Selbst wenn man den zahlreichen Meldungen, daß deutsche Dampfer und

Segelschiffe auf der Nordsee und im Kanal, sowie an der englischen Küste

bereits von englischen Kreuzern und Torpedobooten aufgebracht sein

sollten, einstweilen keinen Glauben beimessen wollte, so lag doch

andererseits von Amsterdam aus schon die Meldung vor, daß der Dampfer

»Gretchen Bohlen«, sowie der Dampfer der Deutsch-Ostafrikalinie

»Bundesrat« (Durbaner Andenkens) sofort nach dem Verlassen des Hafens

von Rotterdam von einem englischen Kriegsfahrzeuge aufgebracht waren.

Ferner wurde gemeldet, daß der Norddeutsche Lloyd-Dampfer »Kronprinz

Wilhelm«, auf der Rückfahrt von New York, auf der Höhe von Dover

angehalten und in den Hafen geschleppt worden sei. Es wurde auch noch

von mehreren Schiffen berichtet; so sollten auf der Höhe von Texel der

Touristendampfer »Therapia« von der Levantelinie und mehrere kleine

Hamburger und Bremer Dampfer von einem großen englischen Kreuzer

gekapert worden sein. Alle diese Nachrichten wirkten sehr alarmierend,

und an der Börse von Hamburg herrschte große Aufregung. Dazu kamen noch

andere Meldungen, so hieß es, die englische Flotte liege bereits auf der

Höhe von Norderney. Dann wurde aus Frederikshavn (Nordküste Jütlands)

gemeldet, eine schwimmende Batterie ohne Landesflagge habe in einer

Entfernung von vier Seemeilen südlich steuernd die jütische Ostküste

passiert. Ein in Esbjerg eingetroffener dänischer Fischdampfer wollte

ferner unweit der Doggersbank ein englisches Geschwader manöverierend

und nach Osten steuernd angetroffen haben; diese Meldung war bereits

drei Tage alt. Schließlich wollte ein in Cuxhaven am Mittag des 19. aus

Hull angekommener schwedischer Dampfer auf der Reede von Hull und im

Hafen nicht weniger als 30 große Passagierdampfer gesehen haben. Es war

dem Dampfer, ohne Hull anzulaufen, gelungen, beim Anbruch der Nacht

heimlich davonzukommen. So verging der 20. März.

Die Reede von Cuxhaven und die Elbmündung war völlig verlassen, nur nahe

am Ufer waren noch einige Fischerboote von Finkenwärder und Blankenese

verankert, die sich nicht getraut hatten, gewarnt von der Hafenbehörde,

draußen ihrem Fang nachzugehen. In dem kleinen Hafen lagen zwei Dampfer

der Nordseelinie, die ihre regelmäßigen Fahrten nach Helgoland usw.

bereits eingestellt hatten. Draußen auf der Reede sah man den

Lotsendampfer »Kapitän Karpfanger« langsam in die Elbmündung

zurückdampfen. Er hatte im Schlepp die drei Feuerschiffe, die auf

Anordnung der Marinebehörde eingezogen wurden. Zwei andere Dampfer,

darunter ein weißgestrichenes Marineboot, sah man draußen die Seezeichen

einsammeln. Mitten im Fahrwasser lag der »Pelikan« von der Kaiserlichen

Marine, von Booten umschwärmt, und weiter stromabwärts sah man mehrere

Minenleger, die der Hamburger so drastisch Eierleger nennt, das

Fahrwasser bereits mit einer Minensperre versehen. Zu demselben Zwecke

wurden einige Fischdampfer und Torpedoboote verwendet. In den Batterien

von Kugelbaake und Grimmerhörn herrschte reges Leben, und von den

Kasernen tönten Signale herüber. Die Küstenbahn hatte ihren Betrieb

eingeschränkt und war ausschließlich für Militärtransporte zur Verfügung

gestellt worden.

Was landeinwärts von Cuxhaven vorging, davon wurden unberufene Augen

durch eine doppelte Postenlinie ferngehalten; das eine war klar, daß

dort hinten etwas vorging, aber die vielen morgens nach Cuxhaven

gefahrenen Hamburger waren infolge der strengen Absperrung nicht in der

Lage, ihre Neugierde zu befriedigen. Sie hielten sich dafür schadlos,

indem sie vor den beiden Batterien, deren gewaltige Rohre zwischen den

Erdtraversen hervorschauten, auf der Strandpromenade auf und ab

patrouillierten, die Möglichkeiten eines feindlichen Angriffes erwägend.

