Am 21. März morgens 9 Uhr war für die Besatzung von Cuxhaven -- der Tag

war bekanntlich ein allgemeiner Buß- und Bettag -- Kirchgang angesagt.

Die Garnisonkirche war bis auf den letzten Platz gedrängt voll. Der

Prediger hatte kaum begonnen, da tönten plötzlich von draußen her

schmetternde Signalhörner und rasselnde Trommelwirbel. Auf den Straßen

wurde Generalmarsch geschlagen, und während der Prediger eine Pause

machte und nach den ungewohnten Tönen hinhorchte, wurde die Tür

aufgerissen und jemand schrie ins Gotteshaus hinein: »Die Engländer

kommen«. Keiner hörte mehr auf die Friedensworte von der Kanzel, scharfe

Kommandoworte und hinaus strömten Mannschaften und Offiziere aus den

Kirchtüren. Draußen wurde schnell angetreten und während die Signale aus

den Straßen des Städtchens herübertönten und drüben an der Ecke ein

blasender Hornist erschien, eilten schon einzelne Abteilungen der

Matrosenartillerie im Laufschritt in der Richtung nach den beiden

Batterien Kugelbaake und Grimmerhörn.

Aus allen Häusern traten die Bewohner mit angsterfüllten Blicken auf die

Straße, anscheinend noch die Bedeutung dieses plötzlichen Alarms nicht

erfassend, aber schon verbreitete sich mit Windeseile das Gerücht vom

Herannahen des Feindes. Und in fliegender Hast stürzte man wieder in die

Wohnungen, dort die wenigen Kostbarkeiten zusammenraffend und in der

lähmenden Aufregung Dinge rettend und bergend, die des Aufhebens nicht

wert waren. Noch konnte es ja Stunden dauern, vielleicht war auch der

Feind schon in nächster Nähe, aber bereits begann die Einwohnerschaft

von Cuxhaven die Stadt zu verlassen. Vom Hafen her dröhnten heulende

Dampfpfeifen und die Sirenen der Schleppdampfer, die die Fischerboote,

breite Ewer und schlankere Kutter, auf denen die Fischerbevölkerung ihre

Habseligkeiten schon am Tage vorher in Sicherheit gebracht hatte,

nunmehr in langen Reihen stromaufwärts zogen. Polizisten gingen von Haus

zu Haus, um die Bewohner im Hinblick auf ein mögliches Bombardement zum

Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Auf dem Bahnhofe wurden Züge

rangiert und hastendes, nervöses Leben herrschte plötzlich in der

kleinen Stadt. Allerlei Hausrat lud man auf Wagen, andere schrien sich

heiser nach Karren und sonstigen Beförderungsmitteln und rangen

verzweifelt die Hände, ihr Eigentum im Stich lassen zu müssen. Der

Bahnhof war bald von dichten Scharen umlagert, die immer neuen Zufluß

aus allen Straßen erhielten. Obgleich eine Abteilung der Hamburger

Polizei alles aufbot, Ordnung in das Chaos zu bringen, entspannen sich

wüste Szenen als man erfuhr, daß jede umfangreichere Gepäckbeförderung

mit den schon seit dem Tage vorher bereitstehenden Bahnzügen

ausgeschlossen sei. Und immer von neuem schmetterten die Signalhörner.

Eine Schar von Hamburger Herren hatte sich auf der »alten Liebe«

gesammelt, von dort aus mit Ferngläsern die Reede beobachtend und die

Vorgänge in den Batterien verfolgend.

Gegen 11 Uhr war der Hafen und der Strand völlig verödet. Die Straßen

lagen still und menschenleer und nur vom Bahnhof herüber dröhnte das

Pfeifen der Lokomotiven und Rangieren der Züge.

Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Meere, von wo ferner

Kanonendonner bereits herüber tönte. Am Horizont sah man eine Reihe von

Schiffen langsam herandampfen. Zunächst kamen die beiden

Küstenverteidiger »Odin« und »Hagen«, die an Cuxhaven schnell

vorüberfuhren. Dann erschienen vier kleine Kreuzer draußen zwischen den

Sänden, wo sonst die roten Feuerschiffe das Fahrwasser bezeichnet

hatten, und dann kam die Linie der sechs Panzerschiffe langsam in die

Elbmündung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren

Schloten entquollen, konnte man deutlich die gelben Flammenblitze der

Geschütze erkennen. Vom Feind war noch nichts zu sehen, doch zeigten die

spritzenden Fontänen zwischen und diesseits der deutschen Schiffe, daß

ein ernster Kampf im Gange war. Langsam zogen sich die deutschen Schiffe

in die breite Elbmündung zurück, und immer lauter erscholl der Donner

der schweren Geschütze. Gegen 11 Uhr erschien ganz weit draußen, noch

weiter hinaus als da, wo ein grauer Schatten die Lage des plumpen

viereckigen Leuchtturms von Neuwerk andeutete, eine Reihe

feuersprühender Linien, über denen ein leichter blauer Rauchschleier

hing: die englische Flotte. Die sechs deutschen Panzer lagen ungefähr

auf der Höhe von Kugelbaake. Hinter ihnen, Cuxhaven rasch passierend,

barg sich ein Schwarm von Torpedobooten. Die vier kleinen Kreuzer und

die »Kaiserin Augusta«, sowie die beiden schweren Panzerkreuzer waren

bereits aus dem Gefechte ausgeschieden und dampften elbaufwärts. Auf dem

»Friedrich Karl« war der vordere Schornstein zerschossen, der mächtige

Schlot lag, nach vornüber gebrochen, neben der Kommandobrücke. Die

»Gazelle« hatte zwei große Schußlöcher dicht über der Wasserlinie. Auf

der »Kaiserin Augusta« war ein Backbordgeschütz aus seiner Lafette

geworfen und ragte steil in die Luft. Im übrigen waren an den Schiffen

keine schweren Beschädigungen zu erkennen. Jedes einlaufende Schiff

wurde von der »Alten Liebe« aus, die jetzt durch Militärposten von

Neugierigen langsam geräumt wurde, mit lautem Hurra begrüßt.

Noch immer schwiegen die Geschütze der Küstenbatterien, da die

Entfernung bis zum Feind noch zu groß war, auch seine Geschosse die

Batterien noch nicht erreichten. Aber immer zahlreicher wurden die

englischen Schiffe. Anscheinend gingen sie jetzt zum Angriff vor.

Gleichzeitig steuerten die sechs deutschen Linienschiffe, in Kiellinie

einander folgend, vorsichtig -- offenbar durch eine Lücke in der

Minensperre fahrend -- an Cuxhaven vorüber und legten sich etwas

stromaufwärts des neuen Hafens vor Anker.

Da flammte es in der Batterie im Fort Kugelbaake auf. Die schweren 30,5

cm-Geschütze griffen in den Kampf ein, und heulend sandte die Batterie

ihren ersten Gruß dem Feinde entgegen. Der nachhallende Donner des

Schusses ließ alle Fensterscheiben in der Stadt erklirren. Nur in langen

Pausen fielen die Schüsse von deutscher Seite. Eine Viertelstunde später

blitzte es auch zwischen den grünen Erdtraversen des Forts Grimmerhörn

auf. Das Gefecht wurde diesseits nur von den Küstenbatterien geführt,

während das Geschwader, dessen stärkstes Kaliber von 24 cm den Feind

nicht mehr erreichte, auf diese Schußweite gezwungen war, untätig dem

Artilleriekampfe zuzusehen. Der Feind war dagegen im stande, vermittels

seiner zahlreichen 30,5 cm (dem gleichen Kaliber wie in den deutschen

Küstenbatterien) und da seine Linienschiffe eine größere Maschinenkraft

besaßen, die Einhaltung dieser Feuerdistanz zu erzwingen. Ein Vordringen

unserer Linienschiffe auf die Schußweite ihrer 24 cm-Geschütze hätte

sie, wenn überhaupt die englischen Panzer dann nicht zurückwichen,

gezwungen, zunächst eine Strecke zurückzulegen, auf der sie der

feindlichen schweren Artillerie schutzlos preisgegeben waren, zumal die

Engländer, im Besitze genauer Seekarten, bei jedem Vorstoß der deutschen

Schiffe die immerhin schmale Fahrrinne mit dem stärksten Kaliber

energisch unter Feuer nahmen. Daher gab der Geschwaderchef den Befehl

zum vorläufigen Rückzuge und ging, wie erwähnt, etwas stromaufwärts,

außerhalb des feindlichen Schußbereiches vor Anker.

