wohlgeordnet, aber jetzt gerieten sie in Verwirrung. Auf dem
Linienschiffe »Ocean« schoß plötzlich eine weiße Dampfwolke zwischen den
Schloten empor, den einen von ihnen über Bord werfend. Eine
Mörsergranate hatte das Panzerdeck durchschlagen und hatte, im
Maschinenraum berstend, verschiedene Kessel zur Explosion gebracht. Auf
dem Panzer »Glory« explodierte ein Geschoß im hinteren Turm, die zwei
langen Geschützrohre nach vorwärts über das Deck werfend. Der Panzer
verlangsamte seine Fahrt, bog nach Steuerbord aus, stieß mit dem ihm
seitwärts folgenden »Albion« zusammen und beide Schiffe wurden jetzt das
Zielobjekt für die Küstenbatterien. Auf dem Admiralsschiffe stürzte der
hintere Gefechtsmast zerschmettert über Bord, mit seinen Drahtseilen
anscheinend die eine Schraube unklar machend, denn das Schiff stoppte
und beschrieb plötzlich einen Kreis. Es herrschte durch diese plötzliche
Wirkung des deutschen Steilfeuers, dem die englischen Panzerdecks nicht
gewachsen waren, Verwirrung in den Reihen des Feindes. In dem
verhältnismäßig schmalen Fahrwasser ließ sich die ursprüngliche
Formation nicht mehr innehalten, mehrere Schiffe berührten sich
gegenseitig. Das Linienschiff »Ocean« war leck geschossen und durch eine
Maschinenhavarie gefechtsunfähig. Dicke Wasserstrahlen der Lenzpumpen
quollen nach der dem Leck abgekehrten Seite aus dem Schiffsrumpfe
hervor. Dann wurde der Panzer von einem Kameraden zurückgeschleppt, wo
er jedoch unweit der Stelle, wo der »Bouvet« gestrandet war, ebenfalls
auf den Sand geriet.
Das war der Augenblick für die deutschen Linienschiffe, in den Kampf
einzugreifen. Vorsichtig die zweite Minensperre in Kiellinie passierend,
ging es jetzt mit Volldampf auf den Feind los. Aber schneller, als man
erwartet, hatte sich dieser wieder rangiert, Kehrt gemacht und ging
unter voller Maschinenkraft wieder seewärts. Als die deutschen Panzer
das Feuer der Küstenbatterien maskierten, brach dieses plötzlich ab, die
Verfolgung des mit seinem Angriff abgeschlagenen Feindes dem Geschwader
überlassend.
Das Gefecht auf der Reede, welches von unserer Seite gegen den mehrfach
überlegenen Feind nicht weiter fortgeführt werden konnte, entzog sich in
dem Abenddunkel der Beobachtung vom Lande. Vermöge seiner größeren
Schnelligkeit vermochte sich der Feind mit seinen stärkeren Kalibern die
sechs deutschen Linienschiffe sehr bald vom Leibe zu halten. Um 8 Uhr
kehrte das deutsche Geschwader wieder in die Elbmündung zurück, die
Sicherung gegen feindliche Angriffe einer Postenkette von schnellen
Kreuzern überlassend, deren Zahl durch die am Nachmittag von Brunsbüttel
eingetroffenen Schiffe »Lübeck«, »Berlin«, »München« wesentlich vermehrt
worden war.
Die deutschen Panzerschiffe waren vom Kampfe hart mitgenommen.
