Und nun begann es irgendwo, einer fing an und die anderen stimmten ein,

und wie mit dem donnernden Tosen der Brandung scholl er hinauf, der alte

Siegessang der Hohenzollern, daß nicht der Rosse und Reisigen Macht,

sondern des freien Mannes Liebe den Herrscherthron wie ein Fels im Meere

gründet: »Heil Dir im Siegerkranz!« Wie Sturmgebrüll, wie des Orkans

Gewalt klang es, Zehntausende jubelten hier des Reiches Kaiser entgegen

und nicht enden wollte es und immer wieder von neuem begann es, über den

grauen Mauern des Schlosses schwebte flatternd im Märzwinde das

königliche Blutpanier der Hohenzollern. Und hinter dem Balkon, auf dem

einst Friedrich Wilhelm IV. die tiefste Demütigung erlitt, begann jetzt

die eine Hälfte der Glastür zu zittern, sie wich nach innen zurück, eine

Hand erschien oben am anderen Türrahmen, schob mühsam einen Riegel

zurück, einen Moment sah man in das Dunkel des dahinter liegenden

Raumes, dann ward eine blaue Uniform sichtbar und festen Schrittes trat

der Kaiser auf den Balkon. Er schien zu zögern, wandte sich nochmals

nach rückwärts, winkte mit der Hand, die Kaiserin stand neben ihm, und

während der Gesang plötzlich stockte und abflaute und sich in die Tiefe

des Lustgartens bis hinten zum Museum verlor, wo er zwischen den

Gebäuden langsam im Widerhall erstarb, brausten dem Kaiser donnernde

Hochrufe entgegen. Er legte die Hand grüßend an den Helm, sprach zu der

Kaiserin, wies auf die Menschenmassen dort unten vor ihm und grüßte

wieder und wieder. Und von neuem begann der Gesang, diesmal das alte

Sturmlied von anno 70: »Die Wacht am Rhein«, das unser Volk auf seinem

Siegeszuge geleitet. Es ward von neuem hinausgesungen, des Reiches

Schirmherrn das Gelübde bietend, daß auch in dieser ernsten Stunde des

Volkes Heer treue Wacht halten werde an des Reiches Westgrenze.

Und immer neue Jubelrufe erschollen, als neben dem Kaiser die schlanke

Gestalt des Kronprinzen auf dem Balkon erschien. Kaiser Wilhelm legte

seinem Sohne die Hand auf die Schulter, zu ihm eindringlich sprechend.

Dann trat er an die Brüstung des Balkons und stützte sich mit der Linken

auf ihren steinernen Rand, festen Blickes auf die Menge

herniederschauend, und als sich sein Blick nach links verlor, wo die

^Via triumphalis^ der Linden bis an den Säulenbau des Brandenburger

Tores schwarz von Menschen sich schier endlos dehnte, und er den Blick

dann wieder zurückwandte auf die Menschenmasse vor ihm, die mit

erhobener Rechten ihm gleichsam neue Heeresfolge zuschwor, da führte er

in tiefer Ergriffenheit die Hand an die Augen, von denen eine Träne

hernieder perlte. Da ward es leise still dort unten, ein jeder fühlte,

daß in dieser heiligen Stunde des Kaisers Herz zusammenschlug mit dem

des Volkes. Der Kaiser schien sprechen zu wollen, man sah wie er die

Lippen bewegte, doch von neuem brauste der Jubel empor und mit einer

kurzen, schnellen Bewegung trat der Kaiser zurück von der Brüstung,

winkte noch einmal und verschwand mit der Kaiserin und dem Kronprinzen

im Dunkel des Zimmers. Da kam plötzlich neue Bewegung in die Menge, über

den Köpfen derselben erblickte man den oberen Teil einer Droschke, die

sich langsam und nur ruckweise vorwärts zu schieben vermochte, bis sie

kurz vor der Schloßbrücke still hielt und wie ein Wrack in der Brandung

hilflos liegen blieb. Dann öffnete sich eine schmale Gasse und langsam

erkämpfte sich der Reichskanzler Fürst Bülow, von stürmischen Rufen

begrüßt, den Weg zum Schloß. Erst spät am Abend kehrte der Kanzler, der

sich nur schwer aller derer erwehren konnte, die ihm die Hand schütteln

wollten, aus dem Schlosse in sein Palais zurück. Inzwischen hatte der

Telegraph auf allen Stationen zwei inhaltsschwere Worte übermittelt:

_Krieg mobil_.

* * * * *

Noch an demselben Abend wurden sämtliche diplomatischen Vertreter des

Reiches im Ausland über die politische Lage dahin informiert, daß die

Verhandlungen in London völlig ergebnislos verlaufen seien und daß die

deutsche Regierung der drohenden Gefahr Rechnung getragen habe, indem

sie die Mobilisierung des Landheeres, sowie der Flotte angeordnet habe.

Es herrsche noch kein Kriegszustand, aber man müsse auf Grund der

Nachrichten, die man aus England erhalten habe, befürchten, daß die

englische Flotte ohne Kriegserklärung die deutschen Häfen und Küsten

angreifen werde, wie das ja vom Zivillord der englischen Admiralität und

in der englischen Presse in der letzten Zeit öfters ausgesprochen worden

sei. Sollte die telegraphische Verbindung zwischen Berlin und dem

Auslande unterbrochen werden, wie das zu erwarten sei, so seien die

diplomatischen Vertreter des Reiches angewiesen, ihren letzten

Instruktionen gemäß, die am Tage vorher noch in einer chiffrierten

Depesche versandt worden seien, zu handeln. Die Vorgänge in Paris legten

die ernstesten Befürchtungen nahe, daß Frankreich sich dem britischen

Feinde anschließen werde, ja daß es vielleicht von vornherein gesonnen

sei, die Operationsbasis zu Lande gegen die deutschen Grenzen abzugeben.

Es scheine, daß Abmachungen zwischen London und Paris beständen,

derartig, daß man annehmen könnte, die Mobilisierung des französischen

Heeres sei bereits weiter gediehen, als die französische Presse in den

letzten Tagen habe erkennen lassen. Jedenfalls sei zu befürchten, daß

die französische Flotte gleichzeitig mit der englischen vorgehen werde.

Es sei so gut wie sicher, daß Österreich sich Deutschland anschließen

werde, soweit es überhaupt über seine militärischen Kräfte in Anbetracht

der inneren Krisis werde verfügen können. Nach Meldungen aus Rom gewinne

es den Anschein, daß England durch ein Ultimatum, welches durch ein

plötzliches Erscheinen der englischen Flotte vor den italienischen Häfen

gestützt werde, Italien zum Abfall vom Dreibund drängen werde. Man

hoffe, daß Italien sich durch englische Drohungen nicht zwingen lassen

werde, seine Dreibundsverpflichtung zu ignorieren. Die Entscheidung

hänge in Rom jedenfalls an Stunden, die letzte Versicherung von seiten

der italienischen Regierung laute dahin, daß sie in der gegenwärtigen

Krisis es mit ihrer Ehre nicht für vereinbar halte, alte

Bündnisverpflichtungen zu ignorieren, doch sei dem gegenüber zu

bedenken, daß solche Entschlüsse vielleicht doch durch ein übermächtiges

Auftreten einer feindlichen Macht wankend gemacht werden könnten.

Einstweilen sei man also ganz auf sich selber angewiesen und jedenfalls

habe man die Macht des ersten Anpralls allein auszuhalten. Daß Rußland

sich neutral verhalten werde, sei so gut wie sicher.