Mittags liefen zwei Torpedodivisionen aus Cuxhaven aus. Von der Flotte

sah man sonst weiter nichts, es hieß nur, in Brunsbüttel werde die

Durchfahrt mehrerer Schiffe erwartet. Der Kanal war seit morgens um 6

Uhr für jedes Handelsschiff gesperrt. So verging der 20. März, ohne daß

man über den Fortgang der Ereignisse etwas Positives erfuhr, unter

größter Spannung. Der Transport von Marinekommandos und ihre Verteilung

auf die einzelnen Befestigungen an der Elbmündung entzog sich der

Beobachtung, da über alle diese Transporte nichts in der Presse

mitgeteilt wurde, der Dienst auf der Küstenbahn sich unter einer

strengen Aufsicht vollzog und von lokalen Ereignissen nur die Zuschauer

an Ort und Stelle erfuhren.

Im Dom.

Der 21. März war durch kaiserliche Verordnung zum allgemeinen Buß- und

Bettag bestimmt. Noch einmal wollte man den Schutz des Höchsten auf die

deutschen Waffen herabflehen, noch einmal wollte man eine Stunde ruhiger

Sammlung haben, bevor der Sturm losbrauste. Der Gottesdienst im Berliner

Dom war auf 10 Uhr vormittags angesetzt. Der Kaiser hatte seine Residenz

um 8 Uhr morgens verlassen und war mit der Kaiserin und dem Kronprinzen

hinausgefahren nach Charlottenburg und Potsdam, um in den beiden stillen

Kapellen, die die Gräber der beiden ersten Hohenzollernkaiser bergen,

einen stillen Abschied zu nehmen. Niemand war Zeuge gewesen dieser

Stunden, da des Reiches Herrscher mit den Seinen an jenen, durch große

Erinnerungen geweihten, Stätten weilte.

Reges Leben herrschte in der Reichshauptstadt, als die kaiserliche

Equipage sich dem Brandenburger Tore wieder näherte. Ohne allen

militärischen Pomp durchfuhr der Kaiser die Linden, überall von der

Menge mit donnernden Zurufen begrüßt. Zahllose Blumen flogen in den

kaiserlichen Wagen, man hatte das Bedürfnis, dem Monarchen seine Liebe

und Anhänglichkeit durch diese letzten Spenden zu bezeichnen, denn am

Tage darauf wollte der Kaiser zur Armee abreisen. Am Morgen hatte ein

Berliner Blatt berichtet, ein Großindustrieller habe ein Gesuch an den

Kaiser gerichtet, er wolle eine Million für die verwundeten Krieger zur

Verfügung stellen, wenn sein einziger Sohn von der Dienstpflicht befreit

werde. Der Kaiser habe am Rande der Bittschrift bemerkt: Ablehnen, mein

Sohn muß auch mit.

Der gewaltige Prachtbau des Berliner Domes war bis auf den letzten Platz

gefüllt. Fast nur Uniformen; hier war noch einmal die Führerschaft der

Armee, soweit sie nicht schon an der Grenze stand, um ihren Kaiser

versammelt. Als die kaiserliche Familie ihre Loge betrat, ging ein

Gemurmel durch die Versammlung. Ein metallisches Klirren und Knirschen

des kriegerischen Schmuckes, aller Augen wandten sich einen Moment dem

Herrscher zu und eine rauschende Bewegung ging durch die Menge.