Inzwischen tobte der Geschützkampf mit voller Wut weiter. Alle kleineren

Kaliber schwiegen, da nur das Feuer der schwersten Geschütze auf solche

Entfernungen wirksam war. Immerhin folgten sich die Schüsse nur in

langen Pausen, da man beiderseits bestrebt war, in Rücksicht auf die

beschränkte Leistungsfähigkeit der schweren 30,5 cm-Rohre, das Material

zu schonen. Sobald die »Kaiserin Augusta« die »Alte Liebe« passiert

hatte, ging ihre Dampfpinasse zu Wasser, und steuerte in den Hafen

hinein. Ein Offizier stieg an Land und begab sich alsbald zu dem

Kommandoführer der Küstenbatterien, um ihm seine genaueren Beobachtungen

über die Stärke und Zusammensetzung der feindlichen Flotte mitzuteilen.

Diese stimmten im großen und ganzen überein mit der letzten Meldung, die

man von der Beobachtungsstation auf dem Neuwerker Leuchtturm erhalten

hatte, bevor eine feindliche Granate dessen Laterne und den

Signalapparat zerstörte. Nur waren von Neuwerk aus noch vier schwere

Panzer gemeldet worden, mit merkwürdig hohen Aufbauten, also Schiffe,

die nicht zu der charakteristischen niedrigen Form englischer

Linienschiffe paßten. Demnach befand sich bereits eine französische

Panzerdivision bei der englischen Flotte. Sie umfaßte, wie sich später

herausstellte, die französischen Linienschiffe »Charlemagne«, »Gaulois«,

»St. Louis« und »Bouvet«.

Während das Fort Kugelbaake weniger zu leiden hatte, fiel die erste auf

Fort Grimmerhörn gerichtete feindliche Granate mitten in die Batterie,

und mit mathematischer Genauigkeit gezielt, folgten mehr als ein Dutzend

weiterer Geschosse. Reihenweise sanken die Kanoniere dahin, und zwischen

den nur durch Erdtraversen, aber durch keine Panzerung geschützten

Kanonen räumten die feindlichen Granatsplitter in grauenvoller Weise

auf. Immer neue Mannschaften ersetzten die Gefallenen, die zu blutigen

Fleischklumpen zerhackt, ein entsetzliches Ende gefunden hatten. Die

Podeste hinter den Geschützen waren von Blut und Fleischfetzen

schlüpfrig, auf ihnen handhabten die dem Verderben schutzlos

preisgegebenen Artilleristen maschinenmäßig mit sehnigen Armen die

Ladevorrichtungen und schoben ein Geschoß nach dem anderen in die heißen

Rohre. Schuß um Schuß erschütterte die Luft und in dem Höllenspektakel

des eigenen und des fremden Feuers konnte man sich nur pantomimisch

verständigen.

Um 2 Uhr war die Hälfte der Geschütze in Grimmerhörn außer Gefecht

gesetzt. Bei zwei Rohren waren die Liderungen durch hineinspritzenden

Sand und Steinstücke undicht geworden. Ein anderes Geschütz war durch

einen seitlichen Volltreffer auf die Lafette aus seiner Stellung

geworfen worden, und hatte einige Artilleristen mit seiner schweren

Masse unter sich zerquetscht. Das Innere der Batterie bot ein

scheußliches Bild der Verwüstung. Blutige Fleischmassen in verbrannte

und zerrissene Uniformfetzen gehüllt und rauchende Blutlachen da, wo

eben noch lebende Menschen gestanden. Eine Sanitätsabteilung schleppte

unter dem feindlichen Feuer von Granatsplittern umsaust, einige

Schwerverwundete in die bombensicher eingedeckten Räume. Aber ohne

Zaudern traten neue Ersatzmannschaften aus dem Innern des Forts auf die

Ladepodeste, unablässig brüllten und donnerten die Geschütze zwischen

den Erdtraversen hervor, die allmählich, von krepierenden Geschossen

zerwühlt, ihre regelmäßigen Formen verloren und zu grauen Erdhaufen

wurden.