Als Fürst Bülow nach durcharbeiteter Nacht in früher Morgenstunde, da

bereits der junge Tag durch die Vorhänge schimmerte, seinem

Legationssekretär die eben eingelaufene letzte Post abnahm, fand er oben

aufliegend ein offizielles Schreiben des deutschen Botschafters in

London. Er öffnete es und durchflog es.

»Da teilt uns unser Botschafter offiziell mit, die Universität London

habe Sr. Majestät dem Kaiser am 10. März die juristische Doktorwürde

verliehen in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Erhaltung des

Weltfriedens«.

»Das nennt man einen Treppenwitz der Weltgeschichte«, sagte der Kanzler,

»kommen Sie, Hollmann, jetzt wollen wir noch einige Stunden schlafen!

Den ersten Vortrag bitte ich mir um 8 Uhr zu halten.«

Krieg mobil.

Wie einst zwischen Odins Adler und dem Drachen Nidhöggr das Eichhörnchen

Ratatösker am Stamme der Weltesche auf und nieder springend Zankworte

hin und her trug, den nimmermüden Streit zwischen den Kämpfern des

Lichtes und den dunklen Mächten immer aufs neue entfachend, so weckte

der elektrische Funke jetzt den Drachen der Zwietracht aus seinem

Schlummer. An allen Kontaktpunkten, da wo die Midgardschlange der

modernen Welt, die alle Länder umschlingt, ihren Rachen öffnet und ihre

blanken Zähne bleckt, leuchtete jetzt der kleine, grüne Funke des

Unheils auf. In der Abendstunde des 19. März rasselten an allen

Apparaten die elektrischen Glocken, tönte das ratternde Geräusch des

Morsetelegraphen, ein kurzer Streifen weißen Papieres erschien mit den

inhaltschweren Worten: Krieg mobil.

Auf allen Redaktionen tönten in später Abendstunde die Telephonklingeln:

Extrablattmeldung aus Berlin, und mit zitternden Federzügen entstanden

auf dem Papier die wenigen Zeilen, die 60 Millionen die Kunde zutragen

sollten, daß der Kaiser die Mobilisierung der Land- und Seemacht

befohlen habe.

Noch war man außer stande, die ganze Wucht dieses Ereignisses zu

erfassen und schon lag das weiße Blatt am Rande des Setzerkastens, die

bleiernen Lettern fügten sich aneinander, und hinein gingen diese kurzen

Metallstreifen in die Maschine, die mit sausendem Schwunge diesen

unscheinbaren Bissen erfaßte und herumwirbelte. Und heraus flatterten

die weißen, gedruckten Papierfetzen, von Dutzenden geschäftiger Hände

erfaßt, die sie hinaustrugen auf die Straße, wo sie den Strom des Lebens

plötzlich zum Stillstand brachten.

Krieg mobil! -- Die Extrablätter klebten bereits an allen Straßenecken

und an allen Schaufenstern, wo sich die Menge vor ihnen staute und wo

man mit starren Augen immer wieder die wenigen Worte las, daß der Kaiser

sein Volk rufe.

Als erster Tag der Mobilmachung galt der 20. März. Das ganze friedliche

Leben des Volkes stand still. Der Arbeiter legte sein Werkzeug nieder

und ging heim. In allen Schreibstuben und Kontoren ward es leer und in

der stillen Arbeitsklause des Gelehrten hatte die Feder Ruhe. Des

Kaisers Ruf war durch das Land gegangen und man bestellte sein Haus, um

morgen hinauszuziehen auf die Sammelplätze, auf die Kasernenhöfe, um

sich dort als wehrhafter Mann einzureihen und des Befehles zu harren,

der das Volk in Waffen an die Grenzen führen sollte.