Namentlich die hohen Decksaufbauten waren arg zusammengeschossen und
durch die Splitterwirkung waren die Mannschaftsverluste recht hoch. Doch
sahen die Beschädigungen für das Laienauge schlimmer aus, als sie in
Wirklichkeit waren. Vitale Teile waren kaum verletzt und alle deutschen
Panzer waren gefechtsfähig geblieben. Der 21. März hatte jedoch
das bestätigt, was in den letzten Jahren von verschiedenen
Marineschriftstellern immer wieder hervorgehoben worden war, daß nämlich
die überlegene, niedrigere Bauart der englischen Panzerschiffe
praktischer für den Kampf sei, als die der deutschen mit ihren hohen,
zwar martialisch aussehenden, dem Feinde aber ein gutes Zielobjekt
liefernden Aufbauten über Deck. Und nun erst die Franzosen, die
Geschützstände und Brückendecks etagenweise übereinander stapeln bis zur
Grenze der Seefähigkeit dieser wuchtigen, hoch aufragenden schwimmenden
Festen! Während die niedrigen englischen Linienschiffe schwer zu
treffende Ziele waren, hatten die Franzosen ihre Liebhaberei für
groteske Schiffsformen mit großen Mannschaftsverlusten und furchtbaren
Zerfetzungen des Schiffskörpers über Wasser zu büßen. Das deutsche
Geschwader nahm wieder seinen Ankerplatz innerhalb der zweiten
Minensperre ein. Zwei weitere Torpedo-Divisionen rückten noch spät am
Abend in die äußere Vorpostenlinie vor. Der Standpunkt der feindlichen
Flotte, die sich anscheinend mit ihrem Gros auf Helgoland zurückgezogen
hatte, war um 9 Uhr abends noch in dieser Richtung an den zwischen den
Schiffen gewechselten Scheinwerfersignalen erkennbar. Während der Nacht
liefen durch Funksprüche Meldungen ein, denen zufolge die feindliche
Flotte sich durch eine mehrfache Postenkette von Kreuzern und
Hochseebooten gegen einen Torpedoangriff von deutscher Seite geschützt
hatte.
Nach dem Rückzuge des Feindes begannen beim Scheine elektrischer
Bogenlampen Pionierabteilungen die Verwüstungen in den Küstenforts mit
möglichster Beschleunigung auszubessern, damit am nächsten Tage der
Feind auch hier wieder alles gefechtsbereit fände. Abends trafen noch
mit der Küstenbahn zwei Züge der Hamburger Feuerwehr in Cuxhaven ein,
die mit ihren Dampfspritzen und von Spritzendampfern unterstützt das
Löschen des Feuers in der Stadt energisch in Angriff nahmen, aber noch
bis in die frühe Morgenstunde lag eine brandrote Wolke über der
unglücklichen Stadt, ein Feuermal über dem Grabe von Hunderten deutscher
Männer. Der erste Vorstoß des Gegners war, allerdings unter schweren
Opfern, abgeschlagen worden. Während der ganzen Nacht wurden durch
Sanitätstransporte die Schwerverwundeten aus den Küstenforts nach dem
Bahnhofe überführt, um von dort nach den Hamburger Lazaretten evakuiert
zu werden.
Die Blockade.
Nach dem Bombardement von Cuxhaven trat eine gewisse Stockung in den
feindlichen Operationen ein. Die Verluste, die das vereinigte
Angriffsgeschwader erlitten hatte, mahnten es zur Vorsicht. Die
zerschossenen und havarierten Schiffe schickte man in die heimatlichen
Häfen und füllte die Lücken mit inzwischen neu mobilisierten Schiffen
aus.
Auch die Ausrüstung der deutschen Schiffe wurde mit allem Eifer
vollendet. Am 2. April war die Mobilisierung auf jedem in Frage
kommenden Schiffe abgeschlossen, nur das Mitte März vor Kiel
aufgelaufene Linienschiff »Schwaben« lag auf der dortigen Werft, um die
erhaltene schwere Bodenbeschädigung zu reparieren. Außerdem lagen die
Küstenpanzer »Siegfried« und »Hagen«, die vor der Kanalmündung
zusammengerannt waren, im Dock. Die veralteten Schiffe der
»Sachsen«-Klasse blieben in Wilhelmshaven vorläufig in Reserve.
