Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam
zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in
mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten
zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne
mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene
Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung
reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über
seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in
ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen
irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben,
nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen
zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig
dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und
Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft,
die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen
Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen
suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die
ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte
mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht
zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu
stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses
Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der
Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn
und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle
Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte,
ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar
meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes
Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen
Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in
die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir
nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das
mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler
von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in
der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner
Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir
unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend
und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit
ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern
auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander;
aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen,
die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes
Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie
die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form
erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem
gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens
waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich.
-- Gut! ... -- sagte ich mir, -- es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich
zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt
auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. -- Mir tat
etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl
unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit
ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: -- Ein Schritt, und
ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! -- Er aber
sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen
Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das
Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.
Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde
nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich;
er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm
selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe.
Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede
wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren
Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter
Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht
so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene;
er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien
aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte,
welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte
mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu
Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken
war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr
irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er
aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem
Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung,
daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen;
alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna
sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in
sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte
nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit,
so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu
antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. -- Was
fällt ihm bloß ein? -- dachte ich mir. -- Es ist irgendein Unsinn, der
ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu
sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß
sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich
mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber
behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn
mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber
nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über
mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede
Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen
zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in
die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn
er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach
leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht
einfach. Das ist es! --
Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt
war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett
und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen,
gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser
Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem
Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte
hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.
»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.
Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: -- Brauchst
nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? -- Er schüttelte
den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich
auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.
»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht
gesagt?«
»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann
es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt ...«
Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.
»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach
fragte?«
»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.«
»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«
»Warum?«
»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«
»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube,
daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen Dingen, in allen Dingen
hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir
plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir.
Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich ...«
»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,«
sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er
mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja
im Überfluß,« fügte ich hinzu.
»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig,
mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was
würdest du in diesem Falle sagen?«
»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm
zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will
nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so
wie du.«
Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft
wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus.
»Ich will genau so wie du leben, mit dir ...«
Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so
traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile.
»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte
er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und
den betrunkenen Bauern herumschlage ...«
»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.
»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,« fuhr er fort, »ich
weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das
Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen,
als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der
Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«
»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.
Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig
war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand.
»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob
ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was
hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und
sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast
wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.«
Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er
mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm
dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und
voraussah, -- regte mich noch mehr auf.
»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und
will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß,
und hast wieder Recht!«
Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck
erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und
Schmerz aus.
»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz,
was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte
dich, mir nichts zu antworten und mich anzuhören. Warum willst du mich
so quälen?«
Aber ich unterbrach ihn.
»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,«
sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein
böser Geist in mir.
»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme.
Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er
saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte
mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte,
er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt
ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um
Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand
und sagte:
»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«
»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.«
»Wieso denn?« fragte ich.
»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben
wir nichts mehr zu tun.«
»Wie du willst,« sagte ich.
Er umarmte und küßte mich.
»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«
An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und
ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern;
ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann
immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen auch
irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine
Stimmung erkennen.
»Was flüsterst du heute?« fragte ich.
Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei
Zeilen Lermontows:
»... Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,
Als wäre in den Stürmen Ruh!«
-- Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! -- dachte ich mir.
-- Wie sollte ich ihn nicht lieben! --
Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu
gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten.
»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.
»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige
Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer
größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit
dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum
Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer
ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in
Lachen aus.
Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in
Petersburg.
II
Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen
mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung,
die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter -- all das
zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich,
neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner
Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas
Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen
kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die
Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die
ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und
Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an
mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu
haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in
den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele
Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war
mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile
über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen.
Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und
vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft
erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser
sei es, und alle Menschen seien doch so gut.
»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der
Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort
sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur
Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir
Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.«
»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und
unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik
hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.«
Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren.
Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von
so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch
genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen
Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. --
Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen;
das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?!
-- dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich
auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber
gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden,
und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe
als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet
sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte
jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß
aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren
Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach
einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei
uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen
Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: --
»Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und
ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb
er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben
sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte;
infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene
zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr,
»und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese
nette, graziöse Sicherheit, diese ›~affabilité~‹, diese Fähigkeit, in
der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit!
Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von
ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern;
wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.«
-- Ach so, also so eine bin ich! -- dachte ich mir. Es wurde mir so
wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich
ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich
völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel
besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt
hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche
Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen,
um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen
Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D.,
eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich
in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir
schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen
Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich
mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen
möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.
»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« sagte er mit einem
gutmütigen Lächeln.
»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen Gesellschaften
besuchen würden, auch magst du so was nicht,« antwortete ich lächelnd
und ihn flehend anblickend.
»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.
»Nein, wirklich, lieber nicht.«
»Hast du große Lust?« fragte er wieder.
Ich gab keine Antwort.
»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, »aber die
unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, sind schlimm und häßlich.
Wir müssen aber unbedingt hin und werden es auch tun,« schloß er sehr
bestimmt.
»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete ich, »so wünsche ich
in der ganzen Welt nichts so sehr, wie diesen Ball zu besuchen.«
Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball verschaffte,
übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem Balle hatte ich noch mehr
als früher den Eindruck, ich sei der Mittelpunkt, um den sich alles
bewegte, als sei dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als
spiele die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese Menschen
versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, vom Friseur und der Zofe
bis zu den Greisen, die durch den Saal gingen, schienen mir zu sagen
und gaben mir zu fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil,
das sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich von der
Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen anderen Damen gar nicht
ähnlich sehe, daß an mir etwas Besonderes, Ländlich-Einfaches und
Reizendes sei. Dieser Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem
Mann ganz offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei
oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt zu bekommen,«
fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.
Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der ersten Zeit mit
sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute sich über meine Erfolge und
schien das, was er früher gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es
zu verleugnen.
Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das
wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht
viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten,
fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung
nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden
geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus,
der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal
atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so
spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht
nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen
und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß
ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen
Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl
des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem
Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte
er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst
verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. -- Wart'
einmal! -- sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine
unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, --
wart' einmal! -- sagte ich mir, -- wenn wir wieder zu Hause sind, so
wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte
und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. --
Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum
so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige,
was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich,
sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu
vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute
mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen
Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese
Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber
die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir
dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den
Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen
sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit
und sogar Nachlässigkeit.
»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten
hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit
dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger
Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen
hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders
schweigsam und langweilig.
»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach
er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz
verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch
ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander
trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.«
Ich schämte mich und schwieg.
»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er.
»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,«
entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran.
»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land
zurückzukehren.«
Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst
schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war
aber so lustig und fröhlich zumute. -- Wenn er sich sogar manchmal
langweilt, -- tröstete ich mich, -- so habe ich mich doch seinetwegen
genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch
etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im
Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von
Nikolskoje sind. --
So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar,
entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In
der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles
eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere
Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und
fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns
zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine
Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle
mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in
Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch
geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree
kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland.
Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz
unerhört, wenn ich nicht käme.
Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers und sprach mit jemand.
»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.
»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich unentschlossen und
blickte meinen Mann an. Unsere Augen begegneten sich, und er wandte
sich schnell weg.
»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, »und am
Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die Köpfe zu verdrehen. Ja?«
»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen, und wir haben
auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe daran, nachzugeben.
»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum Prinzen, um ihm ihre
Aufwartung zu machen,« sagte mein Mann vom anderen Ende des Zimmers in
einem so gereizten Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.
»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« rief
die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht des Prinzen wegen, Ssergej
Michailytsch, sondern weil wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat
mich doch die Gräfin R. darum gebeten!«
»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl und verließ das
Zimmer.
Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, und ich
versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, ging ich sofort zu
meinem Mann. Er ging nachdenklich auf und ab und sah und hörte nicht,
wie ich auf den Zehen zu ihm ins Zimmer trat.