Die Worte des Predigers waren in dem weiten Gotteshaus verhallt; und

während alle, die hier die Kniee gebeugt hatten vor dem Gott, der die

Geschicke der Völker in seiner Hand hält, noch ihren Gedanken nachhingen

und von der Vergangenheit Abschied nahmen, begann leise die Orgel mit

ganz leisen, kaum hörbaren perlenden Akkorden, bald anschwellend zu

brausenden Tönen, bald fast verklingend in den Wölbungen der Decke und

in den Kapellen und Nischen ein leises Echo weckend. Dann setzte die

Orgel wieder machtvoll ein und der Sturmgesang, der einst ein armes Volk

begeistert und geführt hatte zum Kampfe gegen den übermächtigen Feind,

er brach hervor mit ergreifender Gewalt, und jetzt begann der Domchor,

und er klang hinaus wie Donnerhall dieser Schlachtensang, dieser

eifernde Schrei um Hilfe: »Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten«

und hinaus sangen sie es alle und fromme Begeisterung, die dem Höchsten

bekennt, daß ohne ihn kein Sieg, erklang hinaus, daß die gewaltigen

Mauern dieser Trutzkirche des protestantischen Glaubens erdröhnten.

Leise öffneten sich die Türen, die ersten Bänke leerten sich bereits, in

den breiten Eingangspforten drängten sich glitzernde Uniformen, da

mischte sich in die Töne des verhallenden Chorals von draußen her ein

scharfer, heller Klang. Der Gottesfrieden ward durch einen rauhen Ton

zerrissen, die Gotteswelt versank, ein Rasseln wie von klirrendem

Metall. Als die Ersten hinaustraten in den sonnigen, strahlenden

Frühlingstag, hielten ihnen tausend Hände etwas entgegen, was, rasch

entziffert, die Meldung trug: »_Die Engländer bombardieren Cuxhaven_«.

Donnernde Zurufe empfingen den Kaiser, als er das Gotteshaus verließ und

rasch zu Fuß, die Kaiserin am Arm, die Straße überschritt und im Portal

des kaiserlichen Schlosses verschwand.

Der erste Blitz war herniedergefahren, zündend, vernichtend, verwüstend

und zertrümmernd, wann folgte der zweite und wohin traf er?

Ran an den Feind!

Um 4 Uhr nachmittags am 20. März lief auf der Funkspruchsstation

Helgoland ein Zifferntelegramm aus Cuxhaven ein, das den kommandierenden

Admiral des auf der Reede liegenden Geschwaders über die politische Lage

informierte und ihm neue Befehle übermittelte. Der Admiral begab sich

von Bord seines Flaggschiffes »Kaiser Wilhelm II.« sofort an Land und

hatte eine längere Unterredung mit dem Kommandanten von Helgoland. ½

Stunde später legten sich die zehn Hamburger Kohlendampfer, die sich

beim Geschwader befanden, in einige Entfernung längsseits der

Linienschiffe, und an den durch Stahltrossen konstruierten Schwebebahnen

krochen bald die schwarzen Kohlengefäße hinüber zu den nur leise auf und

nieder stampfenden Panzern, wo sie prasselnd in die schwarzen Schlünde

der Bunker entleert wurden, während die Torpedoboote unten an der

kleinen Mole anlegten und dort ihre Kohlenvorräte auffüllten. Gegen 6

Uhr wurden die Trossen wieder eingeholt und die Kohlenschiffe nahmen

ihren Weg nach der Richtung von Cuxhaven, bald im abendlichen

Dämmerlicht nur noch als eine braune Rauchwolke am Horizont erkennbar.

In der ruhigen See wiegten sich die grauen Leiber der fünf Panzer der

»Wittelsbach«-Klasse neben ihnen der »Kaiser Wilhelm II.« und etwas

seewärts die Kreuzer »Friedrich Karl« und »Prinz Adalbert« mit ihren

drei schlanken Schloten. Weiter draußen, einen Halbkreis nach Westen

bildend, lagen die vier Kreuzer »Gazelle«, »Medusa«, »Niobe« und

»Nymphe«. Die scheidende Sonne überstrahlte den abendlichen Himmel mit

gelben und glutroten Farben, die sich auf der leise wogenden Meeresflut

in schimmernden Reflexen widerspiegelten. Fortwährend wurden zwischen

dem Lande und dem Admiralsschiff, sowie zwischen diesem und den

einzelnen Schiffen des Geschwaders, Signale gewechselt. Als im

Abenddämmern die Winkflaggen nicht mehr zu erkennen waren, blitzten oben

zwischen den Signalmasten die farbigen, elektrischen Lichter als

feuerige Funken auf, einen steten Kontakt zwischen dem Kommandanten und

seinen Unterführern unterhaltend. Die Schiffe des Geschwaders waren die

einzigen Punkte, die das eintönige Graugrün der Meeresfläche

unterbrachen. Nur ganz fern im Norden steuerte ein schwarzer, niedriger

Frachtdampfer, an den hellen Flächen auf seinen Vorder- und Hinterdeck

als Holzdampfer erkennbar, nach Südwest, offenbar ein Schiff, das von

dem drohenden Unwetter noch keine Nachricht erhalten hatte und friedlich

seinen Weg fortsetzte, der einzige lebende Punkt in der weiten

Wasserwüste. Die Bewohner der Insel standen in dichten Scharen oben an

der steinernen Brüstung der Falm von dort aus mit scharfen Gläsern den

Horizont absuchend.

