der dortige Bahnhof lichterloh. Die seitwärts der Bahn gegen die Stadt
vorrückenden deutschen Truppen stießen zwischen den ersten Häusern
bereits auf Widerstand. Fast sämtliche Straßen waren durch Barrikaden
gesperrt, die sich innerhalb der Stadt zu einem Kreise zusammenfügten,
der auch den Bahnhof mit einschloß. Ein von dem Bürgermeister der Stadt
den Deutschen entgegengesandter Parlamentär klärte über die Sachlage
auf. Die sozialistischen Arbeiterführer hatten, empört über das
Verhalten des Königshauses, welches beim Einrücken der fremden Heere
sein Heil in der Flucht gesucht hatte und das unglückliche Land in der
furchtbaren Lage zurückließ, den Kampfplatz zwischen den beiden Gegnern
abgeben zu müssen, den städtischen Magistrat abgesetzt und hatten dafür
die rote Republik erklärt. Mit den Bergarbeitern des Bezirkes von
Charleroi, die von allen Seiten in die Stadt hineinströmten, verfügten
die Sozialisten über nicht unbeträchtliche Streitkräfte, die zudem alle
militärisch geschult und gut bewaffnet waren. Man hatte in der Stadt die
öffentlichen Gebäude angezündet, wüste Plünderungsszenen hatten bereits
in den Bürgerhäusern stattgefunden und Mord und Brand und unerhörte
Grausamkeiten bezeichneten den Anfang des roten Schreckens.
Die deutsche Armeeleitung führte die Truppentransporte um die Stadt
herum und stellte hinter ihr die zerstörten Bahnlinien ziemlich schnell
wieder her, so daß man nach vier Tagen an der französischen Grenze
stand. Hinter der deutschen Front fiel drei Regimentern mit starker
Artillerie die Aufgabe zu, den Widerstand der zum Äußersten
entschlossenen sozialistischen Terroristen zu brechen. Die deutschen
Truppen, die zunächst Charleroi zernierten, hatten sich das erste
Zusammentreffen mit dem Feinde etwas anders vorgestellt. Anstatt in
offener Feldschlacht dem Gegner entgegentreten zu können, hatte man sich
hier zwischen brennenden Straßen mit allem möglichen Gesindel und einer
zum blinden Fanatismus aufgehetzten Zivilbevölkerung herumzuschlagen.
Langsam nur gelang es, eine Barrikade nach der anderen einzunehmen, sie
waren aus den Trümmern zerstörter Häuser errichtet und gegen diese
meterdicken Steinwälle erwies sich die Artillerie ziemlich wirkungslos,
und für die Hunderte, die unter dem deutschen Schrapnellfeuer
verendeten, traten immer neue Kämpfer in die Lücken. Die Hauptsache war,
daß man den Bahnhof bald in die Hände bekam, damit die doch recht
unzulängliche provisorische Bahn um die Stadt herum wieder ausgeschaltet
werden konnte. Aber gerade über die Schienenstränge vor dem Bahnhof
zogen sich die stärksten Barrikaden hin. Sie waren teilweise
aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, wie sie von
Zeitungsrotationspressen verwendet werden, und dieses zähe, elastische
Material war durch Granatfeuer kaum zu zerstören. Selbst gegen
Haubitzgranaten erwiesen sich diese Papierrollen als eine
außerordentlich widerstandsfähige Deckung, so daß man im weiteren
Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite solche Zeitungspapierrollen
beim Bau von Schanzen und Blindagen sehr gern verwendete.
Erst nach mehreren Tagen, nachdem eine Pionierabteilung regelrechte
Minengänge an die Barrikaden herangeführt hatte, wurden diese Stellungen
erobert. Aber auch dann noch erforderte die Einnahme der Stadt ungeheure
Opfer, da die Bergleute in allen Straßen mit den ihnen in die Hände
gefallenen Dynamit- und Pulvervorräten Flatterminen gelegt hatten, die,
unter den vorstürmenden deutschen Truppen explodierend, ganze
Abteilungen zerrissen. Als dann der Bahnhof in deutschen Händen war,
wurde das Ende dieser Schreckensherrschaft dadurch beschleunigt, daß
unter den sozialistischen Anführern selber Streitigkeiten ausbrachen. Am
letzten Tage des Kampfes kehrten sich die Waffen der Empörer gegen
einander, als die deutschen Regimenter bereits die Verteidigung der
völlig in Trümmer liegenden und an allen Orten brennenden Stadt auf
einen nur noch kleinen Kreis von Barrikaden beschränkt hatten. Die
Blutorgie von Charleroi erlosch, als sich die Wut des Pöbels in seinem
eigenen Blute kühlte.