Mit fieberhafter Eile wurden in Cuxhaven die zerschossenen Batterien
wieder hergestellt, einzelne demolierte Geschütze ausgewechselt und
außerdem wurden mit den bei Krupp und Erhardt vorhandenen Beständen an
schwerer Artillerie neue Batterien errichtet. Der Panzer »Wittelsbach«
wurde, um eine rasche Reparatur seiner Beschädigung zu ermöglichen, in
die eine Schleusenkammer von Brunsbüttel gelegt, dort flickte man in
drei Tagen seine Schußlöcher wieder aus. Die schwer beschädigte
»Gazelle« wurde in das Dock von Blohm & Voß gelegt, das nach Brunsbüttel
geschleppt worden war und dort auch später nach der Schlacht bei
Helgoland gute Dienste tat. Ebenso wurden sämtliche anderen Hamburger
Schwimmdocks an die Elbmündung befördert, wo sie havarierte Torpedoboote
und kleine Kreuzer immer sofort aufnahmen, wenn diese mit Beschädigungen
aus der Blockadelinie zurückkehrten. Die zerstörte Minensperre wurde
wieder hergestellt und durch eine neue Linie ergänzt, in der man zum
ersten Male eine aus Stahltrossen gefertigte netzartige Sperre als
Schutz gegen die Unterseeboote anwandte.
Als ein guter Erfolg konnte es angesehen werden, daß es am 28. März
gelang, auf der Insel Neuwerk eine Ballonstation zu errichten, die in
Verbindung mit dem Fesselballon, der ständig über dem Fort Kugelbaake
schwebte, nicht nur zur Beobachtung der Blockadeflotte diente, sondern
auch bei Tage wenigstens einen gewissen Schutz gegen Angriffe durch
Unterseeboote darstellte, die sich namentlich zahlreich bei dem
französischen Geschwader befanden. Bekanntlich sind flache
Küstengewässer aus einer gewissen Höhe für den von dort aus
Beobachtenden durchsichtig, und die dunklen Körper der Unterseeboote
zeichnen sich auf dem hellen Meeresgrunde scharf ab. Es gelang mehrere
Male, von dem Beobachtungsposten im Ballon das Geschwader in der
Elbmündung rechtzeitig vor herannahenden Unterseebooten zu warnen. In
Verbindung mit diesem Nachrichtendienst erwiesen sich mehrfach die
Beobachtungsminen, die auf ein Signal der Ballonstation entzündet wurden
und durch ihre Explosion feindliche Unterseeboote zerstörten, als ein
ziemlich wirksamer Schutz. Nebenher wurde ein scharfer Postendienst
unterhalten; auch von Kiel aus sicherte man durch vorgeschobene Kreuzer
und die inzwischen als Hilfskreuzer eingestellten Schnelldampfer unserer
großen Reedereien die dänischen Gewässer gegen eine feindliche
Annäherung.
Die in der Ostsee erreichbaren englischen Schiffe waren von deutschen
Kreuzern gekapert worden. Die meisten englischen Kauffahrer hatten
jedoch rechtzeitig in neutralen Häfen einen Unterschlupf gefunden.
Besonders in Kopenhagen lagen Dutzende von englischen Dampfern in langen
Reihen an den Kais. Leider konnte man nicht verhindern, daß ihre
Besatzung auf Umwegen in die Heimat zurückkehrte, wo sie an Bord der
englischen Flotte eingestellt wurde.
Auf Vorposten.
Für den Feind begann jetzt, weil man vor der Komplettierung der eigenen
Streitkräfte keinen neuen Schlag versuchen wollte, der ungeheuer
anstrengende Blockadedienst. Da man mit den ziemlich intakten deutschen
Streitkräften Tag und Nacht rechnen mußte, wirkte dieser Dienst auf die
feindlichen Seeleute sehr ermüdend. Wollte man durch Scheinwerfer nicht
seinen eigenen Aufenthalt verraten, war man an Bord der Engländer und
Franzosen nachts allein auf Auge und Ohr angewiesen. Dazu wurden die
Schiffe durch die rauhe See und durch heftige Stürme fürchterlich hin
und her geworfen. Durch kühne Vorstöße deutscher Torpedoboote verlor die
Blockadeflotte eine Reihe von kleineren Schiffen, auch ein französisches
Panzerschiff wurde durch eine Torpedoexplosion schwer leck. Unter Deck
benutzte man empfindliche Telephonapparate, da man bei ruhiger See auf
diese Weise das Geräusch der feindlichen Torpedoschrauben im Wasser auf
weite Strecken hören kann. Solcher Vorpostendienst erschöpfte die
Besatzung derart, daß man, um die Mannschaften frisch zu erhalten, die
Kreuzer höchstens eine Woche in der Postenlinie ließ und sie dann
ablöste und zurückzog. Die dienstfreien Schiffe lagen seewärts der
Blockadelinie, halbwegs zwischen der dänischen Küste und der Doggerbank.