Die Grenzkorps waren so gut wie mobil und standen nach 24 Stunden, am

Abend des 20. März, bereits in klirrender Rüstung da, bereit, dem

Angriff des Feindes zu begegnen. Auf allen Bahnstationen des Reiches

aber begannen bereits am Mittag und Abend des 20. März die ersten

Truppentransporte. Es war fast überall das gleiche Bild. Eine kurze

Ansprache der Truppenführer auf dem Kasernenhofe, die mit einem Hurra

auf den obersten Kriegsherrn schloß. Dann Still gestanden! ... Bataillon

marsch! ... Die Musik setzte ein und hinaus ging's auf die Straße, wo

die Truppe von einer dicht gedrängten Menschenmenge mit lauten Rufen

empfangen wurde. Die flotten Armeemärsche entfachten schnell eine

patriotische Stimmung, die Straßenjugend ließ es sich nicht nehmen,

jedes Bataillon bis zum Bahnhof zu geleiten, und man sah darüber hinweg,

daß die Ordnung im Glied nicht so streng aufrecht erhalten wurde, wenn

Mütter und Bräute sich an die Reihen der marschierenden Leute

herandrängten, um noch einen letzten Händedruck zu erhaschen. Auf den

Bahnhöfen hatte die Bevölkerung dafür gesorgt, daß den Truppen noch ein

letzter Trunk und eine letzte Liebesgabe gereicht wurde.

Einsteigen! hieß es dann, noch ein Kuß, eine Umarmung, hinein dann in

die Wagen, die auf Tage hinaus oft das Heim der Ausziehenden bilden

sollten. Immer wieder reichte man sich die Hände durch die Fenster, dann

ein schriller Pfiff der Lokomotive, ein brausender Hurraruf der Menge

und unter Tücherschwenken ging es fort, immer weiter und immer

schneller, bis der Zug den Blicken der Zurückgebliebenen entschwand. Es

war ganz wie ^anno^ 70, nur daß man damals, verwöhnt durch die Erfolge

von 64 und 66, mit dem sicheren Gefühl des Erfolges ins Feld zog,

während jetzt die Ungewißheit über die Zahl und Stärke der Gegner das

freudige Siegesgefühl und die nationale Begeisterung etwas dämpfte.

Daheim saß man wieder zwischen den leeren Wänden und zergrübelte sich

den Kopf über das, was werden mochte, während die, die jetzt der Grenze

zueilten, doch wenigstens der Gefahr frisch und klar ins Auge sehen

konnten. Man ließ die Arbeit ruhen, die Erschütterung für das gesamte

wirtschaftliche Leben war zu groß, als daß man gleichmütig wieder zum

Werkzeug der täglichen Arbeit greifen konnte. Man hatte das Bedürfnis

sich mitzuteilen und auszusprechen, trieb sich planlos auf den Gassen

herum, schloß sich jeder marschierenden Soldatenabteilung ohne weiteres

an und kehrte dann immer wieder dahin zurück, wo die neuesten

Extrablätter ausgegeben wurden.

Was man aus ihnen erfuhr, war jedoch wenig genug, denn durch die

Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges und auch des Burenkrieges

gewitzigt, hatte die deutsche Regierung auch ihrerseits eine scharfe

Depeschenzensur für alles, was im Inlande vorging und auch nur im

entferntesten mit der Mobilmachung zusammenhing, eingeführt. So erfuhr

das Volk eigentlich nur das, was es mit Augen sah, und selbst die

entsprechenden Vorgänge in den benachbarten Städten wurden erst tagelang

nachher bekannt. Denn wenn auch der Feind darüber unterrichtet war, daß

die Mobilisierung beschlossen war und ausgeführt wurde, so lag doch ein

hinreichender Grund vor, alle Nachrichten über die Abfahrt von

Truppenkörpern, über alle Bahntransporte und ihre Richtung, vorläufig zu

unterdrücken, damit der Feind keinen Anhalt dafür hatte, welche Truppen

und wohin sie bereits unterwegs waren.