Diese Ereignisse blieben nicht ohne Eindruck auf die sozialistische
Partei in Deutschland, hatte man doch hier gesehen, welche Opfer auf die
Schlachtbank geführt werden, wenn man der Bestie den Käfig öffnet.
Die ersten Gefechte an der französischen Grenze hatten mit der
Zurückwerfung der drei französischen Armeen geendet. Die von Calais her
erhofften englischen Hilfstruppen waren noch immer ausgeblieben, und mit
der Besetzung von Calais durch deutsche Truppen war Antwerpen nach Süden
isoliert und von dort den Engländern der Weg in den Norden Frankreichs
abgeschnitten. Die englischen Transportdampfer führten Tag um Tag neue
Truppen nach Antwerpen, aber dieser Strom wurde sehr bald dünner,
nachdem die mobilen Truppen aus den englischen Häfen evakuiert waren und
bis zur Mobilisierung der Miliz eine große Pause eintrat. Infolgedessen
entschloß man sich erst spät zu einem Vorstoß auf die rechte deutsche
Flanke, die hier unmittelbar nur durch ein Beobachtungskorps gedeckt
war, das jedoch senkrecht auf der breiten Basis der deutschen
Etappenlinie stand. Die unaufhörlich hier in der Richtung nach Südwest
vorüberflutenden Truppenmassen brauchten gewissermaßen nur rechtsum zu
machen und standen als eine riesenhafte Front Antwerpen gegenüber.
Schon lagen die französischen Grenzfestungen im Rücken der siegreich
vordringenden deutschen Armeen, man begnügte sich damit, sie durch
kleinere Detachements zu cernieren, die ausreichend waren, einen Ausfall
zu verhindern und überließ es der Zeit und dem Hunger der
eingeschlossenen Besatzung, sich selber den Tag der Übergabe zu wählen.
Wenn diese Detachierung deutscher Beobachtungskorps immerhin auch die
Feldarmee um eine große Anzahl von Streitern schwächte, so war dasselbe
doch auch beim Gegner der Fall und die verhängnisvolle Bedeutung
zwecklos gehaltener Festungen machte sich auf französischer Seite sehr
bald geltend. In den französischen Festungen lagen Linientruppen,
während man auf deutscher Seite diese vor den Festungen durch Landwehr
sehr schnell ersetzte und dadurch die Feldarmee von einer mühseligen,
zeitraubenden Aufgabe entlastete.
Der Krieg erzieht den Krieg. Die Erfahrungen, die man in den ersten
Gefechten machte, führten zu einer Reihe von Änderungen an der Uniform
und der Ausrüstung. So verschwanden schon nach wenigen Tagen die
Fähnchen an den Lanzen der Kavallerie. Die Metallbeschläge und die
Uniformknöpfe durften nicht mehr geputzt werden. Die glänzenden
Säbelscheiden der Offiziere erhielten einen Farbanstrich und sehr bald
gewöhnten sich die Offiziere daran, im Gefecht den ziemlich zwecklosen
Säbel zurückzulassen, und griffen in der Feuerlinie lieber zum
Karabiner, der dann überhaupt als Offizierswaffe eingeführt wurde. Im
Gefechte wurden die Helmbezüge allgemein getragen und da die blinkende
Helmspitze leicht den Platz liegender Schützen verriet, wurde sie
abgeschraubt, wodurch freilich das Aussehen der Truppen dem von
Feuerwehrleuten ähnelte. Aber mit kriegerischen Schmuckstücken gewinnt
man keine Schlachten. Wenn auch der grundlose Schmutz ausgefahrener
Landstraßen, das Biwakieren in Wind und Wetter allen Uniformen
allmählich das gleiche »Kriegsgrau« verlieh, so fertigte man doch in der
Heimat ein neues graues Militärtuch, dessen Farbenton ungefähr die Mitte
hielt zwischen der Uniform der Maschinengewehrabteilungen und dem
»Feldgrau«, welches bei einzelnen Truppenteilen 1905 versuchsweise
eingeführt worden war, in großen Massen an, so daß bald die Feldarmee
neu eingekleidet werden konnte. Es hatte sich nämlich herausgestellt,
daß weniger die lebhaften Farben der Kavallerieuniform als vielmehr der
dunklere Ton des Waffenrockes der Infanterie den Mann im Gelände auf
weite Entfernungen erkennen ließ. Ebenso ließ man allem Lederzeug die
Naturfarbe oder stellte sie nachträglich wieder her, da man in den
ersten Gefechten besonders dem leuchtenden weißen Riemenzeug viele
Verluste verdankte.