Der Panzerkreuzer »Friedrich Karl«, der durch den Kanal nach Kiel
zurückgekehrt war, befand sich nördlich von Skagen in der äußersten
Postenlinie, die gegen ein Herannahen des Feindes durch die
skandinavischen Gewässer sicherte. Alle Lichter waren sorgfältig
abgeblendet, die See ging hoch und spritzte weiße Schaumflocken an den
Bordwänden empor. Oben auf dem Kommandostand erhielt der wachthabende
Offizier die Meldung aus dem ersten Signalmast, es scheine so, als ob
sich wenige Striche über Backbord mehrere Schiffe bewegten. Ein leises
Signal in die Maschine ließ diese mit voller Kraft angehen. Die Posten
an den Scheinwerfern erhielten ein Achtungssignal, der Kreuzer wühlte
sich mit 21 Knoten durch die schwarze See. Plötzlich eine Wand weißen,
blendenden Lichtes, das in den Augen schmerzte; vorn über Backbord
flammte dicht über den Wellen der Lichtstrom eines Scheinwerfers auf,
der mit seinem breiten Kegel plötzlich die schäumenden Wogen vor dem Bug
des »Friedrich Karl« in voller Deutlichkeit zeigte. Einen Moment, und
das Vorschiff des Kreuzers sank in diese Lichtflut ein, durch die die
aufgespritzten Schaumtropfen wie Schneeflocken herniederrieselten. Wie
ein Phantom erschien der graue Schiffsrumpf von blendenden Reflexen
umspielt. Wie an Bord eines Geisterschiffes tauchten die hinter ihren
Geschützen wie eherne Statuen stehenden Artilleristen gleichsam aus dem
Nichts empor, dann wuchs der ragende Signalmast mit seinem zierlichen
Gerippe von Stahldrähten aus der Dunkelheit heraus.
Drüben zuckten jetzt in der Nacht ein paar gelbe Feuerzungen auf und
heulend sausten mehrere Granaten durch das Takelwerk des »Friedrich
Karl«, aber schon war sein Vorderschiff wieder von der Dunkelheit
verschluckt, und der letzte Schein des weißglühenden Lichtes fegte nur
noch über das Achterdeck, den sprudelnden Wasserwirbel am Heck und den
über die Wellen nachgezogenen Schaumstreifen im silbernen Schimmer
aufleuchten lassend. Die wieder einfallende Dunkelheit betäubte das
geblendete Auge, und nur die roten Flammen aus den feindlichen
Geschützrohren und das Sausen und das klatschende Einschlagen der
ziellos verfeuerten Granaten auf der Wasserfläche gemahnte daran, daß
das soeben Geschaute nicht nur eine Vision gewesen.
Da, ein tausendfacher, gellender Schrei, das Vorschiff des »Friedrich
Karl« hob sich von einem gewaltigen Stoß. Der Scheinwerfer oben auf dem
ersten Signalmast blitzte auf und sandte seine weiße Lichtflut aus der
Höhe nach vorn, wo ein Krachen und Bersten von zerrissenem Metall und
stürzende schwere Gewichte einen Höllenspektakel machten. Ein
grauenhaftes Schauspiel bot sich dem entsetzten Blick: Der scharfe Sporn
des »Friedrich Karl« hatte sich in die Breitseite eines großen
Ozeandampfers eingewühlt. Der Wind trieb aus dessen drei mächtigen
Schloten die braunen Rauchschwaden seewärts, wo sie wie ein flatternder
Schleier über den Wogen hinkrochen. Auf dem fremden Schiffe, an dessen
Bug der Name »Lucania« deutlich zu lesen war, liefen schreiend und
kommandierend ein paar Leute hin und her.
In diesem kritischen Moment platzten auf dem »Friedrich Karl« zwei
feindliche Granaten dicht neben dem vorderen Turm, der sofort
automatisch drehte und mit seinem 21 cm-Geschütz in die Dunkelheit
hineinschoß. Auch die Backbordartillerie nahm das Feuer langsam auf.
