mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr.
Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen
den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den
Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von
Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten
Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit
langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau,
mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm
war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des
hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem
Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl ums
Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten
Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen
spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch
die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für
uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten
uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende
Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich
meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die
Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund,
ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und
von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte
meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber
mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er
erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich
hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein
Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady
sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von
den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft
hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit
der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig
erledigt sei.
»Sie tut mir leid.«
»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er
mit einem lustigen und harten Lachen hinzu.
»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit
italienischem Akzent.
»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose.
»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen
fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem
Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber
niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.«
»~Bonne chance, mon ami~,« sagte der Franzose.
Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und
ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe
hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren
sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D.
sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir
den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter
L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte
des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst
fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich
durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der
Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor
mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und
ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten,
schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen
Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese
sagte etwas über die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich
hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu.
Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland;
ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte
so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im
~Hôtel de Bade~, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner
Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es
noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig
seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. -- Das darf nicht
sein! -- sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber
er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M.
verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein.
Mich überkam ein Schreck.
»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu
befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe
hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel
freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine.
Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und
eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an,
um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die
ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus:
Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe
an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen
Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über
dem Gelenk, seine offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er
mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer
näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und
versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir
finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn
zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte
ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und
erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich
zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich
danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick
war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau
gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile
Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne,
gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste
Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte
Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in
diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft
dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich
fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen
und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den
feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber
in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir
auftat, zu stürzen! ...
-- Ich bin so unglücklich, -- dachte ich --, möge sich noch mehr
Unglück über meinem Kopfe häufen. --
Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht.
-- Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! --
»~Je vous aime~,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die
meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind
wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr
verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L.
M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und
lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und
erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas.
Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick
gegen ihn empfand.
Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos,
die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich
verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus
Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In
jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung,
dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein
Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein
Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über
meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein
zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und
machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit
dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.
Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die Maschine sich in
Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft
mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und
fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes
Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir
in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs
Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer
ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die
Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen
Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. -- Warum hat er mich
aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen
Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? --
fragte ich mich. -- Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über
mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? -- Aber so schuldig
er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der
Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so
klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien
mir die bevorstehende Begegnung. -- Ich will ihm alles, alles sagen,
ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, -- dachte ich, --
und er wird mir verzeihen. -- Aber ich wußte selbst nicht, was dieses
»alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht,
daß er mir verzeihen würde.
Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch
erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts
zu gestehen und auch nichts abzubitten habe. Der Gram und die Reue
mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben.
»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu
dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien
er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.
»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin
für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach
Rußland.«
Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.
»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.
Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen
flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den
Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die
ich von mir selbst nicht erwartet hatte:
»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig
allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich
fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit
mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange
schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder
in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.«
»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,«
sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist
uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, -- das ist nur
eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber
trinke Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem
Kellner zu klingeln.
Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte
mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb,
als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich
gerichtet hielt, sah. -- Nein, er will und kann mich nicht verstehen!
-- Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn.
Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen ...
IV
Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder
lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr.
Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber.
Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns
sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich
krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas
erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und
freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem
Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran,
was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen
uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er
mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es
nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich
hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und
seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch
niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam
mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in
ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken.
Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu
gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit
als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten
mir: -- Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu
sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du
das eine sagen und etwas anderes tun wirst. -- Diese Furcht vor einer
offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich
an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen
eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz
gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit
mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre.
Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze
herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten,
an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit
meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher.
Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden.
Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer
aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten
nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje
mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem
ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam
vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten:
in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich
jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen,
kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln
hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte
dieses stillen Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen
Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte
meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber
diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu
hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende
Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich
in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war
aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern
mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank
steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt
vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte,
und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in
einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist
alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst
mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht
ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht
mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer
und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir
kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses
Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst,
der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln
miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum
sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe,
nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen
Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein tiefer, aufmerksamer
Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch
immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach
Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst.
Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen
Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens.
Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht
erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen
anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will?
Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz
aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir
wieder die alte Lust.
Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause;
Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau
zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie
zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate ~quasi
una fantasia~ auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu
hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten
Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich
mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in
den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war
aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle
gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah
ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und
die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich
stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen
und gab mich meinen Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz
der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die
Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts
mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. -- Habe ich denn mein Leben
schon hinter mir? -- fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu
vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe
Andante zu spielen. -- Mein Gott! -- dachte ich mir, -- verzeih mir,
wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele
so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll!
-- Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der
Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen,
die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten
in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war,
hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine
Schulter.
»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er.
Ich schwieg.
»Hast du noch keinen Tee getrunken?«
Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren
der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten.
»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht
laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen
zu Fuß,« sagte er.
»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in
der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den
Kindern und ging zu ihnen. Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen,
gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas
verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild,
er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch
fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise,
auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache
gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine
dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur
durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem
erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen.
Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete
auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein
Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums
war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft
in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen
schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem
süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen
unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen
langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten
unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich
zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig
ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr
Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man
hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in
diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch unter dem
Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in
die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll
verstummte.
Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte
etwas.
Er kam hinunter und setzte sich neben mich.
»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« sagte er.
»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.
Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen Luft, alles
wurde stiller, duftender und unbeweglicher; plötzlich fiel ein Tropfen
nieder und prallte von der Markise ab; ein anderer zerschellte auf dem
Schotter des Gartenweges; dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden,
und bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen nieder. Die
Nachtigallen und die Frösche waren ganz verstummt, das feine Rieseln
ließ sich noch immer vernehmen, obwohl es beim Rauschen des Regens aus
weiterer Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich wohl
im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt hielt, ließ in
regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen Töne erklingen. Mein Mann
stand auf und wollte fortgehen.
»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. »Es ist so schön
hier.«
»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen schicken,« antwortete er.
»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«
Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer der Terrasse
stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, glatten Balken und hielt
den Kopf hinaus. Der kühle Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die
Wolke über uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an
Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen bald nur noch die
einzelnen Tropfen, die aus der Luft und von den Blättern fielen. Wieder
schmetterten unten die Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen,
die einander von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen
begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller geworden.
»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend und mit der Hand
über mein nasses Haar streichend.
Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: ich war nahe
daran, zu weinen.
»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich bin jetzt so
zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin vollkommen glücklich!«
-- Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, -- dachte
ich mir. -- Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr
verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine
Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. --