Draußen auf der Reede schoben sich die dunklen Silhouetten der

englischen Panzer immer enger zusammen. Der Feind feuerte nur aus den

vorderen Türmen mit dem schwersten Kaliber und drängte langsam in einem

Halbrund immer näher gegen die Elbmündung vor, den deutschen

Verteidigern so seine bestgeschützte Stirnseite zukehrend. Aus den

grauen Schiffskörpern, deren Signalmasten und hohen Schornsteine

(teilweise paarweise nebeneinander gestellt, daran die »Majestic«-Klasse

erkennen lassend) jetzt deutlich zu unterscheiden waren, zuckten und

sprühten unaufhörlich die gelben Blitze, Tod und Verderben in die

deutschen Küstenbatterien schleudernd. Mit dem Glase konnte man jetzt

auch aufspritzende Wassersäulen erkennen, wenn deutsche Granaten

zwischen den feindlichen Schiffen einschlugen. Aber nicht alle

Projektile versanken so nutzlos in den Wogen der See. Man hatte auf dem

Vorderdeck mehrerer englischer Schiffe deutlich die Explosion deutscher

Geschosse feststellen können. An Bord eines der Schiffe der

»Majestic«-Klasse sah man eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, worauf

der vordere Signalmast seitwärts über Bord stürzte. Ein anderes Schiff

schor plötzlich nach Backbord aus, so den deutschen Kanonieren die ganze

Steuerbordseite zeigend, worauf ein anderer Engländer herandampfte, um

das inzwischen noch mehrmals in der Wasserlinie getroffene und schwer

überliegende Linienschiff aus der Gefechtslinie zu schleppen.

Alles dies zeichnete sich für das bloße Auge nur silhouettenhaft am

Horizonte ab. Vom Leuchtturm in Cuxhaven konnte man jedoch mit guten

Ferngläsern die Treffer genauer beobachten. Es war von dort

festzustellen, daß mehrere englische Schiffe drehten und nunmehr mit den

hinteren Turmgeschützen das Gefecht weiterführten.

Sehr viel mehr als die Engländer litten die Franzosen, die mit ihren

hohen, leicht verletzlichen und nur ganz schwach gepanzerten Aufbauten

den deutschen Kanonieren bessere Zielpunkte boten als die niedrig

gehaltenen englischen Panzer. Zwei der französischen Linienschiffe (eins

von ihnen war anscheinend in Brand geraten), mußten schon, nachdem das

Gefecht zwei Stunden gedauert hatte, aus dem Kampfe ausscheiden und

dampften seewärts. Ein drittes französisches Schiff, der »Bouvet«, hatte

das Feuer eingestellt. Es trieb schwerfällig schlingernd auf den Wogen

hin und her.

Es hatte sich wie man später erfuhr folgendes ereignet: Eine deutsche

Granate hatte, zwischen dem vorderen Geschützturm und dem etwas

höher liegenden Kommandoturm durchschlagend, nicht nur viele

Telegraphensignalleitungen durchschlagen, sondern war, schräg den

vorderen Schornstein durchbohrend, zwischen beiden Schloten durch das

Panzerdeck gefahren und hatte, im Maschinenraum krepierend, die ganze

Backbordmaschine mit fast sämtlichen Kesseln zerstört. Da der englische

Admiral kein Linienschiff aus der Feuerlinie herausnehmen wollte, um den

»Bouvet« abzuschleppen, ließ man ihn einfach liegen, in der Hoffnung,

das Rettungswerk beim Dunkelwerden ausführen zu können. Gegen 5 Uhr

nachmittags war der »Bouvet«, von drei weiteren deutschen Granaten

getroffen, vollständig manöverierunfähig. Zwar nahmen die schweren

Turmgeschütze hin und wieder das Feuer wieder auf, doch wurde gegen 5

Uhr die Decke des vorderen Turmes von einer Granate durchschlagen, die,

im Innern des Turmes explodierend, die Geschützbedienung einfach zu Brei

zerquetschte. Da gleichzeitig eine Menge bereitliegender Kartuschen in

die Luft flog, entstand eine Panik an Bord. Hierauf geriet der »Bouvet«,

nur noch mit seiner Steuerbordmaschine arbeitend, durch Versagen des

Rudermechanismus ins Treiben, lag etwa 10 Minuten quer zu der Richtung

der deutschen Geschütze, wurde noch mehrmals getroffen und strandete

dann auf einer Sandbank, nunmehr ein hilfloses Wrack.