Unten am Marinepier lagen die sechs schwarzen Hochseeboote »S. 114« bis

»119«, taktmäßig auf der ans Ufer drängenden breiten Dünung sich an der

Mole hebend und senkend. Kapitänleutnant Westerkamp betrat jetzt, vom

Oberlande kommend, begleitet von den Führern der anderen Boote, eiligst

die Mole, verabschiedete sich mit kurzem Händedruck von seinen Kameraden

und ging an Bord von »S. 114«. Im Schatten des hohen Felsenufers von

Helgoland lagen die sechs Boote fast schon in vollkommener Dunkelheit,

und die wenigen Neugierigen, die von dem Doppelposten am Strande vor der

Mole zurückgehalten wurden, vermochten nur wenig von dem zu

unterscheiden, was an Bord der Torpedoboote vor sich ging. Daß dort aber

rege Tätigkeit herrschte, konnte man daran erkennen, daß huschende

Schatten die rotglühenden Deckslichter bald verdeckten, bald wieder

freigaben. Allmählich aber ward alles ruhig, die Wache ging in hallenden

Schritten auf den Decksplatten auf und nieder und alles Leben schien auf

den schwarzen ernsten Schiffen erstorben.

Um dieselbe Zeit konnte man oben von der Falm aus und von der am meisten

nach Südwest vorgeschobenen Batterie des Oberlandes ein merkwürdiges

Schauspiel beobachten. Nur ein dunkelroter Streifen, der die düsteren

Regenwolken, die sich am westlichen Horizont zusammengeballt hatten, in

ihren unteren Konturen noch scharf erkennen ließ, zeigte die Stelle, wo

die Sonne untergegangen war. Eine frische Brise von Westen war

aufgesprungen und schlug die Drähte des Signalmastes der

Funkenspruchstation hart aneinander. Es lag wie Gewitterstimmung in der

warmen Luft. Das Licht des steinernen Leuchtturmes brannte diese Nacht

nicht mehr, das erste Zeichen des Kriegszustandes. Da blitzte es

plötzlich im Südwesten auf wie fernes Wetterleuchten, und weiße

Lichtgarben schossen plötzlich aus der Wasserfläche empor, dreimal,

viermal, in kurzen, unregelmäßigen Zwischenräumen, lautlos aufsprühend

wie Raketenfeuer. Plötzlich zuckten auch vom Leuchtturm aus mehrere

Blitze, den westlichen Teil der Insel mit weißem Licht übergießend. Dann

war mit Gedankenschnelle diese stumme Lichtsprache wieder verschwunden

und die Dunkelheit schlug über diesem Feuerwerk wieder zusammen, nur in

dem kleinen Gebäude der Funkenspruchstation prasselten und knatterten

die elektrischen Funken, die Mitteilung an den kommandierenden Admiral

weitergebend, daß das Kreuzergeschwader Wilhelmshaven um 4 Uhr

nachmittags verlassen habe und, jetzt auf der Höhe von Helgoland

befindlich, seinen Weg entsprechend der dem Admiral bekannten Befehle

nach Norden fortsetze.

Um ½8 Uhr betrat Kapitänleutnant Westerkamp wieder das Deck des

Torpedobootes »S. 114«. In die Tür des niedrigen Signalhauses tretend,

hielt er seine Uhr gegen das Licht der kleinen Laterne an der

Steuermaschine. »½8 Uhr«, sagte er leise zu dem Mann an der

Maschine, schloß die Tür hinter sich und ergriff den Hebel des

Maschinentelegraphen. Unten im Maschinenraum rasselten die Klingeln und

kurz darauf warfen die dicken Schlote der Boote schwere Rauchwolken aus.

