Bleierne Müdigkeit lag über dem Hause. Selbst aus dem Häuflein der

Roten, die als Ehrengarde für ihren schlimmsten Dauerredner ausharrten,

erklang nur selten ein schläfriges Bravo. Und weiter plätscherte der

Worte Bächlein. Wie ein Schachbrett am Ende der Partie sahen die

Sitzreihen der anderen Parteien aus. Hie und da ein Abgeordneter, der

Briefe schrieb oder Schnörkel und geometrische Figuren aufs Papier malte

um der Müdigkeit Herr zu werden. Ein dicker Domherr gerade vor Herrn

Stadthagen hatte bereits kapituliert, die derbe Faust vor sich auf der

Tischplatte schnarchte er wie ein dicker Kater in heißer Mittagsstunde.

Dicht am Eingang des Saales ein paar plaudernde Gruppen. Die Tribünen

waren fast leer. Und weiter ging der Rede surrender Gleichstrom.

Am Bundesratstische zwei Uniformen. Dem hohen Hause den Rücken kehrend

und sich an die Kante des Tisches lehnend sprach Fürst Bülow leise und

eindringlich mit einem Herrn in Generalsuniform. Der wandte den Kopf,

als Herr Stadthagen die Worte hervorkreischte:

... wenn der Soldat in dieser Weise der Willkür seiner Vorgesetzten

schutzlos preisgegeben ist, wenn die schreiendste Ungerechtigkeit zum

Prinzip erhoben wird, so kann doch von einer Begeisterung für den

Heeresdienst, von der Sie bei festlichen Anlässen immer so viel zu

rühmen wissen, keine Rede mehr sein. Erfüllt mit diesen Gefühlen von Haß

und Erbitterung, angesammelt in zwei Jahren rohester und brutalster

Behandlung, versagt die Armee überhaupt als Waffe. Ein Heer, in dem das

Ehrgefühl systematisch ertötet wird, kann wohl in die Schlacht als

willenlose Masse getrieben aber nicht geführt werden. Wenn heute ein

Krieg ...

In diesem Augenblicke erwachte der dicke Domherr mit den Worten: Sehr

richtig, die von der andern Seite des Hauses mit einem fröhlichen Guten

Morgen beantwortet wurden. In der allgemeinen Heiterkeit, die diesen

Zwischenfall begleitete, bemerkte man nicht, daß ein Saaldiener an den

Fürsten Bülow herantrat und ihm etwas zuflüsterte, worauf dieser sich

hastig von dem General verabschiedete. Und Herr Stadthagen redete

weiter.

Die Uhr ging stark auf drei. Graf Ballestrem übernahm wieder das

Präsidium und sein Stellvertreter verließ die Tribüne, um von seinem

ermüdenden Dienst Erholung zu suchen in der Restauration.

In der Tür prallte er heftig mit dem Grafen Reventlow zusammen, der den

Saal betrat, ein Blatt Papier in der hocherhobenen Rechten schwenkend.

Ihm folgten einige Dutzende von Abgeordneten, die laut und erregt

miteinander sprachen. Alle Augen wandten sich nach der Eingangstür. Dem

Abgeordneten Stadthagen riß der Faden der Rede ab; Graf Reventlow eilte

auf den Präsidenten zu und überreichte ihm das Blatt. Graf Ballestrem

überflog den Inhalt, während sich die Schar der Volksvertreter um den

Präsidentensitz drängte. Summendes Stimmengewirr erfüllte plötzlich den

Saal. Graf Ballestrem schob seinen Stuhl zurück, sein Auge suchte den

Platz, wo vorher der Reichskanzler gestanden. Er war leer. Dann fuhr er

mit einer hastigen Bewegung nach der Glocke, setzte sie wieder auf den

Tisch, rückte an seiner goldenen Brille und begann:

»Meine Herren! Es wird mir soeben ein Extrablatt überreicht, das vom

>Berliner Tageblatt< ausgegeben worden ist. Ich will es hiermit zur

Kenntnis des hohen Hauses bringen. Es lautet:

Washington, 18. März. (Privattelegramm.) Wie aus Pago-Pago

gemeldet wird, sind am 16. März in der Abendstunde einige

amerikanische Matrosen von samoanischen Eingeborenen in Apia

überfallen worden. 4 Matrosen wurden getötet und einige schwer

verwundet. Hierauf kündigten die Konsulen der Vereinigten Staaten

und Großbritanniens am 18. frühmorgens dem deutschen Gouverneur

an, es sei unumgänglich notwendig, daß amerikanische und

englische Marinemannschaften zum Schutze der Konsulate und der

betreffenden Staatsuntertanen gelandet würden. Obgleich dieses

Ersuchen in der verbindlichsten Form gestellt war und das Ansehen

der deutschen Behörden in keiner Weise beeinträchtigte,

verweigerte der Gouverneur Dr. Solf die Landung solcher

Schutzwachen und erklärte, daß er einer Landung mit Waffengewalt

entgegentreten würde. Er verbürge den Schutz aller fremden

Staatsangehörigen. Im Vertrauen auf diese Zusage verließ dann der

amerikanische Kreuzer »Wilmington« den Hafen von Apia. Die

Kommandanten der beiden englischen Kreuzer »Tauranga« und

»Wallaroo« beharrten jedoch auf ihrer Forderung. Als dann um 9

Uhr eine englische Matrosenabteilung die Boote bestieg, um an

Land zu gehen, eröffnete der deutsche Kreuzer »Möwe« ohne

weiteres das Feuer auf die Boote und die englischen Schiffe auf

der Reede. Dieses provokatorische Vorgehen des deutschen Kreuzers

fand damit ein Ende, daß nach einem Gefecht von nur wenigen

Minuten der Kreuzer »Möwe« zum Sinken gebracht wurde, worauf die

Schutzwachen gelandet wurden. Die Kabelverbindung nach Pago-Pago

scheint gestört zu sein. Der amerikanische Kreuzer »Wilmington«,

der in Pago-Pago auf Tutuila eingetroffen ist, hat den Verlauf

des Gefechtes von der See aus beobachtet.

Meine Herren! Diese Meldung kommt so überraschend und sie ist so

schwerwiegend, daß ich mich einstweilen lediglich auf diese Mitteilung

beschränke. Ich werde mich sofort mit dem Herrn Reichskanzler in

Verbindung setzen, um zu erfahren, ob diese Nachricht auf Tatsachen

beruht. Ich bitte Sie das Resultat meiner Anfrage beim Herrn

Reichskanzler einstweilen abwarten zu wollen. Ich vertage hiermit die

Sitzung auf eine Stunde.«

Schnell leerte sich der Sitzungssaal. Die Abgeordneten fluteten in die

Restaurationsräume zurück, wo der Inhalt des Extrablattes mit großer

Erregung besprochen wurde. Auf dem so heiß umstrittenen Boden von Samoa

war deutsches Blut geflossen. Die Geschütze waren gewissermaßen von

selber losgegangen und die mit elektrischem Fluidum übersättigte Luft

hatte eine Entladung gefunden. War das der Krieg, oder war es noch

möglich, unter Anspannung aller diplomatischen Künste, die Flut, die den

Deich durchbrochen, in ihre Ufer zurückzudämmen? Und zwar so

zurückzudämmen, daß kein Flecken auf dem nationalen Ehrenschilde

zurückblieb? So, wie diese Depesche gefaßt war, stammte sie aus

amerikanischer Quelle und man wußte aus Erfahrung, wie trübe diese

Quelle in Zeiten nationaler Erregung floß. Vielleicht war, wenn anders

in London der ehrliche Wille vorhanden war, diesen Konflikt als ein

»^untoward event^« zu betrachten und zu behandeln, eine Möglichkeit

gegeben, noch einen ^modus vivendi^ zu finden. Das war der Strohhalm, an

den sich die Erwägungen derer anklammerten, die sich der furchtbaren

Verantwortung bewußt waren, einen Krieg zu entfesseln, der ohne weiteres

die abendländische Welt in Flammen setzen mußte. Vielleicht hatte man in

der Wilhelmstraße schon andere Nachrichten, obwohl die Schwierigkeit auf

der Hand lag, den Schleier zu zerreißen, den das angelsächsische

Kabelmonopol vor den Augen Europas zu weben im stande war.