Es mußte auffallen, daß der Feind, während er dem Fort Kugelbaake nur

wenig anhaben konnte und dort kein Geschütz dauernd außer Gefecht

setzte, bereits mit dem ersten Schuß in die Batterie von Grimmerhörn

getroffen hatte. Das Rätsel löste sich leicht. An Bord der englischen

Flotte befanden sich als Lotsen für die deutschen Gewässer und

insbesondere für die Elbe- und Wesermündung englische Dampferkapitäne

und Steuerleute, die auf ihren regelmäßigen Fahrten nach Hamburg und

Bremen die Fahrrinne so genau kennen gelernt hatten, daß sie auch nach

Entfernung der Seezeichen hinreichend Bescheid wußten, um die englische

Flotte sicher zwischen den Sänden und Untiefen der Wattenküste zu

geleiten. Diese englischen Kapitäne kannten selbstverständlich auch die

Lage der deutschen Küstenbatterien und für ein einigermaßen geschultes

Auge war es ohne weiteres klar, daß der Kanonier, der sein Geschütz auf

Grimmerhörn richten wollte, nichts weiter zu tun brauchte, als den

spitzen Turm der dicht dahinter liegenden Garnisonskirche als Richtpunkt

zu nehmen. Bei dem überraschenden Ausbruch des Krieges hatte man diesen,

der deutschen Marine natürlich gut bekannten Umstand übersehen und hatte

es beim Herannahen der feindlichen Flotte versäumt, hier die nötigen

Vorkehrungen zu treffen. Das wurde durch Sprengung des Turmes jetzt im

feindlichen Feuer nachgeholt. Gegen 2 Uhr mittags war der Kirchturm

plötzlich von einer Staubwolke umhüllt, worauf er und die Mauern der

Kirche unter lautem Krachen in sich zusammen sanken. Dem Feind war

dadurch ein bequemer Zielpunkt geraubt, womit sich dann auch die Zahl

der Treffer in Fort Grimmerhörn sehr schnell verminderte. Leider hatte

kurz vorher noch ein feindliches Geschoß die bombensichere Decke einer

Munitionskammer durchschlagen, worauf dieses Magazin mit seinem Inhalt

in die Luft flog. Die niederfallenden Geschoßtrümmer und der Steinschutt

richteten unter den Häusern von Cuxhaven gewaltige Zerstörungen an.

Um 4 Uhr nachmittags brannte Cuxhaven an mehreren Stellen. Da die Stadt

von den Einwohnern geräumt war, hatte das wenig zu bedeuten. Man

beschränkte, um nicht nutzlos Menschenleben aufzuopfern, die

Löscharbeiten auf das Notwendigste, und ließ brennen, was brennen

wollte, in der richtigen Erkenntnis, daß durch die Feuersbrunst die

Engländer vielleicht übertriebene Vorstellungen von der Wirkung des

Bombardements erhalten würden. In derselben Erwägung ließ man ½6 Uhr

abends in den Forts langsam ein Geschütz nach dem anderen bis auf zwei

Rohre verstummen. Und es schien wirklich, daß der Feind glaube, daß er

nicht nur die Batterien niedergekämpft habe, sondern auch die

Küstenstadt mit ihren Hafenanlagen in einen Trümmerhaufen verwandelt

habe, zumal die Lagerhäuser und das Depot der Hamburg-Amerika-Linie am

Hafen lichterloh brannten.

Plötzlich kam Bewegung in die feindlichen Linien, Signale wurden

gewechselt, aus allen Schloten quollen dicke Rauchwolken, nur der

havarierte »Bouvet« blieb regungslos liegen. Die feindlichen Geschwader

bewegten sich vorwärts, das Feuer aus den schweren Geschützen

verringernd und es bald darauf ganz einstellend. Eine Pause entstand

auch in dem diesseitigen Feuer.

Mit rauchgeschwärzten Gesichtern standen die deutschen Kanoniere an

ihren Geschützen. Die letzte Ladung saß im Rohre und mit atemloser

Spannung verfolgte man das Herannahen der feindlichen Flotte, des

Kommandowortes harrend, das den Riesengeschützen von neuem den Mund

öffnen sollte. Schon mit bloßem Auge konnte man am Bug der vorderen

feindlichen Schiffe den sprudelnden Schaum erkennen, der durch die

rasche Fahrt, mit der die stählernen Kolosse durch Tausende von

Pferdekräften vorwärts getrieben wurden, aufgewirbelt wurde. Es war ein

majestätischer und zugleich herzbeklemmender Anblick, diese Reihe

feindlicher Panzer heranrauschen zu sehen.

