war bekanntlich ein allgemeiner Buß- und Bettag -- Kirchgang angesagt.
Die Garnisonkirche war bis auf den letzten Platz gedrängt voll. Der
Prediger hatte kaum begonnen, da tönten plötzlich von draußen her
schmetternde Signalhörner und rasselnde Trommelwirbel. Auf den Straßen
wurde Generalmarsch geschlagen, und während der Prediger eine Pause
machte und nach den ungewohnten Tönen hinhorchte, wurde die Tür
aufgerissen und jemand schrie ins Gotteshaus hinein: »Die Engländer
kommen«. Keiner hörte mehr auf die Friedensworte von der Kanzel, scharfe
Kommandoworte und hinaus strömten Mannschaften und Offiziere aus den
Kirchtüren. Draußen wurde schnell angetreten und während die Signale aus
den Straßen des Städtchens herübertönten und drüben an der Ecke ein
blasender Hornist erschien, eilten schon einzelne Abteilungen der
Matrosenartillerie im Laufschritt in der Richtung nach den beiden
Batterien Kugelbaake und Grimmerhörn.
Aus allen Häusern traten die Bewohner mit angsterfüllten Blicken auf die
Straße, anscheinend noch die Bedeutung dieses plötzlichen Alarms nicht
erfassend, aber schon verbreitete sich mit Windeseile das Gerücht vom
Herannahen des Feindes. Und in fliegender Hast stürzte man wieder in die
Wohnungen, dort die wenigen Kostbarkeiten zusammenraffend und in der
lähmenden Aufregung Dinge rettend und bergend, die des Aufhebens nicht
wert waren. Noch konnte es ja Stunden dauern, vielleicht war auch der
Feind schon in nächster Nähe, aber bereits begann die Einwohnerschaft
von Cuxhaven die Stadt zu verlassen. Vom Hafen her dröhnten heulende
Dampfpfeifen und die Sirenen der Schleppdampfer, die die Fischerboote,
breite Ewer und schlankere Kutter, auf denen die Fischerbevölkerung ihre
Habseligkeiten schon am Tage vorher in Sicherheit gebracht hatte,
nunmehr in langen Reihen stromaufwärts zogen. Polizisten gingen von Haus
zu Haus, um die Bewohner im Hinblick auf ein mögliches Bombardement zum
Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Auf dem Bahnhofe wurden Züge
rangiert und hastendes, nervöses Leben herrschte plötzlich in der
kleinen Stadt. Allerlei Hausrat lud man auf Wagen, andere schrien sich
heiser nach Karren und sonstigen Beförderungsmitteln und rangen
verzweifelt die Hände, ihr Eigentum im Stich lassen zu müssen. Der
Bahnhof war bald von dichten Scharen umlagert, die immer neuen Zufluß
aus allen Straßen erhielten. Obgleich eine Abteilung der Hamburger
Polizei alles aufbot, Ordnung in das Chaos zu bringen, entspannen sich
wüste Szenen als man erfuhr, daß jede umfangreichere Gepäckbeförderung
mit den schon seit dem Tage vorher bereitstehenden Bahnzügen
ausgeschlossen sei. Und immer von neuem schmetterten die Signalhörner.
Eine Schar von Hamburger Herren hatte sich auf der »alten Liebe«
gesammelt, von dort aus mit Ferngläsern die Reede beobachtend und die
Vorgänge in den Batterien verfolgend.
Gegen 11 Uhr war der Hafen und der Strand völlig verödet. Die Straßen
lagen still und menschenleer und nur vom Bahnhof herüber dröhnte das
Pfeifen der Lokomotiven und Rangieren der Züge.
Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Meere, von wo ferner
Kanonendonner bereits herüber tönte. Am Horizont sah man eine Reihe von
Schiffen langsam herandampfen. Zunächst kamen die beiden
Küstenverteidiger »Odin« und »Hagen«, die an Cuxhaven schnell
vorüberfuhren. Dann erschienen vier kleine Kreuzer draußen zwischen den
Sänden, wo sonst die roten Feuerschiffe das Fahrwasser bezeichnet
hatten, und dann kam die Linie der sechs Panzerschiffe langsam in die
Elbmündung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren
Schloten entquollen, konnte man deutlich die gelben Flammenblitze der
Geschütze erkennen. Vom Feind war noch nichts zu sehen, doch zeigten die
spritzenden Fontänen zwischen und diesseits der deutschen Schiffe, daß
ein ernster Kampf im Gange war. Langsam zogen sich die deutschen Schiffe
in die breite Elbmündung zurück, und immer lauter erscholl der Donner
der schweren Geschütze. Gegen 11 Uhr erschien ganz weit draußen, noch
weiter hinaus als da, wo ein grauer Schatten die Lage des plumpen
viereckigen Leuchtturms von Neuwerk andeutete, eine Reihe
feuersprühender Linien, über denen ein leichter blauer Rauchschleier
hing: die englische Flotte. Die sechs deutschen Panzer lagen ungefähr
auf der Höhe von Kugelbaake. Hinter ihnen, Cuxhaven rasch passierend,
barg sich ein Schwarm von Torpedobooten. Die vier kleinen Kreuzer und
die »Kaiserin Augusta«, sowie die beiden schweren Panzerkreuzer waren
bereits aus dem Gefechte ausgeschieden und dampften elbaufwärts. Auf dem
»Friedrich Karl« war der vordere Schornstein zerschossen, der mächtige
Schlot lag, nach vornüber gebrochen, neben der Kommandobrücke. Die
»Gazelle« hatte zwei große Schußlöcher dicht über der Wasserlinie. Auf
der »Kaiserin Augusta« war ein Backbordgeschütz aus seiner Lafette
geworfen und ragte steil in die Luft. Im übrigen waren an den Schiffen
keine schweren Beschädigungen zu erkennen. Jedes einlaufende Schiff
wurde von der »Alten Liebe« aus, die jetzt durch Militärposten von
Neugierigen langsam geräumt wurde, mit lautem Hurra begrüßt.
Noch immer schwiegen die Geschütze der Küstenbatterien, da die
Entfernung bis zum Feind noch zu groß war, auch seine Geschosse die
Batterien noch nicht erreichten. Aber immer zahlreicher wurden die
englischen Schiffe. Anscheinend gingen sie jetzt zum Angriff vor.
Gleichzeitig steuerten die sechs deutschen Linienschiffe, in Kiellinie
einander folgend, vorsichtig -- offenbar durch eine Lücke in der
Minensperre fahrend -- an Cuxhaven vorüber und legten sich etwas
stromaufwärts des neuen Hafens vor Anker.
Da flammte es in der Batterie im Fort Kugelbaake auf. Die schweren 30,5
cm-Geschütze griffen in den Kampf ein, und heulend sandte die Batterie
ihren ersten Gruß dem Feinde entgegen. Der nachhallende Donner des
Schusses ließ alle Fensterscheiben in der Stadt erklirren. Nur in langen
Pausen fielen die Schüsse von deutscher Seite. Eine Viertelstunde später
blitzte es auch zwischen den grünen Erdtraversen des Forts Grimmerhörn
auf. Das Gefecht wurde diesseits nur von den Küstenbatterien geführt,
während das Geschwader, dessen stärkstes Kaliber von 24 cm den Feind
nicht mehr erreichte, auf diese Schußweite gezwungen war, untätig dem
Artilleriekampfe zuzusehen. Der Feind war dagegen im stande, vermittels
seiner zahlreichen 30,5 cm (dem gleichen Kaliber wie in den deutschen
Küstenbatterien) und da seine Linienschiffe eine größere Maschinenkraft
besaßen, die Einhaltung dieser Feuerdistanz zu erzwingen. Ein Vordringen
unserer Linienschiffe auf die Schußweite ihrer 24 cm-Geschütze hätte
sie, wenn überhaupt die englischen Panzer dann nicht zurückwichen,
gezwungen, zunächst eine Strecke zurückzulegen, auf der sie der
feindlichen schweren Artillerie schutzlos preisgegeben waren, zumal die
Engländer, im Besitze genauer Seekarten, bei jedem Vorstoß der deutschen
Schiffe die immerhin schmale Fahrrinne mit dem stärksten Kaliber
energisch unter Feuer nahmen. Daher gab der Geschwaderchef den Befehl
zum vorläufigen Rückzuge und ging, wie erwähnt, etwas stromaufwärts,
außerhalb des feindlichen Schußbereiches vor Anker.