Die französischen Armeen hatten sich langsam rückwärts konzentriert. Die
außerordentlich blutige Schlacht westlich von Lille und das
gleichzeitige Gefecht bei Tournay hatten die französische Armee von der
Küste und von Calais und somit von einer englischen Unterstützung an
diesen Punkten abgeschnitten. Über 100000 Kämpfer deckten bereits das
Schlachtfeld als die französische Armee auf der Linie Arras, Bapaume,
St. Quentin, Laon und Châlons feste Stellungen einnahm, zwischen Laon
und Châlons dann in Rheims einen gewaltigen Stützpunkt findend. Hier
sollte zunächst die Entscheidung fallen. Auf französischer Seite standen
hier etwa 600000 Mann, während die ihnen gegenüberstehende erste und
zweite deutsche Armee etwa 400000 Mann zählen mochte. Über die Erfolge
der dritten und vierten Armee, die bei Nancy und südlich davon standen,
fehlten zur Zeit noch bestimmte Nachrichten, als der Kampf auf der
langen Front hier im Norden begann. Die ersten Gefechte hatten sich hier
in der Nähe der französischen Sperrforts entsponnen, von denen ein Teil
nach wenigen Tagen bereits unter dem Steilfeuer der deutschen
Belagerungsartillerie fiel und die somit ihren Ruf als eine absolut
sichere Verteidigungslinie gegen Deutschland nicht rechtfertigten.
Andere von diesen Sperrforts waren noch cerniert. Aus dem Süden, in der
Nähe von Belfort, wurden zunächst die ersten in Deutschland sehr
alarmierend wirkenden französischen Erfolge gemeldet, während auf dem
südlichen Kriegsschauplatz die italienische und französische Armee sich
unweit der Grenze ziemlich das Gleichgewicht hielten, ohne daß bisher
ein entscheidender Schlag erfolgt war.
Das Ultimatum in Italien.
Die Nachricht von dem Gefecht auf der Reede von Apia war, ebenso wie in
Berlin, am Nachmittag des 18. März in Rom eingetroffen und hatte dort
große Erregung hervorgerufen. Handelte es sich doch, wenn es zu dem
anscheinend unvermeidlichen Kriege zwischen England und Deutschland kam,
um die Frage, welche Stellung Italien zu seinem Dreibundsgenossen
einnehmen würde. Der erste Eindruck war lediglich der einer gewaltigen
Bestürzung, und der Schrecken vor dem nahenden Unglück eines Krieges
übte einen lähmenden Druck aus. Dazu kam, daß man dank des englischen
Kabelmonopoles ja nicht einmal die volle Wahrheit kannte, man mußte also
nach den vorliegenden Nachrichten Deutschland für den Staat halten, der
durch seine schroffe Haltung den Zwischenfall von Samoa provoziert
hatte. Daraus ergab sich auch, daß irgendwelche Begeisterung nicht
aufkommen konnte; man fühlte sich wider seinen Willen von dem
Verbündeten im Norden in eine Krisis hineingezerrt, deren Ausgang nicht
abzusehen war.