Die plötzlich eintretende Stille wirkte so eigenartig; das Tosen des so

schnell verstummten Geschützkampfes klang im Ohre noch so intensiv nach,

daß jedes kleinste Geräusch sofort die Vorstellung von dem Wiederkehren

des eben verhallten Donnergebrülls erweckte. Es war charakteristisch,

daß, als man in der ungewohnten Stille nun das Knattern und Prasseln der

Feuersbrunst in dem hinter den Batterien liegenden Städtchen hörte, sich

viele Artilleristen umwandten, in dem bestimmten Gefühl, von rückwärts

Maschinengeschützfeuer zu erhalten.

Über Cuxhaven lag eine qualmende Rauchwolke, von unten durch die

aufleckenden Feuerzungen brandrot gefärbt, oben von den Strahlen der

scheidenden Abendsonne mit gelben Lichtern umrandet. Leise schäumten und

brandeten die Wogen am Strande empor. Noch war der Feind etwa eine

Seemeile von der ersten Minensperre entfernt. Die nächsten Minuten

mußten bereits die unterseeischen Minen mit den ersten englischen

Schiffen in Berührung bringen, da tönte der bellende Schrei einer

Dampfsirene vom englischen Admiralsschiffe und fast im selben Augenblick

erhob sich, während die Panzerschiffe ihre Fahrt verlangsamten, mitten

im Fahrwasser, einer Riesenfontäne gleich, ein weißer, schäumender

Wasserberg, und neben ihm noch einer und noch einer, und zwischen diesen

aufschießenden Strudeln erschienen an der Oberfläche zwei schwarze

Körper, wie treibende Wrackstücke hin und her geworfen zwischen den

wütend aufgepeitschten Wogen. Und immer neue Fontänen und weiße

Gischtsäulen stiegen empor. Die Zeugen dieses wunderbar schrecklichen

Schauspieles auf dem Wasser vermochten sich die Vorgänge in den ersten

Sekunden nicht zu erklären. Dann aber, als eine gewaltige Woge an den

Strand prallte, bis auf den steinernen Uferdamm Schaummassen spritzend

und dann wieder in unwiderstehlichem Sog zurücksinkend, und eine neue

schaumgepeitschte Welle einen jener schwarzen Gegenstände hoch hinauf

auf den flachen Strand schleuderte, wo er wie ein umgekipptes Boot

liegen blieb, da ward es klar, daß die Engländer mit ihren

_Unterseebooten_, die sie der Flotte vorangeschickt hatten, Kontreminen

ausgelegt hatten und diese in der Nähe der deutschen Minen zur Explosion

gebracht und so die äußere Minensperre vernichtet hatten. Die Mannschaft

der vier englischen Unterseeboote war hierbei dem sicheren Untergang

geweiht. Keiner von der Besatzung entkam und was dort unter der

Wasserfläche vorgegangen, blieb ein stummes Geheimnis.

In demselben Moment, als der erste Wasserberg aufschäumte, verwandelten

sich die bleigrauen, schweigenden Panzerschiffe wieder in feuerspeiende

Vulkane. Aus allen Geschützöffnungen lohten die gelben Flammen. Aus

allen Winkeln und Ecken, aus allen Stockwerken der Decksaufbauten, aus

allen Turmöffnungen und Geschützpforten sprühte und zuckte der Tod. Wie

Schloßenhagel fuhren die Geschosse aus allen feindlichen Kalibern heran,

warfen ganze Lagen von Sand und aufgewirbelten Steinen über die

Batterien, überall zersprangen feindliche Granaten und die

dichten Salven aus den Schnellfeuergeschützen zerfetzten die

Geschützbedienungen. Lautlos oder gräßliche Schreie ausstoßend, sanken

die deutschen Artilleristen dahin, durch keine Panzerwand gegen das

feindliche Feuer geschützt. Das Donnern und Gebrüll aller Geschütze

vereinigte sich zu einem Höllensabbat, als öffne sich die Erde und als

schössen aus ihr die lodernden Gluten hervor. Hier vor der brennenden

Stadt die feuerspeienden Sandhaufen der deutschen Forts, drüben die

flammenumzuckten, stählernen Berge auf der wogenden Meeresflut.

Jetzt wo der Feind so nahe, jetzt war der Moment gekommen, wo die

deutschen _Mörserbatterien_ mit ihrem Steilfeuer eingreifen konnten.

Gedeckt durch die dicken Stahlwände der Panzerungen, begannen sie ihr

Feuer. Wohin man blickte, nichts als flammende Blitze, tanzende,

zuckende, sprühende Flammen.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 5 / 21 段