Inzwischen tobte der Geschützkampf mit voller Wut weiter. Alle kleineren
Kaliber schwiegen, da nur das Feuer der schwersten Geschütze auf solche
Entfernungen wirksam war. Immerhin folgten sich die Schüsse nur in
langen Pausen, da man beiderseits bestrebt war, in Rücksicht auf die
beschränkte Leistungsfähigkeit der schweren 30,5 cm-Rohre, das Material
zu schonen. Sobald die »Kaiserin Augusta« die »Alte Liebe« passiert
hatte, ging ihre Dampfpinasse zu Wasser, und steuerte in den Hafen
hinein. Ein Offizier stieg an Land und begab sich alsbald zu dem
Kommandoführer der Küstenbatterien, um ihm seine genaueren Beobachtungen
über die Stärke und Zusammensetzung der feindlichen Flotte mitzuteilen.
Diese stimmten im großen und ganzen überein mit der letzten Meldung, die
man von der Beobachtungsstation auf dem Neuwerker Leuchtturm erhalten
hatte, bevor eine feindliche Granate dessen Laterne und den
Signalapparat zerstörte. Nur waren von Neuwerk aus noch vier schwere
Panzer gemeldet worden, mit merkwürdig hohen Aufbauten, also Schiffe,
die nicht zu der charakteristischen niedrigen Form englischer
Linienschiffe paßten. Demnach befand sich bereits eine französische
Panzerdivision bei der englischen Flotte. Sie umfaßte, wie sich später
herausstellte, die französischen Linienschiffe »Charlemagne«, »Gaulois«,
»St. Louis« und »Bouvet«.
Während das Fort Kugelbaake weniger zu leiden hatte, fiel die erste auf
Fort Grimmerhörn gerichtete feindliche Granate mitten in die Batterie,
und mit mathematischer Genauigkeit gezielt, folgten mehr als ein Dutzend
weiterer Geschosse. Reihenweise sanken die Kanoniere dahin, und zwischen
den nur durch Erdtraversen, aber durch keine Panzerung geschützten
Kanonen räumten die feindlichen Granatsplitter in grauenvoller Weise
auf. Immer neue Mannschaften ersetzten die Gefallenen, die zu blutigen
Fleischklumpen zerhackt, ein entsetzliches Ende gefunden hatten. Die
Podeste hinter den Geschützen waren von Blut und Fleischfetzen
schlüpfrig, auf ihnen handhabten die dem Verderben schutzlos
preisgegebenen Artilleristen maschinenmäßig mit sehnigen Armen die
Ladevorrichtungen und schoben ein Geschoß nach dem anderen in die heißen
Rohre. Schuß um Schuß erschütterte die Luft und in dem Höllenspektakel
des eigenen und des fremden Feuers konnte man sich nur pantomimisch
verständigen.
Um 2 Uhr war die Hälfte der Geschütze in Grimmerhörn außer Gefecht
gesetzt. Bei zwei Rohren waren die Liderungen durch hineinspritzenden
Sand und Steinstücke undicht geworden. Ein anderes Geschütz war durch
einen seitlichen Volltreffer auf die Lafette aus seiner Stellung
geworfen worden, und hatte einige Artilleristen mit seiner schweren
Masse unter sich zerquetscht. Das Innere der Batterie bot ein
scheußliches Bild der Verwüstung. Blutige Fleischmassen in verbrannte
und zerrissene Uniformfetzen gehüllt und rauchende Blutlachen da, wo
eben noch lebende Menschen gestanden. Eine Sanitätsabteilung schleppte
unter dem feindlichen Feuer von Granatsplittern umsaust, einige
Schwerverwundete in die bombensicher eingedeckten Räume. Aber ohne
Zaudern traten neue Ersatzmannschaften aus dem Innern des Forts auf die
Ladepodeste, unablässig brüllten und donnerten die Geschütze zwischen
den Erdtraversen hervor, die allmählich, von krepierenden Geschossen
zerwühlt, ihre regelmäßigen Formen verloren und zu grauen Erdhaufen
wurden.
