-- Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, -- sagte ich mir,

ihn anblickend, -- an den Morgenkaffee im hellen Wohnzimmer, an seine

Felder und Bauern, an die Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen

nächtlichen Mahlzeiten. Nein! -- sagte ich mir sehr entschieden, --

alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller Prinzen gebe ich

gerne für seine freudige Verlegenheit und seine stillen Liebkosungen

hin! -- Ich wollte ihm schon sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen

würde, als er sich plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte

und nachdenkliche Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein Blick

drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte Ruhe aus. Er

wollte nicht, daß ich ihn als einen gewöhnlichen Menschen sähe: er

mußte unbedingt als Halbgott auf einem Piedestal vor mir stehen.

»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig und ruhig an

mich wendend.

Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor mir verstellte

und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn liebte.

»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« fragte er.

»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine Lust. Auch ist ja

schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.

Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals so kalt mit mir

gesprochen.

»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen wieder auspacken

lassen,« sagte er. »Darum kannst du auch die Soiree mitmachen, wenn du

Lust hast. Geh bitte hin. Ich reise nicht ab.«

Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen Schritten auf

und ab und sah mich nicht an.

»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne mich ihm zu

nähern und ihn mit den Augen verfolgend. »Du sagst, daß du immer so

ruhig seist (er hatte das niemals gesagt), warum sprichst du dann so

merkwürdig mit mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du

aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu mir noch niemals

gesprochen hast, daß ich zu der Soiree gehe.«

»Nun, du bringst _ein Opfer_ (er betonte dieses Wort ganz besonders),

auch ich bringe ein Opfer; was kann man sich besseres wünschen? Es

ist ein Wettstreit der Großmut. Kann man sich denn ein schöneres

Familienglück denken?«

Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und höhnische Worte.

Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern verletzte mich, und seine

Erbitterung erschreckte mich nicht, sondern teilte sich auch mir mit.

Kamen diese Worte wirklich von ihm, der sonst in unserem Verhältnis

jede Phrase mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit hatte

ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein Vergnügen opfern

wollte, in dem ich nichts Schlimmes erblicken konnte, und daß ich ihn

erst vor einer Minute so gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten

die Rollen getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte,

während ich sie suchte.

»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was habe ich

gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend bei der Gräfin, es

ist etwas anderes, Altes, was du gegen mich im Herzen hast. Warum

diese Unaufrichtigkeit? Hast du sie denn bisher nicht selbst immer

gefürchtet? Sag mir ganz offen, was du gegen mich hast!« -- Was wird

er mir wohl sagen? -- dachte ich mir, von der angenehmen Gewißheit

erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters nichts zuschulden

kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.

Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz nahe an mir

vorübergehen mußte und sah ihn an. -- Er wird auf mich zugehen, mich

umarmen und damit wird alles enden, -- ging es mir durch den Kopf,

und es tat mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm zu

beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende des Zimmers

stehen und sah mich an.

»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.

»Nein.«

»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist mir zum

erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich empfinden muß ...« Er

blieb stehen, sichtlich vom rauhen Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.

»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung in den Augen.

»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und daß du ihm

darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, dich selbst und die

weibliche Würde vergißt und nicht begreifen willst, was dein Mann

an deiner Statt empfinden muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde

abgeht; im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, daß du

ein _Opfer_ bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes Glück, mich

seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses Glück zum _Opfer_.‹«

Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und seine Stimme

klang giftig, grausam und roh. Niemals hatte ich ihn so gesehen und

von ihm so etwas auch nie erwartet; das ganze Blut schoß mir ins

Herz, ich fürchtete mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer

unverdienten Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und ich fühlte

den Wunsch, mich an ihm zu rächen.

»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich nur, sprich.«

»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte

das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im

Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es

auch erlebt ... Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz

empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin

mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner

Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? -- auf

einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber

willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer

bringen, -- doch was? ... Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung

schämen! ... Ein Opfer!« wiederholte er.

-- Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, -- dachte ich mir: --

Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat.

Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht

fügen. --

»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte,

wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus

dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde

unbedingt hingehen.«

»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief

er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte.

»Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich ...«

begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit

sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu

Ende zu sprechen.

Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles

sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur

den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich

vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber

seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir

getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das

mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte

schon zu ihm zurückkehren. -- Hat er sich aber auch genügend beruhigt,

um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn

anblicke? -- fragte ich mich. -- Wird er meine Großmut begreifen? Wie,

wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit

dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir

verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam

beleidigt? --

Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß

und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen

war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute

Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der

Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch

erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen

Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund

zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich

kam nicht dazu, ihm zu antworten.

»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei

der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich.

Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich

an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft

und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt.

»Ja,« antwortete ich.

Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und

reichte mir die Hand.

»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.

Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem

Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er

zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit

von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. -- Glaubt er denn

wirklich, daß er im Rechte sei? -- dachte ich mir, und die schon

fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben

mir auf den Lippen.

»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,«

sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.«

»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.

»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.

»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die

Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts,

als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und

unangenehm vor.

Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich

wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses

Verhältnis war ganz anders als das frühere.

Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging,

so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand,

suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß

er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich

wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham,

daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über

das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen

und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete.

Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich

hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich

fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen

pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen

Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des

Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von

mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.

Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ

den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich

mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders

von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle

bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei

allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott

weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas

vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach

Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich

konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns

anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte

mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches

Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch

von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte,

daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es

war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen.

Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses

Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte,

daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war.

III

Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis

eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren,

nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und

in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als

unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen

Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten

uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns

trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß

er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln

müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war

überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben

auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen

Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über

diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten

schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf

Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und

übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und

wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt,

von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste,

war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen

können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für

meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen

machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht

wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne

ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte

ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was

er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder

Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie

ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir

als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude

lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, -- dieses Verhältnis war

unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns

dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen

und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es

bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für

den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken

gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen

zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle

plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen,

seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher

so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich

früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten

und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf

Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein

zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht

brauchte.

Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte

mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah

so aus, als ob wir einander noch liebten.

Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner

Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre

ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war,

nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch,

mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt,

daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder

jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich

erwartete, so glaubte ich, _er_ habe sich geirrt. Ich erwartete von

ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir

schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als

hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er

verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in

seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte;

wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich

schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte,

über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen,

gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir

vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh,

und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir

jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen

und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber

ich hatte keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben,

und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel

empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung

standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem

Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte

sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich

in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die

Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst

und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen

Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir,

selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch

langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und

nicht anders sein.

So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere

Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt

und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser

drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben,

doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern.

Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana

Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig

ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich

schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei

Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing

dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer

Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der

Geburt unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige

Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit

auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer

kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf,

fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir

ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine

Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter

sei als die anderen Frauen. -- Was soll ich machen? -- dachte ich mir:

-- Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm

sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in

der Welt. -- Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es

war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen;

obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich

doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien.

Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt

verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten

Jahre reisten wir ins Ausland.

Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.

Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere

Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande;

vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle,

die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war

gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich

wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche

Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr

lustig zumute. Aber ich war doch nicht so lustig, wie ich es in

Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich

sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück

wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben

müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals

war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich

wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete

nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen

war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht

einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, --

nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den

Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder

Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen

mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter

gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten,

die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D.,

hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr

als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine

Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen,

auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich

schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres

Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick

seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich

umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen,

in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit

meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser. Die Ähnlichkeit

frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im

langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen

Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte

damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem

Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den

Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er

wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf

die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden

Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit

zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch

diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte

ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen

Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der

Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als

ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr

ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit

bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis,

man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis

hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich

herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war

tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm,

und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was

mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen

Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb fast

niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir

auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte

meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren.

In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte

es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei,

hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur

manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner

russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war

während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg

gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit

mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu.

Roman einer Ehe · 第 6 / 8 段