mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so
unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist
alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine
Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit
zurück?«
Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile.
»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im Frühjahr,« sagte
er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir
etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! ...
Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter
mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,«
schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich
mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche.
»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.
»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl
erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein
Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend.
»Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt
werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue
mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und
glücklich ist.«
»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte,
wie es mir immer schwerer ums Herz wurde.
Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig
antworten wollte.
»Nein!« antwortete er kurz.
»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend
und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?«
»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür dankbar, aber ich
betrauere das Vergangene nicht.«
»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« fragte ich.
Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.
»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß mir Flügel
wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«
»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser machen? Du machst dir
oder mir gar keine Vorwürfe?«
»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«
»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit er sich nach mir
umblicke. »Hör einmal: warum hast du mir niemals gesagt, es sei dein
Wunsch, daß ich so lebe, wie du es möchtest? Warum gabst du mir die
Freiheit, mit der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört,
mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich anders geleitet
hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« sagte ich mit einer
Stimme, aus der immer stärker ein kalter Ärger und Vorwurf, aber nicht
die frühere Liebe herausklang.
»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt nach mir
umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. Alles ist gut. Sehr gut,«
fügte er mit einem Lächeln hinzu.
-- Versteht er denn nichts, oder will er, was noch schlimmer wäre,
nichts verstehen? -- fragte ich mich, und Tränen traten mir in die
Augen.
»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine Schuld vor
dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit deiner Verachtung
gestraft worden wäre,« entfuhr es mir plötzlich. »Dann wäre es nicht
geschehen, daß du mir plötzlich ohne jede Schuld von meiner Seite alles
genommen hättest, was mir teuer war.«
»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er meine Worte
nicht.
»Nein, laß mich ausreden ... Du hast mir dein Vertrauen, deine Liebe,
sogar deine Achtung genommen; denn ich kann nicht glauben, daß du
mich nach allem, was einst war, noch liebst. Nein, laß mich doch
einmal aussprechen, was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn
wieder. »Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, und
daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu suchen? ... Ist es
denn meine Schuld, daß du mich jetzt, wo ich schon selbst begriffen
habe, was not tut, wo ich mich schon seit einem Jahre abmühe, zu dir
zurückzukehren, von dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will,
und zwar so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich allein
schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich wieder in jenes Leben
zurückstoßen, das mir und dir zum Unglück werden könnte.«
»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem Entsetzen
und Erstaunen.
»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst du mir nicht
immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, daß wir für den Winter
wieder nach Petersburg gehen müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich
fort. »Statt mich zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache
mit mir, jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich ganz
gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich über meinen Fall
freuen.«
»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht gut, was du jetzt
sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen mich eingenommen bist, daß
du mich nicht ...«
»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach ich seinen Satz zu
Ende, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich setzte mich auf die
Bank und bedeckte mein Gesicht mit dem Taschentuch.
-- So hat er mich also verstanden! -- dachte ich und gab mir Mühe, das
Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu ersticken drohte. -- Es ist mit
unserer alten Liebe zu Ende, -- sagte eine Stimme in meinem Herzen.
Er ging nicht auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine
Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.
»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, »wenn es nur das
ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie ich dich früher liebte ...«
»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch hinein, das
die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.
»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes Alter hat seine
eigene Liebe ...« Er schwieg eine Weile. »Soll ich dir die ganze
Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit verlangst? Soll ich dir sagen,
wie ich in jenem Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose
Nacht an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese Liebe
in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in Petersburg und im
Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos verbrachte um diese Liebe,
die mich quälte, zerstörte und vernichtete? Ich zerstörte nicht sie,
sondern nur das, was mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch
liebe ich dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«
»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte ich. »Warum
erlaubtest du mir, in der großen Welt zu leben, wenn sie dir so
verderblich erschien, daß du mich um ihretwillen zu lieben aufgehört
hast?«
»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.
»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch gemacht,« fuhr ich
fort, »warum hast du mich nicht gebunden und getötet? Das wäre für mich
besser, als alles zu verlieren, was mein Glück ausmachte, es wäre mir
wohl, und ich müßte mich nicht so schämen.«
Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuch.
In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig und durchnäßt,
laut redend und lachend auf die Terrasse; als sie uns aber erblickten,
verstummten sie und gingen sofort weg.
Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich ausgeweint und
fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. Er saß, den Kopf in die Hand
gestützt, und wollte etwas auf meinen Blick antworten; aber er seufzte
nur schwer auf und stützte den Kopf wieder in die Hand.
Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich nachdenklich an.
»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. »Wir alle --
besonders aber ihr Frauen -- müssen die ganze Eitelkeit des Lebens
auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; die Erfahrung eines
anderen kann uns nichts nützen. Du hattest damals diese verlockende und
liebe, eitle Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht
ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß ich kein
Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl für mich diese Zeit
längst vorbei war.«
»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir genossen, warum
ließest du mich sie genießen, wenn du mich liebst?« fragte ich.
»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt haben würdest; du
mußtest alles selbst kennenlernen, und du hast es auch kennengelernt.«
»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte ich. »Du hast zu
wenig geliebt.«
Wir schwiegen wieder eine Weile.
»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« versetzte er,
indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse auf und ab und zu
gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war im Unrecht,« fügte er hinzu,
vor mir stehen bleibend, »entweder hätte ich mir gar nicht erlauben
dürfen, dich zu lieben, oder ich hätte dich einfacher lieben sollen.
Ja.«
»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.
»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals wieder.« Seine
Stimme wurde weicher, als er das sagte.
»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich ihm meine Hand
auf die Schulter legte.
Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.
»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene
nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere
Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die
Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber
es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie
selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind
nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber ...«
»Sprich nicht so ...« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden,
wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen
blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar
nicht tief in die meinigen.
Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um
was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie
mir schien greisenhaftes Lächeln.
»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist
nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte
er mit dem gleichen Lächeln hinzu.
Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz.
»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort,
»wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und
Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr
zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles
gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt
müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er,
auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre
erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf
niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein
alter Freund, der mich küßte.
Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische
der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille,
und immer mehr Sterne leuchteten am Himmel auf. Ich blickte ihn an,
und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen
kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht
hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit
so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es
nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen
wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so
glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange,
wie lange war es schon her!
»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen
in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja.
Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu,
drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen
berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den
gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es
etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben
plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen
auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem
Lächeln. -- Mein, mein, mein! -- dachte ich, indem ich mir das Kind
mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte
und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich
begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum
behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte
schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf.
»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das Kind mit dem Finger
unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder
zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an;
seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir
zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu
sehen.
An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; das alte Gefühl
wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen Erinnerung, und das neue
Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den
Grund zu einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen Leben,
das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen habe ...
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gewesen, der so bekannte Weltmärchen wie »Dornröschen«, »Blaubart«,
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Doré unterstützen sein Werk, das romanischen Esprits und unsterblicher
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Diese Reihe bringt eine Auswahl spannendster Romane von hohem
literarischem Wert in buchtechnisch vollendeter Ausstattung.
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Vorzugsausgabe auf federleichtem Druckpapier in Halbleder gebunden
M. 250.--
Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom Verlag auf Anforderung
bereitwilligst versandt
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel
wurde entfernt.
Ergänzung offensichtlich fehlender Wörter im Druck:
S. 59: bekam → bekam aber
bekam {aber} plötzlich Angst
S. 70: als ich → als ob ich
als {ob} ich wieder ein Junge