Jetzt blitzte der englische Scheinwerfer von neuem auf und die dunkle
Meeresfläche erschien plötzlich belebt von einer langen Reihe
feindlicher Schiffe: Die auf Kiel herandampfende englische Flotte.
Durch die gewaltige Maschinenkraft des deutschen Kreuzers war sein
mächtiger Rumpf weit in das feindliche Transportschiff hineingetrieben.
Ein paar Sekunden nach dem Zusammenprall ließ der »Friedrich Karl« die
Schrauben rückwärts schlagen und ging langsam Zoll um Zoll rückwärts.
Als sich sein grauer Stahlleib zurückschob, klaffte über ihm ein
riesenhaftes Loch mit verbogenen und zerrissenen Rändern an der
Bordseite der »Lucania«, aus dessen schwarzen Tiefen weißer Wasserdampf
hervorquoll, und in das die See rauschend und polternd hineinstürzte.
Kaum war der »Friedrich Karl« wieder frei, so legte sich die »Lucania«
nach Steuerbord über, dem deutschen Schiffe sein schräges, von Hunderten
von schreienden Menschen belebtes Deck weisend.
Einige der englischen Soldaten waren im naiven Selbsterhaltungstrieb auf
den »Friedrich Karl« hinübergesprungen, andere suchten die Boote klar zu
machen, was aber nicht mehr an der Steuerbordseite gelang, wo die
Reeling mit dem Bootsdeck bereits ins Wasser tauchte. Durch mehrere
Scheinwerfer war die schwarze Wasserfläche hell beleuchtet. In der
ersten Überraschung konzentrierten alle englischen Schiffe ihre
Aufmerksamkeit auf die unglückliche »Lucania«. Von den an Bord
befindlichen 1500 Mann Infanterie wurde jedoch kaum der dritte Teil
gerettet. Fast tausend Mann nahm das Unglücksschiff, als es nach wenigen
Minuten infolge einer Kesselexplosion, die den Schiffsrumpf in zwei
Teile zerriß, sank, mit in die Tiefe. Noch ehe man sich über die Größe
des Unglücks klar geworden, war der »Friedrich Karl« wieder von der
Dunkelheit verschlungen.
Die geplante Überraschung des Kieler Hafens war also mißglückt. Bereits
um 5 Uhr morgens wurde dort das Herannahen der englischen Flotte
bekannt; sie erschien am Tage darauf, durch den großen Belt dampfend,
weit draußen vor der Kieler Föhrde, worauf die beobachtenden deutschen
Kreuzer sich zurückzogen und sich auf einen intensiven Postendienst
beschränkten. Da die englische Flotte den in Kiel stationierten
Streitkräften weit überlegen war, konnte man zunächst einen Angriff von
deutscher Seite mit Aussicht auf Erfolg nicht versuchen und begnügte
sich damit, dem Feinde seinen Blockadedienst durch stetige nächtliche
Vorstöße zu erschweren. Nach den Erfahrungen des Bombardements von
Cuxhaven, welches die schwere Artillerie an Bord der angreifenden
englischen Flotte außerordentlich strapaziert hatte, war man offenbar
auf feindlicher Seite entschlossen, die Lebensdauer der schweren
Geschützrohre nicht durch zweckloses Schießen unnötigerweise zu
verkürzen.
Die Vernichtung der »Lucania« wurde in der Presse bekanntlich lebhaft
erörtert, da man sich wunderte, wie ein solcher Zusammenstoß
_unvermutet_ erfolgen konnte, da doch der feindliche Scheinwerfer dem
»Friedrich Karl« jenes Transportschiff gezeigt haben müßte. Dabei wurde
vergessen, daß der Lichtkegel eines Scheinwerfers undurchsichtig ist.
Der Lichtkegel des englischen Scheinwerfers hatte sich gewissermaßen wie
eine trennende Wand zwischen den »Friedrich Karl« und die »Lucania«
gelegt, so daß der »Friedrich Karl«, nachdem er die Lichtzone
durchfahren, tatsächlich unerwartet mit der »Lucania« zusammenstieß.
Am Feinde.