Im allgemeinen hatte man aber das Gefühl, hier machtlos am Ufer eines

Stromes zu stehen, dessen Wogen von einer höheren Gewalt emporgepeitscht

wurden. Man saß hier mit gebundenen Händen, während die Weltenuhr

draußen mit hartem Pendelschlag die Stunden maß und die Weltgeschichte

ihren Gang ruhig weiterging, ohne daß schwache Menschenhände imstande

waren, in die Speichen des Rades hineinzugreifen.

Einige Abgeordnete trieb es hinaus aus dem engen Raum des Gebäudes.

Draußen auf dem Königsplatz fegte ein mürrischer Märzwind die kahlen

Bäume des Tiergartens und ein unfreundlicher Regentag hatte die Straßen

und Wege verödet. Nur schwach dröhnte das Brausen der Volksmenge und des

Wagenverkehrs vom Brandenburger Tor herüber. Eine dichte Menschenmasse

wogte unter den Linden auf und ab, nichts von der Hastigkeit des

Berliner Lebens sonst. Man sah sich plötzlich einem Ungeheueren,

Unerwarteten gegenüber, man fühlte, daß diese Stunden eine scharfe

Scheide bildeten zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Um ½5 Uhr eröffnete Graf Ballestrem den Reichstag von neuem wieder,

machte aber nur die Mitteilung, der Reichskanzler sehe sich außerstande,

heute bereits weitere Erklärungen abzugeben, sei jedoch bereit, morgen

bei Eröffnung der Sitzung Aufschluß über die politische Lage zu geben.

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen.

Die Abendblätter enthielten keine weiteren Nachrichten, überhaupt schien

der gewohnte Strom der Reuterschen Depeschen plötzlich versiegt zu sein.

Die Leitartikel forderten ein festes Auftreten der Regierung gegenüber

diesem englischen Übergriff, forderten strenge Sühne für das vergossene

deutsche Blut, und doch mischte sich ein Ton der Unsicherheit in diese

Betrachtungen, das Gefühl, England gegenüber zur See fast hilflos

dazustehen mit den geringen eigenen maritimen Kräften, und vielleicht

noch ohne Verbündete. Auch die Bündnisfrage wurde mit einer gewissen

Zaghaftigkeit erörtert, es war unmöglich, die Tragweite des Dreibundes

ohne weiteres unter solchen Umständen richtig einzuschätzen, und man

fand nur darin schließlich einen zuversichtlichen Ton wieder, daß man

versicherte, in einem solchen Konflikt sei das deutsche Volk, auch

allein, entschlossen, den letzten Mann an die Verteidigung der

nationalen Ehre zu setzen.

So verging der Abend. Bis tief in die Nacht hinein waren die Straßen von

erregten Menschenmassen belebt. Man konnte sich nicht entschließen, zur

Ruhe zu gehen, in fieberhafter Spannung weiteren Meldungen über die

Ereignisse von Samoa entgegenharrend.