Der Reichskanzler hatte sofort dafür gesorgt, daß gleichzeitig mit dem

Telegramm, welches die Mobilmachung bekannt gab, an sämtliche

Telegraphenstationen und an sämtliche Zeitungen eine Mitteilung ergangen

war, des Inhaltes: Er müsse darum ersuchen, alles, was sich auf die

Truppenmobilisierung beziehe, mit der größten Diskretion zu behandeln,

und auch die Berichte über Vorgänge in der eigenen Stadt so abzufassen,

daß die Richtung der Eisenbahntransporte und ihre Stärke, sowie die

Namen der Truppenführer nicht genannt würden. Er ersuche die

Redaktionen, diesem Wunsche Folge zu leisten in der Erwägung, daß dem

Feinde durch eine allzu reichliche Berichterstattung leicht wertvolles

Material zugehen könnte. Er habe dafür gesorgt, daß der Verkauf von

Zeitungen und ihre Versendung durch die Post an der Landesgrenze überall

sistiert würde. Er bäte aber auch seinerseits, seinem Wunsche Folge zu

leisten, damit nicht durch irgendwelche Indiskretionen Preßmeldungen

über die Grenze gelangen könnten. Er hatte diese amtliche Mitteilung

auch an die sozialdemokratische Presse gerichtet und dabei erwähnt, daß

er von jedem deutschen Blatte, einerlei, welcher Parteirichtung es

angehöre, erwarte, daß es dieser Regierungsverfügung Folge leiste. Er

bäte, die Leser davon zu unterrichten, daß sie vorläufig über die

Truppentransporte und den Aufmarsch der Armeen nichts erfahren könnten

und sie darauf hinzuweisen, daß dies im Interesse der militärischen

Verteidigung geschehe. Er werde jedoch dafür sorgen, daß alles

Wissenswerte über die Vorgänge auf dem voraussichtlichen

Kriegsschauplatze der Presse rechtzeitig zugehe; dagegen habe er die

lokalen Polizeiverwaltungen damit beauftragt, darauf zu achten, daß

seine Anordnungen über den Nachrichtendienst aufs Genaueste befolgt

würden; er hoffe, daß es nicht nötig sein werde, von Zwangsmaßregeln

Gebrauch zu machen.

Diese Verfügung des Reichskanzlers über eine freiwillige Preßzensur im

militärischen Interesse wurde bekanntlich von allen Zeitungen aufs

Gewissenhafteste befolgt, so daß ein Eingreifen der Behörden nirgends

nötig wurde.

Antwerpen von den Engländern besetzt.

Das Nachrichtenmaterial aus dem Auslande war mehr als dürftig, aber

immerhin drang einiges auf Umwegen über die Grenze. So hieß es, die

englische Flotte sei vor Antwerpen erschienen und habe die Festung, ohne

Widerstand zu finden, besetzt. Diese Meldung, die über Amsterdam einlief

und mehrfach von anderen Orten bestätigt wurde, gab verschiedenen

liberalen Blättern Anlaß, sich in langen, theoretischen Artikeln über

die Neutralitätsfrage an sich und insbesondere Belgiens Neutralität zu

verbreiten. Diese Schreibtischpolitiker konnten sich auch jetzt noch

immer nicht zu der Erkenntnis aufraffen, daß die Flut eines Krieges

nicht vor papiernen Wänden Halt macht, sondern schonungslos über alle

Verträge über Neutralität und derlei schöne Sachen hinwegrauscht. Es

konnte kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß sich England in

Antwerpen eine Operationsbasis für den Landfeldzug gesichert hatte,

gewissermaßen einen festländischen Brückenkopf für Truppentransporte.

Welche Stellung die belgische Regierung dazu einnahm, war nicht zu

ersehen, bis unser Gesandter am 21. März mittags in Aachen eintraf und

der Berliner Regierung mitteilte, man habe ihm in Brüssel einfach seine

Pässe zugestellt, mit dem Ersuchen, das Land zu verlassen; somit stand

auch Belgien in der Reihe der Gegner, es war von Frankreich und England

vor die Frage gestellt worden, freiwillig oder unfreiwillig seine

Grenzen den einmarschierenden Truppen zu öffnen.