Der am 21. März mittags in Aachen eintreffende deutsche Gesandte aus
Brüssel brachte die Bestätigung, daß die Franzosen die belgische Grenze
überschritten hatten. Man hatte sich bis dahin auf deutscher Seite
darauf beschränkt, den Tunneleingang der Aachen-Lütticher Linie
militärisch zu besetzen, um so eine Unterbrechung dieser wichtigen
Strecke zu verhindern. Jetzt, da die politische Lage klar, erging der
Befehl, in Belgien einzurücken. Die beiden Kavallerieregimenter mit
einer Maschinengewehrabteilung und die beiden Bataillone, die am Tage
vorher schon unweit des Aachener Bahnhofes Alarmquartiere bezogen
hatten, um sofort die bereitgehaltenen Züge besteigen zu können,
verließen, von den lauten Hurrarufen der Volksmenge begleitet,
nachmittags um 4 Uhr den Bahnhof der alten Kaiserstadt. Der erste Zug,
auf dessen erstem Lowry, der sich noch vor der Lokomotive befand, aus
Schienen und Eisenbahnschwellen für zwei Maschinengewehre kugelsichere
Deckungen hergerichtet waren, erhielt gegen 6 Uhr abends dreiviertel
Wegs nach Lüttich aus einem Walde heftiges Gewehrfeuer. Die
Maschinengewehre brachten es schnell zum Schweigen, die Truppen
verließen die Wagen und bezogen zu beiden Seiten der Bahn eine
ausgedehnte Vorpostenstellung. Es galt zunächst festzustellen, ob, wie
die Gerüchte wissen wollten, bereits französische Truppen soweit gegen
die deutsche Grenze vorgeschoben seien. Einfach heute schon nach Lüttich
hineinzufahren, verbot die Schwäche dieser Vortruppen.
Kurz vor der Stelle, wo die Bahn den zu beiden Seiten sich hinziehenden
Wald verläßt, um dann auf einer kleinen Brücke einen Bach zu passieren,
worauf sie jenseits bald wieder im dichten Walde verschwindet, hielt am
anderen Morgen eine Patrouille des rheinischen Husarenregimentes.
»Meyer,« sagte der Gefreite Busch, »wir wollen einmal bis an die
Waldzunge vorgehen, mir ist so, als hörte ich ein leises Geräusch in den
Schienen; möglich, daß ein Zug herankommt. Von dort werden wir ihn
jedenfalls besser beobachten können.«
Vorsichtig die beiden Pferde am Zügel führend, folgte Meyer durch das
Unterholz dem Gefreiten. Nach etwa zehn Minuten standen sie am Rande des
Waldes und überblickten jetzt den Bahnkörper, die kleine Brücke und den
in der Morgensonne weißlich glänzenden zweifachen Schienenstrang, der
sich weiterhin zwischen den schwarzen Stämmen des Waldes wieder verlor.
Vom Feinde war nichts zu sehen; tiefe Ruhe herrschte unter den hie und
da schon einen hellgrünen Schimmer zeigenden Baumwipfeln, in denen die
Vögel ihr lustiges Morgenliedchen pfiffen. Da wo sich der
gegenüberliegende Wald zum Bahndamm herniedersenkte, stand auf den
Schienen eine Lokomotive, ganz ruhig, wie hingezaubert in diese
friedliche Stille.
Flüsternd machten sich die beiden Husaren auf diese überraschende
Erscheinung aufmerksam. Wie vergessen stand die Maschine da, kein
Dampfwölkchen verriet, ob Bewegung in ihr wohnte. Kein Mensch war hinter
den ovalen Fenstern des Führerstandes zu erblicken, ringsum zwitscherten
die Vögel und rauschten leise im Morgenwinde die Zweige der Bäume.
»Meyer, wir müssen weiter vor, folgen Sie mir, wir wollen hier links
durch den Wald über den Bach hinübergehen und dieses belgische
Verkehrsinstrument einmal untersuchen.« Langsam sich hinter den
Baumstämmen deckend, ritten die beiden Husaren nach vorne. Jetzt mußten
sie den schützenden Wald verlassen und stiegen den sanften, nur von
wenigen Bäumen bestandenen Abhang hinunter.