Draußen auf der Reede schoben sich die dunklen Silhouetten der
englischen Panzer immer enger zusammen. Der Feind feuerte nur aus den
vorderen Türmen mit dem schwersten Kaliber und drängte langsam in einem
Halbrund immer näher gegen die Elbmündung vor, den deutschen
Verteidigern so seine bestgeschützte Stirnseite zukehrend. Aus den
grauen Schiffskörpern, deren Signalmasten und hohen Schornsteine
(teilweise paarweise nebeneinander gestellt, daran die »Majestic«-Klasse
erkennen lassend) jetzt deutlich zu unterscheiden waren, zuckten und
sprühten unaufhörlich die gelben Blitze, Tod und Verderben in die
deutschen Küstenbatterien schleudernd. Mit dem Glase konnte man jetzt
auch aufspritzende Wassersäulen erkennen, wenn deutsche Granaten
zwischen den feindlichen Schiffen einschlugen. Aber nicht alle
Projektile versanken so nutzlos in den Wogen der See. Man hatte auf dem
Vorderdeck mehrerer englischer Schiffe deutlich die Explosion deutscher
Geschosse feststellen können. An Bord eines der Schiffe der
»Majestic«-Klasse sah man eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, worauf
der vordere Signalmast seitwärts über Bord stürzte. Ein anderes Schiff
schor plötzlich nach Backbord aus, so den deutschen Kanonieren die ganze
Steuerbordseite zeigend, worauf ein anderer Engländer herandampfte, um
das inzwischen noch mehrmals in der Wasserlinie getroffene und schwer
überliegende Linienschiff aus der Gefechtslinie zu schleppen.
Alles dies zeichnete sich für das bloße Auge nur silhouettenhaft am
Horizonte ab. Vom Leuchtturm in Cuxhaven konnte man jedoch mit guten
Ferngläsern die Treffer genauer beobachten. Es war von dort
festzustellen, daß mehrere englische Schiffe drehten und nunmehr mit den
hinteren Turmgeschützen das Gefecht weiterführten.
Sehr viel mehr als die Engländer litten die Franzosen, die mit ihren
hohen, leicht verletzlichen und nur ganz schwach gepanzerten Aufbauten
den deutschen Kanonieren bessere Zielpunkte boten als die niedrig
gehaltenen englischen Panzer. Zwei der französischen Linienschiffe (eins
von ihnen war anscheinend in Brand geraten), mußten schon, nachdem das
Gefecht zwei Stunden gedauert hatte, aus dem Kampfe ausscheiden und
dampften seewärts. Ein drittes französisches Schiff, der »Bouvet«, hatte
das Feuer eingestellt. Es trieb schwerfällig schlingernd auf den Wogen
hin und her.
Es hatte sich wie man später erfuhr folgendes ereignet: Eine deutsche
Granate hatte, zwischen dem vorderen Geschützturm und dem etwas
höher liegenden Kommandoturm durchschlagend, nicht nur viele
Telegraphensignalleitungen durchschlagen, sondern war, schräg den
vorderen Schornstein durchbohrend, zwischen beiden Schloten durch das
Panzerdeck gefahren und hatte, im Maschinenraum krepierend, die ganze
Backbordmaschine mit fast sämtlichen Kesseln zerstört. Da der englische
Admiral kein Linienschiff aus der Feuerlinie herausnehmen wollte, um den
»Bouvet« abzuschleppen, ließ man ihn einfach liegen, in der Hoffnung,
das Rettungswerk beim Dunkelwerden ausführen zu können. Gegen 5 Uhr
nachmittags war der »Bouvet«, von drei weiteren deutschen Granaten
getroffen, vollständig manöverierunfähig. Zwar nahmen die schweren
Turmgeschütze hin und wieder das Feuer wieder auf, doch wurde gegen 5
Uhr die Decke des vorderen Turmes von einer Granate durchschlagen, die,
im Innern des Turmes explodierend, die Geschützbedienung einfach zu Brei
zerquetschte. Da gleichzeitig eine Menge bereitliegender Kartuschen in
die Luft flog, entstand eine Panik an Bord. Hierauf geriet der »Bouvet«,
nur noch mit seiner Steuerbordmaschine arbeitend, durch Versagen des
Rudermechanismus ins Treiben, lag etwa 10 Minuten quer zu der Richtung
der deutschen Geschütze, wurde noch mehrmals getroffen und strandete
dann auf einer Sandbank, nunmehr ein hilfloses Wrack.