Ebenso wie in Berlin, war die Nachricht aus Samoa während der Sitzung
des Parlaments bekannt geworden. Der Ministerpräsident hatte schleunigst
die Sitzung verlassen und war ins Königliche Palais gefahren. Als die
Sitzung vorzeitig schloß, verließen die sozialdemokratischen
Abgeordneten den Saal unter Hochrufen auf Frankreich. Da keine
formulierten Abmachungen vorlagen über Italiens Verhältnis zu England,
man sich aber an die Versprechungen, gelegentlich des Besuchs Eduards
VII. im Quirinal bezüglich der Erwerbung von Tripolis erinnerte, so
waren die Sympathien für beide in dem Drama von Samoa beteiligten Mächte
geteilt. Man wußte, daß, sobald das Bündnis wirksam würde, das englische
Mittelmeergeschwader mit dem Angriff auf italienische Häfen keinen Tag
zögern würde.
Auf den Straßen wogten dichte Menschenmassen hin und her, und in den
Kaffeehäusern wurde die politische Lage eifrig diskutiert. Erst spät
ward der Platz vor dem Quirinal leer. Der Ministerpräsident, der abends
um 8 Uhr vom König zurückkehrte, wurde auf der Straße Gegenstand
lebhafter Ovationen, in die Hochrufe auf Deutschland mischten sich aber
auch solche auf England und das dem Volksempfinden doch immerhin näher
stehende Frankreich.
Auch der 19. März verlief ohne eine Entscheidung zu bringen. Man erfuhr
nun allerdings aus Paris die ganze Wahrheit über das Gefecht vor Apia
und über den schließlichen Sieg der deutschen Schiffe. Außerdem trafen
Meldungen ein, die von einer Mobilisierung der englischen und
französischen Flotte wissen wollten. Während man in London alle
wichtigen Depeschen zurückhielt, hatte man eine wohl absichtlich
passieren lassen, nämlich die Meldung der »Times«, daß guten
Informationen zufolge, die englische Regierung es nicht dulden werde,
daß Deutschland auf Bündnisverträge aus früherer Zeit zurückgreife, da
es vor Apia nicht der Angegriffene, sondern der Angreifer gewesen sei.
Das konnte nur als eine Warnung an Österreich und Italien aufgefaßt
werden.
So verging der 19. März unter allgemeiner Unruhe. Der Ministerpräsident
hatte erklärt, er sei vorläufig nicht in der Lage eine Interpellation in
der Kammer zu beantworten, bevor nicht die Regierung nähere Nachrichten
über die Vorgeschichte der Krisis erhalten habe. Ein anscheinend
offiziös inspirierter Artikel der »Tribuna« aber erklärte, daß ein
Konflikt mit irgend einer Macht Italiens Heer und Flotte vollauf
gerüstet finden würde. Aus Spezzia und aus Neapel, wo das zweite
Geschwader der Manöverflotte im Hafen lag, erfuhren die Zeitungen, daß
dort alle Vorbereitungen getroffen würden, um eine schleunige
Mobilisierung der Flotte vorzubereiten. Wo sich Truppenabteilungen auf
der Straße zeigten, wurden sie von der Menge mit begeisterten Ovationen
empfangen, und besonders die Marineoffiziere wurden in den Cafés als
politische Orakelspender eifrig umlagert und ausgeforscht.
* * * * *
Ein herrlicher Frühlingstag ging in Neapel zu Ende. Glutrot verschwand
die Sonne hinter dem Kimm des tiefblauen Meeres, mit ihrem Glanz alle
Vorgebirge und Bergspitzen vergoldend und das weiße Häusermeer der Stadt
mit ihren letzten Strahlen überschüttend. Die leichte Rauchwolke über
dem Vesuv begann sich bereits an der inneren Glut des Berges rötlich zu
färben. Wer dieses einzig schöne Schauspiel oben von der Höhe des Castel
St. Elmo genoß, dem ward es schwer, sich angesichts dieses Bildes
tiefsten Friedens in den Gedanken zu versetzen, daß vielleicht innerhalb
weniger Tage die Fluten des Krieges wiederum gegen diese sonnigen
Gestade heranbranden könnten. Von unten her aus der Stadt drang das
Geräusch der Volksmenge, die auf den Straßen hin und her zog. Ab und zu
verdichtete sich das leise Brausen zu explosiv wirkendem Geschrei, wenn
hier und da sich dichtere Gruppen um einen Redner zusammenschlossen, der
wie ein hüpfender Punkt über der dunklen Masse der Köpfe schwamm. Unten
am Hafen wo die vier schweren Panzer still auf der blauen Flut lagen,
und vor den Kasernen am Castel Nuovo sah man die Menschenmenge sich
stauen.