Die Trossen wurden gelöst, noch ein Signal an die Maschinen und lautlos

verließen die Boote ihren Liegeplatz, sofort von der Dunkelheit

verschluckt, in der einige Minuten später zwei grüne Funken wie gierige

Raubtieraugen erglühten, von der Stelle, wo das Admiralsschiff lag, mit

einem anderen Glühsignal beantwortet.

Helgoland war gesichert gegen jeden unvermuteten Überfall. Während das

Geschwader südöstlich der Insel liegen blieb, bildeten die Kreuzer in

weiter Entfernung einen Halbkreis um die Insel und zwischen ihnen hielt

eine Reihe vorgeschobener Torpedobootposten scharfe Wacht. Die von

Kapitänleutnant Westerkamp befehligte Division hatte den Auftrag, in der

Richtung auf den Kanal aufzuklären, während die Panzerkreuzer »Prinz

Adalbert« und »Friedrich Karl« in derselben Richtung Fühlung mit dem

Feinde suchen sollten, dessen Herannahen in dieser Nacht bereits zu

erwarten war. Die einzelnen Schiffe standen durch Funkspruch miteinander

in Verbindung, so daß jede Nachricht sofort auf der ganzen Postenkette

bekannt werden konnte.

Gegen Mitternacht befand sich die Division des Kapitänleutnant

Westerkamp, mit 25 Knoten Geschwindigkeit die Wogen durchrasend, etwa

auf der Höhe von Terschelling. Kein Lichtschimmer, keine Laterne verriet

den Weg der schwarzen Schiffe. Um den messerscharfen Bug sprudelte das

dunkle Wasser, helle Schaummassen bis zum Wellenbrecher emporwerfend.

Kapitänleutnant Westerkamp befand sich unten in der Offiziersmesse, dort

auf der Seekarte den Weg der Division eine Seemeile um die andere

verfolgend. Leise nur drang das taktmäßige Stampfen der Maschine, die

den ganzen Schiffskörper in harten Schwingungen vibrieren ließ, aus dem

Maschinenraum zu ihm herüber. Die Division hatte den Befehl, den Feind,

falls er schon unterwegs angetroffen werden sollte, ohne weiteres

anzugreifen. Würde man den Feind nicht finden, so hatte die Division den

Befehl, bei Tagesanbruch auf die beiden Panzerkreuzer zurückzufallen und

abends wieder vorzugehen, um womöglich in der Nacht noch die englischen

Kriegshäfen zu erreichen und, wenn eine Gelegenheit günstig, feindliche

Schiffe überraschend anzugreifen.

Gegen Mitternacht zog sich Kapitänleutnant Westerkamp seinen Ölrock an

und begab sich, die schmale, steile Treppe emporklimmend, wobei schon

die starken Schwankungen des Bootes infolge heftiger werdenden

Seeganges, deutlich zu spüren waren, wieder an Deck.

Es war eine finstere, sternenlose Nacht. Schon wenige Meter vom Schiffe

aus verschwamm alles in absoluter Dunkelheit und nur das an diese

bereits gewöhnte Auge vermochte links und rechts die beiden zur Seite

fahrenden Boote als schwebende Schatten zu erkennen. Gurgelnd und

schäumend verschwanden die von leichten Schaumstreifen gekrönten Wogen

in rascher Fahrt hinter dem Schiffskörper, der auf ihnen eine graue Bahn

rauschender Schaumblasen zurückließ. Die hinteren drei Boote vermochte

man in der Finsternis, die wie aus Stahlblöcken gefügt wie eine Wand vor

den Augen stand, nicht zu erkennen. Das taktmäßige Schlagen der

Maschinen und ihre dumpfen Kolbenstöße waren der einzige, rings

vernehmbare Laut. Im Feuerraum flogen die Kohlen Schaufel um Schaufel in

die glühenden Öffnungen der Kesselfeuerungen. Der hochgespannte Dampf

surrte und brauste in den Ventilen und wie am offenen Höllenrachen sah

man die schwarzen Gestalten der Heizer in dem rotglühenden Lichte

arbeiten, sobald die Feuertüren sich öffneten, und unablässig flogen die

Kohlen Schaufel um Schaufel in die Feuerungen.