* * * * *

Fürst Bülow schloß: »... und so haben wir denn von unserm diplomatischen

Vertreter in London die Mitteilung erhalten, daß die englische Regierung

zwar bereit sei, ihr Bedauern über den Zwischenfall auszusprechen, daß

sie aber keineswegs in der Lage sei, ihrem Vorgehen irgendwelche Schuld

beizumessen, diese trage vielmehr lediglich der deutsche Gouverneur von

Samoa, der sich geweigert habe, den fremden Staatsangehörigen in

ausreichender Weise seinen Schutz angedeihen zu lassen. Der englische

Standpunkt ist in diesem Fall ein solcher, daß wir ihn unter keinen

Umständen teilen können. Wir haben Herrn Dr. Solf angewiesen, jeden

feindlichen Übergriff mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen, das ist

eine Auffassung, wie sie allein mit unserer nationalen Ehre vereinbar

ist. Wie Sie bereits aus den Morgenblättern erfahren haben werden, sind

die beiden englischen Schiffe später durch unsere Kreuzer »Thetis« und

»Cormoran« nach einem längeren Gefechte vernichtet worden. Die

diplomatischen Verhandlungen gehen weiter und ich kann dem hohen Hause

die Zusicherung geben, daß von meiner Seite alles geschehen wird, was

eine friedliche Beilegung dieses Konfliktes herbeiführen kann, doch wäre

es töricht, zu verschweigen, daß unsere Hoffnungen in dieser Beziehung

sehr gering sind. Nach den Nachrichten, die wir besitzen, scheint es im

Gegenteil fast so, als ob dieser Zwischenfall nur eine Episode ist in

einem Plane, der mit einer freundschaftlichen Politik dem Deutschen

Reiche gegenüber in keiner Weise in Einklang gebracht werden kann.

Sollten unsere Vorstellungen in London keinen Erfolg haben, so sind die

Konsequenzen, die wir daraus zu ziehen haben, selbstverständlich. Ich

bin natürlich außerstande, mich darüber auszusprechen, welche Maßnahmen

in einem solchen Falle von uns zu treffen wären, noch auch darüber,

welche Nachrichten über beunruhigende Maßregeln in England wir bereits

besitzen. Ich bitte deshalb das hohe Haus, sich für heute mit diesen

Mitteilungen zu begnügen und gebe meinerseits die Versicherung, daß ich

bei einer ernsteren Wendung der Dinge keinen Moment zögern werde, dem

hohen Hause entsprechende Mitteilungen zu machen. Sollten wir aber jetzt

vor die große Entscheidung um unsere nationale Zukunft gestellt werden

und sollten wir gezwungen werden, das Schwert zu unserer Verteidigung zu

ziehen, so wird das geschehen unter dem Wahlspruch, den die deutsche

Hansa zu ihrer Devise gemacht: Das Fähnlein ist wohl leicht an die

Stange gebunden, doch es ist schwer, es mit Ehren wieder

herunterzuholen.«

Brausender Beifall folgte diesen Worten des Reichskanzlers, in den

Jubelrufen nationaler Begeisterung schaffte sich die gepreßte Brust

Erleichterung. Als die Hochrufe langsam verhallten, erhob sich Graf

Ballestrem und machte dem Hause die Mitteilung, daß zwei Anträge bei ihm

eingebracht seien. Der Antrag Kardorff, von sämtlichen Parteien, bis auf

die Sozialdemokraten, unterschrieben, forderte das Haus auf, dem Fürsten

Bülow für seine Worte uneingeschränktes Vertrauen auszusprechen und eine

weitere Erörterung einstweilen nicht eintreten zu lassen. Hingegen, fuhr

er fort, verlangt ein _Antrag Bebel_ und Genossen, das hohe Haus möge

die Regierung auffordern, die Erledigung des Zwischenfalles von Samoa

dem _Haager Schiedsgericht_ zu überweisen.

Lebhafte Unruhe und stürmische Protestrufe folgten dieser Ankündigung.