Die Stellung der Niederlande.

Durch die Okkupierung oder den Anschluß Belgiens an die Verbündeten --

Genaueres war am 20. März noch nicht darüber bekannt -- waren die

Niederlande in eine sehr prekäre Lage versetzt worden. Sie hingen

gewissermaßen zwischen den Kriegführenden in der Luft. Außer stande

durch ihre kleine Armee, die Landesgrenzen zu verteidigen und den

Volksheeren der großen Nachbarreiche somit widerstandslos preisgegeben,

schwankte die niederländische Regierung zwischen einem Versuch, ihre

Neutralität zu bewahren und der Entscheidung, zu welcher von beiden

Parteien sie sich schlagen sollte. Folgte man Englands Fahnen, so konnte

man vielleicht hoffen, den ostindischen Kolonialbesitz aus dem

Trümmersturz zu retten. Schloß man sich dem deutschen Nachbar an, so

bestand eine Möglichkeit, daß Deutschland auch die niederländische

Grenze schützte. Andererseits war dann die kleine niederländische Flotte

in Gefahr, von den Engländern ohne weiteres überrannt zu werden, wodurch

dann auch die Seestädte in die Gewalt der Engländer fielen. Wohl war man

sich im Haag jetzt über die Versäumnisse der letzten Jahre klar, als man

die Hände, die sich von Osten hilfreich darboten, immer wieder

eigensinnig zurückwies und durch das Beharren auf einer mißtrauischen,

chauvinistischen Politik glaubte, die Rolle einer politischen Macht

spielen zu können. Jetzt fielen die Entscheidungen, ohne daß man im Haag

eine Möglichkeit hatte, sie irgendwie beeinflussen zu können. Man ging

über das Bestehen des niederländischen Staates einfach zur Tagesordnung

über. Holland hatte dasselbe Geschick, wie das benachbarte Belgien, und

ohne daß weitere Schritte von der Regierung -- das Ministerium hielt

zwar dauernd Sitzungen ab, wurde aber schließlich von den Ereignissen

überrascht -- ergriffen wurden, ohne daß überhaupt ein diplomatisches

Aktenstück mit dem Auslande gewechselt wurde, hatte sich das Schicksal

des Staates bereits erfüllt. Noch ehe ein sentimentaler Protest der

Niederlande in London eintraf, waren die Engländer bereits vor

Vlissingen erschienen und im südlichen Teile des Landes standen bereits

deutsche Truppen auf niederländischem Boden. Daß man jetzt das tat, was

man rechtzeitig hätte vorbereiten sollen, hatte kaum noch einen Wert;

der Anschluß der Niederlande an Deutschland verstärkte die Wehrkraft des

Reiches nur um die völlig unvorbereitete, kleine niederländische Armee

und einige Küstenpanzerschiffe, die nicht einmal mehr die deutschen

Häfen erreichten, sondern auf der Höhe von Texel von einem Detachement

der englischen Flotte nach einem halbstündigen Kampfe abgetan wurden.

Der Rest der niederländischen Marine wurde in den Kriegshäfen einfach

von den Engländern abgewürgt. Der englische Admiral rüstete diese

Fahrzeuge noch auf den niederländischen Werften mit den dortigen

Beständen aus und reihte sie dann dem englischen Reservegeschwader ein.