Es mußte auffallen, daß der Feind, während er dem Fort Kugelbaake nur
wenig anhaben konnte und dort kein Geschütz dauernd außer Gefecht
setzte, bereits mit dem ersten Schuß in die Batterie von Grimmerhörn
getroffen hatte. Das Rätsel löste sich leicht. An Bord der englischen
Flotte befanden sich als Lotsen für die deutschen Gewässer und
insbesondere für die Elbe- und Wesermündung englische Dampferkapitäne
und Steuerleute, die auf ihren regelmäßigen Fahrten nach Hamburg und
Bremen die Fahrrinne so genau kennen gelernt hatten, daß sie auch nach
Entfernung der Seezeichen hinreichend Bescheid wußten, um die englische
Flotte sicher zwischen den Sänden und Untiefen der Wattenküste zu
geleiten. Diese englischen Kapitäne kannten selbstverständlich auch die
Lage der deutschen Küstenbatterien und für ein einigermaßen geschultes
Auge war es ohne weiteres klar, daß der Kanonier, der sein Geschütz auf
Grimmerhörn richten wollte, nichts weiter zu tun brauchte, als den
spitzen Turm der dicht dahinter liegenden Garnisonskirche als Richtpunkt
zu nehmen. Bei dem überraschenden Ausbruch des Krieges hatte man diesen,
der deutschen Marine natürlich gut bekannten Umstand übersehen und hatte
es beim Herannahen der feindlichen Flotte versäumt, hier die nötigen
Vorkehrungen zu treffen. Das wurde durch Sprengung des Turmes jetzt im
feindlichen Feuer nachgeholt. Gegen 2 Uhr mittags war der Kirchturm
plötzlich von einer Staubwolke umhüllt, worauf er und die Mauern der
Kirche unter lautem Krachen in sich zusammen sanken. Dem Feind war
dadurch ein bequemer Zielpunkt geraubt, womit sich dann auch die Zahl
der Treffer in Fort Grimmerhörn sehr schnell verminderte. Leider hatte
kurz vorher noch ein feindliches Geschoß die bombensichere Decke einer
Munitionskammer durchschlagen, worauf dieses Magazin mit seinem Inhalt
in die Luft flog. Die niederfallenden Geschoßtrümmer und der Steinschutt
richteten unter den Häusern von Cuxhaven gewaltige Zerstörungen an.
Um 4 Uhr nachmittags brannte Cuxhaven an mehreren Stellen. Da die Stadt
von den Einwohnern geräumt war, hatte das wenig zu bedeuten. Man
beschränkte, um nicht nutzlos Menschenleben aufzuopfern, die
Löscharbeiten auf das Notwendigste, und ließ brennen, was brennen
wollte, in der richtigen Erkenntnis, daß durch die Feuersbrunst die
Engländer vielleicht übertriebene Vorstellungen von der Wirkung des
Bombardements erhalten würden. In derselben Erwägung ließ man ½6 Uhr
abends in den Forts langsam ein Geschütz nach dem anderen bis auf zwei
Rohre verstummen. Und es schien wirklich, daß der Feind glaube, daß er
nicht nur die Batterien niedergekämpft habe, sondern auch die
Küstenstadt mit ihren Hafenanlagen in einen Trümmerhaufen verwandelt
habe, zumal die Lagerhäuser und das Depot der Hamburg-Amerika-Linie am
Hafen lichterloh brannten.
Plötzlich kam Bewegung in die feindlichen Linien, Signale wurden
gewechselt, aus allen Schloten quollen dicke Rauchwolken, nur der
havarierte »Bouvet« blieb regungslos liegen. Die feindlichen Geschwader
bewegten sich vorwärts, das Feuer aus den schweren Geschützen
verringernd und es bald darauf ganz einstellend. Eine Pause entstand
auch in dem diesseitigen Feuer.
Mit rauchgeschwärzten Gesichtern standen die deutschen Kanoniere an
ihren Geschützen. Die letzte Ladung saß im Rohre und mit atemloser
Spannung verfolgte man das Herannahen der feindlichen Flotte, des
Kommandowortes harrend, das den Riesengeschützen von neuem den Mund
öffnen sollte. Schon mit bloßem Auge konnte man am Bug der vorderen
feindlichen Schiffe den sprudelnden Schaum erkennen, der durch die
rasche Fahrt, mit der die stählernen Kolosse durch Tausende von
Pferdekräften vorwärts getrieben wurden, aufgewirbelt wurde. Es war ein
majestätischer und zugleich herzbeklemmender Anblick, diese Reihe
feindlicher Panzer heranrauschen zu sehen.