Kaum vernahm man noch, daß der Abgeordnete Bebel zu seinem Antrag das

Wort zu ergreifen wünschte, so stand der ehemalige Drechslermeister

bereits auf der Tribüne, aber es dauerte Minuten, bevor aus der

pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende Abgeordnete

dort oben gab, hin und wieder ein Wort vernehmbar wurde. Er zog alle

Register seiner Beredsamkeit. »Wir haben Sie immer gewarnt«, schrie er,

»wir haben vergebens versucht die Verschleuderung des Volksvermögens für

eine maritime Politik zu hintertreiben, die das ganze Ausland gegen

unsere sogenannte Weltpolitik mobil gemacht hat, die uns bei allen

Völkern verdächtigt hat und die dazu geführt hat, daß unsere Politik

überall mit Mißtrauen verfolgt wird. Jetzt sehen Sie, wohin Sie mit

dieser Weltpolitik gekommen sind. Ihr Staatsschiff, Herr Reichskanzler,

hängt jetzt auf der kolonialen Korallenklippe, die Sie sich erst auf

einer Konkursversteigerung mit vielen Millionen teuer genug gekauft

haben. Hinter mir und meinen Genossen stehen drei Millionen deutscher

Staatsbürger, die verlangen, daß dieser Zwischenfall isoliert bleibt,

und daß seine Erledigung dem Haager Schiedsgericht überantwortet wird.

Wir werden kein Mittel scheuen, selbst kein Mittel, welches Sie

mißbilligen werden, um zu verhindern, daß Ihre unsinnige Politik uns in

das furchtbare Unglück eines europäischen Krieges hineinführt. Es ist

Ihre Sache, Herr Reichskanzler, das wieder auszugleichen, was Sie

gesündigt, denn die Achiver, das sind wir, das steuerzahlende Volk, hat

keine Lust, das auszubaden, was die Könige gesündigt. Wir haben keine

Neigung, uns für das Phantom einer angeblichen nationalen Ehre auf dem

Schlachtfelde hinmorden zu lassen. Was drüben in Australien geschehen

ist, geht uns in der Heimat recht wenig an, sehen Sie zu, wie Sie mit

den fremden Kabinetten fertig werden, denn das ist Ihr Geschäft, mit den

fremden Völkern wollen wir, das arbeitende Volk, uns schon vertragen.

Zwischen uns und den Reden und Telegrammen eines Herrn, der die Welt in

stete Unruhe versetzt hat, besteht kein Zusammenhang. Wir mißbilligen

seine Politik .....«

Ein Sturm der Entrüstung durchtoste das Haus, die Abgeordneten der

rechten Seite und auch die Massen der Zentrumsabgeordneten, in denen der

Funke nationaler Begeisterung zu glimmen begann, scharten sich um die

Tribüne und manche derben Flüche und Verwünschungen schollen dem

kreischenden Redner entgegen, dessen weitere Worte in dem allgemeinen

Tumult untergingen. Auch auf den Tribünen machte sich laute Empörung

geltend, und in dem brausenden Lärm verschwand auch der Schall der

Präsidentenglocke, die Graf Ballestrem über dem wogenden Meer erhobener

Arme lautlos schwang.

Langsam verhallte der Lärm, Herr Bebel wollte von neuem zu reden

beginnen, aber der Präsident schnitt ihm den Faden ab mit den Worten:

»Ich entziehe hiermit dem Abgeordneten Bebel das Wort«. Der Antrag

Kardorff wurde mit 310 Stimmen angenommen, für ihres Genossen Antrag

stimmten 48 Unentwegte. Die Sitzung wurde vertagt und schnell verließen

die Abgeordneten das Reichstagsgebäude, das von einer nach Zehntausenden

zählenden Menschenmasse umlagert wurde. Man hielt die einzelnen Herren

auf der Straße an, um von ihnen zu erfahren, was Fürst Bülow gesagt.