Vergebens suchte man mit starren Augen die kompakte Dunkelheit zu

durchbohren. Da blitzte plötzlich über Steuerbord eine weiße Lichtgarbe

auf, ganz fern die wogende Meeresfläche mit bleichem Lichte überziehend

und nach Sekunden wieder verlöschend: War das Freund oder Feind? Überall

rasselten die Klingeln der Maschinentelegraphen. Die Fahrt wurde auf 28

Knoten erhöht. Einen Moment drängten sich die Boote auf einen Haufen

zusammen, um dann strahlengleich nach vorwärts auseinander zu schießen,

jedes das andere aus dem Gesichtskreis verlierend. Der Wind pfiff frisch

über die dunkle Seefläche, und jetzt, wo man die Wogen schräg vom

Backbord bekam, platschten wuchtige Spritzer über Deck. Kapitänleutnant

Westerkamp übernahm nunmehr das Kommando seines Bootes selber und hielt

nach der Stelle, wo der Blitz des Scheinwerfers die Anwesenheit fremder

Schiffe verraten hatte. Und weiter pflügte der schwarze Schiffsleib und

die peitschenden Schrauben das schwarze Meerwasser.

Da erschien vorn übers Steuerbord ein huschender Schatten, der den Weg

von »S. 114« kreuzte. Zwei Minuten später und man passierte einen

grauen, kaum bemerkbaren Schaumstreifen, der den Weg eines feindlichen

Bootes flüchtig markierte. Die erste Postenlinie des Feindes war

passiert. Alle Pulse flogen, fest und sicher aber ruhte des Führers Hand

auf dem Hebel des Maschinentelegraphen. Noch ein Moment und noch einer,

da stieg eine graue nach oben zackig ausgerissene Wand vor den Blicken

auf, herumgerissen den Hebel, ein leiser metallener Klang von unten aus

der Maschine, der Schiffskörper erbebte unter den Vibrationen, »S. 114«

änderte seinen Kurs, ein wenig nach Backbord abfallend. Jetzt war man

auf gleicher Höhe mit dem dunklen Schatten.

Der Leutnant stand bei den Mannschaften am ersten Torpedorohr, jetzt das

Kommandosignal: »Los«, ein Riß am Abzuge und klatschend sauste der

blanke Metallkörper ins schwarze Wasser. Wird der Schuß treffen, man

zählte in Gedanken 100 m ... 200 m ... 300 m ... 400 m ... jetzt, da

schäumte gerade aus, ganz hinten ein weißer Wasserberg auf, ein dumpfer

Krach wie von zerreißendem Metall und eine glänzende Wassergarbe stieg

mittschiffs des feindlichen Panzerkreuzers auf. ...

Da, blendende Helle, weiße Strahlengarben. Plötzlich war das Deck in

grelles Licht getaucht. Die Mannschaften an den Torpedorohren erschienen

wie Gespenster aus der Dunkelheit auftauchend, zwei andere Boote zur

linken Seite ebenfalls in Tageshelle. Von ihr geblendet vermochte das

Auge den rasch aufeinander folgenden Ereignissen kaum noch zu folgen.

Rasselnde Signale, laute Kommandos, das Wasser spritzte auf und von

drüben her, wo plötzlich die sich kreuzenden elektrischen Scheinwerfer

eine ganze Flotte dem überraschten Blick zeigten, begann das taktmäßige

Knattern der Maschinengeschütze, der Schnellfeuergeschütze. Wieder eine

dumpfe Explosion, man war mitten in der feindlichen Flotte und es galt

jetzt, wo der eigene Untergang gewiß, dem Feinde nach Kräften noch

Schaden zu tun. Überall plumpsten die schweren Stahlgranaten ins Wasser,

spritzende Geyser in die Luft schleudernd, hier und da knickten an den

Lancierrohren die Mannschaften zusammen. Auf »S. 115« fehlte plötzlich

ein Schornstein. Am Heck von »S. 114« platzte eine 15 cm Granate die

Decksplatten aufreißend und das hintere Lancierrohr über Bord werfend.