»Klapp«, sagte es plötzlich über ihnen und noch einmal »klapp«, und ein
paar Äste fielen vor ihnen herunter. Gleichzeitig weckten zwei Schüsse
ein in den Waldschluchten lang hinrollendes Echo.
»Also doch,« sagte Busch, »ich dachte es mir, dann also zurück.« Da
ertönten mehrere lange und kurze Pfiffe der Lokomotive, ein weißer
Dampfstrahl stieg über ihrem blanken Kesseldom auf und langsam, wie von
unsichtbarer Gewalt geschoben, bewegte sich die Maschine rückwärts. »Sie
geben ein Signal für ihre Posten,« sagte Busch, »hören Sie: lang, kurz,
lang, kurz, kurz, lang; ganz nach dem Morsesystem. Nun Vorsicht.« Die
Lokomotive, die lautlos auf den Schienen zurückgeglitten, machte wieder
Halt. »Ich bleibe hier,« sagte Busch, »Meyer, reiten Sie zurück und
melden Sie dem nächsten Posten, was wir gesehen.«
»Zu Be...«, mehr hörte Busch nicht, er spürte neben sich einen
klatschenden Schlag und fühlte eine widerlich warme Masse sich auf die
Wange spritzen. Meyer stürzte seitwärts vom Pferde und blieb liegen.
Eine feindliche Kugel hatte ihn mitten in die Stirn getroffen. »Der
erste«, sagte Busch, zog Meyers Säbel heraus und stieß ihn neben der
Leiche in den weichen Waldboden.
Und nun ging's vorwärts auf Lüttich zu, langsam kroch die eherne
Schlange auf den Schienensträngen vorwärts, während zu beiden Seiten des
Bahnkörpers die Kavallerie sicherte. Als die ersten deutschen Truppen in
die Vorstadt von Lüttich am Mittage des 22. März eindrangen, verließ der
letzte Zug mit einem französischen Infanteriebataillon den Bahnhof auf
der anderen Seite, und die französischen Chasseurs räumten vor der
einrückenden deutschen Kavallerie die Vorstadt Lüttichs. Die belgischen
Truppen gingen teils in südwestlicher Richtung auf die französische
Grenze mit ihren französischen Kameraden zurück, teils wichen sie
kampflos in der Richtung auf Antwerpen, wo bereits englische Truppen
einen Rückhalt für sie bildeten. Vor Brüssel beabsichtigte man keinen
weiteren Widerstand zu leisten. Da die Engländer zunächst auch im Verein
mit den Belgiern bei weitem nicht stark genug waren, um die Forts von
Antwerpen zu besetzen _und_ gleichzeitig ungefähr bei Löwen, wie
ursprünglich beabsichtigt, dem deutschen Vormarsch einen Riegel
vorzuschieben, war von dieser Seite, von wo aus man eventuell den
deutschen Vormarsch hätte flankieren können, einstweilen nichts
Ernstliches zu befürchten.
Der schnelle Vorstoß der deutschen ersten Armee richtete sich auf die
französische Grenze, die geringen belgischen Truppen und die hastig nach
Belgien hinübergeworfenen französischen Truppen vor sich aufrollend und
zusammentreibend. Bis nach Namur war die Bahnlinie seltsamerweise völlig
unversehrt. In Namur traf man auf die ersten gesprengten Brücken und
zerstörten Schienenstränge. Da die Hauptlinie Lüttich--Namur--Charleroi
schnell von den Deutschen besetzt wurde, fiel das gesamte rollende
Material auch auf den Zweiglinien der belgischen Bahn in deutsche Hände.
Das war das erste Versäumnis des Feindes. Die teilweise aufgerissenen
Schienen und die ziemlich ungeschickt gesprengten Brücken wurden in
wenigen Tagen wieder repariert, so daß der Verkehr bis Charleroi sofort
funktionierte, ein erfreulicher Erfolg. Für die Niederhaltung der
unruhigen belgischen Arbeiterbevölkerung, die von fanatischen Pfaffen
zwar aufgereizt wurde, sich aber passiv verhielt, sorgten in allen
Städten verstreute starke Truppenabteilungen, denen teilweise auch noch
recht bedeutendes Kriegsmaterial in die Hände fiel.
Der sozialistische Aufstand in Charleroi.