Fremde Menschen schüttelten sich die Hände, sprachen auf einander ein

und die gemeinsame Not und Gefahr ließ alle Standesunterschiede

vergessen, man war Mensch zu Mensch. Man sprach laut und erregt, war

empört über das, was in Samoa geschehen, und suchte dadurch, daß man

immer wieder versicherte, für des Volkes Sicherheit keine Opfer scheuen

zu wollen, tapfer der drohenden Gefahr ins Auge zu sehen, die dumpfe

innere Angst zu übertäuben, die Angst vor einer ungekannten, furchtbaren

Gefahr, die jetzt vielleicht schon über des Weltmeeres Wogen gegen die

Heimatküste herankam. Man zog wieder durch die Linden, umjubelte des

Fürsten Bülow Wagen, stand stundenlang, aller Tagesarbeit vergessend,

vor den grauen Mauern des Kaiserschlosses und zog wieder in die

Wilhelmstraße, dort vor des ersten Kanzlers Heimstätte, geduldig

ausharrend und schon erhob eine neue Gefahr drohend ihr Haupt.

In den schwarzen Strom der Menschen, der in gleichmäßigen Wellen

zwischen den hohen Häuserreihen der Linden auf und nieder wogte, ergoß

sich plötzlich von rechts her aus einer Zeitungsdruckerei ein

schäumender Gießbach weißer Papierblätter, zerfloß in ihm, zerteilte

sich, weiße Schaumköpfe auf die schwarzen Wellen spritzend, in weißen

Strudeln das schwarze Wasser herumquirlend und wieder stockte der Strom.

Mauergleich stand er, Totenstille herrschte und gierigen Blickes

durchflog man die tanzenden Zeilen auf dem knitternden Papier und

»Extrablatt« -- »Extrablatt« gellte der Ruf der Verkäufer über der

stummen Menge.

