer Schiffsartilleristen in keiner Weise
verloren, sondern im Gegenteil gewonnen hat. Die Zerstörung einzelner
Bauwerke fügt vielmehr den zahlreichen Sehenswürdigkeiten Neapels einige
neue hinzu, denn ich bin sicher, daß nach Beendigung dieses Krieges jene
Ruinen für alle Reisenden und besonders für englische Touristen eine
Hauptsehenswürdigkeit der Stadt bilden werden. Für die Zerstörung
einiger zwar malerischer, aber nicht sehr wertvoller Gebäude wird die
Stadt jedenfalls durch einen reichlicheren Besuch fremder Touristen
vollauf entschädigt werden. Und ich denke, daß die efeuumsponnenen
Trümmer der zerstörten Gebäude, verbunden mit der Erinnerung an den für
England so glorreichen Tag von Neapel für alle Fremden eine größere
Sehenswürdigkeit darstellen, als das zu der Zeit der Fall sein konnte,
da jene Gebäude noch unverletzt waren. Ich glaube, daß sich auch das
sehr ehrenwerte Mitglied dieses Hauses, welches im Namen einer etwas
übertriebenen Humanität die Anfrage an mich richtete, mit meiner Antwort
zufrieden sein wird, und sich dabei beruhigen wird, daß wir die
Baudenkmäler fremder Länder danach einschätzen, ein wie großes Interesse
sie für die Mitglieder unseres glorreichen Volkes haben«.
Wie gesagt, eine echt englische, aber nicht ganz zurückzuweisende
Auffassung, denn der kolossale Fremdenbesuch, den Neapel jetzt
aufzuweisen hat, zeigt ja deutlich, daß die durch das englische
Bombardement zerstörten Gebäude für alle Touristen vorläufig fast so
interessant sind, wie die Trümmerstätte von Pompeji. Die Einwohnerschaft
von Neapel, die den Fremden englische Granatensplitter (die übrigens aus
England neuerdings selber ^en gros^ bezogen werden) verkauft, ist ein
Beispiel dafür, wie man ein nationales Unglück in Scheidemünze für den
Touristenverkehr umwechselt.
Die Seeschlacht von Spezzia.