Anfang April erschienen vor Batavia einige englische Schiffe. Das

Gefecht auf der Reede endete mit der Vernichtung der geringen

niederländischen Streitkräfte. Nach Verlust zweier kleiner Kreuzer

besetzten die Engländer Batavia und machten die Stadt zu einer

englischen Flottenbasis. Die Gefechte der (von Hongkong aus) gelandeten

englischen Truppen mit der niederländischen Kolonialarmee dauerten

bekanntlich noch einige Monate, dann aber zogen die Niederländer es vor,

eingeengt zwischen einem europäischen Feind und den grausamen Banden der

eingeborenen Volksstämme, zu kapitulieren, um ihr Leben nicht nutzlos an

eine verlorene Sache zu setzen. Im Mai existierten niederländische

Kolonien nicht mehr und das kleine Mutterland ward mit zum Schauplatz

der Kämpfe, die hier, auf dem Grenzgebiet zwischen West und Ost, die

friedlichen Bewohner furchtbar in Mitleidenschaft zogen. Über dem Grabe

der niederländischen Selbständigkeit aber prangte die Inschrift: »Eine

versäumte Gelegenheit«.

Alarmierende Nachrichten.

Am Abend des 20. März waren überall an der westlichen Grenze vom

Dollartbusen an bis hinunter nach Lörrach, alle Stationen der

Grenzpolizei bereits von militärischen Kommandos besetzt. Der gesamte

Grenzverkehr hatte schon um die Mittagsstunde völlig aufgehört. Wer sich

von den eintreffenden Reisenden nicht als Reichsangehöriger ausweisen

konnte, wurde zurückgeschickt, und andererseits ließ man niemand, auch

keinen Fremden mehr von diesseits über die Grenze, schon um

Indiskretionen von seiten Privatpersonen hinsichtlich der Mobilmachung

zu verhindern.

Besonders in den Hafenstädten, wo die Nachrichten aus aller Welt bis

dahin zusammengeflossen waren, empfand man das plötzliche Abschnappen

der Kabelmeldungen als störend. Man war von der Außenwelt völlig

abgeschnitten, und wenn man auch das gewöhnliche Depeschenmaterial,

soweit es sich auf politische Vorgänge bezog, nicht gerade sehr

entbehrte, so erzeugte doch das Ausbleiben der Meldungen über den

Schiffsverkehr im Auslande große Beunruhigung. Nach dem Stand der

Meldungen vom 18. März wußten die Dampfergesellschaften und Reedereien

der Seestädte zwar, wo sich an diesem Tage ihre Schiffe befunden hatten,

man war jedoch jetzt völlig außer stande, zu kontrollieren, was aus

diesen schwimmenden Millionen des Nationalvermögens geworden war. Die

Vorkehrungen zur Sicherheit, die man treffen konnte, waren verschwindend

gering. Man hielt alle auslaufenden Schiffe zurück und schickte sie von

Bremerhaven und Cuxhaven usw. wieder stromaufwärts, um sie von dem

Schauplatz voraussichtlicher baldiger Kämpfe zu entfernen. Das war aber

auch alles, was sich anordnen ließ. Der Verkehr nach den Nordseeinseln

und die Küstenschiffahrt wurden sofort eingestellt. Der Hamburger und

Bremer Senat hatte in Berlin angefragt, wie man sich gegenüber den in

den Häfen liegenden englischen und französischen Schiffen verhalten

sollte. Einige englische Dampfer hatten ohne weiteres den Hafen bereits

verlassen ohne Rücksicht darauf, ob sie Ladung oder Löschung bereits

beendet hatten.

Von Berlin aus kam die Anweisung, alle französischen und englischen

Schiffe einstweilen im Hafen zurückzuhalten und weitere Anordnungen

abzuwarten. Man beabsichtige dieses Schiffsmaterial als ein Pfandobjekt

zu benutzen, falls die fremden Regierungen deutsches Privateigentum zur

See aufbringen sollten. Eine entsprechende Note sei dem abreisenden

englischen und französischen Botschafter vor ihrer Abfahrt aus Berlin

zugestellt worden, mit der Bemerkung, daß die deutsche Regierung

gesonnen sei, sich in dieser Frage nach dem Verhalten der fremden

Regierungen zu richten. Man blieb hierüber nicht lange im unklaren.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 3 / 21 段