In der französischen Deputiertenkammer hatte ein Abgeordneter der

nationalistischen Partei den Minister des Auswärtigen interpelliert über

den Zwischenfall von Samoa. Er hatte gefordert, daß die französische

Regierung sich gegenüber der neuen Konstellation in der Politik so

verhalten möchte wie es die Ehre Frankreichs, seine Bündnispflicht

gegenüber England und das Andenken an alte Schmach erfordere. Der

Minister des Auswärtigen hatte darauf eine Darstellung der Ereignisse

vor Apia gegeben, in der bekannten Form und hatte hinzugefügt, daß die

deutsche Regierung in London strenge Genugtuung gefordert habe, darauf

sei die Antwort ergangen: Man sei leider nicht in der Lage eine solche

zu gewähren, im Gegenteil müsse man fordern, daß Deutschland seinerseits

für den unmotivierten Angriff auf die englischen Schiffsmannschaften

eine Genugtuung leiste. Man war demnach in Paris schon sehr genau über

den Verlauf der diplomatischen Verhandlungen orientiert und wurde

anscheinend von London aus auf dem Laufenden gehalten. »Er habe, so fuhr

der Minister fort, unbedingt zuverlässige Nachricht durch Frankreichs

diplomatischen Vertreter erhalten, daß man in London fest entschlossen

sei, auf seinen Forderungen zu beharren. Wenn Deutschland durch das

Verhalten seines Gouverneurs auf Samoa den Krieg vom Zaune gebrochen

habe, so sei England entschlossen, den Handschuh aufzunehmen und, wie

mir versichert wird, lassen die Vorbereitungen der englischen Flotte

keinen Zweifel darüber zu, daß eine friedliche Beilegung des

Zwischenfalles wenig wahrscheinlich ist. Man ist jenseits des Kanales

der Ansicht, daß das Auftreten Deutschlands in internationalen Fragen

seit Jahren ein derartiges gewesen ist, daß kein Zweifel darüber

bestehen kann, daß Deutschland die Absicht hat, sich über die im

internationalen Verkehr traditionellen Formen hinwegzusehen und in

falscher Beurteilung seiner Machtmittel zur See es auf einen Bruch der

Beziehungen zu den Völkern angelsächsischer Rasse ankommen zu lassen. Er

stelle dem Hause anheim, ob dies der Moment sei, das provozierende

Auftreten des deutschen Reiches in die gebührenden Schranken

zurückzuweisen, auf daß man für alle Zukunft Ruhe vor diesem

Friedensstörer habe. Er stelle es dem Hause anheim, ob Frankreich in der

Lage sei, eine solche Beunruhigung der ganzen Welt durch Deutschland und

insbesondere der Staaten, mit denen man einesteils durch nationale

Traditionen verbunden sei und mit denen man andererseits einen Vertrag

geschlossen habe, der zwar Frankreich im Kriegsfalle keine

Verpflichtungen auferlege, es jedoch vor die Frage stelle, ob es die

Hoffnung auf die Wiedererlangung ihm geraubter Länder auf ewig begraben

solle«.

-- Es hieß weiter in der Depesche, in der französischen Kammer hätten

sämtliche Parteien (mit Einschluß der Sozialdemokraten) eine

Tagesordnung eingebracht, die der Regierung in ihren Entschlüssen

vollkommenes Vertrauen ausspreche. Diese Tagesordnung sei einstimmig

angenommen worden und die Kammersitzung habe geschlossen unter Rufen: à

Berlin, à Berlin! In Paris herrschte größte Begeisterung und eine

Stimmung, die keinen Zweifel darüber ließ, daß man mit dem Ausbruch

eines Krieges gegen Deutschland bereits in den nächsten Stunden rechne.

Eine weitere Meldung aus Genf ließ erkennen, daß in Brest, Cherbourg und

Toulon Maßregeln zur Mobilisierung der Flotte getroffen würden.

Eine Depesche aus Brüssel wollte bereits wissen, der Befehl zur

Mobilmachung der französischen Ostkorps sei schon am Vormittag ergangen.

Das war also das, worüber man so oft gesprochen hatte, was man so oft

sich als in ferner Zukunft liegend ausgemalt hatte, das war der Krieg.

Überall stockte der Pulsschlag auf einer Sekunde Dauer. Über die

Vergangenheit, über das friedliche Leben des Tages machte man in

Gedanken einen Strich, von heute und dieser Stunde an war man ein

anderer als gestern und ehegestern. Das ganze Leben der Kulturwelt

versank in einem Augenblick in Vergessenheit, das Leben der europäischen

Völker ward in einer Stunde zurückgeschraubt um Jahrzehnte, um

Jahrhunderte. Man stand wieder, die Flinte im Arm, als Volk in Waffen an

des Reiches Grenzen.

Und immer weiter schäumte der Gießbach, Wirbel und Strudel ziehend in

den dunklen Wogen der Menge. Dann flossen die Wasser wieder zusammen,

breit und majestätisch, und dahin brauste ein breiter Strom, aus allen

Seitenstraßen weiteren Zufluß an sich ziehend und wogte kaum sich

einengen lassend von den Häusermauern, zu einem See sich erweiternd vor

des alten Kaisers schlichtem Hause, dann wieder sich einpressend vor dem

Zeughaus, wo die erkämpften Waffen und Fahnen stumme Zeugen waren von

des preußischen Heeres Ruhm und Tapferkeit. Noch einmal eingeengt

zwischen den Geländern der Steinbrücke floß er dann breit hinaus auf den

weiten Platz vor dem Kaiserschloß. Und jetzt lohte sie auf die nationale

Begeisterung des Volkes, und während man bisher stumm, gedrückt von dem

plötzlich hereinbrechenden Unheil schweigend dahin gewandert war, jetzt

brach der Sturm los unwiderstehlich, alles mit sich fortreißend und

treibend, auch die behelmten Diener der öffentlichen Ordnung, die

vergebens versucht hatten, die erregten Volksmassen in Reihen längs der

Bürgersteige zu ordnen; alles durcheinander wirbelnd, so flutete der

Strom der Menschenmenge hin auf den Schloßplatz, dort sich stauend und

bis zu den Terrassen vor dem Schlosse emporschäumend und über sie

hinwegleckend.

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt · 第 2 / 21 段