Während der Abend herabsank auf die bella Napoli wurden drüben in der
Meerenge, wo Capri in einem blauen Meere von Dunst und Sonnengold
schwamm, einige Rauchwolken sichtbar und beim letzten Schimmer des Tages
sah man am Horizonte eine Reihe massiver Schiffskörper auftauchen.
Drunten in der Stadt konnte man sie nicht mehr bemerken, dort lag
bereits alles im Dunkel. Es fiel allerdings auf, daß man am Hafen die
Ankunft des fälligen Dampfers aus Messina vergebens erwartete. Dieser,
der Postdampfer »Calabria«, war nämlich von einem Teil des englischen
Mittelmeergeschwaders unterwegs angehalten worden, welches in der Stille
der Nacht langsam bis auf die halbe Entfernung zwischen Capri und Neapel
herandampfte.
Gegen 11 Uhr abends legte in Neapel am äußersten Molo eine kleine
pustende Dampfpinasse des englischen Kreuzers »Dido« an. Ein Leutnant
stieg an Land, meldete im Auftrage seines Kommandanten auf dem Hafenamte
das Eintreffen des englischen Kreuzers auf der Reede und begab sich
hierauf von der Menge, die englische und italienische Marineuniformen
nicht unterscheidet, unbeachtet auf das Telegraphenamt. Hier gab er nach
Rom an die Adresse des englischen Botschaftssekretärs Hopkins folgende
Depesche auf:
»Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12
Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft«.
Der Telegraphenbeamte beförderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu
wissen, daß Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am
Quirinal mitteilte, daß er mit dem Geschwader von fünf Panzern, fünf
Kreuzern und acht Zerstörern auf der Reede liege und bis zum 20. März
mittags 12 Uhr Bescheid darüber erwartete, ob er gegen die italienischen
Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem
Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den
Führer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits
wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden.
Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt
gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des
Manövergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen
darauf, daß ein einzelnes Schiff, gegenüber einer so starken
Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem
Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein
dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere über den
Ausgang der politischen Krisis dem Gespräch immer neue Nahrung gaben.
* * * * *
Während ein fahles Dämmerlicht den heranbrechenden Morgen in der
römischen Hauptstadt ankündigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem
Ministerium des Auswärtigen in Rom vor. Der englische Botschafter ließ
den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage
seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde später standen sich beide
Männer gegenüber. Der Engländer griff kurz zurück auf die Vorgänge in
Samoa und erinnerte daran, daß der deutsche Kreuzer die englischen
Schiffe angegriffen habe. »Es ist uns bekannt,« fuhr er fort, »daß
gewisse Bündnisverträge aus früherer Zeit bestehen, die Italien
verpflichten könnten, Deutschland seinen militärischen Beistand zu
leihen. Soweit wir diese Verträge kennen, kommt der Bündnisfall jetzt
nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese
Stunde aber vielleicht (^I suppose^) die Feindseligkeiten in der Nordsee
schon ausgebrochen sind, ist es für uns von Wert, zu wissen, welche
Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir können
leider (^I regret sincerely^) nicht darauf warten, ob sich Italien auf
die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir
müssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar
bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nächsten Stunden schwere
Entscheidungen für uns enthalten können. Ich bin daher beauftragt von
meiner Regierung,« der Botschafter erhob sich und stützte die rechte
Hand auf den Schreibtisch des Ministers, »dem italienischen Ministerium
des Auswärtigen folgendes zu unterbreiten:
In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung
genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent;
gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbündeten französischen Flotte
vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir
sind gezwungen, diese Maßregeln zu ergreifen, um zu verhüten, daß die