Die plötzlich eintretende Stille wirkte so eigenartig; das Tosen des so
schnell verstummten Geschützkampfes klang im Ohre noch so intensiv nach,
daß jedes kleinste Geräusch sofort die Vorstellung von dem Wiederkehren
des eben verhallten Donnergebrülls erweckte. Es war charakteristisch,
daß, als man in der ungewohnten Stille nun das Knattern und Prasseln der
Feuersbrunst in dem hinter den Batterien liegenden Städtchen hörte, sich
viele Artilleristen umwandten, in dem bestimmten Gefühl, von rückwärts
Maschinengeschützfeuer zu erhalten.
Über Cuxhaven lag eine qualmende Rauchwolke, von unten durch die
aufleckenden Feuerzungen brandrot gefärbt, oben von den Strahlen der
scheidenden Abendsonne mit gelben Lichtern umrandet. Leise schäumten und
brandeten die Wogen am Strande empor. Noch war der Feind etwa eine
Seemeile von der ersten Minensperre entfernt. Die nächsten Minuten
mußten bereits die unterseeischen Minen mit den ersten englischen
Schiffen in Berührung bringen, da tönte der bellende Schrei einer
Dampfsirene vom englischen Admiralsschiffe und fast im selben Augenblick
erhob sich, während die Panzerschiffe ihre Fahrt verlangsamten, mitten
im Fahrwasser, einer Riesenfontäne gleich, ein weißer, schäumender
Wasserberg, und neben ihm noch einer und noch einer, und zwischen diesen
aufschießenden Strudeln erschienen an der Oberfläche zwei schwarze
Körper, wie treibende Wrackstücke hin und her geworfen zwischen den
wütend aufgepeitschten Wogen. Und immer neue Fontänen und weiße
Gischtsäulen stiegen empor. Die Zeugen dieses wunderbar schrecklichen
Schauspieles auf dem Wasser vermochten sich die Vorgänge in den ersten
Sekunden nicht zu erklären. Dann aber, als eine gewaltige Woge an den
Strand prallte, bis auf den steinernen Uferdamm Schaummassen spritzend
und dann wieder in unwiderstehlichem Sog zurücksinkend, und eine neue
schaumgepeitschte Welle einen jener schwarzen Gegenstände hoch hinauf
auf den flachen Strand schleuderte, wo er wie ein umgekipptes Boot
liegen blieb, da ward es klar, daß die Engländer mit ihren
_Unterseebooten_, die sie der Flotte vorangeschickt hatten, Kontreminen
ausgelegt hatten und diese in der Nähe der deutschen Minen zur Explosion
gebracht und so die äußere Minensperre vernichtet hatten. Die Mannschaft
der vier englischen Unterseeboote war hierbei dem sicheren Untergang
geweiht. Keiner von der Besatzung entkam und was dort unter der
Wasserfläche vorgegangen, blieb ein stummes Geheimnis.
In demselben Moment, als der erste Wasserberg aufschäumte, verwandelten
sich die bleigrauen, schweigenden Panzerschiffe wieder in feuerspeiende
Vulkane. Aus allen Geschützöffnungen lohten die gelben Flammen. Aus
allen Winkeln und Ecken, aus allen Stockwerken der Decksaufbauten, aus
allen Turmöffnungen und Geschützpforten sprühte und zuckte der Tod. Wie
Schloßenhagel fuhren die Geschosse aus allen feindlichen Kalibern heran,
warfen ganze Lagen von Sand und aufgewirbelten Steinen über die
Batterien, überall zersprangen feindliche Granaten und die
dichten Salven aus den Schnellfeuergeschützen zerfetzten die
Geschützbedienungen. Lautlos oder gräßliche Schreie ausstoßend, sanken
die deutschen Artilleristen dahin, durch keine Panzerwand gegen das
feindliche Feuer geschützt. Das Donnern und Gebrüll aller Geschütze
vereinigte sich zu einem Höllensabbat, als öffne sich die Erde und als
schössen aus ihr die lodernden Gluten hervor. Hier vor der brennenden
Stadt die feuerspeienden Sandhaufen der deutschen Forts, drüben die
flammenumzuckten, stählernen Berge auf der wogenden Meeresflut.
Jetzt wo der Feind so nahe, jetzt war der Moment gekommen, wo die
deutschen _Mörserbatterien_ mit ihrem Steilfeuer eingreifen konnten.
Gedeckt durch die dicken Stahlwände der Panzerungen, begannen sie ihr
Feuer. Wohin man blickte, nichts als flammende Blitze, tanzende,
zuckende, sprühende Flammen.