»S. 117« kämpfte nach Backbord, dort einem englischen kleinen Kreuzer

von der »Pelorus«-Klasse, dessen Konturen sich gegen das Licht der

hinter ihm aufleuchtenden Scheinwerfer deutlich abzeichneten, aus beiden

Rohren Torpedos lancierend. Sobald die Wasserstrahlen an seiner

Backbordseite aufschäumten, legte sich der Kreuzer weit über, dem Feinde

sein schräges von Menschen wimmelndes Deck zeigend. Heulende Geschosse

durchfuhren die Luft. »S. 118« hatte seinen Gegner zweimal gefehlt und

während es die Rohre von neuem lud, faßte es einen neuen Feind ins Auge.

Plötzlich fühlte die Besatzung den Boden unter sich wanken, der am

hinteren Torpedorohr stehende Maat sah eine riesenhohe schwarze Wand zum

Greifen nahe neben sich erscheinen, fühlte die Decksplatten unter sich

zerreißen und suchte sich vergebens an der glatten, nassen Eisenwand

neben ihm zu halten, aus der oben gelbe Blitze zuckten. Ein feindlicher

Kreuzer war einfach über »S. 118« hinweggefahren, das Boot mitten

zerschneidend und es unter sich in die Tiefe drückend. Der Maat erzählte

nachher -- er war der einzige Überlebende der Besatzung -- er sei mit

dem Boote in die Tiefe gegangen und habe im letzten Augenblick noch den

glühenden Dampf der explodierenden Maschine, der von unten

herausströmte, gespürt; als er wieder an der Oberfläche erschien, fühlte

er einen schweren Körper neben sich im Wasser treiben, ein Stück von der

Deckeinrichtung des gesunkenen englischen Kreuzers. Hieran sich

anklammernd und von seiner Korkweste getragen, habe er sich bis

Tagesanbruch über Wasser gehalten, worauf er von einem englischen

Torpedoboot aufgefischt wurde.

Nach einer Viertelstunde herrschte wieder tiefe Stille auf dieser Stätte

der Vernichtung. Das englische Geschwader hatte zwei Kreuzer »Pelorus«

und »Diadem« verloren, die fast augenblicklich gesunken waren. Der

englische Panzerkreuzer »Cressy«, von einem Torpedo an der Stelle an

Steuerbord getroffen, wo der Panzergürtel dicht hinter dem zweiten Mast

aufhört, war mit schwerer Havarie zurückgekehrt, um im heimatlichen Dock

zu reparieren. Außerdem waren zwei englische Torpedoboote, die sich

gegenseitig in dem ^pêle-mêle^ angerannt hatten, gesunken. Von den

deutschen Booten war nur »S. 115« fast unbeschädigt durch die englische

Linie durchgebrochen, »S. 114« gelang es in der Dunkelheit nach

Wilhelmshaven zu entkommen. Alle anderen Boote hatten den Angriff mit

ihrer eigenen Vernichtung bezahlt. Im allgemeinen konnte man mit dem

Ergebnis zufrieden sein.

Die beiden Panzerkreuzer »Prinz Adalbert« und »Friedrich Carl« hatten

von fern aus das Gefecht beobachtet. Außer stande bei einem so

ungleichen Kampfe einzugreifen, hatten sie sich zurückziehen müssen. Sie

erschienen, Fühlung mit dem Feinde behaltend, gegen 7 Uhr morgens in der

Nähe von Helgoland, die durch die kleinen Kreuzer gebildete Postenkette

langsam mit sich zurücknehmend. Da die elektrischen Wellen der

Funksprüche sich fortwährend störten und eine Verständigung zwischen den

Kreuzern und der Station in Helgoland unmöglich machten, erfuhr man erst

gegen 8 Uhr in Helgoland Genaueres von dem Gefecht.

Gleichzeitig meldete der im Nordosten der Insel, auf der Höhe von

Westerland stationierte Kreuzer »Kaiserin Augusta« das Herannahen des

zweiten feindlichen Geschwaders und um 9 Uhr meldete ein Funkspruch, daß

das Torpedoboot »S. 115« bei Sylt eingetroffen sei. Das Boot habe nach

dem Nachtgefecht beim Passieren der englischen Flotte deren ungefähre

Stärke feststellen können, sie bestände aus ca. 20 Schiffen und habe

eine ganze Reihe von Kohlendampfern bei sich. Der Feind nahte also

heran.

Das Bombardement von Cuxhaven.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 4 / 21 段