italienische Regierung, von Berlin aus beeinflußt, eine feindselige
Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu
stellen: Die italienische Regierung erklärt, daß sie in dem jetzt
ausgebrochenen Kriege völlig neutral bleiben will. Als Pfand für diese
Versicherung fordern wir, daß uns für die Dauer des Krieges die
Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen
Operationsbasis für unsere Flotte gegen die österreichischen Kriegshäfen
von Pola und Triest eingeräumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu
gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen
und kleinere Reparaturen auszuführen. Ich bin beauftragt, die
zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags
entgegenzunehmen, anderenfalls würden wir gezwungen sein, unsererseits
mit dem Angriff auf Neapel und andere Küstenpunkte zu beginnen, während
gleichzeitig die französische Flotte gegen Spezzia und Maddalena
vorgeht. Ich bitte zu bedenken, daß nach den Mitteilungen, die sich in
unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie
detachierten Teil unserer Marine, sowie dem französischen Geschwader vor
Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen würde im
Laufe des heutigen Tages demzufolge _die Vernichtung der italienischen
Marine_ bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden
Kriegshäfen setzen.«
Tiefes Schweigen herrschte in dem dämmerigen Gemach. Auf den Zügen des
italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestürzung.
Der Engländer stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine
aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr
teilte die lastende Stille in kleine Stücke, es war 7 Uhr. Draußen auf
der Straße hörte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister
erhob sich und verabschiedete sich von dem Engländer mit den Worten:
»Ich werde Sr. Majestät dem König die Vorschläge Eurer Exzellenz
übermitteln und bedaure, daß das englische Kabinett uns in die
Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so
schnell zu wählen.«
Mit dem Bemerken: »Die Ereignisse sind stärker als wir«, verabschiedete
sich der englische Botschafter.
Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen
griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten
Stunden gebracht haben könnten, ahnte niemand, daß diese nicht draußen
auf dem nordischen Meer, sondern im Königlichen Palais, wo eine ernste
Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die
Mittagsstunde fallen mußte. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht
durch Extrablätter bekannt, daß auf der Reede von Neapel am Abend vorher
ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde später erfuhr
man, daß fünf große englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer
Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten.
* * * * *
Um 9 Uhr machte auf der Reede von Neapel der Schiffsleutnant Hamilton
dem Kommandanten des englischen Linienschiffes »London« die Meldung, daß
soeben der italienische Panzer »Lepanto« an der Mole vor dem Arsenal
festgemacht habe und daß ein Karrentransport aus dem Arsenale nach dem
Schiffe stattfände, woraus zu schließen sei, daß man auf italienischer
Seite seine Munitionsbestände ergänze. Aus den Schloten der Italiener
quollen schwarze Rauchwolken, man machte Dampf auf. Durch scharfe Gläser
konnten die Engländer erkennen, wie die Schutzkappen von den Geschützen
entfernt wurden und wie die Mannschaften die Rohre reinigten und
putzten. Es herrschte ein emsiges Leben an Bord der vier Panzer:
»Lepanto«, »Italia«, »Dandolo« und »Duilio«, sowie der beiden Kreuzer
»Etruria« und »Lombardia«. Ein schwarzes Torpedoboot verließ in
schneller Fahrt den Hafen, dicke Rauchschwaden über den blauen, fast
unbewegten Meeresspiegel hinter sich herschleppend. Es nahm den Kurs ums
Kap Miseno in der Richtung nach Gaeta. Sonst herrschte eine tiefe,
friedliche Stille, und nichts verriet, welche Gefahr von draußen her
drohte, nur erschienen die Küstengewässer etwas verödet. Während sonst
die Reede von zahllosen Fischerbooten und kleineren Fahrzeugen belebt
war, und größere Dampfer und ferne Segler von der See her grüßten,
schien jetzt alles Leben auf der Wasserfläche erstorben, nur die
wuchtigen, langgestreckten Kriegsmaschinen stießen schwere Packen Rauchs
aus, die die leichte Brise langsam in einen hellbraunen Rauchschleier
auflöste.